SABA – Vom Schwarzwälder Uhrmacher zum Pionier der FernsehtechnikEine der faszinierendsten Erfolgs- und Untergangsgeschichten der deutschen Unterhaltungselektronik
Bescheidene Anfänge im Schwarzwald (1835–1922)
Es beginnt, wie viele große Industriegeschichten, mit einem handwerklichen Kleinbetrieb: Im Jahr 1835 gründete der Uhrmacher Joseph Benedikt Schwer in Triberg im Schwarzwald eine kleine Uhrenfabrik. Was damals niemand ahnen konnte – aus diesem unscheinbaren Betrieb sollte einmal einer der bekanntesten Hersteller von Radio- und Fernsehgeräten Deutschlands hervorgehen.
Über Jahrzehnte blieb das Unternehmen überschaubar. Neben Uhren fertigte man feinmechanische Metallwaren, Präzisionsgeräte und um 1900 auch Briefwaagen und Fahrradklingeln. Im Jahr 1905 übernahm Hermann Schwer, Enkel des Gründers, den Betrieb mit gerade einmal 20 Mitarbeitern.
Der Aufbruch ins Radiozeitalter (1923–1939)
Der entscheidende Wendepunkt kam Anfang der 1920er Jahre. Hermann Schwer hörte auf einer Geschäftsreise in die Schweiz zum ersten Mal eine Rundfunksendung – und war sofort begeistert von dieser neuen Technologie. Er beschloss, den Betrieb grundlegend umzustellen.
1923 begann das Unternehmen mit der Produktion von Einzelteilen für Radiogeräte: Spulen, Kondensatoren, Transformatoren, Kopfhörer. Fortan nannte man sich Schwarzwälder Apparate-Bau-Anstalt – kurz SABA. Bereits 1924 ließ man das Markenzeichen beim Patentamt eintragen; zu diesem Zeitpunkt beschäftigte das Unternehmen bereits 330 Mitarbeiter.
Der Aufstieg verlief rasant: 1926 bot SABA Radiobausätze an, 1927 folgte die Bauerlaubnis für komplette Radiogeräte. Der Schweizer Ingenieur Eugen Leuthold entwickelte mit dem legendären S35 ein Gerät, das sich bis Ende 1929 über 100.000 Mal verkaufte. Beim 100-jährigen Firmenjubiläum 1935 zählte SABA mit einem Marktanteil von zehn Prozent zu den zweitgrößten Radiogeräteherstellern Deutschlands – nur Telefunken lag noch vor ihnen.
Krieg, Trümmer und Neuanfang (1939–1952)
Der Zweite Weltkrieg traf SABA hart. Im Auftrag der Wehrmacht stellte man auf Rüstungsproduktion um: Funkgeräte für Panzer, UKW-Sender und Feldtelefone liefen vom Band. Am 19. April 1945 zerstörten zwei Bombenvolltreffer weite Teile der Werksgebäude.
Doch SABA rappelte sich auf. Zunächst produzierte man das Nötigste: Spielzeug, Tablettenröhrchen für die Pharmaindustrie, Telefonapparate für die Deutsche Post. Der W46 – der erste völlig neu konstruierte Telefonapparat Nachkriegsdeutschlands – stammte aus dem Hause SABA. Ab 1947 rollten wieder Radiogeräte vom Band, und bald kehrte der Vorkriegserfolg zurück.
Doch dann begingen die Firmenerben einen folgenreichen Fehler: Man stieg in die Kühlschrankproduktion ein – und verpasste dabei fast völlig den aufkommenden Fernsehboom.
Der erste Fernseher: Schauinsland W II (1953)
Erst als die Kühlschranksparte 1957 endgültig eingestellt wurde und die Gebrüder Brunner-Schwer die Firmenleitung übernahmen, konzentrierte sich SABA wieder auf seine Kernkompetenz. Schon 1953 hatte man das erste serienmäßige SABA-Fernsehgerät auf den Markt gebracht: den Schauinsland W II – benannt nach dem bekannten Schwarzwälder Berg.
Das Gerät wurde zum Ausgangspunkt einer neuen Erfolgsgeschichte. In den 1950er Jahren zeigte SABA bei der IFA in Berlin seinen ersten Fernsehempfänger, und das Unternehmen investierte in immer neue Innovationen: ein großformatiger Fernsehprojektor namens Telerama kam auf den Markt, dynamische Lautsprecher wurden eingeführt, und SABA entwickelte den ersten Radioempfänger mit automatischer Scharfabstimmung.
Glanzzeit und Expansion in den 1960ern
Die 1960er Jahre waren das goldene Jahrzehnt von SABA. Das Unternehmen zählte neben Grundig, Telefunken und Nordmende zu den wichtigsten deutschen Herstellern von Rundfunk- und Fernsehgeräten. 1958 eröffnete man ein zweites Werk in Friedrichshafen auf dem ehemaligen Dornier-Gelände, um die wachsende Nachfrage nach Tonbandgeräten zu bedienen.
1961 gelang SABA ein technisch bemerkenswerter Coup: Unter dem Namen SABAvision brachte man Fernseher auf den Markt, die durch eine spezielle Folienoptik ein zeilenfreies Bild erzeugten. Die Belegschaft wuchs auf 4.500 Mitarbeiter; der Exportanteil erreichte Mitte der 1960er Jahre rund 15 Prozent.
1967 – mit der Einführung des PAL-Farbfernsehens – stieg SABA auch in das Farbfernsehgeschäft ein. Man brachte den ersten Farbfernseher mit kabellosem Fernbedienungssystem heraus und setzte damit erneut Maßstäbe.
Der Verkauf und das erste Krisenjahr (1967–1979)
Doch der Glanz trübte sich ein. Die hektische Expansion der 1960er Jahre hatte SABAs Finanzen überdehnt. Hochpreisige Nischenprodukte – darunter Tonbandgeräte für Satelliten und Tonstudios sowie Geräte zur Behandlung von Schlafstörungen – blieben Ladenhüter. 1967 rutschte SABA in der ersten Nachkriegsrezession in die Verlustzone.
Die Eigentümerfamilie Brunner-Schwer suchte einen starken Partner. 1968 erwarb der amerikanische Telefon- und Elektronikkonzern GTE-Sylvania 85 Prozent der SABA-Anteile. Zunächst schien die Partnerschaft zu funktionieren: Bis 1973 stiegen die Umsätze auf eine halbe Milliarde D-Mark.
Dann kam der Skandal: In den Jahren 1973 und 1974 fielen in vielen SABA-Farbfernsehern reihenweise Bildröhren aus dem belgischen Sylvania-Werk aus – ein Produktionsfehler mit weitreichenden Folgen. Das Image von SABA war schwer beschädigt. Firmenchef Hermann Brunner-Schwer musste seinen Hut nehmen.
Vom Weltunternehmen zur Marke ohne Werk (1980–2022)
1980 verkaufte GTE-Sylvania SABA an den französischen Thomson-Konzern – der zu dieser Zeit auch Nordmende, Dual und Telefunken aufkaufte. Das Werk in Friedrichshafen wurde geschlossen. Am 1. Juli 1982 lief das letzte komplett in Villingen gefertigte SABA-Fernsehgerät vom Band – ein Ende einer Ära.
Unter Thomson erlebte SABA noch einen letzten kulturellen Höhepunkt: Designer Philippe Starck entwarf für die Marke das Gerät Jim Nature (1994) – ein tragbarer Fernseher aus recyceltem Pressholz, der heute im Museum of Modern Art (MoMA) in New York zu bewundern ist.
Die SABA-Werke wurden 1986 formal aufgelöst. Das Nachfolgeunternehmen TTE Germany ging 2008 in Insolvenz. Die Markenrechte wanderten weiter – von Thomson zu Technicolor, und schließlich im Jahr 2022 an die Firma Talisman Brands Inc., die den Namen SABA noch heute als Lizenzmarke für Fremdprodukte nutzt.
Das Erbe von SABA
Was bleibt von SABA? Vor allem eine beeindruckende Innovationsgeschichte: automatische Scharfabstimmung, zeilenfreies Fernsehen, Farbfernseher mit Fernbedienung, modular aufgebaute Chassis mit Steckmodulen – SABA war immer wieder Vorreiter.
Und es bleibt die Geschichte eines typisch deutschen Mittelstandsunternehmens: aus dem Schwarzwald heraus groß geworden, im Familiengeist aufgebaut, dann aufgerieben zwischen Kapitalknappheit, amerikanischen Großkonzernen und dem Preisdruck japanischer Wettbewerber.
Wer heute durch Villingen-Schwenningen fährt und das ehemalige SABA-Areal sieht, der ahnt, wie viel Geschichte in diesen Mauern steckt. SABA – das war nicht nur ein Fernseher. Das war ein Stück Schwarzwald, das die Welt in die Wohnzimmer der Deutschen brachte.
Quellen: Elektronikmuseum Tettnang, Brandslex.de, MySoundbook, Wikipedia (SABA electronics manufacturer), Sozialgeschichte-Uhrenindustrie.de
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