Nachglühen – Deutschlands Vulkangebiete, Teil 3 Die Oberpfalz: Wo das Erloschene plötzlich jünger wurde
Bis zum Mai 2015 war die Geschichte des Vulkanismus in der Oberpfalz eigentlich auserzählt. Die meisten Vulkane der Region waren um die 20 Millionen Jahre alt, und man ging davon aus, dass die Aktivität vor rund 14 Millionen Jahren endete. Basaltkegel, ein paar schöne Steinbrüche, eine Burg obendrauf, fertig. Dann kam eine Forschungsbohrung bei Neualbenreuth, und plötzlich hatte Bayern einen Vulkan, der nicht 20 Millionen, sondern knapp 300.000 Jahre alt ist.
Damit ist die Oberpfalz der Teil dieser Reihe, an dem sich die beiden Welten berühren: das längst Erloschene, das man nur noch aus der Abtragung kennt, und das Junge, das schon in die Nachbarschaft des Egerbeckens gehört. Das Egerbecken selbst habe ich in „Schläfer unter Europa“ ausführlich behandelt. Hier geht es um die bayerische Seite der Geschichte.
Der schönste Basaltkegel Europas
Fangen wir beim Klassiker an, dem Hohen Parkstein bei Weiden. Alexander von Humboldt soll ihn den schönsten Basaltkegel Europas genannt haben. Das Bayerische Landesamt für Umwelt formuliert das vorsichtig mit „soll“, und ich schließe mich an, denn bei Humboldt-Zitaten ist die Quellenlage traditionell ähnlich zuverlässig wie bei Goethe-Zitaten auf Kalenderblättern.
Unstrittig ist, was der Berg selbst erzählt. Nach Darstellung des Landesamts ist der Parkstein der Förderschlot eines Maar-Vulkans, der vor etwa 24 Millionen Jahren aktiv war. Basaltisches Magma stieg aus dem oberen Erdmantel durch Risse in der Kruste auf, traf auf kaltes Grundwasser und explodierte. Die damalige Landoberfläche lag deutlich über dem heutigen Gipfel. Was wir heute sehen, ist das Innere des Schlots, das stehen blieb, als das weichere Umland abgetragen wurde. Ein früherer Steinbruch hat die Kuppe angeschnitten, und so blickt man auf eine Wand aus meist sechseckigen Basaltsäulen, die beim Abkühlen durch Schrumpfung entstanden sind.
Im Basalt stecken Fremdgesteine, die das Magma beim Aufstieg mitgerissen hat: Granit, Sand- und Tonsteine. Tonschiefer wurde durch die Hitze von über 1.000 Grad zu Porzellanjaspis gebrannt. Der Parkstein ist also nicht nur ein schöner Berg, sondern auch ein Bohrkern, den die Natur freundlicherweise selbst gezogen und aufgestellt hat.
Der Rauhe Kulm und die Burg auf dem Basalt
Rund 50 Kilometer weiter westlich, bei Neustadt am Kulm, steht der Rauhe Kulm, mit 681 Metern einer der markantesten Basaltberge Bayerns. Auch hier blieb das meiste Magma unter der Oberfläche stecken und erstarrte dort. Sichtbar wurde es erst, als das umgebende Gestein abgetragen war. Das Prinzip kennen wir aus der Rhön: Härtling statt Vulkankegel.
Im Mittelalter setzte man eine Burg auf den Gipfel, die im Zweiten Markgrafenkrieg nach langer Belagerung zerstört wurde. Heute steht dort ein Aussichtsturm. Basaltkuppen und Burgen sind in Nordbayern ohnehin ein eingespieltes Paar. Wer eine freistehende, steile, harte Kuppe in der Landschaft hat, baut eben etwas darauf. Die Vulkane haben den Burgenbauern die Arbeit abgenommen.
Warum ausgerechnet hier?
Das Landesamt ordnet die Eruptionszentren Nordostbayerns ausdrücklich dem kontinentalen Rifting des Egergrabens zu. Die Kruste wird dort gedehnt, und entlang tiefreichender Bruchsysteme fanden alkalibasaltische Magmen ihren Weg nach oben. Das ist derselbe Mechanismus wie beim Vogelsberg und in der Rhön, nur mit einem wichtigen Unterschied: Der Egergraben ist nicht erledigt. Er ist bis heute seismisch aktiv, mit Schwarmbeben und aufsteigendem Kohlendioxid aus dem Erdmantel.
Und genau deshalb lohnt sich der Blick über die Grenze. Auf tschechischer Seite liegt der Eisenbühl, Železná hůrka, nach Angabe des Landesamts etwa 200.000 Jahre alt. Bei Mýtina fand man ein Maar. Die Frage lag nahe: Wenn es drüben so junge Vulkane gibt, warum sollte die Aktivität exakt an der Staatsgrenze haltgemacht haben? Vulkane interessieren sich bekanntlich wenig für Verwaltungsgliederung.
Neualbenreuth: Bayerns jüngster Vulkan
Das LfU untersuchte daraufhin gemeinsam mit der LMU München die Umgebung von Neualbenreuth. Magnetische und gravimetrische Anomalien, seismische und geoelektrische Profile deuteten auf einen Krater östlich des Ortes hin. Letzte Gewissheit brachte im Mai 2015 eine Forschungsbohrung. Sie bestätigte das Maar und datierte es auf etwa 280.000 bis 300.000 Jahre. Damit stammt es aus dem Quartär und ist die jüngste vulkanische Struktur der Region auf deutscher Seite.
Der Krater ist heute mit mehr als 90 Metern Sediment gefüllt. Für die Forschung ist das ein Glücksfall, denn in diesen Ablagerungen stecken nicht nur Hinweise auf die Vulkangeschichte, sondern auch fossile Pollen, aus denen sich Kalt- und Warmzeiten ablesen lassen. Ein Maar ist eben nicht nur ein Loch, sondern ein Archiv. Wer möchte, kann den Geotop „Quartäres Maar Neualbenreuth“ heute auf einem Wanderweg mit Infotafeln besuchen. Man sieht nicht viel, was der eigentliche Witz an Maaren ist: Das Spektakuläre liegt unter der Wiese.
Und die Maare werden mehr
Neualbenreuth ist kein Einzelfall. Im Selber Forst im Fichtelgebirge, also schon in Oberfranken, wurde 2022 per Forschungsbohrung das erste Maar Oberfrankens nachgewiesen, in der „Rohrloh“ nordwestlich des Liebensteiner Tors, mit über 300 Metern Durchmesser. Das ist allerdings ein alter Bekannter: Der Ausbruch fand vor etwa 18 bis 20 Millionen Jahren statt.
Die Lehre daraus ist eine methodische, und sie gefällt mir. Unsere Karten der Vulkangebiete zeigen das, was wir bisher gefunden haben, nicht das, was da ist. Maare sind flach, verfüllt, bewaldet, unauffällig. Erst mit Drohnen, Geophysik und Bohrungen tauchen sie auf. Das gilt für 20 Millionen Jahre alte Strukturen im Fichtelgebirge ebenso wie für 300.000 Jahre junge an der tschechischen Grenze.
Kasten: Wie findet man einen Vulkan, den man nicht sieht?
Bei Neualbenreuth kamen vier Methoden zusammen. Magnetik: Basaltisches Material ist magnetischer als das umgebende Gestein. Gravimetrie: Ein mit lockerem Sediment gefüllter Krater ist leichter als massiver Fels und erzeugt eine messbare Schwereabweichung. Seismik: Schallwellen werden an Schichtgrenzen unterschiedlich reflektiert und zeichnen die Form des Trichters nach. Geoelektrik: Feuchte Seesedimente leiten Strom anders als Granit oder Basalt.
Jede Methode allein lässt Spielraum für Fehldeutungen. Erst wenn alle vier an derselben Stelle dasselbe sagen, lohnt sich die teure Bohrung, die dann die Antwort liefert. Es ist im Kleinen genau das Prinzip, mit dem auch die Studie von Bartels und Kollegen arbeitet: viele schwache Signale überlagern, bis ein klares Bild entsteht.
Was das für die Zukunft heißt
Hier unterscheidet sich die Oberpfalz grundlegend von Vogelsberg und Rhön. Dort liegt die letzte Aktivität zehn Millionen Jahre und mehr zurück. In der nördlichen Oberpfalz liegt sie bei einigen hunderttausend Jahren, und der Graben darunter ist nachweislich noch in Bewegung. Das Standortauswahlgesetz ist da deutlich: Gebiete mit quartärem Vulkanismus scheiden für ein Atommüll-Endlager aus. Neualbenreuth ist quartär. Die Bohrung von 2015 hat also nicht nur ein Stück Erdgeschichte umgeschrieben, sondern ganz nebenbei auch einen Strich auf der Landkarte der Endlagersuche gezogen.
Für mich bestätigt das, was ich beim Egerbecken schon länger vertrete: Die Region ist nicht erloschen, sie ist nur geduldig. Ein Ausbruch in menschlichen Zeiträumen ist nicht in Sicht, aber in geologischen Zeiträumen halte ich ihn für eine Frage des Wann und nicht des Ob. Neualbenreuth ist der Beweis, dass dort, wo man Vulkanismus für beendet erklärt hatte, die Erde vor geologisch gesehen kurzer Zeit noch einmal Luft geholt hat.
Was bleibt
Der Parkstein und der Rauhe Kulm zeigen, wie die Oberpfalz vor 20 bis 24 Millionen Jahren aussah, nachdem die Erosion ihre Arbeit getan hat. Neualbenreuth zeigt, dass diese Geschichte kein abgeschlossenes Kapitel ist. Zwischen beiden liegt ein Satz, den man in der Geologie öfter beherzigen sollte: Erloschen heißt zunächst nur, dass man noch nichts Jüngeres gefunden hat.
Im nächsten Teil wird es ungemütlich auf eine andere Art: Es geht um die Gegenden, in denen niemand mit Vulkanismus rechnet, die in der Studie aber trotzdem auffallen, das Rhein-Main-Gebiet und den südlichen Niederrhein.
Quellen
Bayerisches Landesamt für Umwelt: Jüngster Vulkan Bayerns – Quartäres Maar Neualbenreuth.
Bayerisches Landesamt für Umwelt: Geologie Bayerns – Vulkanismus.
Bayerisches Landesamt für Umwelt: Bayerns schönste Geotope Nr. 20 – Hoher Parkstein (Schautafel, Stand 2018).
Wikipedia: Rauher Kulm.
Gorny: Geologische Neuigkeiten 2022 (Universität Bayreuth) – Maar im Selber Forst.
Bartels, A., Rummel, L. & May, F. (2026): Forecasting igneous activity in Germany – A multi-criteria approach. USGS Professional Paper 1890, Chapter C.
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