Posts

Es werden Posts vom November, 2026 angezeigt.

Wackler an der Grenze, Teil 12: Unter dem Brotlaib

  Warum ein kleines Beben bei Eisenerz nichts mit dem Erzberg zu tun hat und trotzdem eine Menge über die Ostalpen erzählt Sonntag, 1. November 2026, 6:37 Uhr. Während in Franken die meisten noch den Allerheiligen-Schlaf pflegen, ruckt es in der Obersteiermark. Magnitude 2,5, Herdtiefe 12,5 Kilometer, Epizentrum rund 7,6 Kilometer südwestlich von Eisenerz im politischen Bezirk Leoben. Intensität II, also sehr schwach, zwei Wahrnehmungsberichte. Am Epizentrum fiel zu dieser Zeit leichter Schnee bei knapp unter null Grad. Die Primärdaten stammen von der ZAMG, die seit 2023 eigentlich GeoSphere Austria heißt, was die Aggregatoren aber offenbar noch nicht mitbekommen haben. Kein Beben, das irgendwen aus dem Bett wirft. Aber eines, das in diese Reihe gehört, weil es an einem Ort passiert ist, an dem man reflexartig die falsche Erklärung parat hat. Wo genau Die Koordinaten liegen bei 47,48 Grad Nord und 14,82 Grad Ost. Nach meiner Lesart der Karte ist das mitten in den Eisenerzer Al...

Vom Weltmarktführer zum Insolvenzfall:

Es gibt kaum ein besseres Beispiel für den dramatischen Wandel einer Branche als die Geschichte der Eastman Kodak Company. Gegründet Ende des 19. Jahrhunderts, wurde Kodak zum Synonym für Fotografie – und scheiterte am Ende ausgerechnet an einer Erfindung, die aus dem eigenen Haus stammte. Ein Blick auf mehr als 130 Jahre unternehmerischen Auf- und Abstiegs. 1. Die Gründung: Ein Selfmade-Unternehmer mit Vision (1880–1900) Die Geschichte von Kodak beginnt mit einem Mann, der nie das College besuchte: George Eastman, geboren 1854 in Waterville, New York. Als junger Buchhalter entdeckte er seine Leidenschaft für die Fotografie – ein damals mühsames Handwerk, das schweres Equipment und chemische Kenntnisse erforderte. 1880 begann Eastman in seiner Küche mit der Entwicklung von trockenem Fotopapier und Glasplatten. Bereits drei Jahre später gründete er die Eastman Dry Plate Company in Rochester, New York. Sein eigentlicher Durchbruch gelang ihm jedoch 1888 mit dem ersten Kodak-Rollfilm und ...

Wackler an der Grenze, Teil 11: Ein Wasserkocher unter den Teufelsbergen

  Was ein Mikrobeben am Pas de Cheville mit zwei Bergstürzen, einem Weinberg auf Geröll und dem Wallis von 1946 zu tun hat Eigentlich war der Abend schon gelaufen. Vrancea, Zagreb, das Soča-Tal, das hätte für eine Nacht gereicht. Dann kam noch eine Meldung, die ich beinahe weggeklickt hätte. Samstag, 31. Oktober, 6:28 Uhr Weltzeit, also 7:28 Uhr bei uns: ein Beben der Stärke 0,7 in 4,6 Kilometern Tiefe, vom EMSC manuell bestätigt, aufgezeichnet von zehn Stationen. Gespürt hat es niemand. Die Meldung verortet es 49 Kilometer südöstlich von Lausanne, im Bezirk Lausanne. Das ist die Art Ortsangabe, die automatische Systeme lieben: Man nimmt die nächste größere Stadt, misst die Entfernung und schreibt den Rest gleich mit dazu. Tatsächlich liegt das Epizentrum im Bezirk Aigle, und mit dem Genfersee-Ufer hat die Stelle nichts mehr gemein. Nach den Koordinaten, 46,29 Grad Nord und 7,18 Grad Ost, sitzt das Beben ziemlich genau am Pas de Cheville. Das ist der Übergang zwischen der Alp A...

Wackler an der Grenze, Teil 10: Der Wackler, der aus der Grube kam

  Warum ein Beben der Stärke 2,1 bei Chrzanów kein Erdbeben im eigentlichen Sinne war – und was das westliche Kleinpolen über die zwei Gesichter des Bergbaus erzählt Die Meldung kam, wie die meisten in dieser Reihe, ganz unspektakulär daher. Ein schwaches Erdbeben der Stärke 2,1, 9,4 Kilometer südwestlich von Chrzanów in der Woiwodschaft Kleinpolen, am 31. Oktober 2026 um 00:14 Uhr Weltzeit, also um 1:14 Uhr Ortszeit. 33 Stationen haben es registriert, gespürt hat es offiziell niemand, der Status lautet „automatisch“, also noch von keinem Seismologen angefasst. Als Tiefe stehen 10 Kilometer im Datenblatt. Dazu, wie immer, das Wetter am Epizentrum: bedeckt, 6,9 Grad, 96 Prozent Luftfeuchtigkeit. Eine Angabe, die einem bei diesem Beben besonders wenig hilft, und warum, dazu gleich. Auf den ersten Blick ist das ein Mikrobeben wie viele andere, die ich hier in den letzten Wochen auseinandergenommen habe. Auf den zweiten Blick ist es das erste Beben dieser Reihe, bei dem ich mir zieml...

Wackler an der Grenze, Teil 9: Zwei Flüsterer am Rand der Adria

  Was ein Mikrobeben bei Zagreb und eines im Soča-Tal mit Mohorovičić, dem Jahr 1511 und einer verbogenen Kathedralenspitze zu tun haben Der letzte Oktobertag hat mir zwei Meldungen hinterlassen, die man eigentlich nicht einmal einer Fußnote würdigen müsste. Um 7:26 Uhr ein Beben der Stärke 1,8 rund 17 Kilometer südlich von Zagreb, nahe Velika Gorica, in 18,6 Kilometern Tiefe. Und abends um 22:40 Uhr ein Beben der Stärke 0,7 im Westen Sloweniens, gut 50 Kilometer westlich von Ljubljana. Gespürt hat beide niemand. Das EMSC hat das kroatische Beben bestätigt, das slowenische steht noch als automatische Erkennung im Katalog. Zwei Flüsterer also. Aber sie flüstern an zwei Stellen, an denen die Erde in der Vergangenheit sehr laut geworden ist. Und sie gehören, auch wenn 230 Kilometer zwischen ihnen liegen, zur selben Geschichte. Der gemeinsame Nenner heißt Adria Wer die bisherigen Teile dieser Reihe verfolgt hat, kennt das Grundmuster: Irgendwo drückt etwas, irgendwo gibt etwas nac...

Wackler an der Grenze, Teil 8: Siebzig Kilometer unter Vrancea

  Warum drei unspürbare Beben in einer Nacht interessanter sind als manches, das man spürt Es ist kurz nach ein Uhr nachts, der November ist gerade eine Stunde alt, und auf meinem Bildschirm steht eine Meldung, die so unscheinbar ist, dass man sie eigentlich überscrollen müsste. Ein Erdbeben der Stärke 3,6, 38 Kilometer von Focşani im Kreis Vrancea, Rumänien. 23:35 Uhr Weltzeit, vor Ort war es schon Sonntag, 1:35 Uhr. Die Seite, die mir das meldet, behauptet zwar, die Ortszeit sei Weltzeit, aber das sei ihr verziehen. Niemand hat das Beben gespürt. Das war es. Nur war es das eben nicht. Es war bereits das dritte Beben aus derselben Ecke in dieser Nacht. Und was mich daran hängen lässt, ist nicht die Stärke, sondern eine Spalte in der Tabelle, die man normalerweise überliest: die Tiefe. Um 22:04 Uhr Ortszeit bebte es mit Stärke 2,6 in 114 Kilometer Tiefe. Um 0:46 Uhr folgte eine 3,0 in 70 Kilometer Tiefe. Um 1:35 Uhr dann die 3,6 in 124 Kilometer Tiefe, das stärkste der drei. Dr...