Wackler an der Grenze, Teil 6: Ein Freitag im Zentralmassiv
Vier kleine Beben, drei Herde, eine Bruchkante: Was die Auvergne am 23. Oktober 2026 über ihren Untergrund verraten hat
Manche Tage melden sich leise. Am Freitag, dem 23. Oktober 2026, liefen bei mir im Laufe des Nachmittags vier Erdbebenmeldungen aus Frankreich ein, alle aus dem Zentralmassiv, alle im Bereich dessen, was man als Mensch an der Oberfläche bestenfalls als Klirren im Küchenschrank bemerkt. Um 04:11 Uhr eine Magnitude 2,3 rund 47 Kilometer südöstlich von Clermont-Ferrand, drei Minuten später an praktisch derselben Stelle eine 1,2. Um 11:35 Uhr eine 2,1 gut sechs Kilometer südlich von Vichy. Und um 11:55 Uhr eine 2,4 knapp acht Kilometer südöstlich von Ussel in der Corrèze.
Eine kleine Korrektur vorweg, weil sie in den automatischen Meldungen gern durcheinandergeht: Allier und Puy-de-Dôme gehören zur Region Auvergne-Rhône-Alpes, nicht zu Rhône-Alpes. Die gibt es als eigenständige Region seit 2016 nicht mehr. Ussel liegt in der Corrèze und damit in der Nouvelle-Aquitaine, das stimmt.
Der Titel der Reihe heißt bekanntlich „Wackler an der Grenze“, und streng genommen liegt keiner dieser Orte an einer Staatsgrenze. Aber wer sich die Geologie der Auvergne ansieht, merkt schnell, dass die Gegend aus nichts anderem besteht als aus Grenzen: zwischen Graben und Horst, zwischen altem Grundgebirge und jungem Vulkanismus, zwischen dem, was absinkt, und dem, was stehen bleibt. Insofern passt das schon.
Drei Herde, kein Zusammenhang
Die naheliegende Frage zuerst: Hängen die Beben zusammen? Die ehrliche Antwort lautet nein, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass das eine das andere ausgelöst hätte. Zwischen Ussel und Vichy liegen gut 100 Kilometer, zwischen Vichy und dem Herd südöstlich von Clermont ebenfalls eine ordentliche Strecke. Beben der Stärke 2 kommen im Zentralmassiv regelmäßig vor, das Netz der französischen Erdbebendienste registriert sie laufend. Dass drei verschiedene Stellen am selben Tag auffallen, ist ein Zufall im Kalender, kein Signal aus der Tiefe.
Interessant ist das Paar von 04:11 und 04:14 Uhr. Eine 2,3, gefolgt von einer 1,2 an nahezu derselben Stelle, das ist das klassische Muster aus Hauptbeben und Nachbeben. Die Spannung auf einer kleinen Störungsfläche löst sich, und die Umgebung ruckelt kurz nach. Das kennen wir aus Innsbruck, wo es im September ein Vorbeben, ein Hauptbeben und ein Nachbeben gab, nur eben eine Nummer kleiner.
Die Limagne: Frankreichs Oberrheingraben
Um die Beben bei Vichy und südöstlich von Clermont einzuordnen, muss man die Limagne verstehen. Das ist die breite, fruchtbare Ebene, durch die der Allier nach Norden fließt, und sie ist nichts anderes als ein Grabenbruch. Vor rund 35 bis 25 Millionen Jahren, im Oligozän, wurde Westeuropa auseinandergezogen. Die Erdkruste riss entlang einer langen Linie auf, einzelne Schollen sanken ab, und in die entstehenden Senken lief über Jahrmillionen Sediment hinein.
Und jetzt kommt der Teil, der diese Reihe zusammenhält: Die Limagne ist ein Familienmitglied. Sie gehört zum sogenannten Europäischen Känozoischen Riftsystem, einer Kette von Gräben, die sich vom Rhônetal über die Bresse und den Oberrheingraben bis ins Egerbecken zieht. Das Beben bei Worms aus Teil 1 und die Schwarmbeben im Vogtland aus Teil 2 sind also gewissermaßen Verwandte dessen, was am Freitag bei Vichy gewackelt hat. Gleiche Familie, andere Adresse.
Wobei man fair bleiben muss: Die Limagne zieht heute kaum noch auseinander. Die Spannungen, die sich in solchen Beben entladen, stammen eher aus dem großen Druck, der auf der europäischen Platte lastet, aus dem Schub der Alpen im Südosten und dem Mittelatlantischen Rücken im Westen. Die alten Bruchflächen sind dabei die Sollbruchstellen. Wo die Kruste schon einmal gerissen ist, gibt sie auch heute am ehesten nach. Das ist im Oberrheingraben nicht anders.
Das Beben südlich von Vichy liegt grob in Richtung Saint-Yorre, und wer das Etikett auf einer französischen Mineralwasserflasche schon einmal gelesen hat, ahnt den Zusammenhang. Die Quellen von Vichy und Saint-Yorre sind kohlensäurereich und warm, und sie verdanken das genau diesen tiefen Störungen, über die Gase und Wässer aus der Tiefe nach oben steigen. Wer die Mofetten im Egerbecken kennt oder die Sprudel von Karlsbad, erkennt das Prinzip wieder. Die Franzosen haben daraus eine Industrie gemacht.
Das Pärchen in der Nacht lag etwas weiter südöstlich, grob im Bereich des Livradois, wo das Allier-Tal an die Höhen des Livradois-Forez stößt. Auch dort verlaufen Randstörungen, an denen sich Graben und Horst gegeneinander verschieben. Die genaue Störung wird man erst kennen, wenn die Auswertung der Erdbebendienste vorliegt, aber die Gegend ist für solche Ruckler bekannt.
Ussel: Ein ganz anderes Stockwerk
Das Beben bei Ussel gehört in eine andere Kategorie. Die Corrèze liegt am Westrand des Zentralmassivs, auf dem Plateau de Millevaches, und das ist altes Grundgebirge aus der variszischen Gebirgsbildung, also rund 300 Millionen Jahre alt. Mit dem Grabenbruch und den Vulkanen hat das wenig zu tun. Östlich davon zieht sich mit dem Sillon houiller eine große, alte Störungszone von Nord nach Süd durch das Massiv, und das ganze Gebiet ist von Verwerfungen aus dieser Zeit durchsetzt.
Auch hier gilt: Alte Narben brechen unter neuem Druck wieder auf. Bemerkenswert ist, dass es in der Gegend nicht das erste Mal in diesem Jahr war. Schon im Februar 2026 registrierte der französische Erdbebendienst ein Beben rund acht Kilometer nordnordwestlich von Ussel. Eine Serie ist das deswegen noch nicht, aber ein Ort, den man sich merken kann.
Die Vulkane schauen zu
Wer jetzt an die Chaîne des Puys denkt, liegt nicht falsch, aber auch nicht richtig. Die Vulkankette westlich von Clermont-Ferrand sitzt auf der westlichen Schulter der Limagne, und das ist kein Zufall: Die Dehnung der Kruste hat dem Magma den Weg geebnet. Seit 2018 ist das Ensemble aus Vulkankette und Limagne-Verwerfung UNESCO-Welterbe, eben weil man dort so schön sieht, wie Tektonik und Vulkanismus zusammenhängen. Den jüngsten Ausbruch in der Region, den Lac Pavin vor rund 7.000 Jahren, habe ich in der Reihe „Schläfer unter Europa“ ausführlich behandelt.
Mit den Beben vom Freitag haben die Vulkane aber nichts zu tun. Weder die Lage noch die Art der Beben deutet auf Magmabewegungen hin. Das hier ist tektonisches Alltagsgeschäft, kein Schläfer, der sich im Bett umdreht.
Ruhig heißt nicht harmlos
Bevor jetzt jemand das Zentralmassiv als seismisch langweilig abhakt: Die Auvergne hat in ihrer Geschichte zweimal kräftig gebebt. Am 29. Juni 1477 traf ein Beben die Gegend zwischen Riom und Clermont-Ferrand, geschätzt mit Intensität VII bis VIII, Kirchen und Häuser stürzten ein. Dreizehn Jahre später, am 1. März 1490, folgte ein noch stärkeres Beben mit Intensität VIII, das Epizentrum wird im Bereich Riom, Cébazat und Pontgibaud vermutet. Es gilt bis heute als das stärkste historische Beben der Auvergne.
Seitdem war es vergleichsweise ruhig, abgesehen von kleineren Erschütterungen wie einer Serie in der Limagne im Oktober 1833. Der Puy-de-Dôme liegt in der französischen Erdbebenzonierung in den Zonen schwacher bis mäßiger Seismizität. Die Präfektur selbst weist darauf hin, dass ein Beben in der Größenordnung von 1490 jederzeit wieder möglich ist, ob morgen oder in einigen hundert Jahren, weiß niemand. Überwacht wird das Ganze vom Observatoire de Physique du Globe in Clermont-Ferrand, das die Stationen in der Auvergne betreibt.
Das ist im Grunde dieselbe Lage wie am Oberrhein. Basel 1356 lässt grüßen. Lange Ruhe ist in einem Grabenbruch kein Beweis für Harmlosigkeit, sondern nur ein Hinweis darauf, dass die Zeitskalen der Erde nicht die unseren sind.
Was bleibt
Vier kleine Beben an einem Freitag, keines davon spürbar für die meisten Menschen vor Ort, keines davon ein Grund zur Sorge. Aber zusammen zeigen sie ziemlich gut, wie das Zentralmassiv gebaut ist: ein uraltes Grundgebirge im Westen, das an seinen variszischen Narben gelegentlich knackt, und im Osten ein Grabenbruch, der zur selben Familie gehört wie der Oberrheingraben und das Egerbecken. Wer die Reihe bisher verfolgt hat, kennt diesen Mechanismus also schon, nur eben mit Wohnsitz in Frankreich.
Und das Mineralwasser aus Vichy schmeckt mir ab heute ein wenig nach Tektonik.
Quellen
Erdbebenmeldungen vom 23.10.2026 (automatische Meldungen, Magnituden und Lagen vorläufig)
RéNaSS / EMSC: Erdbeben 8 km NNW von Ussel, 16.02.2026
SisFrance / Ministère de l’Écologie: Les séismes du 29 juin 1477 et du 1er mars 1490 en Auvergne
Préfecture du Puy-de-Dôme: Interview Jean Battaglia zum Erdbebenrisiko im Puy-de-Dôme
data.gouv.fr: Zone de sismicité dans le département du Puy-de-Dôme
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