Schläfer unter Europa – Nachtrag 2: Der Schläfer murmelt

 

Ein Nachtrag zu Teil 1 (Egerbecken/Vogtland). Stand: 31. Oktober 2026.

Es gibt Meldungen, die man nur liest, weil man sie abonniert hat. Am Samstagnachmittag, um 15:53 Uhr Weltzeit, registrierte das Messnetz WEBNET des Instituts für Geophysik der Tschechischen Akademie der Wissenschaften ein Beben der Stärke 0,36. Herd in 9,7 Kilometern Tiefe, Epizentrum bei 50,26 Grad Nord und 12,45 Grad Ost, rund 30 Kilometer westlich von Karlsbad und gut sechs Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Intensität: nicht spürbar. Gespürt hat es also niemand. Gemessen hat es trotzdem jemand. Das ist der Unterschied zwischen dem Egerbecken und dem Rest der Republik.

Ich schreibe trotzdem darüber. Nicht, weil ein Beben der Stärke 0,36 eine Nachricht wäre, sondern weil der Ort eine ist.

Der Ort, an dem es immer wieder rumpelt

Die Koordinaten führen nicht irgendwohin, sondern ziemlich genau in die Gegend zwischen Luby (Schönbach) und Kraslice (Graslitz), in den Bereich der Herdzone von Nový Kostel. Wer die Reihe verfolgt hat, kennt den Namen. Hier liegt das Zentrum der allermeisten Schwarmbeben im Vogtland und im Egerbecken, hier lagen die großen Schwärme von 1985/86, 2000, 2008, 2011 und 2018, und hier landen auch die meisten der Mikrobeben, die ich in den letzten Wochen gesammelt habe.

Auch die Tiefe passt ins Bild. Die Schwarmbeben von Nový Kostel spielen sich typischerweise zwischen etwa sieben und elf Kilometern ab. 9,7 Kilometer sind da so gewöhnlich wie ein Stau am Frankenschnellweg.

Kleine Randbemerkung zur automatischen Ortsbeschreibung: Das Portal verortet das Epizentrum im "Vogtlandkreis, Karlsbader Region, Tschechien". Der Vogtlandkreis liegt bekanntlich in Sachsen. Die Software hat damit unfreiwillig das Wesentliche erfasst: Das Gebiet, um das es geht, interessiert sich nicht für Landesgrenzen. Der Untergrund war schon Egerbecken, als es weder Sachsen noch Böhmen gab.

Wie viel Energie ist Stärke 0,36?

Angegeben sind rund 250.000 Joule, also etwa 0,07 Kilowattstunden. Das entspricht ungefähr dem, was ein Wasserkocher mit 2.000 Watt in gut zwei Minuten verbraucht. Oder, anders gerechnet: der Energie eines 60-Kilo-Menschen, der aus gut 400 Metern Höhe herunterfällt. Beides ist nicht wenig, aber verteilt auf ein Gesteinsvolumen in fast zehn Kilometern Tiefe bleibt davon an der Oberfläche schlicht nichts übrig.

Das ist der Grund, warum solche Ereignisse nur in einem Messnetz auftauchen, das eng genug geknüpft ist, um sie zu fangen. WEBNET ist genau dafür gebaut worden, und seit das deutsch-tschechische Gemeinschaftsprojekt auf deutscher Seite mit zusätzlichen Stationen nachgezogen hat, fällt durch dieses Netz im Kerngebiet kaum noch etwas hindurch.

Nicht allein: die Oktober-Beben

Das Samstagsbeben steht nicht allein. Am 20. Oktober registrierte IGCAS ein Mikrobeben der Stärke 0,2 in 9,2 Kilometern Tiefe, also im üblichen Stockwerk. Am 21. Oktober folgte eines der Stärke 0,2 in 16,5 Kilometern Tiefe. Und dieses zweite ist für mich das eigentlich interessante.

16,5 Kilometer liegen deutlich unter dem gewohnten Schwarmbeben-Horizont. Dort unten, Richtung Unterkruste, vermutet die Forschung den Aufstiegsweg der Fluide, die das ganze System antreiben: Kohlendioxid aus dem Erdmantel, das über die Mofetten von Bublák und Hartoušov und über die Mineralquellen der Bäderlandschaft schließlich an die Oberfläche gelangt. Ein einzelnes tiefes Mikrobeben ist kein Beleg für irgendetwas. Es ist ein Datenpunkt. Aber es ist einer von der Sorte, die man sich merkt.

Was das bedeutet – und was nicht

Um es nüchtern zu sagen: Drei Mikrobeben in elf Tagen sind kein Schwarm, keine Vorwarnung und keine Schlagzeile. Das Egerbecken produziert solche Ereignisse im Hintergrund fast ständig. Wer daraus eine Gefahr bastelt, gehört in die Abteilung Märchenjungen.

Was es aber zeigt: Der Schläfer schläft nicht tief. Er dreht sich, er murmelt, und er tut das an denselben Stellen, an denen er es seit Jahrzehnten tut. Das Egerbecken ist das einzige Gebiet in Mitteleuropa, in dem Erdbeben, Mantelgase und junge Vulkanbauten wie die Železná hůrka, die Komorní hůrka und die Maare bei Mytina auf so engem Raum zusammenkommen.

Meine Haltung dazu kennt man: Ich halte einen Ausbruch dort in ferner Zukunft für eine geologische Unausweichlichkeit. Nicht morgen, nicht in diesem Jahrhundert und wahrscheinlich nicht in den nächsten tausend Jahren. Aber das System ist nicht erloschen, sondern aktiv – nur eben in einem Tempo, das in Erdzeitaltern denkt und nicht in Nachrichtenzyklen. Ein Beben der Stärke 0,36 ist in diesem Tempo das Äquivalent eines Atemzugs.

Nachsatz

Das Erdbebenportal gibt übrigens auch den seismischen Gegenpol an: 50,26 Grad Süd, 167,55 Grad West, irgendwo im Südpazifik zwischen Neuseeland und der Antarktis. Dort hat das Beben niemand gespürt. Hier allerdings auch nicht. Insofern herrscht wenigstens in dieser Frage weltweite Einigkeit.

Quellen: IGCAS WEBNET (Institut für Geophysik der Tschechischen Akademie der Wissenschaften), automatische Erstmeldung vom 31.10.2026, Status vorläufig; Mikrobeben vom 20. und 21.10.2026 laut IGCAS.

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