Wir nehmen das mit: Ein Samstag bei der Corona-Enquete in Ingolstadt
Teil 1 – Fortsetzung folgt, wenn der Abschlussbericht vorliegt
Es gibt Einladungen, die bekommt man nicht alle Tage. Eine davon lag vor einiger Zeit in meinem Postfach: Der Deutsche Bundestag, genauer seine Enquete-Kommission „Aufarbeitung der Corona-Pandemie und Lehren für zukünftige pandemische Ereignisse“, lud mich zum Regionalen Dialogforum für die Region Süd nach Ingolstadt ein. Ausgewählt nicht, weil ich irgendwem aufgefallen wäre, sondern per Zufallsverfahren. Ein Los aus dem großen Topf, gewichtet nach Alter, Geschlecht, Bildung und Beruf. Heute, am 31. Oktober 2026, war es so weit.
Ich bin hingefahren. Mit Neugier, mit einer gewissen Skepsis und, das gebe ich zu, mit ein bisschen Vorfreude. Zurückgefahren bin ich mit einem Urteil, das ich am ehesten mit „semi-gut“ zusammenfassen würde. Warum, dazu gleich.
Was das überhaupt ist
Kurz zur Einordnung, für alle, die das Thema bislang nur am Rande verfolgt haben. Der Bundestag hat die Enquete-Kommission im Juli 2025 eingesetzt, im September 2025 hat sie ihre Arbeit aufgenommen. Sie besteht aus Abgeordneten und Sachverständigen und soll bis Ende Juni 2027 einen Abschlussbericht mit Erkenntnissen und Handlungsempfehlungen vorlegen. Den Vorsitz hat inzwischen der Erfurter CDU-Abgeordnete Michael Hose, nachdem seine Vorgängerin Franziska Hoppermann zur CDU-Generalsekretärin aufgestiegen ist.
Teil dieser Arbeit sind vier regionale Dialogforen: Wolfsburg am 10. Oktober, Halle an der Saale am 24. Oktober, Ingolstadt am 31. Oktober und Düsseldorf am 21. November. Insgesamt sollen rund 600 Bürgerinnen und Bürger zu Wort kommen, etwa 150 pro Forum. Gearbeitet wird in fünf Themenfeldern: Soziales Leben, Gesundheit und Pflege, Wirtschaft und Arbeit, Bildung sowie Politik, Orientierung und Kommunikation. Ich saß in den Gruppen zu Gesundheit und Pflege sowie zu Wirtschaft und Arbeit.
Am Ende stehen Bürgerempfehlungen, über die alle Teilnehmenden abstimmen. Im Januar 2027 sollen ausgeloste Delegierte aus jedem Forum diese Empfehlungen im Bundestag an die Kommission übergeben. Von dort, so heißt es, fließen sie in den Abschlussbericht ein.
Die Presse vor der Tür, die ich nie gesehen habe
Vorab gab es eine freundliche Mail der Projektleitung. Der Bundestag werde eine Pressemitteilung herausgeben, das Thema sei für viele Medien von hohem Interesse, es könnten also Journalisten vor dem Gebäude stehen. In den Räumen selbst habe die Presse keinen Zutritt, die Beratung solle geschützt bleiben. Vor der Tür dürfe man reden oder ablehnen, ganz ohne Begründung, und wem das unangenehm sei, dem helfe das Moderationsteam.
Ob tatsächlich jemand mit Mikrofon vor dem Congress Centrum stand, kann ich nicht sagen. Ich habe in der Tiefgarage geparkt und bin mit dem Aufzug direkt ins Haus gefahren. Wer wissen will, wie man der vierten Gewalt elegant ausweicht, dem empfehle ich ein Parkhaus mit Direktzugang. Für die Presse war das bedauerlich, für mich bequem. Zumindest bis zum Abend.
Wie elegant dieses Ausweichmanöver tatsächlich war, zeigte sich nämlich auf dem Rückweg. Das Konzept dieser Tiefgarage hatte sich mir morgens offenbar nicht vollständig erschlossen. Ich habe danach eine gute halbe Stunde lang mein Auto gesucht, Parkdeck für Parkdeck, und das nicht gerade leise. Eine Freundin, der ich das kurz darauf am Telefon erzählte, lag nach eigener Aussage lachend am Boden. Ich verbuche das als meinen persönlichen Beitrag zum Themenfeld Orientierung und Kommunikation. Eine Bürgerempfehlung hätte ich auch schon: Beschilderung, die man versteht. Und für das nächste Mal einen Vorsatz für mich selbst: beim Aussteigen das Schild mit Ebene und Reihe fotografieren.
Sechs Jahre
Bevor ich zum eigentlichen Ärgernis komme, ein Satz zum Zeitpunkt. Der erste Lockdown liegt im März 2020. Die Kommission wurde mehr als fünf Jahre später eingesetzt, und die Bürger werden jetzt, gut sechseinhalb Jahre nach Beginn der Pandemie, nach ihren Erfahrungen gefragt. In der vorherigen Legislatur ist eine solche Aufarbeitung gar nicht erst zustande gekommen.
Man muss kein Zyniker sein, um festzustellen: Wer sich derart Zeit lässt, setzt sich dem Verdacht aus, dass es weniger um Aufarbeitung als um Pflichterfüllung geht. Vieles von dem, was ich heute erlebt habe, wirkte auf mich in großen Teilen pseudomäßig. Das sage ich ohne Groll gegen die Moderation, die ihre Arbeit ordentlich gemacht hat. Es geht um die Haltung dahinter.
Der Schlusssatz
Und damit zum Kern. Den ganzen Tag über wird man mit spürbarer Vorfreude ermuntert, sich einzubringen. Man solle seine Erfahrungen teilen, Empfehlungen formulieren, seinen Teil beitragen. Das haben wir gemacht. An Tischen, in Gruppen, mit Moderationskarten und allem, was zu so einem Format gehört.
Ganz am Schluss stellte sich dann der Vorsitzende der Kommission vor. Sinngemäß sagte er: Man werde das jetzt mitnehmen, und ob dabei etwas herauskomme, nun ja, das sei schließlich Demokratie.
Inhaltlich ist das nicht einmal falsch. Eine Enquete-Kommission macht keine Gesetze. Sie schreibt einen Bericht, und was das Parlament daraus macht, ist offen. Das ist so gewollt und hat seine Berechtigung.
Aber es gibt einen Unterschied zwischen dem, was man sagt, und dem Moment, in dem man es sagt. Am Anfang des Tages wäre das eine ehrliche Erwartungssteuerung gewesen. Am Ende, nachdem 150 Menschen ihren Samstag geopfert und sich mit Herzblut eingebracht haben, kam es bei mir anders an. Nämlich so: Schön, was ihr uns da erzählt habt, aber wir pfeifen auf euch.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass das nicht so gemeint war. Aber man kann Menschen auch dadurch demotivieren, dass man ihnen zum Abschied versichert, ihr Beitrag sei im Prinzip willkommen. Radio Eriwan hätte es nicht schöner formulieren können: Wird aus unseren Empfehlungen etwas? Im Prinzip ja. Es ist schließlich Demokratie.
Ein Blick zurück, aus meiner Ecke
Wer wie ich seit Jahren im Glasfaserausbau arbeitet, hat mit Enquete-Kommissionen so seine Erfahrungen. Von 2010 bis 2013 tagte die Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“. Es gab Anhörungen, Projektgruppen, Bürgerbeteiligung über eine eigene Online-Plattform und am Ende einen dicken Bericht. Was davon im Breitbandausbau tatsächlich angekommen ist, kann jeder selbst an seiner Anschlussdose nachmessen.
Das ist kein Beweis dafür, dass es diesmal genauso läuft. Aber es erklärt, warum ich meine Erwartungen von Anfang an eher niedrig gehängt habe. Der Schlusssatz in Ingolstadt hat sie nicht gerade angehoben.
Was am Rand bleibt
Das Beste an solchen Tagen sind ohnehin oft die Gespräche, die nicht im Programm stehen. In der Pause kam ich mit meinem Tischnachbarn ins Plaudern, und nach ein paar Minuten hatte ich das Gefühl, jemandem zuzuhören, der mir aus meinem eigenen Arbeitsleben ziemlich bekannt vorkam. Einer, der seinen Vorgesetzten auch mal sagt, dass etwas so nicht funktioniert, statt nur zu nicken. Und der dafür auf der Karriereleiter eben dort stehen bleibt, wo er steht.
Mehr will ich dazu nicht schreiben, das Gespräch war unter vier Augen. Aber es hat mir gezeigt, dass in diesem Saal nicht nur Menschen saßen, die brav ihre Moderationskarten ausfüllen. Sondern auch solche, die ihre Meinung sagen, wenn es darauf ankommt, und die das Gefühl haben, man müsse sich gegen manches, was in der Politik passiert, irgendwie wehren. Genau diese Stimmen bräuchte eine ehrliche Aufarbeitung. Ob sie dort ankommen, ist die eigentliche Frage.
Wie es weitergeht
Ich werde mir das anschauen. Im Januar 2027 werden die Empfehlungen aller vier Foren im Bundestag übergeben, Ende Juni 2027 soll der Abschlussbericht vorliegen. Dann lege ich ihn neben das, was wir in Ingolstadt erarbeitet haben, und schaue nach, was davon übrig geblieben ist. Nicht als Pflichtübung, sondern als Prüfstein. Denn ob dieser Samstag eine Alibiveranstaltung war, entscheidet sich nicht heute, sondern dort.
Bis dahin bleibe ich bei meinem Urteil: Schön, dass ich da war. Wirklich. Nur glauben, dass es etwas bewirkt, das muss mir der Bericht erst noch beweisen.
Fortsetzung folgt.



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