Der wertvollste Baustein war die Steckdose: Playmobil, Dietenhofen und der Wettlauf um 100 Megawatt

 Danke an Ute Mündlein, die mich auf die Meldung hingewiesen hat. Ohne sie hätte ich die Fortsetzung zu "Fünf Minuten zum Packen" vermutlich erst gelesen, als in Dietenhofen schon die ersten Serverschränke angeliefert werden.

Im September habe ich an dieser Stelle beschrieben, wie man aus der Bibertstadt eine Weltmarke an die Wand fährt. Werk Dietenhofen zu, 350 Leute nach Hause geschickt, Produktion nach Cheb und Malta, das Inventar online versteigert. Ich ging davon aus, dass das Kapitel damit abgeschlossen ist. Ein Industrieareal auf dem Land, irgendwann ein Logistiker, vielleicht ein Gewerbepark mit drei Mietern und viel Leerstand. Das übliche Schicksal.

Ich habe mich geirrt. Das Kapitel geht weiter, und es ist das interessanteste der ganzen Geschichte.

Playmobil digital

Die Horst Brandstätter Group baut auf dem rund 18 Hektar großen Werksgelände ein Rechenzentrum. Genauer gesagt einen Rechenzentrums-Campus, ausgelegt auf zunächst 100 Megawatt, mit Luft nach oben. Investiert werden soll in den kommenden Jahren ein dreistelliger Millionenbetrag. Das Ganze firmiert unter dem Namen "Playmobil digital", einem neuen, eigenständigen Zweig der Gruppe.

Das Geschäftsmodell ist das eines Vermieters. Brandstätter stellt Fläche, Strom und Netzanbindung, die Partner bringen ihre Anwendungen mit. Das Angebot reicht vom nackten Grundstück mit Anschluss bis zur fertigen Rechenleistung. Zielgruppe sind internationale Betreiber und Unternehmen aus der Region.

Vorstand Matthias Fauser sagt, wo über Jahrzehnte Playmobil produziert wurde, wolle man künftig eine der wichtigsten Infrastrukturen der digitalen Zukunft ermöglichen. Dietenhofen könne ein bedeutender Standort für KI, Digitalisierung und digitale Souveränität werden.

Man muss diesen Satz zweimal lesen. Einmal wegen der digitalen Souveränität, die von internationalen Betreibern hergestellt werden soll. Und einmal wegen des "über Jahrzehnte", das bis Ende Juni noch Gegenwart war.

Ein Satz, der wörtlich genommen wurde

Im September habe ich mich über einen Satz von Lars Wagner lustig gemacht, dem neuen Vorstand für Marketing, Vertrieb und Entwicklung. Er freue sich, wieder mit einem physischen Produkt zu tun zu haben, das über großes Wachstumspotenzial in der digitalen Welt verfüge.

Ich hatte das für eine der üblichen Formeln gehalten. Ich muss Abbitte leisten. Das Wachstumspotenzial in der digitalen Welt ist offenbar real. Es steht nur nicht im Spielwarenregal, sondern in einer ehemaligen Spritzerei, und es braucht keine Kinder, sondern Kühlung.

Bemerkenswert ist auch eine Randnotiz: Die Idee mit dem Rechenzentrum laufe bereits seit 2025, sagt das Unternehmen. Im Februar 2026 sprach der damalige Vorstand auf der Spielwarenmesse noch von Anzeichen für eine Trendumkehr. Eine Woche später kam die Ankündigung der Werksschließung. Ich unterstelle niemandem, dass er damals schon wusste, was mit den Hallen passiert. Ich stelle nur fest, dass die Trendumkehr inzwischen tatsächlich da ist. Sie heißt nur anders.

Was das Werk eigentlich wert war

Hier wird es für mich als jemanden, der beruflich mit Infrastruktur zu tun hat, wirklich spannend. Denn der eigentliche Wert des Geländes liegt nicht in den Hallen, nicht in der Fläche und schon gar nicht in den Maschinen, die man ja bereits versteigert hat. Der Wert liegt in einer Leitung.

Auf dem Playmobil-Areal besteht bereits ein Anschluss an das 110-Kilovolt-Netz. Ein Erbe aus der Zeit, als dort Spritzgussmaschinen im Schichtbetrieb liefen. Und der Netzbetreiber N-ERGIE hat die nötigen Kapazitäten zugesichert.

Wer sich ein wenig mit der Lage in Bayern beschäftigt, weiß, was das bedeutet. Ich habe vor einiger Zeit über die Netzanschluss-Blockaden bei Großbatteriespeichern geschrieben. Flächen gibt es genug, Investoren auch, Genehmigungen bekommt man irgendwann. Was fehlt, ist der Anschluss. Wer einen hat, sitzt auf dem knappsten Gut, das es in der Energiewende gibt.

Das ist übrigens kein fränkisches Phänomen. In den USA wandeln sich gerade reihenweise ehemalige Krypto-Miner zu Vermietern für KI-Rechenleistung, aus genau einem Grund: Sie haben große Netzanschlüsse. Rechenleistung hängt heute am Strom, nicht mehr nur an Chips.

Playmobil hat also, ohne es zu planen, jahrzehntelang den wertvollsten Baustein seiner Firmengeschichte gebaut. Es war keine Figur, kein Piratenschiff und keine Ritterburg. Es war die Steckdose.

Hirschneuses schaut in die Röhre

Ich kenne beide Orte übrigens besser, als man vermuten würde. Ende der Neunziger hatte ich in Dietenhofen und in Neuhof an der Zenn jeweils eine Bekannte. Damals war die Strecke dazwischen eine Frage des Benzins. Heute ist sie eine Frage der Netzkapazität.

Und jetzt kommt der Teil, über den man in Dietenhofen eher ungern spricht.

Ein paar Kilometer weiter, im Nachbarlandkreis Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim, plant die Gemeinde Neuhof an der Zenn ebenfalls ein Rechenzentrum. Im Ortsteil Hirschneuses. Partner ist kein Geringerer als Anthropic, eines der weltweit führenden KI-Unternehmen. Bürgermeisterin Claudia Wust hat dem BR erklärt, woran es hängt: Die N-ERGIE habe die derzeit verfügbaren Netzkapazitäten zunächst für das Projekt in Dietenhofen reserviert. Damit fehle in Hirschneuses die Planungssicherheit. Die Pläne liegen auf Eis.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Ein Unternehmen, das in den USA ganze Rechenzentrums-Campus mit mehreren hundert Megawatt für zwanzig Jahre anmietet, scheitert in Mittelfranken vorerst an der Frage, wer zuerst beim örtlichen Netzbetreiber angerufen hat. Und gewinnen tut ausgerechnet ein Spielzeughersteller, der seine Spielzeugproduktion gerade aufgegeben hat.

Das ist keine Satire. Das ist die Lage.

Die N-ERGIE äußert sich, wie Netzbetreiber das tun: Anschlussfragen würden nach den gesetzlichen Vorgaben bearbeitet, die allgemeine Versorgungssicherheit müsse gewährleistet bleiben, zu einzelnen Projekten sage man nichts. Bestätigt wird nur eines, und das ist der eigentlich wichtige Satz der ganzen Geschichte: Im Netzgebiet liegen mehrere Anfragen für Rechenzentren vor, die zusammen etwa dem doppelten gewöhnlichen Leistungsbedarf der Stadt Nürnberg entsprechen.

Zweimal Nürnberg. Für Rechenzentren. Im ländlichen Mittelfranken.

Mit einem Schmunzeln

Die Brandstätter Group hat auf die Berichte reagiert, und zwar in einem Ton, den man sich merken sollte. Gelegentlich sei zu lesen, ein Rechenzentrum in Dietenhofen stehe anderen Vorhaben im Weg. Diese Lesart nehme man mit einem Schmunzeln zur Kenntnis. Ein Campus, der von Anfang an auf viele Partner ausgelegt sei, versperre niemandem den Weg, er öffne ihn. Je mehr in der Region entstehe, desto besser für alle.

Das ist, in aller Freundlichkeit, eine sehr elegante Formulierung für einen sehr einfachen Sachverhalt. Wer die Kapazität hat, entscheidet, wer sie nutzen darf. Die Tür steht offen, aber es ist die eigene Tür, und die Miete wird in Zirndorf kassiert. Anthropic kann gerne kommen. Nur eben nicht nach Hirschneuses, sondern als Mieter nach Dietenhofen.

Ich sage das ohne Vorwurf. Aus Sicht der Brandstätter Group ist das schlicht kluges Geschäft, möglicherweise das klügste, das dort seit Jahren gemacht wurde. Ich sage nur: Schmunzeln kann man leicht, wenn man auf der richtigen Seite der Leitung sitzt. In Neuhof an der Zenn wird gerade eher nicht geschmunzelt.

Und die 350

Bleibt eine Zahl, die in keiner der Pressemitteilungen eine große Rolle spielt. 350 Menschen haben Ende Juni in Dietenhofen ihren Arbeitsplatz verloren. Wie viele Arbeitsplätze das Rechenzentrum bringen wird, dazu macht das Unternehmen noch keine Angaben.

Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, dass es nicht 350 werden. Rechenzentren sind kapitalintensiv und personalarm. Sie brauchen Strom, Kühlung, Sicherheit und ein paar sehr gut ausgebildete Techniker. Sie brauchen keine Spritzerei mit Schichtbetrieb. Wer im Juni mit fünf Minuten Vorlauf seine Sachen packen musste, wird in den Serverhallen eher nicht seinen alten Arbeitsplatz wiederfinden.

Das ist der eigentliche Strukturwandel, über den gerne in Sonntagsreden gesprochen wird. Hier kann man ihn auf 18 Hektar besichtigen.

Fazit

Ich hatte im September geschrieben, dass von der Instanz Playmobil in der Region bald nichts mehr übrig sein wird. Das stimmt so nicht ganz. Übrig bleibt eine 110-kV-Leitung, ein großes Grundstück und ein Name, der jetzt auf einem Rechenzentrum steht.

Die Ironie hätte sich niemand ausdenken können. Die Marke, die Kinder vom Bildschirm weglocken sollte, vermietet jetzt Strom an die Bildschirme. Und ein Dorf im Nachbarlandkreis lernt, dass im Jahr 2026 nicht der Bagger über die Zukunft entscheidet, sondern der Netzbetreiber.

Ob Hirschneuses noch zum Zug kommt, ob die N-ERGIE die Kapazitäten am Ende aufteilt, wie es sich Bürgermeisterin Wust wünscht, und ob Dietenhofen tatsächlich so viele Partner findet, wie man dort annimmt, wird sich zeigen. Ich bleibe dran.

Quellen: Handelsblatt/dpa, "Playmobil-Werk soll zu Rechenzentrum werden", 28.10.2026; BR24, Laura Nadler, "Dietenhofen: Playmobil-Rechenzentrum blockiert Anthropic-Bau", aktualisiert 29.10.2026; drweb.de, "Anthropic bindet sich 20 Jahre an ein Rechenzentrum".

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