Gen X stoppt alles: Christopher Cross und der Rocker hinter dem Segelboot

 

 

Der Trend

Wer derzeit durch Facebook, Instagram oder TikTok scrollt, landet früher oder später bei einem ganz bestimmten Post. Ein Satz, meist auf Englisch: „Gen X will stop everything with this intro.“ Dann setzen diese perlenden, leicht verhallten Gitarrenakkorde ein, und spätestens wenn die Streicher dazukommen, weiß man, wohin die Reise geht. Christopher Cross, „Sailing“. Und zwar die lange Albumversion, nicht die eingedampfte Fassung fürs Radio.

Ich gestehe: Der Post hat recht. Ich gehöre zur Zielgruppe, ich halte inne, ich höre bis zum Schluss. Glaubt man den Kommentarspalten, geht es sehr vielen meines Jahrgangs genauso.

Was in diesen Kommentaren allerdings fast nie auftaucht: Der Mann, der da so samtweich vom Segeln singt, hat nicht als Schnulzensänger angefangen. Christopher Cross ist, wenn man genauer hinsieht, ein waschechter Rocker. Einer mit Flying V, langen Haaren und Marshall-Türmen.

Chris Geppert aus San Antonio

Geboren wurde er am 3. Mai 1951 in San Antonio, Texas, als Christopher Charles Geppert. Der Vater war Armeeoffizier und hatte früher selbst professionell Musik gemacht. Der Sohn versuchte es zuerst am Schlagzeug, landete dann bei der Gitarre und brach nach zwei Jahren ein Medizin-Vorstudium ab, weil die Musik schlicht lauter war.

In San Antonio spielte er in einer Band namens Flash, einer Hardrock-Coverband, die regelmäßig als lokaler Opener vor großen Namen auf die Bühne durfte. Über den Promoter Joe Miller kam Flash zu einer Handvoll Auftritten im Vorprogramm von Led Zeppelin und Jethro Tull. Cross erzählt gern, dass beim zweiten Abend Jimmy Page und Robert Plant am Bühnenrand standen und der Band aus San Antonio zusahen. Er selbst beschrieb Flash später als eine Art Kreuzung aus Brian Wilson und Frank Zappa, was ungefähr so harmlos klingt wie ein fränkisches Schäufele mit Chilisoße.

Die Nacht, in der er Ritchie Blackmore war

Die eigentliche Pointe dieser Geschichte spielt am 28. August 1970 im Jam Factory in San Antonio. Deep Purple, gerade mit „In Rock“ unterwegs, sollten dort zwei Konzerte spielen, eines um 19 Uhr, eines um 23 Uhr. Die Band hatte sich vor der Tour gegen Grippe impfen lassen müssen, und Ritchie Blackmore vertrug die Spritze ausgesprochen schlecht. Das erste Konzert spielte er noch, danach ging nichts mehr.

Ein Gitarrist musste her, und zwar sofort. Joe Miller, der nicht nur das Konzert veranstaltete, sondern nebenbei auch Geppert betreute, hatte eine Idee: In der Stadt gebe es da einen jungen Gitarristen, großer Blackmore-Fan, der die Songs kenne. Der Neunzehnjährige kam mit Flying V und langen Haaren, dem Publikum wurde mitgeteilt, dass Ritchie heute nicht spielen werde, und Chris Geppert stand mit Deep Purple auf der Bühne. Einzig Ian Gillan soll von der Idee wenig begeistert gewesen sein. Am nächsten Tag traf Geppert Blackmore am Flughafen, und der bedankte sich für die Vertretung.

So weit, so schön. Nun folgt der Teil, der diese Anekdote erst richtig gut macht. Jahrzehnte später landeten Cross und Deep Purple beim selben Plattenlabel. Als dessen Chef Jon Lord auf den Abend in San Antonio ansprach, bestritt der Keyboarder, dass es ihn je gegeben habe. Auch andere Bandmitglieder wollten sich nicht erinnern. Cross musste sich ausgerechnet von seinem alten Freund Eric Johnson bestätigen lassen, dass er sich das nicht ausgedacht hatte. Johnson war damals fünfzehn und spielte mit seiner Band Mariani an genau diesem Abend im Vorprogramm.

Inzwischen hat Blackmore selbst die Geschichte in einem Interview bestätigt. Er sei damals im Hotel geblieben und habe gelitten, die Band habe das Konzert mit, wie er sinngemäß sagte, einem gewissen Christopher Cross oder so ähnlich gespielt. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Der Ersatzmann musste fünfzig Jahre lang beweisen, dass er existiert hat, und der Ersetzte erinnert sich an ihn als „oder so“. Rockgeschichte hat eben auch ihre Aktenvermerke, nur führt sie keiner ordentlich.

Das Etikett, das nicht mehr abging

Mitte der Siebziger zog Geppert nach Austin. Dort spielte er mit einer Top-40-Band, die Hits nachspielte, für Geld, und dazwischen seine eigenen Songs. Die Band hieß Christopher Cross, also nicht der Sänger, sondern die Gruppe. Warner Bros. nahm am Ende aber nur einen unter Vertrag, nämlich ihn, und der Bandname wurde zum Künstlernamen.

Das Debütalbum erschien im Dezember 1979, mit Gästen wie Michael McDonald, Don Henley, J.D. Souther und Nicolette Larson. „Sailing“ stand am 30. August 1980 an der Spitze der US-Charts. Bei den Grammys 1981 gewann Cross als erster Künstler überhaupt alle vier großen Kategorien an einem Abend: Album, Single, Song des Jahres und bester neuer Künstler. Das Album des Jahres schnappte er dabei Pink Floyds „The Wall“ weg. Nachgemacht hat ihm das erst Billie Eilish im Jahr 2020. Obendrauf kam noch der Oscar für „Arthur’s Theme“, gemeinsam mit Burt Bacharach und Carole Bayer Sager.

Dann kam MTV. Cross war ein hervorragender Musiker, aber kein Gesicht für die neue Bildschirmwelt, und die Musikmode bewegte sich ohnehin weg vom weichen Westküstensound. Was blieb, war ein Etikett, das ihm erst Jahrzehnte später verpasst wurde: Yacht Rock, benannt ausgerechnet nach seinem größten Hit. Cross selbst mag den Begriff nicht, weil er ihn auf einen einzigen Moment seiner Karriere festnagelt.

Dabei handelt „Sailing“ nicht einmal vom Segeln. Cross hat erzählt, dass der Song eher eine Metapher ist, für Zusammenhalt und für die Flucht aus schwierigen Familienverhältnissen. Wer das weiß, hört das Intro, das Gen X angeblich alles stehen und liegen lässt, ein wenig anders.

Wer genau hinhört

Wer den Rocker Christopher Cross sucht, muss nicht weit graben. „Ride Like the Wind“ vom selben Album ist eine Outlaw-Geschichte mit treibendem Rhythmus und einem ordentlichen Gitarrensolo, Michael McDonald singt im Hintergrund, und von Kuschelrock ist das weit entfernt.

Auch in der Szene war sein Ruf als Gitarrist früh gefestigt. Donald Fagen und Walter Becker von Steely Dan wollten ihn einmal dabeihaben, eine Zusammenarbeit, aus der dann zwar nichts wurde, die aber für sich spricht. Und dann ist da noch eine Fußnote aus Austin: 1974 tauschte Cross bei Ray Hennig’s Heart of Texas Music eine Stratocaster gegen eine Gibson Les Paul ein. Einen Tag später kaufte Stevie Ray Vaughan genau diese Strat. Sie gilt als jene Gitarre, die später als Vaughans „Number One“ berühmt wurde.

Mein Fazit

Gen X stoppt also alles, wenn dieses Intro läuft, und das zu Recht. Ich möchte nur anregen, beim nächsten Mal kurz an den Neunzehnjährigen mit der Flying V zu denken, der an einem Augustabend 1970 dort stand, wo eigentlich Ritchie Blackmore hätte stehen sollen. Die vielleicht sanfteste Stimme der frühen Achtziger hat vorher Deep Purple gerettet. Das steht in keinem dieser Posts. Jetzt steht es wenigstens hier.

Quellen

Ultimate Classic Rock: Christopher Cross über den Abend mit Deep Purple und Ritchie Blackmores spätere Bestätigung

Guitar Player: The Night Christopher Cross Played With Deep Purple

Louder: Ritchie Blackmore confirms Christopher Cross story

Encyclopaedia Britannica: Christopher Cross

Wikipedia: Christopher Cross

Sailing Scuttlebutt: Forty Years of Yacht Rock (Interview mit Christopher Cross, 2021)

Goldmine-Interview mit Christopher Cross (2014, via timtirelli.com)

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