Bruchstücke – Wie Mitteldeutschlands Landschaft entstand, Teil 2 Thüringer Wald und Thüringer Becken: Einer stieg, einer sank
Im ersten Teil ging es um den Harz, ein Gebirge, das in der Kreidezeit als Scholle aus dem Untergrund gedrückt wurde. Diesmal geht es um ein Paar. Der Thüringer Wald ist eine Scholle, die aufstieg. Das Thüringer Becken nördlich davon ist eine, die zurückblieb und sich zu einer Schüssel formte. Beide gehören zusammen wie Berg und Tal, und wer das eine verstehen will, kommt am anderen nicht vorbei.
Für mich als Franken hat das Thema noch eine zusätzliche Note. Denn die Kraft, die den Thüringer Wald gehoben hat, hat auch an der Grenze zu meiner Heimat eine Narbe hinterlassen, die man von Oberfranken bis in die Oberpfalz verfolgen kann. Dazu später mehr.
Der Kamm: ein Horst zwischen zwei Brüchen
Der Thüringer Wald ist rund 75 Kilometer lang und etwa 20 Kilometer breit und zieht sich von Westnordwest nach Ostsüdost, von Eisenach über Suhl bis zum Thüringer Schiefergebirge. Auf seinem Kamm verläuft der Rennsteig. Die höchste Erhebung ist der Große Beerberg mit 982 Metern, der bekannteste Gipfel der Große Inselberg mit 916 Metern. Ein Hinweis am Rande: Manche Quellen nennen den Inselberg als höchsten Punkt. Das ist er nicht, er ist nur der auffälligste.
Geologisch ist der Thüringer Wald ein Horst. Das bedeutet: Er liegt zwischen zwei Störungen und wurde gegenüber seiner Umgebung herausgehoben. Die nördliche Randstörung bildet eine sichtbare Geländestufe, die ungefähr der Straße von Eisenach nach Ilmenau folgt. Im Süden markiert grob die Werra die Grenze. Gehoben wurde der Block in der Kreide und im Tertiär. Die Universität Halle verortet die Hauptphase der Hebung der umgebenden Mittelgebirge in der Oberkreide, also zur selben Zeit wie beim Harz. Dieselben Kräfte, dieselbe Epoche, nur eine andere Scholle.
Und auch hier gilt: Was oben lag, ist weg. Die Trias-Schichten, die einst über dem Thüringer Wald lagen, hat die Erosion nach der Hebung abgetragen. Übrig sind die älteren Gesteine: das variskisch gefaltete Grundgebirge aus Schiefern und, besonders typisch für den Thüringer Wald, die Gesteine des Rotliegenden aus dem frühen Perm.
Ein Gebirge aus Vulkangestein und Wüstenschutt
Das Rotliegende verdient einen eigenen Absatz, denn es schlägt die Brücke zur Vulkanreihe, die ich gerade abgeschlossen habe. Im frühen Perm, zur selben Zeit, als in Nordwestsachsen die Supervulkane von Rochlitz und Wurzen ausbrachen, war auch das Gebiet des heutigen Thüringer Waldes vulkanisch aktiv. Das zerfallende Variskische Gebirge riss auf, in Senken sammelte sich roter Verwitterungsschutt aus einem heißen, trockenen Klima, und dazwischen förderten Vulkane Laven und Tuffe. Viele der markanten Felsen und Kuppen im zentralen Thüringer Wald bestehen aus diesen Vulkaniten, die man früher Porphyre nannte.
Der Thüringer Wald ist also ein doppelt geborgtes Gebirge: Seine Gesteine stammen aus der Zeit, als ein altes Gebirge zerfiel, und seine Höhe verdankt er einer Hebung, die rund 200 Millionen Jahre später kam. Die Form ist jung, der Inhalt alt. Genau wie beim Harz.
An den Rändern, wo jüngere Schichten an den Störungen aufgeschleppt oder umgekippt wurden, sind die Gesteine verkarstungsfähig. Deshalb liegen die Höhlen des Thüringer Waldes nicht im Gebirge, sondern an seinem Fuß. Die bekannteste ist die Marienglashöhle bei Friedrichroda, berühmt für ihre großen Gipskristalle.
Die Schüssel: das Thüringer Becken
Nördlich des Kamms beginnt das Thüringer Becken. Es misst etwa 100 Kilometer von West nach Ost und 75 Kilometer von Nord nach Süd und umfasst den größten Teil Thüringens. Die Universität Halle beschreibt es als schüsselförmige Synklinale zwischen Thüringer Wald und Schiefergebirge im Süden und dem Harz im Norden. Im Osten begrenzt es die Hallesche Störung, im Westen der Leinetalgraben.
Der Aufbau ist einfach zu verstehen, wenn man sich einen Stapel Teller vorstellt, der in der Mitte durchhängt. Unten liegt der Zechstein mit Salz und Anhydrit, darüber die drei Stockwerke der Trias: Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper. In der Mitte des Beckens liegen die Schichten fast waagerecht, zu den Rändern hin steigen sie an. Weil die Schichten unterschiedlich hart sind, hat die Erosion daraus Höhenzüge herausgearbeitet: Hainleite und Dün aus Unterem Muschelkalk, die Windleite aus Buntsandstein. Wer durch Thüringen fährt, fährt also über die angeschnittenen Ränder einer gewaltigen Gesteinsschüssel.
Die Trias erzählt dabei eine Klimageschichte. Mitteleuropa lag damals auf etwa 30 bis 40 Grad nördlicher Breite im Inneren von Pangäa, und das Klima war trocken. Im Buntsandstein finden sich Ablagerungen von Flüssen, Wind, Salzpfannen und Playa-Seen. Im Muschelkalk drang das Meer ein und hinterließ Kalke, Oolithbänke und Schaumkalk. Bei Freyburg an der Unstrut hat man Seelilien von 35 Zentimetern Länge gefunden. Dass an Saale und Unstrut heute Wein wächst, an steilen Hängen über Muschelkalk, hat mit dieser Meeresvergangenheit zumindest indirekt zu tun: Kalkböden, Südhänge, wärmespeichernder Fels.
Warum die Schüssel Falten hat
Ganz so glatt, wie das Tellerbild suggeriert, ist das Becken nicht. Es wird von zahlreichen Störungszonen durchzogen, die meist von Nordwest nach Südost verlaufen, in sogenannter herzynischer Richtung, also parallel zum Harzrand und zum Thüringer Wald. Die Finne-Störung und die Eichenberg-Gotha-Saalfelder Störungszone gehören dazu. Entlang dieser Linien kam es fast gleichzeitig zu Dehnung und Pressung: Gräben brachen ein, an anderer Stelle wurden Schichten aufgeschoben und gefaltet. Die Geologen nennen das saxonische Tektonik.
Dazu kommt das Salz. Der Zechstein in der Tiefe ist plastisch, und wo er sich bewegt, hebt er die Schichten darüber an. So entstanden mitten im Becken Höhenzüge wie Hainich, Finne und Großer Ettersberg. Der Hainich mit seinem Buchenwald ist heute Welterbe, der Ettersberg bei Weimar trägt eine der dunkelsten Erinnerungen der deutschen Geschichte. Beide verdanken ihre Höhe dem Salz in der Tiefe.
Wo herzynische und rheinische Störungen sich kreuzen, drangen im Tertiär sogar Basaltgänge auf. Der Vulkanismus aus meiner vorigen Reihe hat also auch hier seine Spuren hinterlassen, nur viel unauffälliger als im Vogelsberg.
Kasten: Die Fränkische Linie
Südöstlich des Thüringer Waldes setzt sich das Muster fort. Entlang der Fränkischen Linie grenzt das alte Grundgebirge von Frankenwald und Fichtelgebirge scharf an das jüngere Bruchschollenland im Westen, mit Buntsandstein, Muschelkalk, Keuper und Jura. Die Linie ist eine Störungszone, an der das Grundgebirge, wie beim Harz, in der Kreidezeit herausgehoben und auf sein Vorland aufgeschoben wurde. Sie zieht sich von Oberfranken bis in die Oberpfalz.
Man kann sie erwandern, etwa auf Touren zwischen Frankenwald und Fränkischem Jura. Wer dort unterwegs ist, wechselt innerhalb weniger hundert Meter von 250 Millionen Jahre jüngeren Sedimenten in Gestein, das schon das Variskische Gebirge erlebt hat. Für mich ist das die fränkische Antwort auf den Harznordrand. Ich habe sie mir für einen eigenen Beitrag vorgemerkt.
Ein Paar mit einem gemeinsamen Takt
Thüringer Wald und Thüringer Becken sind nicht zufällig Nachbarn. Sie sind zwei Antworten auf dieselbe Kraft. Als in der Oberkreide der Druck aus Süden die Kruste Mitteleuropas zusammenschob, brach sie entlang alter Schwachstellen auseinander. Einige Schollen wurden gehoben: Harz, Thüringer Wald, Kyffhäuser, Frankenwald. Andere blieben zurück oder sanken: das Subherzyne Becken, das Thüringer Becken. Die Schüssel zwischen den Bergen ist das Gegenstück zu den Horsten, die sie einrahmen.
Und weil die Erosion seither auf den Horsten das Jüngere abgetragen und in den Senken das Jüngere geschützt hat, sehen wir heute ein umgekehrtes Bild der Erdgeschichte: Auf den Bergen das Alte, in den Tälern das Junge. Wer vom Inselberg ins Becken hinabsieht, blickt von 290 Millionen Jahre alten Vulkaniten auf 230 Millionen Jahre junge Keuperböden. Ein Blick über die Schulter der Erdgeschichte.
Im nächsten Teil geht es nach Osten, ins Erzgebirge, das ebenfalls eine Pultscholle ist, aber mit umgekehrter Neigung: steil nach Böhmen, sanft nach Sachsen.
Quellen
showcaves.com: Thüringer Wald.
showcaves.com: Thüringer Becken.
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Geowissenschaften: Exkursionsführer Saale-Unstrut-Triasland.
Universität Heidelberg: Alteration von Rotliegend-Vulkaniten im Thüringer Wald (Katalogeintrag).
bergsteiger.de: Wandern in Frankenwald und Fichtelgebirge an der Fränkischen Linie.
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