Bruchstücke – Wie Mitteldeutschlands Landschaft entstand, Teil 1 Der Harz: Ein Gebirge, das zweimal geboren wurde
Wer von Norden auf den Harz zufährt, erlebt etwas, das in Deutschland selten ist. Aus dem flachen Vorland steigt der Gebirgsrand fast wie eine Wand auf. Kein sanftes Hügelland, keine allmähliche Steigung, sondern eine Kante. Fährt man dagegen von Süden heran, verläuft der Übergang viel weicher. Dieser Unterschied ist kein Zufall und auch keine Frage der Perspektive. Er ist der Schlüssel zur ganzen Geschichte.
Mit diesem Beitrag beginnt eine neue Reihe über die Landschaftsgeschichte Mitteldeutschlands: Bruchschollengebirge, Becken, Flüsse und ihre Terrassen. Die Anregung stammt aus den Kommentaren unter einem Film des YouTube-Kanals „Tiefer Grund“, der sich den Harz übrigens gerade selbst vornimmt. Ich warte trotzdem nicht. Wer beide liest beziehungsweise schaut, hat danach hoffentlich doppelt so viel davon. Den Schwarzwald, der streng genommen kein Gebirge ist, hatte ich hier schon einmal. Der Harz ist sein nördlicher Verwandter, nur mit einer noch dramatischeren Biografie.
Die erste Geburt: ein Gebirge, das verschwand
Die Gesteine, aus denen der Harz besteht, sind uralt. Schiefer, Grauwacken, Kalke und Diabase stammen größtenteils aus dem Devon und Unterkarbon, sie wurden vor rund 400 bis 320 Millionen Jahren am Grund eines Meeres abgelagert. Dann schoben sich die Kontinente zum Superkontinent Pangäa zusammen, und die Schichten wurden zum Variskischen Gebirge aufgefaltet, einem Hochgebirge, das sich quer durch Europa zog.
Am Ende dieser Gebirgsbildung, vor etwa 300 Millionen Jahren, drangen große Granitkörper in die Kruste ein: der Brocken-, der Ramberg- und der Okerpluton. Der Brockengranit ist mit rund 165 Quadratkilometern der größte. Er kühlte langsam in der Tiefe ab, und weil die Schmelze in verschiedenen Schüben unterschiedlich schnell erstarrte, entstanden mehrere Granitsorten, die später unter Namen wie Knaupsholz, Wurmberg oder Ilsestein als Werkstein abgebaut wurden.
In die Zeit davor fällt auch der Rammelsberg bei Goslar. Seine Erze entstanden schon im Devon am Meeresboden, als heiße, metallreiche Lösungen austraten. Über tausend Jahre Bergbau haben darauf aufgebaut, heute ist der Rammelsberg Welterbe. Aber das ist eine eigene Geschichte.
Das Variskische Gebirge selbst überlebte nicht. In den folgenden Jahrmillionen wurde es bis auf seine Wurzeln abgetragen. Übrig blieb eine eingeebnete Fläche, über die sich nach und nach jüngere Ablagerungen legten: Zechstein, Buntsandstein, Muschelkalk, Keuper, später Jura und Kreide. Der spätere Harz lag zu dieser Zeit nicht oben, sondern unten, begraben unter einem mehrere Kilometer mächtigen Stapel von Sedimenten. Das ist der Teil der Geschichte, der mich am meisten fasziniert: Der Harz war schon einmal ein Gebirge und dann lange Zeit gar nichts.
Die zweite Geburt: die Scholle steigt auf
Die Wiederauferstehung kam in der Kreidezeit. Im Süden begann die Annäherung Afrikas und Iberiens an Europa, die später zur Auffaltung der Alpen führte. Der Druck pflanzte sich weit nach Norden fort. Mitteleuropa reagierte nicht mit Falten, sondern mit Brüchen. Die alte, starre Kruste zerbrach entlang bereits vorhandener Schwächezonen in Schollen, und einzelne davon wurden herausgedrückt.
Beim Harz geschah das an einer Linie, die heute Harznordrandstörung heißt. Sie zieht sich etwa von Westnordwest nach Ostsüdost, von Neuekrug-Hahausen über Goslar, Wernigerode und Thale bis in den Raum Ballenstedt. An ihr wurde der Harz nicht einfach angehoben, sondern schräg nach Norden über sein Vorland geschoben. Geologen sprechen von einer Aufschiebung. Die stärkste Hebungsphase dauerte nur etwa zwei Millionen Jahre und fiel in die späte Kreide, grob vor 85 bis 80 Millionen Jahren. Im Westteil wurde der Harz dabei um mindestens fünf bis sieben Kilometer gehoben.
Fünf bis sieben Kilometer. Man muss sich das vor Augen führen: Der Brocken ist heute 1.141 Meter hoch. Wäre nichts abgetragen worden, stünde dort ein Gebirge von alpinen Ausmaßen. Tatsächlich hat die Erosion fast alles wieder weggeräumt, was sich über dem alten Sockel befand. Der ganze Mesozoikum-Stapel ist auf der Hochfläche verschwunden, und wir laufen heute wieder auf dem Rumpf des Variskischen Gebirges herum, auf demselben Gestein, das schon vor 300 Millionen Jahren eingeebnet worden war.
Warum die Nordseite eine Wand ist
Jetzt erklärt sich auch der Unterschied zwischen Norden und Süden. Der Harz ist eine Pultscholle: Im Norden wurde er steil entlang der Störung herausgehoben, nach Süden fällt er flach ab und taucht unter seine jüngere Bedeckung. Wie ein Pultdeckel, der vorn angehoben wird.
Am Nordrand wurden die jüngeren Schichten, die einst flach über dem Harz lagen, beim Aufsteigen mitgeschleppt und hochgekippt. Sie stehen dort heute mit 70 bis 80 Grad fast senkrecht oder sind sogar überkippt. Das schönste Beispiel ist die Teufelsmauer bei Blankenburg und Ballenstedt. Sie besteht aus steil gestelltem Heidelberg-Sandstein aus der Kreide, der durch Verkieselung so hart wurde, dass er stehen blieb, während das weichere Gestein daneben abgetragen wurde. Was dort wie eine von Menschenhand gebaute Mauer aussieht, ist eine aufgestellte Schicht, die einst waagerecht im Meer abgelagert wurde. Der Teufel kann sich zurücklehnen, das war die Kreidezeit.
Nördlich des Harzes liegt das Subherzyne Becken, das Harzvorland. Es ist das Gegenstück zur Scholle: Während der Harz aufstieg, sank das Vorland ab und wurde ebenfalls zusammengestaucht. Entlang der Störung steigen bis heute Mineralwässer auf, die in Bad Harzburg für den Kurbetrieb genutzt werden. Die Bruchlinie ist also nicht nur ein Relikt, sie ist ein Wasserweg.
Der Süden: wo der Boden sich auflöst
Am flachen Südrand des Harzes tritt etwas zutage, das am Nordrand steil verschüttet liegt: der Zechstein. Am Ende des Perms, vor rund 255 Millionen Jahren, lag hier ein flaches, immer wieder vom Meer überflutetes Becken in Wüstenklima. Das Wasser verdunstete, und nacheinander fielen Kalk, Anhydrit, Steinsalz und Kalisalz aus. In der Werra-Serie, der ältesten der vier Zechsteinfolgen, erreichen die Gipslagen rund 100 Meter Mächtigkeit.
Gips ist leicht wasserlöslich. Regen und Grundwasser lösen ihn auf, und so entsteht am Südharz auf einem rund fünf Kilometer breiten und fast 100 Kilometer langen Streifen Deutschlands bedeutendste Gipskarstlandschaft. Erdfälle, Höhlen, Bachschwinden, Trockentäler, Karren. Die Landschaft ist in Bewegung, und das nicht in geologischen Zeiträumen, sondern in historischen. Gipskarren bilden sich schnell und verschwinden genauso schnell wieder.
Wie schnell es gehen kann, zeigt die Äbtissinnengrube bei Bad Frankenhausen am benachbarten Kyffhäuser, einem kleinen Bruder des Harzes, der von denselben Kräften als Pultscholle herausgehoben wurde. Die Grube ist ein Erdfall von rund 100 Metern Durchmesser und 20 Metern Tiefe und entstand vermutlich erst im 14. oder 15. Jahrhundert. Dort liegt auch die Barbarossahöhle, eine der bekanntesten Gipshöhlen Europas, und auf der Harzseite die Heimkehle bei Uftrungen.
Kasten: Gips gegen Gipskarst
Die Landschaft hat ein Problem, das nicht geologisch ist. Gips und Anhydrit sind begehrte Baurohstoffe, und am Südharz werden sie seit Jahrzehnten großflächig abgebaut. Ganze Hänge sind zu Steinbrüchen geworden, und die verbliebene Karstlandschaft schrumpft. Naturschutzverbände wie der BUND Thüringen dokumentieren das seit Jahren in einem eigenen „Schwarzbuch Gips“.
Ironisch ist dabei: Bei der Rauchgasentschwefelung in Kohlekraftwerken fiel jahrzehntelang hochwertiger Gips als Nebenprodukt an. Mit dem Kohleausstieg fällt dieser Gips weg, und der Druck auf die natürlichen Lagerstätten steigt. Ein Stück Energiewende wird also ausgerechnet am Südharz bezahlt. Das ist ein Thema, das ich mir für einen eigenen Beitrag vormerke.
Ist der Harz fertig?
Nach gängiger Darstellung hält die Hebung des Harzes bis heute an, wenn auch in einem Tempo, das man im Alltag nicht bemerkt. Die Kräfte, die ihn in der Kreide herausgedrückt haben, sind nicht verschwunden, das Spannungsfeld zwischen Alpen und Atlantik prägt Mitteleuropa weiterhin. Gleichzeitig arbeitet die Abtragung daran, alles wieder einzuebnen. Was wir heute als Harz sehen, ist die Momentaufnahme eines Wettlaufs zwischen Hebung und Erosion, der seit 80 Millionen Jahren läuft.
Das ist für mich die eigentliche Lehre: Der Harz ist nicht einfach ein altes Gebirge. Er ist ein altes Gebirge, das verschwand, begraben wurde und als Bruchstück wieder auftauchte. Die Gesteine sind 300 bis 400 Millionen Jahre alt, die Berge selbst gerade einmal 80 Millionen. Wer auf dem Brocken steht, steht auf dem Fundament eines Gebirges, das es nicht mehr gibt, emporgehoben von einem, das es nie ganz wurde.
Im nächsten Teil geht es nach Süden, zum Thüringer Wald und zum Thüringer Becken: einer Scholle, die stieg, und einer, die sank, und was das mit der Landschaft dazwischen gemacht hat.
Quellen
Wikipedia: Northern Harz Boundary Fault (Harznordrandstörung).
Wikipedia: Harz granite (Brocken-, Ramberg- und Okerpluton).
showcaves.com: Gipskarst Südharz und Kyffhäuser.
BUND Thüringen: Schwarzbuch Gips (2018, 2025).
NLWKN: FFH-Gebiet 136 Gipskarstgebiet bei Bad Sachsa.
Anstoß: Kommentare unter einem Film des YouTube-Kanals „Tiefer Grund“.
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