Wackler an der Grenze, Teil 7: Der Kupferschlag von Glogau

 


Warum das stärkste Beben dieser Reihe nicht aus der Tiefe der Erde kam, sondern aus einem Kilometer unter einem Bergwerk

Donnerstagabend, 22 Uhr. Die Meldung vom EMSC kommt mit der üblichen Nüchternheit: Magnitude 4,8, Epizentrum 9,8 Kilometer südlich von Głogów, Niederschlesien, Tiefe 10 Kilometer, „moderate shaking“. Glogau also. Wer, wie ich, väterlicherseits Schlesier ist, liest so eine Zeile zweimal. Die Familie meines Vaters stammt aus Schweidnitz, und auch wenn ich die Stadt nur aus Erzählungen kenne, die meistens von Flucht und Vertreibung handeln, ist Niederschlesien für mich kein beliebiger Punkt auf der Karte.

Mein erster Reflex war trotzdem ein geologischer, und er war halb richtig. Ich habe sofort auf die Grube Rudna getippt, weil aus diesem Revier seit Jahren die kräftigsten Erschütterungen rund um Glogau kommen. Bergbau war richtig, die Grube war falsch. Gerumpelt hat es in den Zakłady Górnicze Polkowice-Sieroszowice, dem Nachbarbergwerk. Das hat KGHM Polska Miedź noch am selben Abend bestätigt.

Damit hat die Reihe „Wackler an der Grenze“ zum ersten Mal ein Beben, das nicht die Erde selbst verursacht hat. Bisher ging es um Grabenbrüche, aufsteigende Fluide, Regenwasser im Kalkstein und den Druck der Alpen auf die Böhmische Masse. In Glogau ist der Auslöser der Mensch, genauer: das Loch, das er seit über sechzig Jahren in den Untergrund gräbt.

Was am Donnerstagabend passiert ist

Laut KGHM-Sprecher Artur Newecki ereignete sich um 22 Uhr in Polkowice-Sieroszowice ein „wstrząs wysokoenergetyczny“, ein hochenergetischer Gebirgsschlag. Die gesamte Belegschaft im Gefahrenbereich wurde an die Oberfläche geholt, mit allen Beschäftigten unter Tage bestand Kontakt. Die Grubenwehr rückte von ihrer Station in Sobin aus. In der ersten Stellungnahme hieß es: „Brak informacji o osobach poszkodowanych“, es gebe also keine Informationen über Verletzte. Das ist eine vorsichtige Formulierung, und sie ist zum Zeitpunkt dieses Beitrags auch die letzte offizielle.

An der Oberfläche war das Beben in Polkowice, Głogów, Lubin, Jerzmanowa und Grębocice deutlich zu spüren. Anwohner berichteten von schwingenden Kronleuchtern und einem Wackeln, das bis zu 20 Sekunden dauerte. Schadensmeldungen gab es bislang keine. Die Modellrechnung bei erdbebennews.de kommt auf eine maximale Intensität um 6,9 auf der EMS-98-Skala und einige leicht beschädigte Gebäude. Das ist eine Rechnung, keine Bestandsaufnahme.

Interessant ist der Blick auf die Tiefe, weil die Agenturen hier weit auseinanderliegen:

Quelle

Magnitude

Tiefe

Anmerkung

EMSC

4,8

10 km

manuell revidiert, Tiefe als Standardwert gesetzt

GFZ Potsdam

4,7

ca. 1 km

passt zur Abbautiefe des Reviers

KGHM

–

–

„wstrząs wysokoenergetyczny“, Energie in Joule noch nicht veröffentlicht



Die 10 Kilometer beim EMSC sind kein Messwert, sondern der Wert, den man einträgt, solange man keinen besseren hat. Der eine Kilometer des GFZ passt dagegen genau zu dem, was dort unten passiert. Alle Angaben in diesem Abschnitt sind vorläufig. KGHM nennt die Energie in Joule und die Einstufung auf der Bergbauskala normalerweise erst nachträglich.

Wie ein Bergwerk bebt

Das Kupfer im Revier zwischen Legnica und Głogów, polnisch kurz LGOM, liegt in einem dünnen Flöz aus der Zechsteinzeit, also rund 255 Millionen Jahre alt. Entdeckt wurde die Lagerstätte 1957 bei Sieroszowice, der Abbau begann in den 1960er Jahren. Je nach Grube liegt das Erz zwischen etwa 600 Metern (Lubin) und mehr als 1.100 Metern (Rudna) unter der Oberfläche.

Abgebaut wird im Kammer-Pfeiler-Verfahren. Man schneidet Kammern aus dem Flöz und lässt Pfeiler stehen, die das Dach tragen. Und genau dieses Dach ist das Problem. Direkt über dem Erz liegt eine dicke, steife Dolomitschicht. Dolomit gibt nicht nach, er speichert Spannung. Je mehr Hohlraum darunter entsteht, desto mehr Last verteilt sich auf immer weniger Gestein, bis irgendwo etwas bricht. Dann wird die gespeicherte Energie schlagartig frei. Fachleute sprechen von induzierter Seismizität, die Bergleute vom Gebirgsschlag.

KGHM unterscheidet dabei zwei Fälle. Ein „samoistny wstrząs“ kommt spontan. Ein „wstrząs sprowokowany“ wird durch Sprengungen absichtlich ausgelöst, um Spannung kontrolliert abzubauen, solange niemand in der Nähe ist. Das ist so etwas wie ein geplantes Gewitter. Ob der Donnerstag spontan oder provoziert war, hat KGHM bisher nicht mitgeteilt.

Weil die Herde so flach liegen, fühlen sich solche Beben anders an als tektonische gleicher Stärke. Direkt darüber schüttelt es kräftig, aber der Radius ist klein. Ein tektonisches Beben der Magnitude 4,8 in 10 oder 15 Kilometern Tiefe spürt man weiträumig, dafür gedämpfter. Ein Gebirgsschlag in einem Kilometer Tiefe trifft die Orte über der Grube mit voller Wucht und ist ein paar Dutzend Kilometer weiter schon nur noch ein Gerücht.

Siebener, Achter und die Richterskala

Wer polnische Lokalnachrichten liest, stößt ständig auf die „górnicza siódemka“ oder „ósemka“, die bergmännische Sieben oder Acht. Das ist keine Magnitude, sondern der Zehnerlogarithmus der freigesetzten Energie in Joule. Eine Sieben entspricht 10⁷ Joule, eine Acht 10⁸ Joule, also dem Zehnfachen.

Zwei Beispiele aus diesem Revier zeigen, wie das zusammenpasst. Im August 2025 meldete KGHM einen durch Sprengarbeiten ausgelösten Schlag in Rudna mit 2,8 × 10⁸ Joule, eine kräftige Acht. Die Seismografen kamen auf Magnitude 4,5. Am 3. Mai 2026 folgte in Rudna ein spontaner Schlag mit 5,0 × 10⁷ Joule, eine Sieben, gemeldet mit Magnitude 4,1 bis 4,3. Wenn der Donnerstag mit 4,7 bis 4,8 eingestuft wird, dürfte KGHM eine hohe Acht melden. Das ist meine Schätzung, keine Meldung.

Ein Revier mit langer Erinnerung

Das Revier hat eine lange und nicht immer glimpfliche Liste. Die Magnituden schwanken je nach Agentur, das gehört zu diesen flachen Ereignissen dazu:

1977 gab es ein Beben der Magnitude 4,5, das das polnische Institut für Geophysik lange als stärkstes im LGOM führte. 1987 kamen in der Grube Lubin bei einem Schlag um 4,8 vier Bergleute ums Leben. Im März 2013 wurden in Rudna nach einem Beben um 4,6 neunzehn eingeschlossene Bergleute gerettet. Der schwärzeste Tag der jüngeren Geschichte war der 29. November 2016. Bei einem Gebirgsschlag in Rudna starben acht Bergleute, fünf von ihnen stammten aus Głogów. Im Januar 2019 folgte in Rudna ein Beben mit EMSC-Magnitude 4,8, das bis in die Lausitz zu spüren war und bei dem Bergleute verschüttet wurden.

2025 und 2026 ist es keineswegs ruhiger geworden. Im Februar 2025 bebte es bei Polkowice mit 4,7, im August 2025 kam die eingangs erwähnte Acht in Rudna, im Mai 2026 die Sieben. Und am 9. Oktober 2026 das Beben bei Lüben, das mich überhaupt erst auf meine Serie „Ausgeschlafen: Schlesiens erloschene Vulkane“ gebracht hat. Lüben, Polkowice, Rudna und Glogau liegen alle im selben Revier, innerhalb von drei Wochen hat es dort also zweimal kräftig gerumpelt. Nach einer groben Auswertung bei erdbebennews.de ist ein Beben der Stärke 4,7 in dieser Gegend etwa einmal im Jahr zu erwarten. Das Ungewöhnliche an diesem Donnerstag ist also nicht, dass es passiert ist, sondern wie stark.

Und in Deutschland?

Görlitz liegt rund 110 Kilometer südwestlich von Glogau, Cottbus etwas weiter. 2019 haben Menschen in der Lausitz das Beben aus Rudna gespürt. Diesmal gibt es bislang keine bestätigten Meldungen aus Deutschland, möglich wären schwache Wahrnehmungen im Osten trotzdem. Das passt zu dem, was ich oben über flache Herde geschrieben habe: Viel Kraft auf engem Raum, wenig Reichweite.

Eine Stadt, die von dem lebt, was sie erschüttert

Glogau hat eine Geschichte, die es in sich hat. Die alte Festungsstadt an der Oder wurde 1945 erneut zur Festung erklärt, belagert und war am Ende fast völlig zerstört. Wo heute die Altstadt steht, war jahrzehntelang Ruinenfeld, der Wiederaufbau hat bis weit nach der Wende gedauert. Ihren Neuanfang verdankt die Stadt ausgerechnet dem Untergrund. Seit Anfang der 1970er Jahre steht in Głogów eine der großen Kupferhütten von KGHM, die Gruben ringsum liefern das Erz.

Darin steckt eine gewisse schlesische Ironie. Die Stadt, die einmal von oben zerstört wurde, lebt heute davon, dass man unter ihr gräbt, und nimmt dafür in Kauf, dass ab und zu die Kronleuchter schwingen. Die Menschen in Głogów und Polkowice wissen das. In den Lokalportalen steht nach jedem Schlag nicht die Frage, ob es der Bergbau war, sondern nur, welche Grube und welche Zahl.

Schweidnitz liegt gut 100 Kilometer südöstlich, am Fuß des Zobten, über den ich im letzten Teil der Schlesien-Serie geschrieben habe. Dort ist vom Donnerstagabend vermutlich nichts angekommen. Für mich ist es trotzdem dasselbe Land, und es ist ein merkwürdiges Gefühl, es ausgerechnet über Seismogramme wiederzufinden.

Fazit

Bei den bisherigen Wacklern dieser Reihe musste man fragen, was die Erde vorhat: ob sich ein Graben weitet, ob Fluide aufsteigen oder ob einfach nur zu viel Regen gefallen ist. In Glogau stellt sich diese Frage nicht. Dort ist die Antwort bekannt, sie steht in den Förderstatistiken von KGHM. Die Erde gibt dort nur zurück, was man ihr nimmt, mit etwas Verzögerung und in Joule abgerechnet.

Sobald KGHM Energie, Revier und Ursache nachliefert, gibt es einen Nachtrag. Bis dahin gilt, was bei allen Bebenmeldungen der ersten Stunden gilt: Die Zahlen sind vorläufig, die Tiefe ist geschätzt, und die erste Vermutung ist manchmal die falsche Grube.

Quellen

EMSC: M 4.8, 9.8 km S of Głogów, 29.10.2026, 21:00:15 UTC (Status: manuell revidiert)

erdbebennews.de: „Kräftiges Erdbeben (M4.7) in Niederschlesien“, 29./30.10.2026 – https://erdbebennews.de/2026/10/kraeftiges-erdbeben-m4-7-in-niederschlesien/

Radio Wrocław: „Bardzo silny wstrząs w kopalni Polkowice-Sieroszowice“, 29.10.2026 – https://www.radiowroclaw.pl/articles/view/165203/

Wirtualna Polska: „Silny wstrząs w kopalni KGHM. Ziemia trzęsła się przez 20 sekund“, 30.10.2026 – https://wiadomosci.wp.pl/silny-wstrzas-w-kopalni-kghm-ziemia-trzesla-sie-przez-20-sekund-7345416338889152a

jelonka.com: „Silny wstrząs na Dolnym Śląsku. Ratownicy w kopalni“, 29.10.2026 – https://jelonka.com/silny-wstrzas-na-dolnym-slasku-ratownicy-w-kopalni-180789/

zero.pl: „Podsumowanie nocy. Wstrząs w kopalni KGHM …“, 30.10.2026

glogow-info.pl: „Mocno zatrzęsło w Głogowie – Wstrząs w Zakładach Górniczych Rudna“, 13.08.2025

zmiedzi.pl / myglogow.pl: Meldungen zum Schlag in ZG Rudna am 03.05.2026 (5,0 × 10⁷ J, GG-2, G-14)

Euronews: „At least three dead in earthquake at Polish copper mine“, 30.11.2016

glogow.naszemiasto.pl: „Zagłębie Miedziowe pamięta o wielkiej tragedii w ZG Rudna“

money.pl: „Wstrząsy w Rudnej. Ta kopalnia pamięta ich wiele“ (Januar 2019)

Instytut Geofizyki PAN: Informationsblatt zur induzierten Seismizität in Polen

Journal of Coal Science and Technology (Springer, 2016): Studie zur Seismizität in den LGOM-Kupfergruben, Abbautiefe und Dolomitdach

Wikipedia: List of earthquakes in Poland

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