Bruchstücke – Wie Mitteldeutschlands Landschaft entstand, Teil 5 Ilm, Saale, Elbe: Treppen, die das Eis gebaut hat

 


Bisher ging es in dieser Reihe um Schollen, also um Bewegungen der Erdkruste, die sich in Millionen Jahren messen. Dieser Teil ist schneller. Er handelt von den letzten rund zweieinhalb Millionen Jahren, dem Eiszeitalter, und von den Flüssen, die in dieser Zeit die Landschaft zwischen Thüringer Wald und Elbe ausgeformt haben. Die Bruchschollen haben die Bühne gebaut. Die Flüsse haben darauf gespielt, und das Eis hat ihnen mehrmals das Drehbuch umgeschrieben.

Wer an Ilm, Saale oder Elbe wandert, kennt das Phänomen, auch wenn er es vielleicht nie bemerkt hat: Die Talhänge steigen nicht gleichmäßig an, sondern in Stufen. Flache Absätze, dann ein Hang, dann wieder ein flacher Absatz. Diese Stufen heißen Flussterrassen, und sie sind das Tagebuch des Eiszeitalters.

Wie eine Terrassentreppe entsteht

Das Prinzip ist erstaunlich einfach. In den Kaltzeiten war das Land weitgehend kahl, der Boden gefroren, und Frost sprengte unablässig Gestein von den Hängen. Die Flüsse bekamen viel mehr Schutt, als sie wegtragen konnten. Sie verwilderten zu breiten, verzweigten Rinnen und füllten ihre Täler mit Schotter auf. In den Warmzeiten kehrte der Wald zurück, die Hänge wurden stabil, die Flüsse führten weniger Geröll und schnitten sich in ihre eigenen Schotterkörper ein. Übrig blieb am Talrand ein Stück des alten Talbodens, eine Terrasse.

Wiederholt sich das über mehrere Kaltzeiten und hebt sich zugleich das Land langsam, wie es die Schollen aus den vorigen Teilen tun, dann entsteht eine Treppe. Die ältesten Terrassen liegen oben, die jüngsten unten, genau umgekehrt wie bei Gesteinsschichten. Wer eine Terrassentreppe hinaufsteigt, geht in der Zeit zurück.

Wie das aussieht, zeigt eine Zusammenfassung zum Pleistozän des nördlichen Harzvorlands. Dort unterscheidet man drei Stockwerke: die Oberterrasse in 35 bis 70 Metern Höhe über dem heutigen Talboden, entstanden vor oder zu Beginn der Elster-Kaltzeit, die Mittelterrasse in meist 15 bis 20 Metern Höhe aus der Saale-Kaltzeit, und die Niederterrasse fast auf Flussniveau aus der letzten, der Weichsel-Kaltzeit. An der Elbe zwischen Wittenberg und Magdeburg liegt die Niederterrasse fünf bis acht Meter über dem Fluss.

Als das Eis kam

Für Mitteldeutschland gab es aber nicht nur kalte Zeiten, sondern zweimal den Ernstfall: Das skandinavische Inlandeis selbst kam. Die erste und weiteste Vereisung war die Elster-Kaltzeit. Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben 2018 mit Lumineszenzdatierungen gezeigt, dass das Eis Mitteldeutschland vor rund 450.000 Jahren erreichte, etwa 100.000 Jahre früher als bis dahin angenommen. Die zweite große Vereisung war die Saale-Kaltzeit, deren letzter Vorstoß nach denselben Untersuchungen vor rund 150.000 Jahren stattfand. In der Elster-Zeit überfuhr das Eis sogar den Harzrand und Teile des Unterharzes. Das Eis der letzten Kaltzeit, der Weichsel, blieb dagegen weit im Norden in Brandenburg stehen.

Für die Flüsse war das ein Problem. Ilm, Saale, Mulde und Elbe fließen seit Beginn des Quartärs grundsätzlich nach Norden. Und genau von dort kam das Eis. Es versperrte den Flüssen den Weg, staute sie zu Seen auf und zwang sie zu Umwegen. Die Elbe hat in dieser Zeit mehrfach ihren Lauf gewechselt. Geologen kennen frühere Läufe wie den Senftenberger und den Bautzener Elbelauf, auf denen der Fluss weit östlich seines heutigen Tals floss. In der Elster-Kaltzeit gab es zwei getrennte Entwässerungssysteme: im Westen eines aus Saale und Mulde, im Osten das der Elbe.

Die Geburt der heutigen Elbe

Dass Saale und Mulde heute in die Elbe münden und die Elbe bei Magdeburg nach Norden zur Nordsee fließt, ist eine vergleichsweise junge Errungenschaft. Erst in einer späten Phase der Saale-Kaltzeit, als das Eis am Fläming stand, wurden das westliche Saale-Mulde-System und die Elbe miteinander verbunden. Die Elbe wurde damit zum Hauptfluss der Region.

Ihr Schmelzwasser floss allerdings zunächst nicht nach Norden, sondern nach Westen durch ein großes Urstromtal, das Breslau-Magdeburg-Bremer Urstromtal, und über die Ohre zur Aller und Weser. Die Elbe war in dieser Phase also ein Zufluss der Weser. Erst als sie bei Hohenwarthe den südlichen Landrücken durchbrach, fand sie ihren heutigen Weg nach Norden. Die Ohre, die vorher die Elbe abgeführt hatte, drehte daraufhin ihre Fließrichtung um und fließt seither zur Elbe hin. Ein Fluss, der rückwärts lernen musste, das hat auch nicht jeder.

Das heutige Elbtal war im Wesentlichen schon vor dem Höhepunkt der Weichsel-Kaltzeit angelegt. Zwischen Torgau, Wittenberg, Dessau und Aken folgt die Elbe dabei einer alten Rinne aus der frühen Elster-Zeit, die später wieder aufgefüllt wurde. Wer dort an der Elbe radelt, fährt also über ein verschüttetes Eiszeittal.

Kasten: Die Kiesgrube als Archiv

Terrassenschotter sind nicht nur Geologie, sie sind auch Archäologie. In den Kiesgruben von Wallendorf und Schladebach in Sachsen-Anhalt fanden sich in den Flussablagerungen von Saale und Weißer Elster, eingebettet zwischen den Moränen der Elster- und der Saale-Vereisung, über 6.000 altsteinzeitliche Steinartefakte. Nach den Leipziger Datierungen kamen die ersten Menschen nach dem Rückzug des Elster-Eises vor rund 400.000 Jahren in die Region. Mittelpaläolithische Werkzeuge, die mit Neandertalern in Verbindung gebracht werden, sind 300.000 bis 200.000 Jahre alt, die Faustkeile von Eythra aus dem Tagebau Zwenkau rund 280.000 Jahre.

Das ist das Schöne an Terrassen: Sie stapeln nicht nur Kies, sondern auch Zeit. Und weil sie in Kiesgruben und Tagebauen angeschnitten werden, verdanken wir einen guten Teil unseres Wissens ausgerechnet der Rohstoffgewinnung. Die Bagger graben, die Forscher lesen mit.

Saale und Ilm: Täler im Kalk

Weiter im Süden, im Thüringer Becken, sind die Täler anders. Saale und Ilm haben sich dort tief in die Schichten der Trias eingeschnitten, die ich im zweiten Teil beschrieben habe. Bei Jena etwa begleiten die hellen Muschelkalkhänge das Saaletal, darunter liegen die rötlichen Schichten des Buntsandsteins. Das Tal ist hier kein Schotterfeld wie an der Elbe, sondern ein Schnitt durch die Gesteinsschüssel.

Auch hier gibt es Terrassen, und sie haben eine Besonderheit, die zum Thema des nächsten Teils führt. Im Ilmtal bei Weimar und an anderen Stellen des Beckens traten in den Warmzeiten kalkreiche Quellen aus und schieden mächtige Kalkablagerungen ab, Travertin. Jeder dieser Travertine sitzt auf einem Talboden, den der Fluss in der vorangegangenen Kaltzeit geschaffen hat. Kaltzeit-Terrasse unten, Warmzeit-Travertin oben: Das ist ein Kalender, den man fast ablesen kann.

Der Fluss heute: weniger Raum, tieferes Bett

Eine Fußnote aus der Gegenwart gehört dazu. Die Elbe hat sich nicht nur in der Eiszeit eingeschnitten, sie tut es auch heute, nur aus anderen Gründen. Bei Torgau ist die Flusssohle zwischen 1870 und 1970 um etwa zwei Meter gesunken, rund zwei Zentimeter pro Jahr, eine Folge von Flussausbau und fehlendem Geschiebe. Und von der einstigen Elbaue mit rund 220.000 Hektar ist nur noch etwa ein Fünftel als echte Überflutungsfläche aktiv. Die Deiche, die das möglich machen, werden seit rund 300 Jahren systematisch gebaut. Was das Eis in Jahrtausenden geformt hat, hat der Mensch in drei Jahrhunderten eingeengt.

Was bleibt

Die Flüsse Mitteldeutschlands sind nicht einfach da, sie sind das Ergebnis einer langen Verhandlung mit dem Eis. Die Elbe war zeitweise ein Fluss weit im Osten, dann ein Zufluss der Weser, bevor sie ihren heutigen Weg nach Norden fand. Die Terrassen an ihren Hängen sind Stufen einer Treppe, die in die Kaltzeiten hinunterführt. Und in den Kiesen dieser Stufen liegen die Werkzeuge der ersten Menschen, die nach dem Eis zurückkamen.

Im letzten Teil dieser Reihe steigen wir auf die Travertine von Weimar-Ehringsdorf und Taubach. Dort hat das Wasser nicht abgetragen, sondern aufgebaut, und dabei auch Menschen konserviert.



Quellen

Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg: Arten- und Biotopschutzprogramm Elbe, Kapitel 2 (Landschaftsgeschichte der Elbe).

Weymann, H.-J., Feldmann, L. & Bombien, H. (2005): Das Pleistozän des nördlichen Harzvorlands – eine Zusammenfassung. Eiszeitalter und Gegenwart 55: 43–63.

Leipziger Internet Zeitung (24.03.2018): Die ersten Menschen kamen schon 100.000 Jahre früher an Elster und Saale als bislang gedacht.

Mania, D. et al. (2003): Travertines in Thüringen. Hallesches Jahrbuch für Geowissenschaften.

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