Zwei Stimmen, ein Gitarrist: Warum ich mich freue, dass es Creed und Alter Bridge gibt


Es gibt Bands, die man nicht hören darf, wenn man als ernsthafter Musikhörer gelten will. Creed war lange so eine Band. Die Feuilletons haben sie in den frühen 2000ern zum Inbegriff des Post-Grunge-Einheitsbreis erklärt. Verkauft haben sie trotzdem Millionen. „Human Clay“ von 1999 brachte es in den USA auf Diamant-Status, und „With Arms Wide Open“ gewann einen Grammy. Dass Kritiker einen Erfolg verachten, den sie nicht vorhergesagt haben, ist keine neue Erkenntnis.

Scott Stapp: Der Bariton, den man nicht hören durfte

Ich halte Scott Stapps Stimme schlicht für großartig. Ein dunkler, voller Bariton mit einer Wucht, die man nicht mit Technik allein erklären kann. Der Vergleich mit Eddie Vedder wurde ihm ständig um die Ohren gehauen. Für mich ist das ein Etikett, das jemand erfunden hat, der keine Zeit zum Zuhören hatte. Wer sich „One Last Breath“ oder „My Sacrifice“ in Ruhe anhört, hört einen Sänger mit eigenem Timbre und viel Druck, der auch die leisen Passagen trägt. Sein Weg abseits der Bühne war holprig, das ist bekannt. Das ändert nichts daran, was er am Mikrofon kann.

Myles Kennedy: Der Mann, der das Telefonbuch singen dürfte

2004 war Schluss mit Creed, und aus der Asche entstand Alter Bridge. Mark Tremonti, Brian Marshall und Scott Phillips suchten einen neuen Sänger und fanden Myles Kennedy, der vorher bei The Mayfield Four gesungen hatte. Eine glückliche Fügung ist das Mindeste, was man dazu sagen kann.
Kennedy ist ein Tenor, der Höhen erreicht, bei denen andere Sänger vorsorglich den Arzt anrufen würden, und der dabei nie gequetscht klingt. Er wirkt anstrengungslos, und genau das ist das Verblüffende. Dass er 2008 für eine Led-Zeppelin-Tour im Gespräch war, die dann nie zustande kam, passt ins Bild: Wer bei diesem Repertoire als möglicher Sänger gehandelt wird, hat etwas anzubieten.
Ich bin überzeugt: Der Mann dürfte mir das Telefonbuch von Heilsbronn vorsingen. Von Abraham bis Zeitler, alle Einträge, inklusive Vorwahl, und ich würde bis zum letzten Hausnummern-Zusatz zuhören. Heilsbronn hat mit dem Münster immerhin eine ehrwürdige Kulisse für so einen Auftritt, und Franken könnte sich glücklich schätzen. Dass es das gedruckte Telefonbuch kaum noch gibt, ist dabei das einzige logistische Problem. Man müsste es für Kennedy extra drucken lassen.

Ein Gitarrist, zwei Handschriften

Interessant ist, wie viel Tremonti beiden Bands mitgegeben hat. Seine Riffs, seine Soli und seine Art, Songs zu bauen, ziehen sich durch beide Diskografien. Der Unterschied liegt in der Ambition. Alter Bridge schreiben die komplexeren, härteren und musikalisch mutigeren Stücke, von „One Day Remains“ über „Blackbird“ bis „Pawns & Kings“. Creed hatten die Hymnen und die Melodien, die sich festsetzen. Das eine ist nicht besser als das andere, es sind zwei verschiedene Handwerke mit demselben Gitarristen.

Die Rückkehr, die keiner mehr erwartet hatte

Creed haben sich mehrfach getrennt und wieder zusammengefunden. Die erste Phase lief von 1994 bis 2004, danach gab es eine Reunion von 2009 bis 2012. In dieser Zeit entstand „Full Circle“, das bis heute letzte Studioalbum. Danach wurde es lange still, und Alter Bridge übernahmen das Feld.

Bemerkenswert war schon 2009, wie Myles Kennedy damit umging. Als die Reunion verkündet wurde, kursierten sofort Gerüchte, das sei das Ende von Alter Bridge. Kennedy stellte klar, dass die anderen ihre Tour spielen, er sein Album macht und Alter Bridge danach weitermacht. So kam es auch.

Die zweite Reunion ist die große. Nach elf Jahren Pause fanden Creed im Juli 2023 offiziell wieder zusammen, spielten 2024 über 60 Konzerte und 2025 noch einmal rund 30. Die Summer-of-’99-Tour, die als Sommerprojekt 2024 angekündigt war, wurde mehrfach verlängert, und auch 2026 gibt es wieder Termine. Was als einmalige Nostalgienummer begann, hat sich als echte Rückkehr erwiesen. Und es gibt Hinweise auf neue Songs: Tremonti sagte Ende 2025, er wolle Mitte 2026 mit Stapp an neuem Creed-Material arbeiten. Wie weit das inzwischen gediehen ist, weiß ich nicht. Ich warte.

Fazit: Beide, bitte

Das Schönste daran ist, dass ich mich nicht entscheiden muss. Es gibt Creed, und es gibt Alter Bridge, und beide sind aktiv. Alter Bridge legten zum Jahresbeginn 2026 ein selbstbetiteltes Album samt Tour nach. Tremonti, Marshall und Phillips pendeln zwischen zwei Bands, und ich bekomme zwei Sänger, die sich nicht ersetzen, sondern ergänzen. Stapp mit seiner dunklen Wucht, Kennedy mit seiner Präzision und den Höhen, bei denen mir als Zuhörer die Luft wegbleibt.
In einer Zeit, in der Bands entweder nie wiederkommen oder als Schatten ihrer selbst zurückkehren, ist das ein Luxus. Ich freue mich, dass es beide Bands gibt, und nehme diesen Luxus dankbar an. Wer das Genre abwertet, hat vermutlich lange nicht mehr hingehört.

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