Angekommen auf der falschen Seite
Danke, wir brauchen euch jetzt nicht mehr
Es gibt Sätze, die man nicht plant. Sie stehen irgendwann einfach im Raum, meistens abends, meistens nach einem Artikel zu viel. Bei mir lautete er neulich: Ich fühle mich auf der falschen Seite angekommen.
Nicht auf der falschen Seite einer Debatte. Das kenne ich, das gehört zum Bloggen dazu. Sondern auf der falschen Seite einer Entwicklung. Man steht nicht mehr da, wo die Dinge entstehen, sondern da, wo sie ankommen. Fertig, verpackt, mit fremdem Typenschild.
Ich habe in den vergangenen Monaten mehrfach darüber geschrieben, ohne es so zu nennen. Über die Luftfracht, die buchstäblich an Deutschland vorbeifliegt. Über einen kalifornischen Chiphersteller, der an der Börse mehr wert ist als alles, was dieses Land in einem Jahr erwirtschaftet. Über Mobilfunknetze, für die Europa gerade noch zwei eigene Ausrüster hat und trotzdem darüber streitet, wer hinein darf. Jeder dieser Beiträge stand für sich. Zusammen ergeben sie ein Bild, das mir nicht gefällt.
Ein Satz aus dem Jahr 2018
Neulich bin ich wieder auf einen Artikel aus der Welt vom November 2018 gestoßen. Es ging um Kuka, den Roboterbauer aus Augsburg. Zwei Jahre zuvor hatte der chinesische Hausgerätekonzern Midea das Unternehmen für rund 4,5 Milliarden Euro übernommen. Berlin hatte das durchgewinkt. Es gab Standort- und Beschäftigungsgarantien bis Ende 2023, sogar die IG Metall stimmte zu. Ein deutsch-chinesisches Vorzeigeprojekt, so hieß das damals.
Im November 2018 ging der langjährige Kuka-Chef Till Reuter dann überraschend, ohne öffentliche Begründung. Kurz darauf folgte ein Sparprogramm über 300 Millionen Euro, inklusive Stellenabbau. Und die Politik entdeckte, was sie zwei Jahre vorher hätte sehen können. Brigitte Zypries erklärte schon 2017, so ein Fall solle sich nicht wiederholen. Peter Altmaier kündigte 2018 an, die Schwelle für Prüfungen bei ausländischen Beteiligungen von 25 auf 15 Prozent zu senken. Die Reihenfolge ist bemerkenswert: erst verkaufen, dann nachdenken, dann Regeln verschärfen.
Hängen geblieben ist mir aber ein anderer Satz. Ein Industrievertreter sagte damals, deutsche Firmen seien für China vielleicht nicht mehr als Technologielieferanten, die man nicht mehr braucht, wenn der Rückstand aufgeholt ist. Und dann: „Vielleicht heißt es auch bei den deutschen Autobauern in China, danke, aber wir brauchen euch jetzt nicht mehr. Es ist das Zeitalter der E-Autos angebrochen, und die bauen wir selbst.“
Das war 2018. Man hat es gelesen, genickt und weitergemacht.
Acht Jahre später
Heute bauen sie die E-Autos selbst. Und nicht nur für China. BYD, Leapmotor, XPeng und MG haben in Deutschland 2026 innerhalb weniger Monate mehrere zehntausend Fahrzeuge zugelassen, bei Elektroautos teils mit Zuwächsen im dreistelligen Prozentbereich. Der Gesamtanteil chinesischer Marken liegt hierzulande zwar erst bei rund sechs Prozent, im übrigen Europa ist er fast doppelt so hoch. Aber die Richtung ist eindeutig, und die Gründe kennt jeder, der einmal bei einem Händler stand: mehr Auto, mehr Ausstattung, mehr Software, weniger Preis.
Die besondere Pointe liegt darin, dass der deutsche Staat diesen Boom mitfinanziert. Die neue E-Auto-Prämie gilt auch für Fahrzeuge, die in Shenzhen oder Hefei gebaut werden. Man subventioniert also mit Steuergeld den Markteintritt derer, vor denen man sich gleichzeitig mit Zöllen schützen will. Wenn das ein Plan ist, dann ein sehr gut versteckter.
Und Kuka? Midea prüft laut Bloomberg, das Augsburger Unternehmen 2027 an die Börse zu bringen. In Shenzhen. Der Kreis schließt sich ziemlich sauber.
Das kennen wir doch
Manchmal erinnert mich das an die Zeit, als die Japaner auf den deutschen Markt drängten. In den Siebzigern hat man über Toyota, Datsun und Mazda gelacht. Zu klein, zu rostig, zu billig, nichts für ordentliche deutsche Straßen. Dann waren die Autos plötzlich zuverlässig, voll ausgestattet und günstiger, und das Lachen wurde leiser.
Der Unterschied ist nur: Damals haben die deutschen Hersteller reagiert. Sie haben bei der Qualität nachgezogen und technologisch die Nase vorn behalten. Heute liegt der Vorsprung bei Batterie, Software und Entwicklungstempo eher auf der anderen Seite. Damals war Deutschland der Etablierte, der sich wehrt. Heute ist es der Etablierte, der erklärt, warum es diesmal anders ist.
Warum es sich so anfühlt
Ich arbeite seit 2013 im Glasfaser- und Mobilfunkausbau. Ich sehe jeden Tag, wie Infrastruktur entsteht und wie lange sie braucht. Ich sehe Genehmigungen, die Monate liegen. Ich sehe Masten, auf denen keine deutsche Technik mehr hängt, weil es keine mehr gibt. Und ich lese dann, dass die Politik genau jetzt besonders genau wissen will, wer unsere Netze baut.
Das ist das eigentliche Gefühl. Nicht, dass andere besser geworden sind. Das gehört zum Wettbewerb, und das ist in Ordnung. Sondern dass man hier lange genug Zeit hatte, es kommen zu sehen. Bei Kuka. Bei den Netzausrüstern. Bei den Autos. Bei der Luftfracht. Die Warnungen waren nicht geheim, sie standen in der Zeitung. Man hat sie gelesen, genickt und weitergemacht.
Auf der falschen Seite landet man selten durch einen einzigen Fehler. Man wird dort hingestellt, Beschluss für Beschluss, Legislaturperiode für Legislaturperiode, durch lauter Entscheidungen, die einzeln vernünftig klangen.
Was bleibt
Ich habe im Nvidia-Beitrag geschrieben, dass es heute keine Mauer gibt wie 1989. Die Schranken sind selbst gebaut, kulturell, politisch, bildungspolitisch. Daran halte ich fest. Das ist kein Trost, aber es ist ein Unterschied. Was selbst gebaut ist, lässt sich auch selbst wieder abbauen. Ob es jemand tut, ist eine andere Frage.
Bis dahin mache ich, was ich kann. Ich baue Netze, so schnell es die Genehmigungen erlauben. Ich lege mein Geld dort an, wo Wachstum stattfindet, auch wenn es nicht hier stattfindet. Und ich schreibe auf, was ich sehe, damit später niemand sagen kann, man hätte es nicht wissen können.
Danke, wir brauchen euch jetzt nicht mehr. Der Satz war 2018 an die deutschen Autobauer gerichtet. Ich fürchte, er war schon damals an uns alle adressiert.
Quellen: Nikolaus Doll, Gerhard Hegmann: „Fall Kuka schürt Angst vor China“, Die Welt, 27.11.2018. Börsen-Zeitung/Bloomberg: „Midea will Kuka in China zurück an die Börse bringen“, 30.06.2026. KBA-Neuzulassungszahlen 2026 nach autocolumn.com und electricar-magazin.de.
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