Bruchstücke – Nachtrag Gips aus dem Schornstein, Gips aus dem Berg: Die Rechnung des Kohleausstiegs kommt am Südharz an
Im ersten Teil der Reihe „Bruchstücke“ ging es um den Harz und am Rande um den Gipskarst am Südrand. In einem Kasten habe ich dort eine Ironie angedeutet, die mich seitdem nicht loslässt: Mit dem Kohleausstieg verschwindet ein Rohstoff, an den kaum jemand denkt, und die Lücke soll ausgerechnet in einer der wertvollsten Naturlandschaften Deutschlands geschlossen werden. Hier die ausführliche Fassung.
Ein Abfallprodukt, das zum Hauptrohstoff wurde
Kohlekraftwerke stoßen mit dem Rauchgas Schwefeldioxid aus. Seit den 1980er Jahren wird es in Rauchgasentschwefelungsanlagen ausgewaschen, meist mit Kalk. Dabei entsteht Gips, sogenannter REA-Gips. Er ist sauber, gleichmäßig und von hoher Qualität. Was als Umweltschutzmaßnahme gegen sauren Regen begann, wurde zum Rückgrat einer ganzen Industrie.
Die Zahlen sind beachtlich. Nach Angaben des BUND hat REA-Gips in den rund 30 Jahren seiner Verfügbarkeit Produktion und Verbrauch von Gips in Deutschland etwa verdoppelt. In den 1970er und 1980er Jahren lag der Verbrauch bei rund vier Millionen Tonnen pro Jahr, heute sind es über zehn Millionen, etwa 30 Prozent des europäischen Verbrauchs. Rund 90 Prozent davon gehen in Baustoffe, allein Gipskartonplatten benötigen etwa drei Millionen Tonnen jährlich. 2022 stammten 5,1 Millionen Tonnen und damit rund 43 Prozent der deutschen Gipsproduktion aus Kraftwerken.
Und dieser Anteil verschwindet. Nach der Studie „Rohstoffnachfrage 2045“ des Bundesverbands Baustoffe – Steine und Erden soll die Menge an REA-Gips bis 2030 auf 2,9 Millionen Tonnen sinken, bis 2035 auf 1,7 Millionen. Spätestens 2038, mit dem letzten Kohlekraftwerk, ist Schluss.
Die Lücke und der Berg
Woher soll der Gips dann kommen? Die Industrie hat eine klare Antwort: aus dem Boden. Dieselbe bbs-Studie rechnet damit, dass die Gewinnung von Naturgips und Anhydrit von 5,8 Millionen Tonnen im Jahr 2022 bis 2045 auf 7,7 bis 8,8 Millionen Tonnen steigen muss, ein Plus von bis zu 52 Prozent. Holger Ortleb, Geschäftsführer des Bundesverbands der Gipsindustrie, nennt den Wegfall des REA-Gipses eine Herausforderung für die Baustoffindustrie. Gefordert werden schnellere Genehmigungen, weniger Bürokratie und, gestützt auf ein Rechtsgutachten der RWTH Aachen, die Einstufung des Rohstoffabbaus als überragendes öffentliches Interesse.
Der wichtigste Ort für Naturgips in Deutschland ist der Südharz. Laut BUND kommen von dort rund 2,5 Millionen Tonnen pro Jahr, mehr als die Hälfte der deutschen Naturgipsgewinnung. In den Gipskarstgebieten Niedersachsens und Thüringens werden derzeit rund 1.000 Hektar abgebaut. Der Südharzer Gipskarst ist zugleich einer von 30 Biodiversitäts-Hotspots, die das Bundesamt für Naturschutz ausgewiesen hat, und der Alte Stolberg trägt die größten zusammenhängenden Wälder auf Gipsgestein in Deutschland.
Konkret: Am Alten Stolberg waren 2021 rund 102 Hektar abgebaut, die Abbaurechte umfassen 316 Hektar, ein Abbauplan reicht bis ins Jahr 2100. Am Kohnstein und an der Hohen Schleife ist nach BUND-Angaben etwa die Hälfte des Massivs verschwunden. In der Rüdigsdorfer Schweiz stehen Winkelberg und Kuhberg zur Debatte. Gips ist nach dem Abbau nicht einfach weg wie Kohle aus einem Flöz. Mit ihm verschwindet der Berg.
Die Argumente der Gegenseite
Die Industrie argumentiert, Gipsabbau sei nur ein temporärer Eingriff. Die niedersächsische Landesregierung verweist zudem darauf, dass sich Spezialgipse für Medizin, Keramik oder Formenbau fast nur aus Naturgips herstellen lassen. Zudem sichere der Abbau Arbeitsplätze in einer strukturschwachen Region.
Die Gegenseite, allen voran der BUND, hält dagegen. Die Lebensgemeinschaften des Gipskarsts gelten nach Einschätzung eines Gremiums der Umweltministerkonferenz als nicht ersetzbar, eine Renaturierung stellt den Karst nicht wieder her. Spezialgipse machen nur einen kleinen Teil aus, der Großteil geht in Baugips und Zement. Und bei den Arbeitsplätzen lohnt der genaue Blick: Die oft genannten rund 1.600 Arbeitsplätze aus einer DIW-Econ-Studie beziehen sich auf ganz Deutschland, nicht auf den Südharz.
Dazu kommt die Frage nach den Alternativen. Laut BUND werden in Deutschland weniger als fünf Prozent der Gipsabfälle aus dem Bau recycelt, in anderen EU-Ländern deutlich mehr. Gipskartonplatten dürfen nach Industrieangaben derzeit höchstens 30 Prozent Recyclinggips enthalten. Die Zahlen zum Recycling sind allerdings widersprüchlich, je nach Quelle, Jahr und Definition liegen sie zwischen null und gut 20 Prozent. Eine vom BUND beauftragte Studie hält einen Ausstieg aus dem Naturgips bis 2045 für machbar, durch Recycling, Wiederverwendung, chemisch erzeugte Gipse und Ersatzbaustoffe wie Lehm-, Holz-, Stroh- oder Hanfplatten. Die Industrie setzt dagegen weiter auf den Abbau.
Was mich daran stört
Ich will hier nicht so tun, als wüsste ich, wie viel Gips Deutschland 2045 braucht oder wie schnell sich Lehmplatten im Trockenbau durchsetzen. Darüber streiten sich Fachleute mit unterschiedlichen Interessen, und beide Seiten haben ihre Studien. Was mich stört, ist etwas anderes.
Der Kohleausstieg ist seit 2020 Gesetz. Dass mit den Kraftwerken auch der REA-Gips verschwindet, war jedem klar, der sich zwei Minuten mit der Frage beschäftigt hat, wo eigentlich der Gips in unseren Wänden herkommt. Trotzdem gibt es bis heute keine Recyclingquote, die diesen Namen verdient, keine verbindliche Rücknahmepflicht der Hersteller und keine ernsthafte Strategie, den Bedarf zu senken. Stattdessen wird jetzt, kurz vor knapp, das überragende öffentliche Interesse am Abbau gefordert. Das Muster kenne ich aus meiner Branche nur zu gut: Erst wird jahrelang nichts geplant, dann wird die Eile zum Argument.
Und so bezahlt ein Stück Energiewende am Ende eine Landschaft, die mit Energie nichts zu tun hat. Der Schwefel, der früher aus den Schornsteinen kam, wurde zu Gips, der Gips wurde zu Wänden. Jetzt kommt kein Schwefel mehr, aber die Wände sollen bleiben. Also holt man den Gips aus dem Berg, den das Zechsteinmeer vor rund 255 Millionen Jahren hinterlassen hat. Die Erdgeschichte zahlt für ein Versäumnis der Gegenwart.
Kasten: Warum Gipskarst nicht nachwächst
Gips ist eines der am leichtesten löslichen Gesteine überhaupt. Genau das macht den Gipskarst so besonders: Regen und Grundwasser formen in historischen statt in geologischen Zeiträumen Erdfälle, Höhlen, Bachschwinden und Karren, die entstehen und wieder vergehen. Auf diesen nährstoffarmen, trockenen, ständig in Bewegung befindlichen Böden leben Pflanzen- und Tiergemeinschaften, die es anderswo kaum gibt.
Ein abgebauter Gipsberg lässt sich bepflanzen, aber nicht zurückbauen. Das Gestein, aus dem der Karst entsteht, ist dann weg. Was danach wächst, kann wertvoll sein, es ist aber eine andere Landschaft. Das ist der Kern des Streits: Die eine Seite spricht von einem vorübergehenden Eingriff, die andere von einem endgültigen Verlust. Geologisch hat die zweite Seite recht.
Was bleibt
Ob Deutschland 2045 noch große Mengen Naturgips braucht, entscheidet sich nicht am Südharz, sondern auf den Baustellen, in den Normenausschüssen und in der Recyclingpolitik. Je weniger dort passiert, desto mehr wird am Berg passieren. Das ist keine Frage von Naturschutz gegen Wirtschaft, sondern eine Frage, ob man vorausplant oder hinterherbaggert.
Quellen
baulinks.de (2025): Baustoffindustrie – Gipsversorgung zukünftig in Gefahr? (zur bbs-Studie „Rohstoffnachfrage 2045“).
BUND Thüringen: Schwarzbuch Gips (2025).
Pugnalom: Gipsabbau im Südharz – Die Argumente der Industrie im Faktencheck.
showcaves.com: Gipskarst Südharz.
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