Wackler an der Grenze, Teil 4: Eine Nacht, zwei Berge, keine bequeme Erklärung
Innsbruck legt elf Tage nach dem 3,8er mit einer 3,7 nach, und am Hochstaufen stampft es hundertfach – ausgerechnet nach Monaten, in denen es dort zu wenig geregnet hat.
Teil 3 dieser Reihe war als vorläufiger Schlusspunkt gedacht. Die Erdkruste hält sich allerdings nicht an Redaktionspläne, und so sitze ich keine zwei Wochen später wieder vor den Meldungen von Jens Skapski aus der Gruppe „Erdbeben in Deutschland“. Diesmal sind es gleich drei, und sie betreffen beide Schauplätze, die hier schon zu Gast waren: das Inntal bei Innsbruck und den Hochstaufen bei Bad Reichenhall. In derselben Nacht, im selben Zeitfenster, rund 120 Kilometer voneinander entfernt.
Innsbruck, 3:02 Uhr
In der Nacht auf den 7. Oktober bebte es südöstlich von Innsbruck gegen 3:02 Uhr mit einer Magnitude von 3,7. Das Beben wurde im Inntal deutlich verspürt und hat viele Anwohner aus dem Schlaf geholt. Im äußersten Süden Bayerns, rund um Mittenwald und Garmisch-Partenkirchen, könnten Ausläufer angekommen sein – Mittenwald liegt nur gut zwanzig Kilometer Luftlinie entfernt. Meldungen von dort gibt es laut Skapski bislang nicht.
Für sich genommen wäre das eine Randnotiz. Im Zusammenhang ist es keine. Die Chronik des Spätsommers liest sich so: Am 8. August ein Beben der Magnitude 3,5 bei Hall in Tirol, frühmorgens um 6:42 Uhr. Am 18. August eine 1,9 knapp nördlich von Innsbruck. Am 2. September eine 2,6 östlich der Stadt in rund neun Kilometern Tiefe, um 2:27 Uhr, und am späten Nachmittag gleich noch einmal ein Beben ähnlicher Stärke. Am 26. September dann das Trio bei Aldrans mit dem Hauptstoß von 3,8, bei dem vereinzelt Haarrisse und herabgefallener Verputz gemeldet wurden. Und jetzt die 3,7.
GeoSphere Austria gibt für ganz Tirol im langjährigen Mittel etwa 14 verspürte Erdbeben pro Jahr an. Der Raum Innsbruck arbeitet dieses Kontingent derzeit im Alleingang ab.
Kein Nachbeben nach Lehrbuch
Man ist versucht, die 3,7 als Nachbeben der 3,8 abzuheften. Das passt nur nicht. Nach einer alten Faustregel der Seismologie, dem Gesetz von Båth, liegt das stärkste Nachbeben im Mittel gut eine Magnitude unter dem Hauptbeben. Zu erwarten wäre also etwas um 2,6 gewesen. Eine 3,7 setzt dagegen rund siebzig Prozent der Energie des Hauptstoßes frei. Das ist kein Nachhall, das ist ein zweiter Auftritt.
Was sich südöstlich von Innsbruck abspielt, sieht damit weniger nach der klassischen Abfolge aus Vorbeben, Hauptbeben und Nachbeben aus, sondern nach einer Serie ohne klaren Hauptdarsteller. Dazu kommt, dass die Herde gewandert sind: Hall im Osten, einmal nördlich der Stadt, dann östlich, dann Aldrans im Südosten. Skapski weist ausdrücklich darauf hin, dass im Laufe der Wochen mehrere Herdgebiete rund um Innsbruck aktiv waren.
Der Antrieb dahinter ist derselbe wie in Teil 3 beschrieben. Die Adriatische Platte schiebt nach Norden, und rund um Innsbruck treffen sich die Strukturen, die diesen Druck aufnehmen müssen: die Inntalstörung, die Brenner-Abschiebung im Wipptal und die Deckenstirn der Nördlichen Kalkalpen. Dass sich Spannung nach einem Bruch auf benachbarte Flächen umlagert und dort den nächsten anstößt, ist eine naheliegende Erklärung für das Wandern. Belegt ist sie für diese Serie nicht, und eine Ferndiagnose vom fränkischen Schreibtisch aus ersetzt keine Herdflächenlösung.
Hochstaufen: der Stampfer meldet sich
Während Innsbruck wackelte, hatte der Hochstaufen seine eigene Nacht. Schon am Montagabend um 21:12 Uhr gab es dort ein Beben an der Spürbarkeitsgrenze, gefolgt von Dutzenden sehr kleinen. In der Nacht auf Mittwoch wurden daraus Hunderte, binnen weniger Stunden. Die Beben um 2:57 Uhr und 3:15 Uhr dürften in den dafür bekannten Ecken von Bad Reichenhall, vor allem um Nonn, als das zu hören gewesen sein, was man dort „Staufenstampfer“ nennt: weniger ein Wackeln als ein dumpfer Schlag aus dem Berg. Weitere folgten um 3:21, 3:22 und 3:53 Uhr.
Mit dem Morgengrauen war die Sache nicht erledigt. Am Mittwoch um 12:44 Uhr, keine zehn Stunden nach der unruhigen Nacht, grollte es erneut, wieder im Bereich einzelner akustischer Wahrnehmungen, vor allem in Nonn. Stärker als die beiden Stampfer der Nacht war dieses Beben nicht, und mitten am Tag, wenn Verkehr, Baustellen und Spülmaschinen mitreden, dürften es nur wenige bemerkt haben. Nachts hört man so etwas, tagsüber überhört man es. Dass der Schwarm auch zur Mittagszeit weiterarbeitet, heißt nicht, dass er zulegt. Es heißt nur, dass er noch nicht fertig ist.
Magnituden gibt es dazu vorerst keine. Skapski verzichtet auf Bitten offizieller Dienste auf eigene Auswertungen, bis die zuständige Stelle veröffentlicht hat. Man kann das als Kleinstaaterei der Zuständigkeiten belächeln. Man kann es auch als das seltene Beispiel dafür nehmen, dass jemand im Netz freiwillig langsamer ist als er sein könnte.
Die Theorie aus Teil 2 bekommt einen Kratzer
In Teil 2 habe ich den Hochstaufen als Musterfall hydrologisch ausgelöster Erdbeben vorgestellt: Regen dringt durch Klüfte tief in den Berg, erhöht den Porendruck, und der ohnehin unter Spannung stehende Fels gibt nach. Das stimmt weiterhin, es ist gut untersucht und einer der seltenen Fälle, in denen Wetter und Seismik nachweisbar zusammenhängen.
Nur erklärt es diese Nacht nicht. Für die laufende Serie ist kein vorausgegangenes Starkregenereignis zu erkennen, und die letzten Monate waren rund um den Staufen deutlich trockener als im langjährigen Schnitt. Der Berg schwärmt also gerade ohne den Auslöser, für den er berühmt ist. Das widerlegt den Mechanismus nicht. Es zeigt nur, dass Regen ein Auslöser ist und nicht die Ursache. Die Spannung im Gestein ist auch ohne Wasser da, und manchmal reicht sie für sich allein.
Fünf Minuten zu früh für einen Zusammenhang
Bleibt die Frage, die sich bei 2:57 Uhr am Staufen und 3:02 Uhr bei Innsbruck von selbst stellt. Hängt das zusammen? Die kurze Antwort: sehr wahrscheinlich nicht. Der Staufen war schon seit Montagabend unruhig und hat in der fraglichen Nacht fünf Minuten vor Innsbruck losgelegt, was als Reihenfolge für eine Auslösung durch das Tiroler Beben denkbar ungünstig ist. Umgekehrt löst ein kaum hörbarer Stampfer bei Bad Reichenhall keine 3,7 in 120 Kilometern Entfernung aus. Zwei Systeme mit eigener Vorgeschichte hatten dieselbe Nacht. Wer bei Hunderten von Staufenbeben in wenigen Stunden einen Zeitstempel in der Nähe von 3:02 Uhr sucht, findet zwangsläufig einen.
Was man daraus ableiten kann – und was nicht
Der Raum Innsbruck hat historisch gezeigt, wozu er fähig ist. GeoSphere Austria führt stärkere Ereignisse aus den Jahren 1572, 1670 und 1689, darunter das Beben von Hall, das in Teil 3 ausführlich vorkam. Daraus folgt für die aktuelle Serie nichts Konkretes. Eine kurzfristige Vorhersage gibt es nicht, in keine Richtung.
Das gilt auch für den beliebten Trost, viele kleine Beben würden den Druck gefahrlos abbauen. Die Rechnung dazu ist ernüchternd: Um die Energie eines einzigen Bebens der Magnitude 5 loszuwerden, bräuchte es rund sechzig Stöße der Stärke 3,8. Innsbruck hat bisher zwei in dieser Größenordnung geliefert. Als Ventil taugt die Serie also nicht, als Vorbote aber genauso wenig. Sie ist zunächst einmal das, was sie ist: auffällig.
Ein Teil 5 ist nicht geplant. Teil 4 war es allerdings auch nicht.
Quellen: Jens Skapski, „Erdbeben in Deutschland“ (Meldungen zu Innsbruck und Hochstaufen, Oktober 2026); GeoSphere Austria / Österreichischer Erdbebendienst; Berichte von Tiroler Tageszeitung, MeinBezirk, 5min.at und APA zu den Beben vom 8. August, 18. August, 2. September und 26. September 2026.
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