Kamera läuft: Was Pflegeroboter und Pflege-Livestreams gemeinsam haben

 In meinem Urlaub habe ich mir etwas angeschaut, das mit Urlaub nicht viel zu tun hat: den Auftakt der Ohm Innovation Talks am Energie Campus Nürnberg. Thema des Abends war „Soziale Robotik in der Pflege: zwischen menschlicher Empathie und innovativer Technik“. Den ersten Vortrag hielt Dr.-Ing. habil. Thomas Wittenberg vom Fraunhofer IIS unter dem Titel „Wenn Roboter menschlich wirken – Soziale Interfaces im Gesundheitswesen“, danach berichtete Natascha Novakovic, Leiterin der Tagespflege im Seniorenzentrum Gottfried Seiler, aus der Praxis.

Ich war, wie meistens, einfach neugierig. Aber während ich zugehört habe, lief in meinem Kopf ein zweiter Film mit. Er stammt nicht vom Fraunhofer-Institut, sondern von TikTok: Pflegekräfte, die während ihrer Schicht live auf Sendung gehen, mit Station, Patienten und gelegentlich deren Entlassbrief im Bild.

Beide Themen haben etwas gemeinsam, das man auf den ersten Blick übersieht. In beiden Fällen geht es um eine Kamera auf der Station. Und trotzdem liegen Welten dazwischen.

Was Wittenberg tatsächlich erforscht

Wer bei Pflegerobotern an blecherne Krankenschwestern denkt, die Bettpfannen tauschen, liegt daneben. Zwei Arbeiten aus Wittenbergs Umfeld zeigen, wie das Thema in der Forschung angegangen wird.

Die erste stammt aus einer Zusammenarbeit mit dem Pflegeheimbetreiber Korian. Dort geht es nicht darum, welcher Roboter am meisten kann, sondern darum, welche Technik die Pflegekräfte überhaupt brauchen. Ausgangspunkt ist eine nüchterne Feststellung: Technik verspricht Entlastung, ihre Einführung ist aber kompliziert, und an der Akzeptanz des Personals entscheidet sich, ob sie funktioniert. Also fragt man zuerst die, die damit arbeiten sollen, und sortiert dann. Das klingt banal. Wer allerdings ein paar Digitalisierungsprojekte von innen gesehen hat, weiß, wie selten genau das passiert.

Die zweite Arbeit ist ein Konzept für Roboter, die Gefühlsausdrücke ihres Gegenübers erkennen – fröhlich, überrascht, traurig – und darauf passend reagieren. Ein solcher Roboter müsste im Pflegeheim mit sehr unterschiedlichen Menschen zurechtkommen: mit Bewohnern, Angehörigen, Besuchern und dem Pflegepersonal. Die möglichen Dialoge wurden dafür mit einem Sprachmodell durchgespielt. Wichtig ist die Einordnung: Das ist ein Konzept, kein Produkt, das morgen über den Flur rollt.


Interessant ist, was die Praxis dazu sagt. Bei einem Workshop mit Pflegefachkräften an der Hochschule Zittau/Görlitz im Juli 2026 zeigte sich ein recht klares Bild: Technik ist willkommen, wo sie körperlich entlastet und Zeit für die Menschen schafft. Eine Grenze wurde dabei ausdrücklich gezogen, nämlich die Sterbebegleitung. Die bleibt Menschensache. Ganz theoretisch ist das Thema übrigens nicht mehr: Laut dem Workshopbericht sind in deutschen Pflegeeinrichtungen rund 100 soziale Roboter eines einzigen Herstellers im täglichen Betrieb.

Was Kevinits aufdeckt

Und dann ist da der andere Film. Kevin Hartwig, auf YouTube und TikTok als Kevinits unterwegs, ist kein Empörungsprofi von außen. Er ist gelernter Krankenpfleger, hat Pflegepädagogik studiert und jahrelang auf einer Intensivstation gearbeitet. Irgendwann fielen ihm die Livestreams aus Kliniken und Heimen auf, und ebenso, dass sich in den Netzwerken niemand darum kümmerte. Also kümmert er sich.

Einer seiner Fälle spielt direkt vor unserer Haustür. Im September 2024 wies er das Bayerische Rote Kreuz auf einen Mitarbeiter in einem Nürnberger Pflegeheim hin. Der Mann hatte im Stream Namen von Bewohnern genannt, sich über sie lustig gemacht und erzählt, er habe einem Patienten mehr Einlagen gegeben, um seine Ruhe zu haben. Das BRK bestätigte, dass es sich um einen eigenen Mitarbeiter handelte, und kündigte neben der arbeitsrechtlichen auch eine straf- und datenschutzrechtliche Prüfung an.

In Günzburg-Krumbach streamte ein Pfleger während der Schicht, Namen, Diagnosen und Behandlungen inklusive. Den Entlassbrief eines Patienten samt Adresse und Hausarzt hielt er gleich in die Kamera. Er wurde freigestellt, und die Klinik verordnete der Belegschaft Schulungen. Im Oktober 2026 traf es das Klinikum Oldenburg: Eine Pflegerin streamte in der Nachtschicht von der Palliativstation, das Haus zog arbeitsrechtliche Konsequenzen.

Fairerweise gehört auch der Dortmunder Fall dazu. Im Hüttenhospital gingen drei Intensivpflegerinnen live, nach eigener Aussage in ihrer Pause. Nach damaligem Kenntnisstand wurde niemand gefährdet, das Krankenhaus verzichtete auf Kündigungen. Nicht jeder Fall wiegt also gleich schwer. Das spricht nicht gegen Hartwigs Arbeit, sondern dafür, genau hinzuschauen.

Der Pranger-Einwand

Den Einwand kenne ich, und er soll hier nicht unter den Tisch fallen: Hartwig macht Arbeitgeber ausfindig und stellt Einzelne öffentlich bloß. Ist das nicht selbst eine Art Pranger?

Ich sehe das anders. Das BRK hat im Nürnberger Fall selbst darauf hingewiesen, dass der Mann bei der Einstellung über Datenschutz und Schweigepflicht belehrt und geschult worden war. Und es hat ebenso ehrlich eingeräumt, dass kein Arbeitgeber jeden Regelverstoß ausschließen kann. Genau in dieser Lücke arbeitet Hartwig. Wer sich vor laufender Kamera über wehrlose Menschen lustig macht, hat die Öffentlichkeit selbst hergestellt. Hartwig sorgt nur dafür, dass auch die richtige Öffentlichkeit zuschaut.

Die Kamera ist nicht das Problem

Jetzt wird es spannend, denn hier treffen sich die beiden Filme. Ein Roboter, der Gefühle erkennen soll, braucht Kameras und Mikrofone auf der Station. Ein TikTok-Livestream braucht auch Kamera und Mikrofon auf der Station. Technisch ist der Unterschied überschaubar.

Der eigentliche Unterschied liegt woanders. Wer hat zugestimmt? Wofür werden die Bilder gebraucht? Wohin gehen die Daten? Und wem nützt das Ganze? Bei Wittenbergs Ansatz stehen diese Fragen am Anfang, und die Pflegekräfte entscheiden mit, welche Technik überhaupt ins Haus kommt. Beim Livestream stellt sie niemand, und der Nutzen liegt bei der Reichweite des Streamers.

Neu ist das alles nicht. Die Schweigepflicht ist deutlich älter als jede Kamera, sie steht schon im Eid des Hippokrates. Heute regelt sie § 203 StGB. Die Technik hat das Problem nicht erfunden. Sie hat nur dafür gesorgt, dass ein Bruch der Schweigepflicht nicht mehr am Stammtisch passiert, sondern vor ein paar hundert Zuschauern in Echtzeit.

Und der Fachkräftemangel?

Bleibt die Frage, die mich nach dem Abend am meisten beschäftigt hat. Pflegekräfte sind schwer zu bekommen, und das wird nicht besser. Wenn dann ein Teil derer, die da sind, lieber für die Zuschauer arbeitet als für die Bewohner, wirkt ein Roboter plötzlich gar nicht mehr so kalt. Ein Roboter langweilt sich um drei Uhr nachts nicht, und er geht auch nicht live.

Ganz so einfach mache ich es mir trotzdem nicht. Das BRK hat in seiner Stellungnahme zu Recht betont, dass für die allermeisten Pflegekräfte das Wohl der Bewohner an erster Stelle steht. Die Streamer sind die Ausnahme, aber eine, die dem ganzen Berufsstand schadet, und zwar ausgerechnet dem, der ohnehin zu wenig Leute hat. Und die Sterbebegleitung übernimmt auch der beste Roboter nicht.

Mein Fazit fällt deshalb so aus: Technik dort, wo sie Rücken und Nerven entlastet, damit Menschen mehr Zeit für das haben, was nur Menschen können. Klare Regeln dafür, welche Kamera auf der Station etwas zu suchen hat und welche nicht. Und Leute wie Kevin Hartwig, die hinschauen, wenn diese Regeln gebrochen werden.

Der Roboter, der Gefühle erkennt, ist noch ein Konzept. Der Pfleger, der sie ignoriert, ist leider schon Realität.

Quellen

Ohm Innovation Talks am EnCN, 28.10.2026: Ankündigung über LinkedIn (Energie Campus Nürnberg / TH Nürnberg)

Arndt, Wittenberg et al. (2024): Needs-based selection and prioritization of Technologies to Aid and Assist Nursing Staff in Inpatient Care of Elderly, Current Directions in Biomedical Engineering 10(4) – cris.fau.de/publications/334278980

Wittenberg et al. (2024/25): A Concept of Emotion-Driven Human-Robot-Inter-Action for Nursing Care Scenarios, IEEE ISMT – cris.fau.de/publications/342246338

Fabisch, M. (2026): Robotik in der Pflege? Veranstaltungsbericht, GAT / Hochschule Zittau/Görlitz

inFranken.de (25.09.2024): Nürnberg: Pfleger soll in Livestreams über Patienten hergezogen haben – BRK reagiert

Datenschutz-Notizen: Livestream aus dem Krankenhaus – Job weg (Fall Günzburg-Krumbach)

NWZ Online (01.10.2026): YouTuber Kevin Hartwig deckt auf: Pflegerin im Oldenburger Klinikum streamt live auf TikTok

Bibliomed Pflege: Pflegenden drohen Konsequenzen wegen Livestream (Fall Hüttenhospital Dortmund)

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