VOM WELTKONZERN ZUM FINANZDIENSTLEISTER Die Geschichte von Siemens – Aufstieg, Glanz und ein schleichender Niedergang
Ein Meinungsbeitrag · März 2026
Es gibt wenige Unternehmen, die so sehr mit dem Aufstieg eines ganzen Landes verwoben sind wie Siemens mit Deutschland. Einst Synonym für deutschen Erfindergeist, technologische Pionierarbeit und globale Ingenieurskunst, fragt man sich heute bisweilen: Was ist aus diesem Riesen geworden? Ein Blick auf die Geschichte von Siemens ist gleichzeitig ein Blick auf das Wesen industrieller Großmacht – und auf die Vergänglichkeit von Visionen.
Die Geburt eines Giganten: Werner von Siemens
Als Werner von Siemens am 12. Oktober 1816 in Lenthe bei Hannover geboren wurde, ahnte niemand, dass dieser Mann die Welt buchstäblich verkabeln würde. 1847 gründete er gemeinsam mit dem Feinmechaniker Johann Georg Halske in Berlin die "Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske" – ein Unternehmen, das zunächst kaum mehr als eine Werkstatt war, sich aber rasch zu einem der bedeutendsten Technologiekonzerne der Welt entwickeln sollte.
Werner von Siemens war kein gewöhnlicher Unternehmer. Er war Ingenieur aus Leidenschaft, Wissenschaftler aus Überzeugung und Visionär aus Notwendigkeit. Er entdeckte das dynamo-elektrische Prinzip, das die Grundlage für die moderne Stromerzeugung bildet. Er baute die erste elektrische Eisenbahn, konstruierte den ersten elektrischen Aufzug und legte Unterwasser-Telegraphenkabel quer durch die Weltmeere. Unter seiner Führung verlegte Siemens 1870 die erste Telegraphenverbindung zwischen London und Kalkutta – ein Projekt, das die Kommunikation der Welt revolutionierte.
Was Werner von Siemens auszeichnete, war seine Überzeugung, dass Wissenschaft und Wirtschaft keine Gegensätze sind, sondern einander bedingen. Er investierte massiv in Forschung, hielt engen Kontakt zu den wissenschaftlichen Eliten seiner Zeit und schuf damit eine Unternehmenskultur, die Generationen von Ingenieuren prägen sollte.
Das 20. Jahrhundert: Weltmacht und Wiedergeburt
Nach dem Tod Werner von Siemens' 1892 führten seine Söhne und Neffen das Unternehmen weiter – und bauten es konsequent aus. Die Elektrifizierung Europas, die Entwicklung von Kraftwerken, Turbinen und Transformatoren: Siemens war überall dabei, wo Strom floss und Technik gefragt war.
Der Erste Weltkrieg brachte Rüstungsaufträge, aber auch die ersten schweren Einschnitte. Der Zweite Weltkrieg hinterließ tiefe Wunden – moralisch wie wirtschaftlich. Siemens hatte Zwangsarbeiter eingesetzt, war tief in das NS-Regime verstrickt. Diese dunkle Seite der Unternehmensgeschichte darf nicht verschwiegen werden, auch wenn sie lange totgeschwiegen wurde.
Doch Siemens überstand auch diese Katastrophe. In der Wirtschaftswunderzeit der 1950er und 1960er Jahre erlebte der Konzern eine bemerkenswerte Renaissance. Halbleiter, Computertechnik, Medizintechnik, Telekommunikation – Siemens war erneut vorne dabei. München wurde zur zweiten Heimat, die Firmenzentrale zog um, und mit ihr verlagerte sich das Zentrum der deutschen Technologieentwicklung.
Die von-Pierer-Ära: Glanzzeit und langer Abschied
Für viele Beobachter markiert die Ära von Heinrich von Pierer (1992–2005) den letzten wirklichen Höhepunkt von Siemens als innovativem Industriegiganten. Von Pierer trieb die Internationalisierung voran, positionierte Siemens als Technologiekonzern der Zukunft und hielt trotz des enormen Wandels durch Digitalisierung und Globalisierung die komplexe Struktur des Konzerns zusammen. Umsatz und Mitarbeiterzahl erreichten neue Rekordmarken.
War die Zeit unter von Pierer auch nicht frei von Problemen – die Schmiergeldaffäre, die später ans Licht kam, belastet sein Erbe erheblich – so hatte Siemens in dieser Phase noch das Selbstverständnis eines Unternehmens, das Dinge erfindet, baut und in die Welt bringt. Ein Unternehmen mit Substanz.
Siemens war unter von Pierer noch ein Konzern, der das Ingenieurshandwerk in seiner DNA trug – trotz aller Höhen und Tiefen.
Nach von Pierer: Der schleichende Niedergang
Was danach kam, ist – zumindest aus meiner persönlichen Einschätzung – eine Geschichte verpasster Chancen und fragwürdiger Entscheidungen. Klaus Kleinfeld (2005–2007), Peter Löscher (2007–2013), Joe Kaeser (2013–2021): Drei CEOs in knapp zwei Jahrzehnten, jeder mit seinem eigenen Transformationsversprechen, keiner mit einer wirklich überzeugenden industriellen Vision.
Löscher, der erste externe CEO in der Geschichte des Konzerns, kam mit großem Versprechen und hinterließ ein gemischtes Erbe: Er bereinigt die Schmiergeldaffäre, stieß aber gleichzeitig einen tiefgreifenden Kulturwandel an, der viele erfahrene Ingenieure und Manager verprellte. Kaeser wiederum war ein brillanter Kommunikator und Netzwerker – aber war er ein Industrieführer im klassischen Sinne? Das darf man bezweifeln.
Die Zersplitterung: Ein Konzern zerfällt in Stücke
Unter Kaeser erlebte Siemens eine Fragmentierung, die ich für einen strategischen Fehler halte. Die Abspaltung von Siemens Healthineers (2018), die Ausgliederung von Siemens Energy (2020), die Aufgabe von Siemens Gamesa, der Verkauf der Hausgeräte-Sparte (heute BSH, die aber schon vorher mehrheitlich Bosch gehörte) – Stück für Stück wurde der einst monolithische Konzern in einzelne börsennotierte Einheiten aufgeteilt.
Die Logik dahinter: Fokussierung, Kapitaleffizienz, Shareholdervalue. Die Teile sollen an der Börse mehr wert sein als das Ganze – so die Theorie. Und rein buchhalterisch mag das kurzfristig stimmen. Aber es geht etwas Entscheidendes verloren: die Synergien, das gemeinsame Innovationsökosystem, die Fähigkeit, komplexe Systemlösungen aus einer Hand anzubieten.
Siemens war einst der Konzern, der eine Stadt elektrifizieren, ihre Krankenhäuser ausstatten, ihre Züge bauen und ihre Kommunikationsinfrastruktur errichten konnte. Das war kein Zufall – es war das Resultat jahrzehntelanger interner Vernetzung, gemeinsamer Forschung und geteilter Unternehmenskultur. Diese Vernetzung wird durch Ausgliederungen irreversibel zerstört.
Siemens als Bank: Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt
Was mich persönlich am meisten besorgt: Siemens agiert heute in Teilen mehr wie eine Finanzholding denn wie ein Industriekonzern. Siemens Financial Services, das Leasing-Geschäft, die komplexen Beteiligungsstrukturen – das alles ist legitim, aber wenn der Finanzierungsarm eines Industriekonzerns wichtiger wird als die Fähigkeit, technologische Spitzenprodukte zu entwickeln, dann hat etwas seine ursprüngliche Bestimmung verloren.
Natürlich: Ein Konzern der Größe von Siemens braucht eine ausgefeilte Finanzarchitektur. Aber der Geist des Unternehmens – die Überzeugung, dass Siemens zunächst und vor allem ein Erfinder und Baumeister ist – scheint mir verloren gegangen zu sein. Die Sprache der Vorstände ist heute die Sprache der Investmentbanker: EBIT-Margen, Portfolio-Optimierung, Return on Capital Employed. Werner von Siemens sprach über Telegraphenkabel, Dynamos und die Zukunft der Menschheit.
Es ist ein Unterschied, ob ein Unternehmen Kapital einsetzt, um Innovationen zu ermöglichen – oder ob Innovationen nur noch als Mittel zur Kapitalvermehrung gelten.
Was bleibt – und was sein könnte
Es wäre ungerecht, Siemens pauschal zu verurteilen. Das Unternehmen hat mit Siemens Digital Industries eine starke Position in der industriellen Automatisierung und Digitalisierung aufgebaut. Die Zugsparte ist nach wie vor eine der innovativsten der Welt. Und Siemens Healthineers leistet Beachtliches in der medizinischen Bildgebung und Diagnostik.
Aber das Potenzial – das ungekannte Potenzial eines echten Technologiegiganten, der die Welt gestaltet, nicht nur an ihr partizipiert – scheint mir nicht ausgeschöpft. Ein Konzern mit der Geschichte, den Ressourcen und dem Talentpool von Siemens könnte heute eine treibende Kraft in der Energiewende, der KI-gestützten Industrieproduktion und der nachhaltigen Infrastruktur sein. Stattdessen ist Siemens vor allem eines: gut für seine Aktionäre.
Das mag für die Aktionäre reichen. Für die Geschichte eines Unternehmens, das einmal die Welt verändert hat, ist es zu wenig.
Dieser Beitrag gibt die persönliche Meinung des Autors wieder und erhebt keinen Anspruch auf vollständige historische Darstellung.
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