Nachtrag: Zwei Klopfzeichen zu Halloween
Schläfer unter Europa – Egerbecken | Daten: IGCAS WEBNET, vorläufig (automatische Auswertung), Stand 31.10.2026
Während heute Abend anderswo Kinder an Haustüren klopfen, hat im Egerbecken schon in der Früh jemand geklopft. Zweimal, im Abstand von gut einer Minute. Um 05:58:38 Uhr Ortszeit meldete das tschechische Messnetz WEBNET ein Mikrobeben der Stärke 0,5, um 05:59:45 Uhr folgte eines der Stärke 1,0 (genauer: 0,95). Beide in 8,2 Kilometern Tiefe, beide nicht spürbar und beide praktisch am selben Fleck. Die Epizentren liegen rund 150 Meter auseinander, was bei einer automatischen Ortung ziemlich genau „identisch“ bedeutet.
Wo genau
Die Koordinaten 50,206° Nord und 12,461° Ost liegen gut einen Kilometer südöstlich von Nový Kostel, dem früheren Neukirchen, im Bezirk Cheb. Damit sitzen die beiden Beben mitten in der Herdzone, die seit Jahrzehnten das seismische Zentrum des Egerbeckens ist und aus der auch die großen Schwärme von 1985/86, 2008 und 2018 kamen.
Die Meldeseite schreibt „Vogtlandkreis, Karlsbader Region“ dazu. Das ist eine Zuordnungspanne der Automatik, die sich offenbar nicht entscheiden konnte. Der Vogtlandkreis liegt knapp zehn Kilometer entfernt jenseits der Grenze, das Beben selbst eindeutig auf tschechischer Seite.
Déjà-vu im Minutentakt
Am 9. Oktober hatte ich an dieser Stelle schon einmal zwei Beben innerhalb einer Minute notiert. Jetzt also wieder ein Pärchen. Bei 150 Metern Abstand und 67 Sekunden Pause ist das kein zufälliges Zusammentreffen zweier unabhängiger Ereignisse mehr, sondern ein und derselbe Vorgang: Ein kleiner Bruch entlastet ein Stück Gestein und belastet dafür das Nachbarstück, das kurz darauf ebenfalls nachgibt. Das zweite Beben war dabei das stärkere. Wer also das erste als Vorbeben bezeichnen möchte, darf das tun.
In die Reihe passen auch die beiden Mikrobeben vom 20. Oktober (Stärke 0,2 in 9,2 Kilometern Tiefe) und vom 21. Oktober (Stärke 0,2 in 16,5 Kilometern Tiefe), die ich mir vorgemerkt hatte. Ein Schwarm ist das alles nicht, eher das übliche Knistern im Gebälk.
Dass beide Beben exakt in 8,2 Kilometern Tiefe liegen sollen, würde ich nicht überbewerten. Es handelt sich um vorläufige, automatisch berechnete Werte, und die Tiefe ist bei solchen Lösungen der wackligste Parameter. Die manuelle Nachbearbeitung kann das noch verschieben.
Was das in Kilowattstunden heißt
Die Meldeseite rechnet die freigesetzte Energie gleich mit aus: rund zwei Millionen Joule für das stärkere Beben, etwa 350.000 Joule für das schwächere. Zusammen sind das gut 0,65 Kilowattstunden. Damit bringt ein Wasserkocher ungefähr fünf bis sechs Liter Wasser zum Kochen. Für zwei Erdbeben ist das bescheiden, für einen Samstagmorgen um sechs Uhr reicht es.
Interessanter ist das Verhältnis: Knapp eine halbe Magnitudenstufe Unterschied bedeutet etwa das Fünffache an Energie. Die Skala ist logarithmisch und rechnet nicht so, wie man im Kopf gerne rechnen würde.
Einordnung
Dramatisch ist an diesem Morgen nichts. Das Egerbecken produziert in aktiven Phasen Dutzende solcher Mikrobeben pro Tag, in ruhigen Phasen eben ein paar pro Woche. Es ist das Grundrauschen eines Systems, in dem aus dem Erdmantel aufsteigendes Kohlendioxid und andere Fluide durch die Kruste drücken und dabei Störungen schmieren und aufhebeln. Die Mofetten an der Oberfläche sind die sichtbare Seite davon, die Mikrobeben die hörbare.
An meiner Überzeugung ändert das nichts: Irgendwann, in geologischen und nicht in menschlichen Zeiträumen, wird hier wieder Magma nach oben finden. Heute Nacht allerdings nicht. Süßes oder Saures hat der Schläfer nicht verlangt, er hat sich nur kurz geräuspert. Ich bleibe am Messnetz dran.
Die Daten
Zeit (MEZ) |
Zeit (UTC) |
Stärke |
Tiefe |
Epizentrum |
05:58:38 |
04:58:38 |
0,53 |
8,2 km |
50,2071° N / 12,4607° O |
05:59:45 |
04:59:45 |
0,95 |
8,2 km |
50,2059° N / 12,4617° O |
Quelle: IGCAS WEBNET (Institut für Geophysik der Tschechischen Akademie der Wissenschaften), vorläufige automatische Lösungen; Energieangaben laut Meldeseite.
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