Bruchstücke – Wie Mitteldeutschlands Landschaft entstand, Teil 3 Das Erzgebirge: Ein schräger Deckel über einem aufreißenden Graben
Wer das Erzgebirge von Sachsen aus erlebt, merkt kaum, dass er ein Gebirge hinaufsteigt. Von Chemnitz oder Freiberg aus geht es gemächlich nach Süden bergan, Dorf um Dorf, Hochfläche um Hochfläche, bis man plötzlich auf dem Kamm steht. Und dann fällt das Land vor einem ab. Steil, fast ruppig, hinunter ins Egertal nach Böhmen. Das Erzgebirge ist ein Gebirge mit zwei Gesichtern: von Norden ein Hang, von Süden eine Wand.
Im ersten Teil dieser Reihe hatten wir beim Harz das umgekehrte Bild: steil im Norden, flach im Süden. Beide sind Pultschollen, schräg gestellte Krustenblöcke, aber sie neigen sich in entgegengesetzte Richtungen. Und das hat einen Grund, der beim Erzgebirge einen Namen hat, den regelmäßige Leser dieses Blogs kennen: den Egergraben.
Ein Block von 150 Kilometern
Das Erzgebirge ist rund 150 Kilometer lang, im Durchschnitt 40 Kilometer breit und bildet über weite Strecken die deutsch-tschechische Grenze. Der höchste Gipfel ist der Keilberg, Klínovec, mit 1.244 Metern auf der böhmischen Seite. Der Fichtelberg mit rund 1.215 Metern ist der höchste Berg Sachsens. Das Gebirge entwässert vollständig zur Elbe, die Kammlinie bildet die Wasserscheide.
Die Gesteine sind auch hier alt. Gneise, Glimmerschiefer, Phyllite und Granite des variskischen Grundgebirges, entstanden und umgewandelt bei der Gebirgsbildung vor über 300 Millionen Jahren. In der Spätphase drangen Granite und Rhyolithe in die Kruste ein, darunter jene der Altenberg-Teplitz-Caldera, die ich im Sachsen-Teil der Vulkanreihe vorgestellt habe. An diese späten Granite sind viele der Erze gebunden, denen das Gebirge seinen Namen verdankt.
Das alte Gebirge wurde, wie überall in Mitteleuropa, bis auf seinen Rumpf abgetragen. Die heutige Form ist viel jünger. Sie entstand vor allem im Tertiär, im Zusammenhang mit der alpidischen Gebirgsbildung, also deutlich später als die Hebung von Harz und Thüringer Wald in der Kreide.
Die Kippung: warum die Wand im Süden steht
Südlich des Erzgebirges liegt der Egergraben, auf Tschechisch Ohře-Graben. Er gehört zum europäischen känozoischen Riftsystem und funktioniert nach demselben Prinzip wie der Oberrheingraben: Die Kruste wird gedehnt, ein Streifen sinkt zwischen zwei Brüchen ein. Der Graben folgt der großen Randstörung des Erzgebirges und setzt sich nach Nordosten ins Bílina-Tal und ins Nordböhmische Becken fort.
Als der Graben einsank, wurde der nördlich angrenzende Block an seinem Südrand gehoben und schräg gestellt. Wie eine Tischplatte, die man an einer Kante anhebt, während die andere auf dem Boden bleibt. Die angehobene Kante ist der Erzgebirgskamm mit dem Steilabfall nach Böhmen. Die Platte selbst ist die lange, sanft nach Norden abfallende Abdachung in Sachsen. So entsteht eine asymmetrisch gehobene Pultscholle.
Graben und Gebirge sind also kein Zufall nebeneinander, sondern zwei Seiten derselben Bewegung. Und weil der Egergraben, wie ich in diesem Blog schon öfter geschrieben habe, bis heute aktiv ist, mit Schwarmbeben im Vogtland und in Westböhmen und aufsteigendem Kohlendioxid aus dem Mantel, ist die Geschichte des Erzgebirges womöglich auch noch nicht ganz zu Ende erzählt.
Basaltdeckel und eine umgekehrte Landschaft
Im Tertiär brachte die Dehnung auch Magma nach oben, im Egergraben selbst mit den großen Vulkangebieten des Duppauer Gebirges und des Böhmischen Mittelgebirges, auf der sächsischen Seite mit einzelnen Basaltvorkommen. Sie sind heute als markante Tafelberge erhalten: Bärenstein, Pöhlberg und Scheibenberg.
Der Scheibenberg bei Annaberg ist das schönste Beispiel und ein Lehrstück für das, was Geologen Reliefumkehr nennen. Vor etwa 32 bis 28 Millionen Jahren, im Oligozän, flossen nephelinitische Laven in damals vorhandene Flusstäler. Unter dem Basalt liegen noch heute die Flussschotter jener Täler. Später trug die Erosion das weichere Umland ab, während der harte Basalt stehen blieb. Was einst die tiefste Stelle der Landschaft war, das Tal, ist heute ihre höchste: ein Tafelberg mit Basaltdeckel. Im ehemaligen Steinbruch, der bis 1936 in Betrieb war, stehen die Säulen, die Orgelpfeifen, teils rund 30 Meter hoch.
Kasten: Der Berg, der eine Wissenschaft spaltete
Der Scheibenberg ist nicht nur schön, er ist Wissenschaftsgeschichte. Ende des 18. Jahrhunderts stritten die Geologen darüber, wie Basalt entsteht. Abraham Gottlob Werner, der berühmte Lehrer an der Bergakademie Freiberg, war Anführer der Neptunisten. Sie hielten die meisten Gesteine für Ablagerungen eines Urozeans. Ihre Gegner, die Vulkanisten, sahen im Basalt erstarrtes Magma, gestützt auf Beobachtungen in der Auvergne.
1787 fand Werner am Scheibenberg Basalt, der waagerecht auf Wacke, Sand, Ton und Gneis lag, und sah darin den Beweis für eine Entstehung aus dem Wasser. Der Berg wurde zum Kronzeugen des Neptunismus. Ausgerechnet Werners eigener Schüler Johann Carl Wilhelm Voigt widersprach ihm, und auch Leopold von Buch und Alexander von Humboldt mischten mit. Bis in Goethes Faust II hat es der Streit geschafft. Am Ende behielten die Vulkanisten recht, und heute wissen wir: Werner hatte richtig beobachtet, dass der Basalt auf Sedimenten liegt. Er hatte nur nicht erkannt, dass er als Lava in ein Tal geflossen war. Eine korrekte Beobachtung, falsch gedeutet. Das passiert auch heute noch, nur seltener mit so prominenter Besetzung.
Die Erze und ihr Erbe
Seinen Namen verdankt das Gebirge den Lagerstätten, die sich in den Spalten und Gängen des Grundgebirges bildeten, viele davon im Umfeld der späten variskischen Granite. Silber, Zinn, Kupfer, Kobalt, Wismut und später Uran. Mit dem Silberfund bei Freiberg im 12. Jahrhundert begann ein Bergbau, der Sachsen über Jahrhunderte reich machte, Städte wie Annaberg, Schneeberg und Marienberg hervorbrachte und mit der Bergakademie Freiberg eine der ältesten montanwissenschaftlichen Hochschulen der Welt. Nach 1945 kam der Uranbergbau der Wismut, ein Kapitel mit eigenem, deutlich dunklerem Erbe.
Seit 2019 ist die Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří mit 22 Bestandteilen auf beiden Seiten der Grenze UNESCO-Welterbe. Man könnte sagen: Die Geologie hat dem Erzgebirge die Erze geliefert, die Hebung hat sie in Reichweite gebracht, und die Menschen haben daraus eine Kulturlandschaft gemacht.
Frost, Löss und Kammlagen
Wie die Rhön lag auch das Erzgebirge in den Kaltzeiten nicht unter Gletschern, sondern im Dauerfrostgebiet davor. Löss, vom Wind herangetragener Staub, und Frostmusterböden zeugen davon. Die rauen Kammlagen mit ihren Hochmooren, die langen Winter und der Schnee, der heute die Wintersportorte am Fichtelberg und Keilberg trägt, sind die klimatische Folge einer geologischen Tatsache: Hier wurde ein alter Rumpf auf über 1.200 Meter gehoben.
Was bleibt
Das Erzgebirge ist das jüngste Bruchstück in dieser Reihe. Seine Gesteine sind über 300 Millionen Jahre alt, seine Form verdankt es dem Tertiär, und der Graben, der es gekippt hat, ist bis heute in Bewegung. Damit ist es das einzige der drei Gebirge, bei denen man mit einiger Berechtigung sagen kann, dass die Kraft, die sie geformt hat, noch heute messbar arbeitet. Wer auf dem Keilberg steht und nach Süden ins Egertal blickt, schaut nicht auf eine abgeschlossene Geschichte, sondern auf eine Baustelle.
Im nächsten Teil geht es an den östlichen Rand: ins Elbsandsteingebirge und ins Zittauer Gebirge, wo kein Grundgebirge, sondern Meeressand aus der Kreidezeit die Landschaft formt.
Quellen
dewiki: Erzgebirge.
Wikipedia: Eger Graben.
IUGS Geoheritage: Scheibenberg lava flow.
Tichomirowa, M. et al. (2022): New CA-ID-TIMS U–Pb zircon ages for the Altenberg–Teplice Volcanic Complex. Int. J. Earth Sci. 111.
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