Bayern hat Öl. Hatte es. Fast.Die Geschichte eines Rohstoffs, der nie groß genug war — und trotzdem Spuren hinterließ


Das schwarze Zeug vom Tegernsee
Wer Bayern mit Erdöl in Verbindung bringt, erntet in der Regel ungläubige Blicke. Zu Recht, denn die Geschichte des bayerischen Erdöls ist im Kern die Geschichte eines Rohstoffvorkommens, das nie groß genug war, um ernsthaft relevant zu werden — und trotzdem erhebliche wirtschaftliche und infrastrukturelle Folgen hatte.
Bekannt war das schwarze Zeug schon lange. Am Tegernsee trat Erdöl bereits im 15. Jahrhundert an einer Quelle zutage. Die Mönche von St. Quirin fassten sie 1430 und nutzten das Öl als Heilmittel. Medizinisch zweifelhaft, historisch interessant. Bis zur industriellen Nutzung dauerte es dann noch ein paar Jahrhunderte.
Ende des 19. Jahrhunderts begannen am Tegernsee die ersten gezielten Bohrungen. 1904 stieß eine niederländische Gesellschaft in rund 500 Metern Tiefe auf ein Vorkommen, gründete die „Erste bayerische Petroleum GmbH“ und bohrte zehn Löcher in den Untergrund. Das Ergebnis war ernüchternd: zu viel Wasser im Öl, zu wenig Ertrag. 1912 war die Sache erledigt.
333.000 Tonnen im besten Jahr — und das war schon alles

Der eigentliche Höhepunkt der Förderaktivitäten kam später — in den 1960er bis Mitte der 1990er Jahre. Unternehmen wie Wintershall, Exxon, DEA und Gaz de France sicherten sich Bohrrechte und pumpten durch das bayerische Alpenvorland. Das Ergebnis war bestenfalls bescheiden. 1967 war das beste Jahr: 333.000 Tonnen Rohöl. Zum Vergleich: Der jährliche Bedarf Bayerns liegt bei etwa 15,4 Millionen Tonnen. Selbst im besten Jahr konnte die eigene Förderung also nur einen Bruchteil des Bedarfs decken.

2016 förderten die verbliebenen Anlagen noch 37.000 Tonnen — gut zwei Promille des bayerischen Bedarfs. Drei Fördertätten waren 2018 noch aktiv: Aitingen, Schwabmünchen und Hebertshausen. Das in Aitingen gewonnene Rohöl wird per Kesselwagen zur Raffinerie Lingen in Niedersachsen transportiert. Bayern selbst bekommt es nicht.

Ein Wirtschaftsminister und ein Italiener lösen das Problem
Interessanter als die kümmerliche Förderung ist die Geschichte der Raffinerien, die Bayern trotzdem bekam. Und die verdankt sich einem Politiker: Otto Schedl, bayerischer Wirtschaftsminister von 1957 bis 1970 (CSU), erkannte das strukturelle Problem. Energie war in Bayern teuer, weil alles weit weg produziert wurde. Mineralprodukte kamen mit Kesselwagen aus Norddeutschland. Kohle rollte aus dem Ruhrgebiet. Die traditionellen Kohlelieferanten in Schlesien lagen hinter dem Eisernen Vorhang.
Schedls Lösung: Raffinerien direkt nach Bayern holen, versorgt über Pipelines aus dem Mittelmeerraum. Die großen Konzerne interessierte das zunächst nicht. Erst Enrico Mattei, Chef des italienischen Staatskonzerns ENI, biss an. Er versprach eine Raffinerie in Ingolstadt und eine Pipeline von Genua durch die Schweiz. Der Deal zog andere nach: ESSO, Shell, Gelsenberg/Mobil, BP, Marathonoil — innerhalb weniger Jahre entstand im Donaubereich bei Ingolstadt eine bemerkenswerte Konzentration von Raffineriekapazität.

Die Pipeline von Genua (CEL) verzögerte sich allerdings um drei Jahre, weil Schweizer Kantone und die Bevölkerung von Lindau die Verlegung durch den Bodensee ablehnten — zu Recht, da der See als Trinkwasserreservoir dient. Ein frühes Beispiel dafür, dass Infrastrukturprojekte eben nicht unwidersprochen durchgepeitscht werden konnten, auch wenn der politische Wille da war.

Stadttheater und Hallenbad auf Öl-Rechnung

Die wirtschaftliche Bedeutung der Raffinerien für die Region war erheblich. Gewerbesteuereinnahmen, Arbeitsplätze, Zuzug von Facharbeitern aus dem Ruhrgebiet und vom Niederrhein — Städte wie Neustadt an der Donau und Vohburg erlebten einen Schub, den sie ohne die Ölindustrie nie gehabt hätten. Das Stadttheater Ingolstadt und Schulen mit Hallenbad sind buchstäblich Raffinerieprodukte.
1973 und die langen Folgen
Die erste Ölkrise 1973 beendete die Wachstumsphase. Shell schloss 1982 seinen Ingolstädter Betrieb. BP erwög die Schließung in Vohburg. Was folgte, war ein jahrzehntelanger Konzentrationsprozess: ERIAG und BP fusionierten, daraus wurde die Bayernoil, schließlich wurden die Standorte Vohburg und Neustadt zu einem arbeitsteiligen Verbund zusammengeführt. Die elf verbindenden Pipelines zwischen den Standorten brachten einen Mitarbeiter auf den Satz „die längste Raffinerie der Welt“ — elf Kilometer Produktionsstrecke, verteilt auf drei Standorte an der Donau.
Das ISAR-Projekt von 2004 bis 2008 kostete 600 Millionen Euro und schloss den Ingolstädter Standort endgültig. Was blieb, sind Vohburg und Neustadt — modernisiert, auf schwefelfreien Diesel und Kerosin ausgerichtet.
Triest statt Ruhrgebiet — Geopolitik als Infrastruktur

Die Rohölversorgung erfolgt heute ausschließlich über die TAL (Transalpine Pipeline) aus Triest mit einem Abzweig nach Burghausen. Die RDO, ursprünglich von Karlsruhe nach Ingolstadt gebaut, läuft heute in umgekehrter Richtung: Rohöl aus Bayern Richtung Karlsruhe. Die CEL wurde teilweise zur Gasleitung umgebaut.

Was sich dabei liest wie eine nüchterne Industriegeschichte, ist eigentlich eine Lehrstunde in angewandter Geopolitik. Bayern lag im Kalten Krieg am Rand des westlichen Wirtschaftsraums, von seinen traditionellen Energiequellen abgeschnitten. Die Lösung war eine Erschließung über den Süden — Triest, Genua, die Alpen. Das funktionierte, solange die Weltmarktpreise und die politischen Verhältnisse es zuließen.
Erdgas: der stille Nachfolger
Die Erdgasversorgung kam später. Ab etwa 1970 begann die Umstellung von Schwelgas auf importiertes Erdgas. Zwei Fernleitungsnetze versorgen heute Bayern: Bayernets im Süden (rund 1.400 km Leitungsnetz) und die Ferngas Netzgesellschaft im Norden (2.140 km). Erschöpfte Erdgaslagerstätten werden teilweise als Speicher genutzt — die unterirdische Infrastruktur bekommt so eine zweite Verwendung.

Was bleibt — und was davon gerade mutwillig abgebaut wird

Wer also das nächste Mal über bayerische Energiepolitik nachdenkt und die übliche Windrad-Solaranlage-Debatte vor sich hat, sollte sich kurz erinnern: Bayern war einmal ein Ölland. Eines mit bescheidenen Vorkommen, aber mit dem politischen Willen, sich eine Raffinerieinfrastruktur zu sichern, die über Jahrzehnte die Grundlage für den Industriestandort Ingolstadt und das Chemiedreieck legte. Das war keine Selbstverständlichkeit. Und es war auch kein Zufall — sondern das Ergebnis eines Wirtschaftsministers, der in den späten 1950er Jahren die richtigen Schlüsse aus der Geografie zog.

Schedl dachte in Infrastruktur. Er dachte in Versorgungssicherheit. Er dachte in Jahrzehnten.
Genau das fehlt der aktuellen Energiepolitik.
Was heute unter dem Begriff Energiewende läuft, ist in weiten Teilen kein durchdachter Umbau eines Versorgungssystems, sondern eine ideologisch getriebene Abwicklung von dem, was funktioniert hat — ohne dass das Nachfolgesystem in vergleichbarer Zuverlässigkeit bereitsteht. Die Kernkraftwerke sind abgeschaltet. Nicht weil sie technisch am Ende waren. Nicht weil die Versorgungslage es erlaubte. Sondern weil ein politisches Milieu, das mit Physik und Ingenieursrealität auf Kriegsfuß steht, den Abschalttermin zum Fetisch erklärt hatte — und ihn selbst inmitten einer handfesten Energiekrise 2022/23 nur unter größtem Widerstand um wenige Monate verschob.

Zwei Beispiele aus Bayern, die für sich sprechen.

Grafenrheinfeld. Das Kernkraftwerk im Landkreis Schweinfurt ging 1981 ans Netz, lieferte über drei Jahrzehnte zuverlässig Strom und wurde im Juni 2015 abgeschaltet — planmäßig im Rahmen des Atomausstiegs, der nach Fukushima in einer Mischung aus Panik und Wahlkampfkalkül beschleunigt worden war. Die Anlage war technisch einwandfrei. Der Kühlturm wurde im August 2024 gesprengt — medienwirksam, mit Liveübertragung, als wäre die Beseitigung funktionierender Infrastruktur ein Grund zum Feiern. Was Grafenrheinfeld dem Netz geliefert hatte — rund 30 Milliarden Kilowattstunden allein in den letzten zehn Betriebsjahren — fehlt seitdem. Es wird ersetzt durch Importe, durch Gaskraftwerke und durch die Hoffnung, dass der Wind weht.
Isar 2. Das Kernkraftwerk bei Landshut war zum Zeitpunkt seiner Abschaltung im April 2023 eines der modernsten und sichersten seiner Art in Europa. Es lief. Es produzierte. Mitten in einer Energiekrise, ausgelöst durch den russischen Angriff auf die Ukraine und den damit verbundenen Wegfall russischer Gaslieferungen, hielt die Bundesregierung am Abschalttermin fest — zunächst eisern, dann nach monatelangem politischen Gezerre um einen Streckbetrieb bis April 2023 verlängert, der diesen Namen kaum verdiente. Isar 2 hätte weiterlaufen können. Die Brennstäbe waren verfügbar. Der Betreiber war bereit. Was fehlte, war politischer Wille — beziehungsweise vorhanden war das Gegenteil davon: der ideologische Entschluss, lieber teuren Strom aus dem Ausland zu kaufen als die eigene funktionsfähige Anlage weiterzubetreiben.
Die Infrastruktur, die Schedl in den 1960er Jahren mühsam zusammenverhandelt hatte — Pipelines, Raffinerien, Speicherkapazitäten — entstand, weil man verstanden hatte: Energie ist keine Frage der Gesinnung, sondern der Physik und der Logistik. Eine Gesellschaft, die ihren Strom nicht selbst erzeugen kann, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, ist keine souveräne Gesellschaft. Sie ist abhängig — von Nachbarländern, von Spotmarktpreisen, von Wetterbedingungen.
Die Kosten dieser Politik sind nicht abstrakt. Sie schlagen sich in Industriestrompreisen nieder, die Unternehmen ins Ausland treiben. Sie schlagen sich in Netzentgelten nieder, die einkommensschwache Haushalte überproportional treffen. Und sie schlagen sich in einer Versorgungsstruktur nieder, die immer aufwendiger, immer teurer und immer fragiler wird — während man gleichzeitig so tut, als sei das der Fortschritt.

Bayerns Energiegeschichte lehrt etwas anderes: Versorgungssicherheit ist Handwerk. Sie erfordert Pipelines, die gebaut werden müssen. Speicher, die gefüllt sein müssen. Kapazitäten, die vorhanden sein müssen, bevor man die alten abschaltet. Wer dieses Handwerk durch Bekenntnispolitik ersetzt, bekommt keine saubere Energie. Er bekommt eine teure, unstete — und im Zweifel importierte.

Enrico Mattei hätte über die aktuelle Berliner Energiepolitik vermutlich nur den Kopf geschüttelt. Otto Schedl auch.
Den Kühlturm von Grafenrheinfeld haben sie gesprengt. Mit Liveübertragung. Falls jemand noch ein besseres Symbol für den Zustand dieser Republik braucht — bitte sehr.

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