Wackler an der Grenze, Teil 5: Der Knall von Weißensulz


Warum ein Beben der Stärke 3,3 im Oberpfälzer Wald mehr Fragen aufwirft als ein ganzer Schwarm im Egerbecken

Es war 0:34 Uhr in der Nacht auf Freitag, den 23. Oktober 2026, als die Meldung bei EMSC aufpoppte: Magnitude 3,3, Tiefe 10 Kilometer, Region Nová Ves pod Přimdou. Wer die Gegend nicht kennt, zuckt mit den Schultern. Wer sie kennt, stutzt. Denn Beben dieser Größe sind in Westböhmen eigentlich das Revier des Egerbeckens, rund 50 bis 70 Kilometer weiter nördlich. Hier unten, im Grenzwald zwischen Přimda und Eslarn, ist es normalerweise ruhig. Normalerweise.

Diese Reihe hat inzwischen eine gewisse Tradition: Worms und der Oberrheingraben, die Schwarmbeben im Egerbecken und der regengetriebene Hochstaufen, das Erdbeben-Trio bei Innsbruck und zuletzt das leiseste Beben Böhmens bei Strakonice. Das Beben von dieser Nacht passt in keine dieser Schubladen sauber hinein. Genau das macht es interessant.

Was passiert ist

Das Epizentrum lag nach den bisherigen Lokalisierungen bei Bělá nad Radbuzou, dem früheren Weißensulz, im Bezirk Domažlice, etwa sechs Kilometer südlich von Přimda. Bis zur bayerischen Grenze sind es keine sieben Kilometer, bis Eslarn rund zehn. Auf tschechischer Seite berichteten Menschen aus Přimda, Třemešné, Pernolec, Nová Ves und Tachov von einem lauten Knall, der sie aus dem Schlaf riss. Auf bayerischer Seite gingen Meldungen aus Eslarn, Waidhaus, Vohenstrauß, Oberviechtach, Waldmünchen, Cham und Weiden ein. Radio Arabella sammelte Hörerberichte über vibrierende Betten und klappernde Teller, manche beschrieben ein kurzes, dumpfes Grollen.

Bei VolcanoDiscovery liefen bis zum frühen Morgen rund 300 Meldungen ein, 294 davon mit der Angabe, das Beben gespürt zu haben. Die meisten kamen aus Vohenstrauß (44), Oberviechtach (18) und Eslarn (17). Für Vohenstrauß und Eslarn wurde im Mittel Intensität IV angegeben, also deutlich spürbar. Selbst aus Nürnberg, 115 Kilometer entfernt, kamen 14 Meldungen, aus München acht.

 Erdbebennews schätzt auf Basis seiner ShakeMap, dass rund 128.000 Menschen das Beben hätten spüren können. Schäden sind keine bekannt, das Schadensmodell rechnet mit höchstens ein, zwei leicht beschädigten Gebäuden.

Drei Agenturen, drei Tiefen

Wer bei Erdbeben die Erstmeldung für die Wahrheit hält, lernt bei diesem Beben schnell dazu. Die Werte, die bis zum Morgen vorliegen:

Quelle
Magnitude
Herdtiefe
Anmerkung
EMSC (Erstmeldung)
3,3
10 km
automatischer Startwert, kurz nach dem Beben
EMSC (Neuberechnung)
3,3
16 km
22:50 UTC, Epizentrum um 2,4 km nach WSW verschoben, 87 Stationen
GFZ Potsdam (via Erdbebennews)
3,3
10 km
ausdrücklich als Fixwert gekennzeichnet
Geofyzikální ústav AV ČR (Prag)
3,4
ca. 9 km
Angabe von Jana Doubravová gegenüber dem Tachovský deník


Bei der Magnitude herrscht weitgehend Einigkeit, 3,3 bis 3,4 ist im Rahmen dessen, was verschiedene Netze mit verschiedenen Verfahren eben ausspucken. Bei der Tiefe sieht es anders aus. Die 10 Kilometer der Erstmeldungen sind kein Messwert, sondern ein Platzhalter, den automatische Systeme setzen, solange die Daten für eine echte Tiefenbestimmung nicht reichen. Das GFZ sagt das auch offen. EMSC hat nach gut einer Viertelstunde auf 16 Kilometer nachgerechnet, das Prager Institut kommt mit seinem dichteren regionalen Netz auf etwa 9 Kilometer.

Welcher Wert stimmt, ist im Moment nicht entschieden. Ich würde dem Prager Wert mehr trauen, einfach weil das tschechische Netz näher dran ist und für die Tiefenbestimmung die Stationen in unmittelbarer Nähe des Herdes entscheidend sind. Aber das ist eine Einschätzung, keine Gewissheit. Eine eigene Auswertung des Erdbebendienstes Bayern lag bis zum Morgen noch nicht öffentlich vor. Sobald es eine manuell überarbeitete Lösung gibt, wird man sehen, ob der Herd eher bei 9 oder bei 16 Kilometern lag. Für die Einordnung ist das nicht ganz unwichtig, dazu gleich mehr.

Kein Egerbecken-Beben

Die naheliegende Reaktion bei jedem Wackeln in Westböhmen ist: wieder das Vogtland. Ist es diesmal nicht. Das Schwarmbebengebiet um Nový Kostel liegt rund 60 Kilometer weiter nördlich, und sowohl Erdbebennews als auch die Oberpfälzer Lokalpresse halten fest, dass es keinen direkten Zusammenhang mit der Schwarmbebentätigkeit gibt.
Auch das Muster passt nicht. Im Egerbecken kommen die Beben typischerweise in Schwärmen, Dutzende bis Tausende kleine Stöße über Tage oder Wochen, ausgelöst durch aufsteigende Fluide aus dem Erdmantel. Die Herde liegen dort meist in 6 bis 11 Kilometern Tiefe. Bei Weißensulz dagegen: ein einzelner Stoß, bislang ohne gemeldete Nachbeben. Das sieht eher nach einem klassischen tektonischen Einzelereignis aus, einer Störung, die Spannung abgebaut hat, als nach einem Fluidpuls.
Wer hier regelmäßig mitliest, weiß, dass ich den Vulkanismus im Egerbecken langfristig für unausweichlich halte. Umso wichtiger ist es, sauber zu bleiben: Dieses Beben ist dafür kein Argument. Es liegt an einer anderen Stelle, hat einen anderen Charakter und braucht keinen Magmenaufstieg als Erklärung.

Was darunter steckt

Das Grenzgebiet zwischen Tachov, Přimda und dem Oberpfälzer Wald gehört zur Böhmischen Masse, einem uralten Grundgebirgsblock, der bei der variszischen Gebirgsbildung vor rund 300 Millionen Jahren zusammengeschweißt wurde. Durchzogen ist er von einem Netz alter Störungen, die meisten NW-SO oder NNW-SSO ausgerichtet. Die bekannteste davon ist die Marienbader Störung, die vom Egerbecken aus Richtung Süd-Südost zieht und deren Seismizität und Morphologie gerade in einem tschechisch-französischen Forschungsprojekt (2026/27) paläoseismologisch untersucht wird. GPS-Messungen haben dort rechtsseitige Bewegungen nachgewiesen.
Ob das Beben von heute Nacht an der südlichen Fortsetzung dieser Zone, an einer der parallelen Scherzonen oder an einer kleineren, namenlosen Störung stattfand, lässt sich aus den bisherigen Daten nicht sagen. Dafür bräuchte es eine Herdflächenlösung, also die Auswertung, in welche Richtung sich die Gesteinsblöcke gegeneinander bewegt haben. Die liegt noch nicht vor. Ich lege mich deshalb nicht fest, nur weil sich der Name Marienbad gut macht.
Was man aber sagen kann: Der Antrieb dürfte derselbe sein wie bei Strakonice in Teil 4. Die Alpen schieben von Süden gegen die Böhmische Masse, und dieser Druck sucht sich seinen Weg über die alten Schwächezonen. Im Unterschied zu Strakonice war das hier allerdings kein Mikrobeben, das nur die Messgeräte bemerkt haben, sondern eines, das eine ganze Region aus dem Bett geholt hat.

Kein Einzelgänger

Ganz aus dem Nichts kam das Beben nicht. Erdbebennews verzeichnet am 14. Oktober 2026, also nur neun Tage vorher, ein Beben der Stärke 1,8 in derselben Herdregion. Ob das ein Vorbeben war oder Zufall, lässt sich bei zwei Ereignissen nicht seriös sagen. Im Oktober 2022 gab es zwischen Tachov und Planá ein Beben der Stärke 2,2, das über 100 Meldungen auslöste, mit Grollen und Knall, gefolgt von mehreren schwachen Nachbeben. Die Oberpfälzer Presse schreibt, dass im Grenzgebiet in den letzten Jahren vermehrt kleine Beben auftreten, und dass dies das erste seit 2008 sei, das in der Oberpfalz so weit verbreitet zu spüren war, die Vogtland-Beben ausgenommen.
Im Katalog von Erdbebennews finden sich im 30-Kilometer-Umkreis insgesamt acht Ereignisse ab Magnitude 1, vier ab Magnitude 2 und genau eines ab Magnitude 3. Historisch taucht ein Beben bei Waldmünchen 1858 auf. Viel ist das nicht. Aber es reicht, um festzuhalten: Die Gegend schläft, sie ist nicht tot.

Warum der Knall

Auffällig viele Berichte sprechen von einem Knall oder einem Grollen, oft vor oder statt eines spürbaren Wackelns. Das ist bei flachen Beben in hartem Grundgebirge typisch. Die schnellen Kompressionswellen erreichen die Oberfläche zuerst und koppeln teilweise als hörbarer Schall in die Luft ein, erst danach kommen die langsameren Scherwellen, die man als Schwanken spürt. Granit und Gneis leiten diese Wellen besonders gut. Wenn der Prager Wert von 9 Kilometern stimmt, passt das gut ins Bild. Bei 16 Kilometern wäre das Knallen etwas weniger zu erwarten, ausgeschlossen ist es nicht.

Die Einordnung in die Reihe

Worms war der Oberrheingraben, die Erde wird auseinandergezogen. Das Egerbecken sind Fluide aus dem Mantel. Der Hochstaufen ist Regenwasser, das Störungen schmiert. Innsbruck ist die Alpenfront selbst. Strakonice war der Fernwirkungsdruck der Alpen auf die Böhmische Masse, so leise, dass ihn nur Seismometer bemerkt haben.
Weißensulz ist im Grunde derselbe Mechanismus wie Strakonice, nur laut. Das ist eigentlich die wichtigere Erkenntnis: Die Böhmische Masse gilt als stabiler, ruhiger Block, und meistens benimmt sie sich auch so. Aber auch ein stabiler Block hat Fugen, und an denen knirscht es gelegentlich so, dass man es bis Nürnberg merkt.

Was offen bleibt

Drei Dinge stehen noch aus. Erstens die endgültige Tiefe, also ob 9 oder 16 Kilometer. Zweitens eine Herdflächenlösung, die zeigt, an welcher Art von Störung sich das abgespielt hat. Drittens die Frage, ob noch Nachbeben kommen oder ob es bei dem einen Stoß bleibt. Ich schaue in den nächsten Tagen beim Erdbebendienst Bayern, beim Geofyzikální ústav und bei Erdbebennews nach und ergänze, wenn sich etwas tut.
Wer in der Nacht etwas gespürt hat, kann das übrigens noch melden, beim Erdbebendienst Bayern über den Fragebogen „Erdbeben gefühlt?“ oder auf tschechischer Seite beim makroseismischen Fragebogen des Prager Instituts. Auch die Angabe, nichts gespürt zu haben, hilft bei der Auswertung.

Quellen

EMSC / VolcanoDiscovery: Leichtes Erdbeben der Stärke 3.3 – 54 km westlich von Pilsen, 23.10.2026 (Daten, Spürbarkeitsmeldungen, Vergleichsbeben)
Erdbebennews (Jens Skapski): Leichtes Erdbeben (M3.3) in der Oberpfalz, 23.10.2026
Tachovský deník: Zemětřesení na Tachovsku. Otřes o síle 3,3 probudil lidi ze spaní, 23.10.2026
OberpfalzECHO: Erdbeben an der tschechischen Grenze bis Weiden spürbar, 23.10.2026
Weiden24 / Amberg24: Nächtliches Erdbeben auch in Teilen der Oberpfalz wahrnehmbar, 23.10.2026
Geofyzikální ústav AV ČR: Makroseismický dotazník k zemětřesení na Tachovsku (Beben vom 15.10.2022)
Tachovský deník: Západ Čech zasáhlo zemětřesení, 2022
IRSM AV ČR: Fault segmentation and seismic hazard of intraplate faults – Mariánské Lázně (Projekt 2026–2027)
Schenk, Schenková, Jechumtálová (2009): Geodynamic pattern of the West Bohemia region based on permanent GPS measurements, Studia Geophysica et Geodaetica 53

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