Bruchstücke – Nachtrag Die Fränkische Linie: Wo Franken zehn Kilometer Erdgeschichte überspringt

 


In der Reihe „Bruchstücke“ ging es um Harz, Thüringer Wald, Erzgebirge und die Elbe, also um Mitteldeutschland. Im zweiten Teil habe ich einen Kasten zur Fränkischen Linie eingeschoben und versprochen, ihr einen eigenen Beitrag zu widmen. Hier ist er. Denn was der Harznordrand für Niedersachsen und Sachsen-Anhalt ist, das ist die Fränkische Linie für Oberfranken und die Oberpfalz: eine Kante, an der zwei Welten aufeinandertreffen.

Und es ist meine Heimat, zumindest im weiteren Sinne. Wer in Franken aufgewachsen ist, kennt den Unterschied, ohne den Namen dafür zu kennen. Im Westen das Land der Sandsteine, Kalke und Keuperhügel, der Brauereien und Weinberge. Im Osten die dunklen Wälder, Granitblöcke und rauen Hochflächen von Frankenwald, Fichtelgebirge und Oberpfälzer Wald. Zwischen beiden liegt eine Linie, die man auf jeder geologischen Karte sofort sieht, weil dort die Farben wechseln, als hätte jemand mit dem Lineal gearbeitet.

Eine Narbe durch die ganze Kruste

Die Fränkische Linie zieht sich von Nordwesten nach Südosten, von Kronach bis nach Weiden in der Oberpfalz. Sie trennt das Deckgebirge des Süddeutschen Schichtstufenlandes im Westen vom variskischen Grundgebirge im Osten und Nordosten: dem Thüringisch-Fränkisch-Vogtländischen Schiefergebirge mit der Münchberger Gneismasse, dem Fichtelgebirge und dem Oberpfälzer Wald.

Das klingt nach einer Gesteinsgrenze an der Oberfläche, ist aber viel mehr. Die Fränkische Linie durchsetzt die gesamte Erdkruste bis in über 30 Kilometer Tiefe. Sie ist keine Kratzspur, sondern ein Riss, der bis an den Erdmantel reicht.

Zweimal benutzt

Wie beim Harz hat auch die Fränkische Linie eine Geschichte in zwei Akten. Angelegt wurde sie gegen Ende der variskischen Gebirgsbildung, vor rund 300 Millionen Jahren, als Blattverschiebung, also als Bruch, an dem sich Krustenblöcke seitlich aneinander vorbeischoben. Danach senkte sich das Vorland im Westen ab, und seit dem Rotliegenden füllten sich dort Becken mit Sedimenten. Darauf folgten über Jahrmillionen Buntsandstein, Muschelkalk, Keuper und Jura, der ganze Schichtstapel, der heute Franken westlich der Linie prägt.

Der zweite Akt kam mit der Alpenbildung. Ihre aktivste Phase hatte die Störung vermutlich vor 100 bis 50 Millionen Jahren. Der Druck aus dem Süden reaktivierte die alte Bruchfläche, und das nordostbayerische Grundgebirge wurde auf die westlich vorgelagerten jüngeren Gesteine hinaufgeschoben. Heute hat die Fränkische Linie den Charakter einer Aufschiebung, wahrscheinlich mit einer rechtsseitigen Seitenkomponente. Das ist derselbe Zeitraum, in dem auch Harz, Thüringer Wald und Kyffhäuser herausgedrückt wurden. Man kann sich Mitteleuropa in dieser Zeit wie eine Scheibe Eis vorstellen, die von Süden gestaucht wird und entlang alter Sprünge in Platten zerbricht.

Ein Versatz, der den Atem verschlägt

Der eigentliche Hammer ist die Größenordnung. Der senkrechte Versatz an der Fränkischen Linie beträgt bei Wirsberg etwa 1.000 Meter. An anderen Stellen sind es bis zu 10.000 Meter. Zehn Kilometer. Das heißt: Gesteine, die auf der Ostseite heute an der Oberfläche liegen, befinden sich auf der Westseite, wenn es sie dort überhaupt gibt, Kilometer tief unter dem Deckgebirge begraben.

Dass man davon im Gelände trotzdem keine zehn Kilometer hohe Wand sieht, liegt an der Erosion. Wie beim Harz hat sie über Jahrmillionen abgetragen, was sich über die gehobene Ostseite emporschob. Übrig geblieben ist ein Höhenunterschied von einigen hundert Metern und ein abrupter Wechsel des Gesteins. Was fehlt, haben Flüsse längst als Sand und Kies davongetragen.

Wo man sie sehen kann

Die Fränkische Linie lässt sich erwandern. Touren zwischen Frankenwald und Fränkischem Jura folgen ihr, etwa im Bereich von Wötzelsdorf. Man wechselt dort innerhalb kurzer Strecken von den rötlichen und hellen Sedimentgesteinen des Westens in die Schiefer, Gneise und Granite des Ostens. Mit etwas Übung sieht man den Wechsel auch an der Landschaft: Westlich der Linie offenes, oft landwirtschaftlich genutztes Hügelland, östlich bewaldete, steilere Höhen. Für Geocacher gibt es entlang der Störung Earthcaches.

Wer es genauer wissen will, findet am Rand der Linie auch Aufschlüsse wie den Marmorbruch Unterwappenöst, auf den sich die Fachliteratur bezieht. Und wer am südöstlichen Ende in Weiden steht, ist nur ein paar Kilometer vom Hohen Parkstein entfernt, dem Basaltkegel, den ich in der Vulkanreihe vorgestellt habe. Auch er sitzt in einer Landschaft, die von tiefen Brüchen durchzogen ist.

Kasten: Verwandte Linien

Die Fränkische Linie ist nicht allein. Nordostbayern ist von mehreren großen Störungen in nordwest-südöstlicher Richtung durchzogen, der sogenannten herzynischen Richtung, in der auch der Harznordrand und der Thüringer Wald verlaufen. Weiter südöstlich, im Bayerischen Wald, zieht sich der Bayerische Pfahl durch die Landschaft, eine Quarzmauer entlang einer weiteren großen Bruchzone, die ich hier schon einmal behandelt habe.

Allen gemeinsam ist das Muster: Angelegt am Ende der variskischen Gebirgsbildung, später durch die Kräfte der Alpenbildung wiederbelebt. Mitteleuropa vergisst seine alten Narben nicht. Es reißt sie bei Bedarf einfach wieder auf.

Was bleibt

Die Fränkische Linie erklärt, warum Franken zwei Gesichter hat. Westlich liegt das Land, das über Jahrmillionen im Meer und in Becken entstand und heute die Schichtstufen, die Sandsteinkeller und die Weinberge trägt. Östlich liegt das Land, das schon das Variskische Gebirge erlebt hat und in der Kreidezeit wieder emporgeschoben wurde. Wer von Bayreuth Richtung Fichtelgebirge fährt, überquert auf wenigen Kilometern eine Grenze, an der die Erdgeschichte stellenweise zehn Kilometer Gestein überspringt.

Für mich ist das die schönste Bestätigung des Leitgedankens der Reihe „Bruchstücke“: Die Landschaft, in der wir leben, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von Brüchen, die bis heute die Karte bestimmen. Und manchmal, wie hier, auch die Grenze zwischen Keuperfranken und Granitfranken.



Quellen

Wikipedia: Fränkische Linie.

bergsteiger.de: Wandern in Frankenwald und Fichtelgebirge an der Fränkischen Linie.

geocaching.com: GC1YF4B – Die Fränkische Linie (Earthcache).

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