Wackler an der Grenze, Nachtrag zu Teil 3: Innsbruck flüstert weiter
Zwei Mikrobeben der Stärke 0,6 in der Nacht auf Freitag und was sie über eine Serie verraten, die seit August nicht aufhört
Es gibt Erdbebenmeldungen, die man liest, und es gibt Erdbebenmeldungen, die man fast überliest. Die beiden aus der Nacht von Donnerstag auf Freitag gehören klar in die zweite Kategorie. Stärke 0,6, beide Male, beide mit dem Zusatz „unbestätigt“. Das eine Beben 7,7 Kilometer südöstlich von Innsbruck um 21:52 Uhr Weltzeit, das andere 36 Kilometer östlich der Stadt um 22:09 Uhr Weltzeit. Nach unserer Uhr also kurz vor Mitternacht und kurz danach, sauber über den Datumswechsel verteilt, als hätte der Untergrund noch schnell etwas loswerden wollen, bevor der 23. Oktober anfängt.
Gespürt hat das niemand. Geschrieben hat darüber auch niemand, zumindest keine Zeitung. Und trotzdem sind mir diese beiden Einträge einen Nachtrag wert, denn sie liegen genau dort, wo ich vor knapp vier Wochen in Teil 3 dieser Reihe angefangen habe.
Wo die beiden Beben liegen
7,7 Kilometer südöstlich von Innsbruck, das ist das Mittelgebirge über der Stadt, die Gegend um Aldrans, Lans und Sistrans. Genau dort lag am 26. September das Epizentrum des Hauptbebens der Stärke 3,8, über das ich in Teil 3 geschrieben habe. Und genau dort lag auch der Erdstoß der Stärke 3,1 vom 9. Oktober, den GeoSphere Austria bei Sistrans in rund 9 Kilometern Tiefe verortet hat. Das erste der beiden Mikrobeben passt also nahtlos ins Bild. Es ist, nüchtern betrachtet, ein weiterer Nachzügler in einem Gebiet, das seit Wochen nicht zur Ruhe kommt.
Das zweite Beben ist interessanter. 36 Kilometer östlich von Innsbruck, das ist grob die Gegend um Jenbach und den Eingang des Zillertals, also deutlich weiter talabwärts als die drei Schwerpunkte, die der Erdbebendienst für die aktuelle Serie benennt: östlich von Hall, südöstlich von Innsbruck und nördlich der Stadt. Ob dieses Beben wirklich dort lag, würde ich bei einer automatischen Lokalisierung der Stärke 0,6 allerdings nicht beschwören. Bei so schwachen Signalen, die nur von wenigen Stationen sauber erfasst werden, verrutscht ein Epizentrum schnell um ein paar Kilometer. Falls es sich bestätigt, wäre es ein Hinweis darauf, dass im Inntal nicht nur ein Abschnitt arbeitet. Falls nicht, war es eben Rauschen mit Ortsangabe.
Was seit Teil 3 passiert ist
Als ich Teil 3 geschrieben habe, ging es um ein Trio: Vorbeben, Hauptbeben, Nachbeben, alles an einem Samstag. Inzwischen ist klar, dass dieses Trio nur ein Kapitel war. Die Serie läuft nach Angaben von GeoSphere Austria seit Anfang August, und Anfang Oktober zählte die Leiterin des Erdbebendienstes, Maria Papí-Isaba, mehr als 270 Beben im Raum Innsbruck–Hall, 28 davon spürbar. Tirol allein kam bis dahin auf 708 der österreichweit 1.163 registrierten Beben des Jahres.
Die markanten Wegmarken in Kurzform:
8. August: Stärke 3,5 bei Hall, frühmorgens um 6:42 Uhr, deutlich verspürt im ganzen Großraum Innsbruck.
26. September: Stärke 3,8 bei Aldrans, bislang das stärkste Beben der Serie, mit Vor- und Nachbeben am selben Tag.
7. Oktober: Stärke 3,7 bei Hall um 3:02 Uhr, also genau zu der Uhrzeit, zu der man ein Erdbeben am wenigsten braucht. Mehrere Nachbeben in den Stunden danach.
9. Oktober: Stärke 3,1 bei Sistrans, erst mit 3,4 gemeldet und dann nach unten korrigiert.
Danach eine lange Reihe kleiner Erdstöße zwischen 0,7 und 2,x, verteilt über Hall, Sistrans und den Norden der Stadt.
Die Seismologin Rita Meurers hat das nach dem 7. Oktober recht anschaulich erklärt: Offenbar seien noch Restspannungen vorhanden, die sich stufenweise lösen. Das ist der Satz, den man im Kopf behalten sollte, wenn man die beiden Einträge von Donnerstagnacht liest.
Warum eine 0,6 trotzdem etwas erzählt
Die Magnitudenskala ist logarithmisch, und das ist bei solchen Meldungen der Punkt, an dem das Bauchgefühl regelmäßig versagt. Eine Stufe mehr bedeutet etwa die 32-fache Energie. Zwischen der 3,8 vom 26. September und der 0,6 von Donnerstagnacht liegen 3,2 Stufen. Das ergibt grob den Faktor 60.000. Man könnte also sagen, das Hauptbeben hat in einem Ruck so viel Energie freigesetzt wie sechzigtausend dieser Mikrobeben zusammen. Wer sich bei solchen Zahlen Sorgen macht, dass die vielen Kleinen sich zu etwas Großem aufaddieren, kann beruhigt sein. Das tun sie nicht. Eher ist es umgekehrt: Die Kleinen sind das Kleingeld, das nach dem großen Schein übrig bleibt.
Interessant sind sie trotzdem, und zwar aus einem anderen Grund. Die Seismologie lebt von der Statistik der kleinen Beben. Für jedes Beben einer bestimmten Stärke gibt es grob zehnmal so viele, die eine Stufe schwächer sind. Diese Gesetzmäßigkeit, nach ihren Entdeckern Gutenberg-Richter-Beziehung genannt, funktioniert nur, wenn man die Kleinen auch zählt. Eine Serie, die zwei Monate nach ihrem Beginn noch Mikrobeben im Epizentralgebiet des Hauptstoßes produziert, ist also nicht beunruhigend, sondern lehrbuchhaft. So sieht ein Störungssystem aus, das seine Spannungen in Raten abbaut.
Und es gibt noch einen dritten Aspekt, der mir persönlich gefällt: Dass solche Beben überhaupt in einer öffentlichen Liste auftauchen, ist ein Verdienst der Messnetze. Vor dreißig Jahren hätte eine 0,6 bei Innsbruck schlicht nicht existiert, zumindest nicht für die Öffentlichkeit. Heute kann jeder, der will, nachts um elf auf seinem Telefon nachsehen, dass sich unter dem Patscherkofel wieder etwas zurechtgerückt hat. Man muss das nicht wollen. Aber man kann.
Die übliche Frage
Bleibt die Frage, die bei jeder neuen Meldung aus dem Inntal von selbst auftaucht: Kommt da noch etwas Größeres? Die ehrliche Antwort des Erdbebendienstes lautet, dass sich aus der aktuellen Serie kein Hinweis auf einen unmittelbar bevorstehenden stärkeren Erdstoß ableiten lässt, weitere Beben und spürbare Nachbeben aber möglich sind. Zeitpunkt und Stärke lassen sich nicht vorhersagen. Das ist keine Ausrede, das ist der Stand der Wissenschaft.
Langfristig sieht die Sache anders aus, und darauf habe ich in Teil 3 schon hingewiesen. Die Sedimente im Achensee haben der Universität Innsbruck drei Starkbeben mit Magnituden um 6 bis 6,5 verraten, die im Abstand von ein- bis zweitausend Jahren auftreten. Das Beben von Hall 1670 gehört in diese Liga. Das heißt nicht, dass die aktuelle Serie der Vorbote eines solchen Ereignisses ist. Es heißt nur, dass das Inntal kein seismisch harmloses Tal ist, auch wenn es sich die meiste Zeit so anfühlt.
Die beiden Mikrobeben von Donnerstagnacht ändern an dieser Einschätzung nichts. Sie bestätigen nur, was ohnehin alle Daten sagen: Die Serie ist noch nicht vorbei, aber sie ist leiser geworden. Ein Flüstern statt eines Grollens. Ich behalte das im Auge und melde mich, wenn aus dem Flüstern wieder etwas anderes wird.
Hinweis: Beide Beben vom 22. Oktober 2026 waren zum Zeitpunkt des Schreibens nur automatisch erfasst und als unbestätigt gekennzeichnet. Magnitude und Lage können sich nach manueller Auswertung noch ändern. Zeitangaben in Weltzeit (UTC), Ortszeit jeweils plus zwei Stunden.
Quellen
GeoSphere Austria / Tips.at: Mehr als 270 Erdbeben: Warum die Erde in Tirol nicht zur Ruhe kommt (9.10.2026)
Tiroler Tageszeitung: Erdbebenserie in Tirol setzt sich fort: Leichte Nachbeben in Hall registriert (Okt. 2026)
Tiroler Tageszeitung: Es wackelte erneut: Deutlich spürbares Erdbeben der Stärke 3,1 im Raum Innsbruck (9.10.2026)
EMSC: Erdbeben M 3,5, Austria, 8.8.2026
VOL.at/APA: Unübliche, aber nicht außergewöhnliche Bebenserie in Tirol (Okt. 2026)
Universität Innsbruck / stol.it: Erdbeben-Bruchzone im Achensee entdeckt
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