Wackler an der Grenze, Nachtrag zu Teil 4: Innsbruck legt nach, diesmal auf der anderen Talseite

 


Teil 4 war kaum fertig, da hat es im Inntal wieder gerumpelt. Freitagmorgen, 6:46 Uhr, östlich von Innsbruck. Ein Nachtrag, weil das neue Beben zweierlei liefert: eine Bestätigung, die noch fehlte, und eine Frage, die es vorher nicht gab.

Was passiert ist

Am Freitag, 9. Oktober 2026, um 6:46 Uhr bebte es im Raum Innsbruck-Hall erneut. VolcanoDiscovery führt das Ereignis mit Magnitude 3,1 und verortet es knapp sechs Kilometer östlich von Innsbruck, etwa einen Kilometer ostsüdöstlich von Rum, zwei Kilometer südlich von Thaur und vier Kilometer westlich von Hall in Tirol. Bis zum frühen Nachmittag gingen dort 445 Wahrnehmungsmeldungen ein, die meisten aus Innsbruck, Hall und Rum.

Die Schilderungen kennt man inzwischen: erst ein Knall, dann ein tiefes Grollen, klirrende Gläser. Wer noch schlief, war danach wach.

Ein Beben, neun Auswertungen

Die 3,1 stammt vom amerikanischen USGS. Wer die Vergleichsliste auf derselben Seite liest, findet für dasselbe Beben neun Auswertungen mit Werten zwischen 2,7 beim Erdbebendienst Bayern und 3,5 beim französischen RENASS. GFZ Potsdam und das italienische INGV liegen bei 2,9, das EMSC bei 3,4. Zwischen dem niedrigsten und dem höchsten Wert liegt rechnerisch rund das Sechzehnfache an freigesetzter Energie. Das ist kein Skandal, sondern Alltag bei kleinen Beben: andere Stationen, andere Magnitudenskalen, andere Rechenwege.

Bei der Tiefe dasselbe Bild. Die zehn Kilometer des USGS sind ein Platzhalter für Fälle, in denen sich die Tiefe nicht sauber bestimmen lässt; VolcanoDiscovery weist selbst darauf hin. GFZ, INGV und EMSC landen zwischen sieben und knapp neun Kilometern.

Den maßgeblichen Wert liefert GeoSphere Austria als zuständiger Erdbebendienst. Der lag mir beim Schreiben noch nicht vor und wird nachgetragen.

Am Rande: Dieselbe Seite verzeichnet 60 Meldungen aus Wien und 30 aus Wiener Neustadt, jeweils mehr als 360 Kilometer entfernt. Der Blick in die Einzelberichte zeigt, dass dort Meldungen aus Hall und Innsbruck mit 381 Kilometern Entfernung zum Epizentrum geführt werden. Da hat die Verortung gewackelt, nicht der Stephansdom.

Die Bestätigung, die in Teil 4 noch fehlte

Für das Beben vom Mittwoch, 7. Oktober, 3:02 Uhr, stützte sich Teil 4 auf die Meldung von Jens Skapski. Inzwischen ist die Auswertung von GeoSphere Austria öffentlich: Magnitude 3,7, Epizentrum südöstlich von Sistrans, acht Minuten später ein Nachbeben der Stärke 1,9, gut eine Stunde danach eines mit 1,8. Vereinzelt wurden Schäden gemeldet. Damit ist es das zweitstärkste Ereignis der Serie hinter der 3,8 vom 26. September.

Auch die Gesamtbilanz hat der Erdbebendienst beziffert: seit Anfang August mehr als 270 registrierte Beben im Raum Innsbruck-Hall, 20 davon spürbar. Das Beben vom Freitag ist darin noch nicht enthalten. Zum Vergleich: Für ganz Tirol nennt GeoSphere im langjährigen Mittel etwa 14 spürbare Beben pro Jahr. Hier waren es 20 in gut zwei Monaten auf wenigen Kilometern Inntal.

Die vier stärksten Ereignisse im Überblick:

Datum

Uhrzeit

Magnitude

Lage

8. August

6:42

3,5 (GeoSphere)

Raum Hall in Tirol

26. September

9:56

3,8 (GeoSphere)

bei Aldrans, südöstlich von Innsbruck

7. Oktober

3:02

3,7 (GeoSphere)

südöstlich von Sistrans

9. Oktober

6:46

2,7 bis 3,5 (international, GeoSphere-Wert offen)

bei Rum und Thaur, vorläufig



Die andere Talseite

Interessanter als die Magnitude ist der Ort. Das Beben vom 26. September lag bei Aldrans, das vom 7. Oktober bei Sistrans, beide südlich des Inns im Mittelgebirge. Das neue wird bei Rum und Thaur verortet, nördlich des Inns am Fuß der Nordkette, laut VolcanoDiscovery rund acht Kilometer vom Mittwochsbeben entfernt.

Mit einer Einschränkung: Das USGS gibt die Unsicherheit des Epizentrums mit plus/minus fünf Kilometern an, und die Dienste liegen untereinander um vier bis vierzehn Kilometer auseinander. Ob das Beben wirklich die Talseite gewechselt hat, entscheidet erst die Lokalisierung von GeoSphere.

Passen würde es. Rita Meurers vom Österreichischen Erdbebendienst hat nach dem Mittwochsbeben erklärt, dass derzeit mehrere Bereiche gleichzeitig aktiv sind: östlich von Hall, südöstlich von Innsbruck und nördlich von Innsbruck. Das ist das Bild aus Teil 3, die Bruchzonen, die sich bei Innsbruck und Hall treffen, nur dass sich jetzt mehr als eine davon meldet.

Für die Frage aus Teil 4, ob man es mit Hauptbeben und Nachbeben zu tun hat, ist das ein weiteres Indiz dagegen. Nach der Faustregel von Båth wäre das stärkste Nachbeben gut eine Magnitude schwächer als das Hauptbeben. Stattdessen folgen auf eine 3,8 eine 3,7 und nun ein Beben um die 3, an verschiedenen Stellen. Das sieht eher nach einer Serie aus, in der mehrere Störungsabschnitte nacheinander Spannung abbauen, als nach einem einzelnen Bruch, der ausklingt. Das ist meine Lesart, keine Aussage des Erdbebendienstes.

Was daraus folgt

GeoSphere nennt die Häufung außergewöhnlich, obwohl Tirol zu den seismisch aktivsten Regionen Österreichs gehört und solche Phasen kennt, und schließt weitere Erschütterungen nicht aus. Mehr lässt sich seriös nicht sagen. Eine Serie kleiner Beben kündigt kein großes an, sie schließt es aber auch nicht aus. Vorhersagen kann das niemand.

In den Meldungen vom Freitag schreibt jemand aus Innsbruck, die Häufung mache langsam Sorgen, weil die Gegend für seltene, aber kräftige Beben bekannt sei. Wer das schreibt, kennt die Regionalgeschichte: GeoSphere führt für den Raum stärkere historische Beben in den Jahren 1572, 1670 und 1689 an. Das von 1670 bei Hall war Thema in Teil 3.

Bis dahin gilt, was im Inntal seit August gilt: Gläser nicht an die Regalkante stellen. Teil 5 schreibe ich, wenn der Untergrund es verlangt.

Quellen

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