Bruchstücke – Wie Mitteldeutschlands Landschaft entstand, Teil 6 Der Travertin von Weimar: Wo das Wasser Steine baute und Menschen aufbewahrte

 


Fünf Teile lang ging es in dieser Reihe um Kräfte, die Landschaft abtragen: Schollen wurden gehoben und von der Erosion gestutzt, Flüsse schnitten sich ein, das Eis schob alles vor sich her. Im letzten Teil geht es um das Gegenteil. Im Ilmtal bei Weimar hat das Wasser nicht weggenommen, sondern aufgebaut. Es hat Kalkstein abgelagert, Schicht um Schicht, und darin ganz nebenbei ein Stück Menschheitsgeschichte konserviert.

Die Anregung kam, wie bei der ganzen Reihe, aus einem Kommentar unter einem Video des Kanals „Tiefer Grund“, der nach den Travertinen von Weimar, Ehringsdorf und Taubach fragte. Der Kanalbetreiber war sich nicht sicher, ob das Thema einen ganzen Film trägt. Ich meine: Es trägt mindestens einen Blogbeitrag.

Wie aus Quellwasser Stein wird

Travertin ist ein Kalkstein, der nicht im Meer entsteht, sondern an Quellen. Das Wasser, das im Thüringer Becken aus dem Untergrund austritt, ist durch den Muschelkalk geflossen, den ich im zweiten Teil beschrieben habe. Unterwegs hat es Kohlendioxid aufgenommen und damit Kalk gelöst. Tritt es an einer Quelle ins Freie, gibt es das Kohlendioxid an die Luft ab, und der gelöste Kalk fällt wieder aus. Er überzieht Pflanzen, Blätter, Moose und alles, was im Wasser liegt, mit einer Kruste. Über Jahrtausende wachsen so mächtige, poröse Kalkbänke heran.

Entscheidend ist das Klima. Nach der Arbeit von Dietrich Mania und Kollegen über die Travertine Thüringens entstanden die großen Vorkommen vor allem in den Warmzeiten, mit den mächtigsten Ablagerungen in deren klimatischem Optimum. Warme Sommer mit mittleren Julitemperaturen um 20 Grad oder mehr begünstigen die Kalkausfällung. In den Kaltzeiten dagegen ruhte der Prozess.

Und hier kommt der Kalender ins Spiel, den ich im letzten Teil angekündigt habe. Jeder Travertin liegt auf einem Talboden, den der Fluss in der vorangegangenen Kaltzeit geschaffen hat. Unten der Schotter der Kälte, oben der Kalk der Wärme. Wer eine solche Abfolge findet, hat ein Paar aus Kaltzeit und Warmzeit vor sich, das sich in die große Terrassentreppe einordnen lässt.

Ehringsdorf: älter als gedacht

Der bedeutendste dieser Fundorte ist der Travertin von Weimar-Ehringsdorf. Die Abfolge ist über 20 Meter mächtig und wird durch eine Zwischenschicht, den sogenannten Pariser, in einen Unteren und einen Oberen Travertin geteilt.

Die Steinbrüche waren kommerzielle Betriebe, der Travertin ein begehrter Baustein. Und weil dort jahrzehntelang gebrochen wurde, kam ans Licht, was im Kalk steckte. 1907 fand man Steinartefakte, 1908 die ersten menschlichen Reste. Bis 1925 folgten weitere Funde. Die vollständigsten sind ein zerbrochener Hirnschädel und ein Unterkiefer eines Erwachsenen sowie Unterkiefer, Rumpf- und Armknochen eines Kindes. Gefunden wurden sie zusammen mit Knochen von Elefanten, Nashörnern, Pferden und Wildrindern.

Die Menschen von Ehringsdorf werden meist als frühe Neandertaler eingeordnet, mit einigen altertümlicheren Merkmalen: kräftige Überaugenwülste, ein langer, flacher Hirnschädel, ein starker Unterkiefer ohne Kinn. Manche sprechen auch von archaischen Vertretern der Gattung Homo. Die Fachwelt ist sich in der Einordnung nicht ganz einig, und das ist bei Funden aus dieser Zeit eher die Regel als die Ausnahme.

Spannender finde ich die Frage nach dem Alter, denn sie hat sich im Lauf der Zeit verschoben. Lange ordnete man beide Travertine der letzten Warmzeit zu, dem Eem vor rund 125.000 Jahren. 1986 veröffentlichten Henry Schwarcz und Bonnie Blackwell Uran-Serien-Datierungen am Unteren Travertin, aus dem die Menschenreste stammen. Sie kamen auf scheinbare Alter zwischen über 350.000 und 200.000 Jahren und über eine Korrelation der Isotopenverhältnisse auf etwa 230.000 Jahre. Gängige Darstellungen sprechen heute von rund 200.000 Jahren. Damit gehört der Untere Travertin nicht ins Eem, sondern in eine ältere Warmzeit innerhalb des Saale-Komplexes. Der Obere Travertin ist jünger, für ihn ergab eine Probe rund 111.000 Jahre mit großer Unsicherheit.

Das ist mehr als eine Fußnote. Es bedeutet, dass die Menschen von Ehringsdorf zwischen zwei Vorstößen des skandinavischen Eises an der Ilm lebten, in einer Warmzeit, die ihnen Elefanten und Nashörner an den Tümpel vor ihren Feuerstellen brachte.

Ein Lagerplatz am Tümpel

Was die Menschen dort taten, lässt sich erstaunlich gut rekonstruieren. Im Travertin von Ehringsdorf fanden sich mehrere Brandschichten mit Tierknochen, Asche, Holzkohle und Steingeräten. Die Feuerstellen lagen am Rand eines Tümpels, wo die Menschen Werkzeuge herstellten und ihre Beute zerlegten. Das Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringens in Weimar zeigt unter anderem eine Handspitze von hoher handwerklicher Qualität.

Und hier schließt sich ein Kreis zur Flussgeschichte des letzten Teils: Das Werkzeug ist aus nordischem Feuerstein gefertigt. Feuerstein kommt im Thüringer Untergrund nicht vor. Er stammt aus der Kreide Skandinaviens und der Ostsee und wurde vom Inlandeis der Elster- und Saale-Kaltzeit nach Mitteldeutschland gebracht. Die Neandertaler von Ehringsdorf haben also mit einem Rohstoff gearbeitet, den ihnen ein Gletscher vor die Haustür gelegt hatte. Die Eiszeit hat ihnen die Kälte geschickt, aber eben auch das Werkzeugmaterial.

Taubach, Burgtonna und Bilzingsleben

Ehringsdorf ist nicht allein. Nur wenige Kilometer entfernt liegt Taubach, dessen Travertin dem Eem zugeordnet wird, also der letzten Warmzeit. Dort erkannte man schon 1871 Steinartefakte, 1876 kamen menschliche Zähne hinzu. Damit gehört Taubach zu den früh erkannten altsteinzeitlichen Fundplätzen in Deutschland.

Etwas weiter entfernt, im Tal der Tonna, liegt Burgtonna, der am besten untersuchte Eem-Travertin, im südlichen Teil über 25 Meter mächtig und auf Schottern aus dem Saale-Komplex gelegen. Und im Wippertal liegt Bilzingsleben, wo sich Travertine aus gleich mehreren Warmzeiten übereinander finden: aus dem Holstein-Komplex, aus einer Warmzeit innerhalb des Saale-Komplexes, aus dem Eem und aus dem Holozän. Dort wurde 1969 ein altsteinzeitlicher Fundhorizont entdeckt, der zu den bekanntesten Mitteleuropas zählt.

Zusammen mit den Abfolgen von Schöningen belegen diese Fundstellen mindestens sechs Zyklen aus Kalt- und Warmzeiten nach der Elster-Vereisung. Das Thüringer Becken ist damit eines der besten Klimaarchive des mittleren Eiszeitalters in Europa. Und es ist eines, das man nicht in Eisbohrkernen oder Tiefseesedimenten suchen muss, sondern in Steinbrüchen am Stadtrand von Weimar.

Kasten: Goethe im Steinbruch

Wo Weimar ist, ist Goethe nicht weit, und so auch hier. Goethe sammelte zwischen 1780 und 1832 mehr als 18.000 Gesteine, Mineralien und Fossilien, darunter rund 100 Fossilien aus den eiszeitlichen Ablagerungen um Weimar. Im Januar 1819 schrieb er an den Geologen Carl Caesar von Leonhard von vorzüglichen fossilen Knochen, die bei Weimar gefunden worden seien. Veröffentlicht hat er nichts davon.

1823 besuchte sein Sohn August die Tuffsteinhöhlen am Stadtrand, sammelte Proben und beschrieb die Schichten. Im September gingen Vater und Sohn noch einmal gemeinsam in den Steinbruch und korrigierten das Schichtprofil. Die Notizen und Skizzen lagen dann fast 180 Jahre im Goethe- und Schiller-Archiv, bevor ein Teil davon als Ergänzung zu modernen stratigraphischen Untersuchungen veröffentlicht wurde. Man darf also sagen: Goethe hat am Weimarer Travertin geforscht. Er hat es nur niemandem erzählt.

Was bleibt von dieser Reihe

Sechs Teile, eine Landschaft. Der Harz zeigte, dass ein Gebirge zweimal geboren werden kann. Thüringer Wald und Thüringer Becken, dass Hebung und Senkung ein Paar sind. Das Erzgebirge, dass ein aufreißender Graben einen ganzen Block kippen kann. Das Elbsandsteingebirge, dass Berge auch aus einem zerbrochenen Meeresboden bestehen können, in den ein Fluss geschnitten hat. Die Flüsse, dass das Eis ihnen mehrfach den Weg verlegt hat. Und der Travertin von Weimar zeigt, dass all diese Kräfte am Ende Spuren hinterlassen, in denen auch wir selbst vorkommen.

Die Bruchschollen haben die Bühne gebaut, die Flüsse und das Eis haben sie eingerichtet, und irgendwann vor gut 200.000 Jahren saß an einem Tümpel bei Weimar jemand am Feuer und schlug Feuerstein zu einem Werkzeug. Das Material dafür hatte ein Gletscher aus Skandinavien gebracht. Der Kalk, der seine Knochen umschloss, war aus Muschelkalk gelöst, der einst am Grund eines Meeres lag. Und das Tal, in dem er saß, hatte der Fluss in der Kaltzeit davor geschaffen. Mehr Landschaftsgeschichte passt kaum an einen einzigen Ort.



Quellen

Mania, D. et al. (2003): Travertines in Thüringen. Hallesches Jahrbuch für Geowissenschaften.

Schwarcz, H. P. & Blackwell, B. (1986): U-series analyses of the Lower Travertine at Ehringsdorf, DDR. Quaternary Research 25 (2).

Encyclopaedia Britannica: Ehringsdorf remains.

Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringens, Weimar: Objektblatt Feuersteingerät aus Weimar-Ehringsdorf (museum-digital).

Scientific American, History of Geology: Poet and Paleontologist Johann Wolfgang von Goethe.

Anstoß: Kommentar unter einem Film des YouTube-Kanals „Tiefer Grund“.

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