Nachtrag zur Vulkankarte: Der Abschlussbericht ist da, und die Rhön sitzt in der zweiten Reihe
Im März habe ich hier über die Frage geschrieben, wo in Deutschland in ferner Zukunft wieder Vulkane entstehen könnten. Anlass war damals ein Artikel von Jens Skapski auf erdbebennews.de über eine Arbeit der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, kurz BGR. Jetzt macht auf Facebook eine Meldung der BGR selbst die Runde, mit Deutschlandkarte, bunten Flecken und dem Hinweis auf den Abschlussbericht zum Projekt „Magmatismus“. Die Kommentarspalten tun, was Kommentarspalten tun. Ich habe mir angesehen, was daran neu ist.
Dieselbe Karte in anderer Verpackung
Die kurze Antwort: wenig. Hinter der Meldung steht dieselbe Arbeitsgruppe wie im März, nämlich Alexander Bartels, Lisa Rummel und Franz May von der BGR in Hannover. Das Projekt „Magmatismus“ lief von 2019 bis Ende 2024. Unterwegs sind mehrere Berichte entstanden, darunter 2023 ein Ergebnisbericht mit den ersten deutschlandweiten Karten. Die englische Fassung der Methode ist am 2. März 2026 als Kapitel C des USGS Professional Paper 1890 erschienen, und das war die Studie, um die es im März ging.
Die Methode ist also dieselbe geblieben. Von 30 vorgeschlagenen geowissenschaftlichen Indikatoren wurden 15 ausgewählt und mit insgesamt 20 messbaren Parametern beschrieben, von seismischen Auffälligkeiten im Erdmantel über Störungszonen, Bodenbewegungen und Erdbeben bis zu Mantelgasen und dem Alter der bekannten Vulkangesteine. Jeder Parameter wird auf eine Skala von 0 bis 10 gebracht, alles zusammen ergibt einen Index. Wo sich viele Auffälligkeiten überlagern, ist der Wert hoch.
Die Liste, diesmal in der Reihenfolge der Autoren
Was die Meldung besser macht als mancher Zeitungsartikel im Frühjahr, ist die saubere Aufzählung. An der Spitze steht die Eifel, mit den höchsten Werten in der Osteifel. Danach nennt die Zusammenfassung der Studie acht weitere Gebiete mit erhöhtem Potential: das Siebengebirge, den nordöstlichen Hunsrück mit dem westlichen Taunus, das Rhein-Main-Tiefland, die Hessische Senke, den Vogelsberg, die Oberpfalz, den südlichen Oberrheingraben und den Hegau.
Darunter sind Gegenden, in denen seit 66 Millionen Jahren kein Vulkan ausgebrochen ist. Das ist der eigentliche Kern der Arbeit: Der Index bewertet nicht nur, wo es früher gebrannt hat, sondern auch, wo der Untergrund heute die Voraussetzungen dafür mitbringt. Ein hoher Wert ohne einen einzigen alten Vulkan ist deshalb kein Fehler in der Karte, sondern ihre Aussage.
Und wo ist die Rhön
Beim Lesen der Meldung habe ich die Rhön vermisst. In der Aufzählung im Text kommt sie nicht vor, in der Legende der Grafik aber sehr wohl, als „R“ zwischen Hessischer Senke und Heldburger Gangschar. Die Studie selbst löst das auf. Die Rhön steht dort in einer zweiten Gruppe, die ausdrücklich als Gebiete mit relativ niedrigeren, aber immer noch erhöhten Indexwerten geführt wird. In dieser Gruppe finden sich außerdem das südliche Vogtland, die Heldburger Gangschar und das Gebiet um Bad Urach.
Vergessen wurde die Rhön also nicht, sie hat es nur nicht in den Pressetext geschafft. Ein Profilschnitt durch die Karte zeigt die Größenordnung: Im Bereich von Vogelsberg und Rhön liegt der Index bei etwa 3, in der Osteifel bei mehr als 6,5. Warum die Rhön in der Rangfolge trotzdem hinter dem Vogelsberg landet, erklärt die Studie nicht eigens. Sie sagt nur allgemein, dass die Werte dort steigen, wo mehrere Parameter gleichzeitig anschlagen. Der Rhön-Vulkanismus ist nach den Angaben der Autoren 21 bis 13 Millionen Jahre alt. Ein altes Vulkanfeld allein macht eben noch keinen hohen Index.
Mein Egerbecken in der zweiten Reihe
Für mich persönlich ist ein anderes Detail das interessantere. Die Oberpfalz steht in der ersten Gruppe, das südliche Vogtland in der zweiten. Ausgerechnet die Gegend mit den Schwarmbeben, den Mofetten und den jüngsten Vulkanen weit und breit landet also teils vorn, teils im Mittelfeld. Wer hier mitliest, kennt meine Überzeugung, dass im Egerbecken irgendwann wieder etwas ausbricht. Daran ändert die Karte nichts, und sie widerspricht dem auch nicht.
Zum Vergleich lohnt ein Blick zurück. Der Arbeitskreis Auswahlverfahren Endlagerstandorte kannte Anfang der 2000er Jahre nur zwei gefährdete Gebiete in Deutschland, die Eifel und das Vogtland mit dem Egergraben. Für den westlichen Egergraben nannte er damals eine Wahrscheinlichkeit von etwa 50 Prozent, dass der Vulkanismus innerhalb einer Million Jahre wieder auflebt. Die BGR vergibt heute keine Prozentzahlen mehr, sondern nur noch Rangfolgen. Das ist weniger griffig, aber ehrlicher.
Was die Karte nicht ist
Bleibt der Hinweis, den die Kommentarspalten zuverlässig überlesen. Die Karte zeigt ein relatives Potential über eine Million Jahre und dient der Suche nach einem Endlager für hochradioaktiven Abfall. Das Standortauswahlgesetz schließt Gebiete aus, in denen es quartären Vulkanismus gibt oder künftig vulkanische Aktivität zu erwarten ist. Eine Vorhersage ist das nicht, und eine Magmakammer unter Frankfurt behauptet auch niemand.
Der unbequemste Satz der Studie steht ohnehin woanders: Ein vollständiger Ausschluss vulkanischer Aktivität für die nächste Million Jahre ist wahrscheinlich nirgendwo in Deutschland möglich. Wer ein Endlager sucht, sucht demnach nicht den sicheren Ort, sondern den am wenigsten unsicheren. Das klingt nach einer Kleinigkeit, ist aber der Unterschied zwischen Geologie und Wahlkampf.
Quellen
Bartels, A., Rummel, L., May, F. (2026): Forecasting igneous activity in Germany – A multi-criteria approach. USGS Professional Paper 1890, Kapitel C, 42 S. https://doi.org/10.3133/pp1890C
Rummel, L., Bartels, A., May, F., Kottwitz, M. O., Baumann, T. S. (2024): Determining the relative potential of future igneous activity in Germany – a multi-criteria approach. EGU General Assembly 2024, EGU24-3858.
BGR: Projektseite „Magmatismus“ (Laufzeit 2019 bis 2024) mit Berichtsliste, bgr.bund.de
Kommission Lagerung hoch radioaktiver Abfallstoffe, K-Drs. AG3-113, Abschnitt „Vulkanische Aktivität“ (Einschätzung des AkEnd zu Eifel und Vogtland/Egergraben).
Meldung der BGR auf Facebook: „Potential für zukünftigen Vulkanismus in Deutschland“.
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