Das Christkind kommt aus dem Pazifik, nicht aus der Schlagzeile

 


Warum der starke El Niño 2026 eine große Sache ist – und warum er trotzdem nicht über den fränkischen Winter entscheidet

Es gibt Wetterthemen, bei denen man schon vorher weiß, wie die Schlagzeilen aussehen werden. El Niño gehört dazu. Kaum meldet die amerikanische Wetterbehörde NOAA ein kräftiges Ereignis im Pazifik, wird hierzulande der Jahrhundertwinter ausgerufen. Oder der ausfallende Winter. Je nachdem, was gerade mehr Klicks bringt. Die Märchenjungen haben für beide Varianten die passende Grafik parat, gern in Dunkelrot oder Tiefviolett, gern mit einem Fragezeichen am Ende, damit man sich hinterher nicht festlegen lassen muss.

Ich halte es lieber so, wie es das Team von Kachelmannwetter seit Jahren vormacht: erst schauen, was die Daten sagen, dann sagen, was sie nicht sagen. Das ist weniger spektakulär, hat aber den Vorteil, dass es stimmt.

Was im Pazifik gerade passiert

Fangen wir mit dem an, was tatsächlich Sache ist. Und das ist nicht wenig. Die NOAA führt seit dem Sommer eine offizielle El-Niño-Warnung. In ihrer September-Diskussion beziffert sie die Wahrscheinlichkeit für ein sehr starkes Ereignis im Herbst und Winter 2026/27 auf über 90 Prozent. Im August lag die Abweichung der Meeresoberflächentemperatur in der maßgeblichen Region Niño-3.4 bei plus 1,8 Grad, ganz im Osten vor der südamerikanischen Küste bei plus 3,4 Grad.

Noch bemerkenswerter ist eine andere Zahl: Für Oktober bis Dezember sieht die NOAA eine Chance von 75 Prozent, dass dieses Ereignis stärker wird als alle El Niños seit Beginn der Aufzeichnungen 1950. Zur Einordnung: Im April war die Behörde noch bei neutralen Verhältnissen und einer Wahrscheinlichkeit von gut 60 Prozent, dass sich überhaupt ein El Niño bildet. Im Frühjahr lief sogar noch eine La Niña. Der Pazifik hat also innerhalb weniger Monate einmal komplett die Seiten gewechselt.

Das darf man ruhig groß finden. Meteorologisch ist das ein Brocken, wie man ihn vielleicht zwei-, dreimal im Leben bewusst mitbekommt. 1982/83 war so einer, 1997/98 auch, 2015/16 ebenfalls. Wer sich für Klima interessiert, verfolgt so etwas mit der gleichen Spannung, mit der ich einen Erdbebenschwarm im Egerbecken verfolge.

Kurz erklärt: Christkind und Mädchen

Der Name stammt von peruanischen Fischern, die schon vor Jahrhunderten bemerkten, dass das Wasser vor ihrer Küste manchmal um die Weihnachtszeit warm wurde und die Fische ausblieben. El Niño, das Christkind. Normalerweise treiben die Passatwinde warmes Oberflächenwasser nach Westen Richtung Indonesien, vor Südamerika quillt kaltes, nährstoffreiches Tiefenwasser nach. Erlahmen die Passate, schwappt die warme Wasserblase zurück nach Osten. Das verändert, wo über dem Pazifik die großen Gewittertürme aufsteigen, und damit die Luftströmungen weit darüber hinaus.

La Niña, das Mädchen, ist das Gegenstück: Die Passate legen zu, der Ostpazifik wird kälter als normal. Beides zusammen nennt die Fachwelt ENSO, die El-Niño-Südliche-Oszillation. Es ist eine Schaukel, keine Katastrophe, sondern ein ganz normaler Bestandteil des Klimasystems, den es schon gab, lange bevor jemand Wetter-Apps erfand.

Und was heißt das für uns?

Hier wird es ehrlich gesagt langweilig. Und genau deshalb lohnt es sich, hinzuschauen.

El Niño wirkt stark in den Tropen und rund um den Pazifik. Dürre in Indonesien und Australien, Starkregen in Peru und Ecuador, veränderte Winter in Nordamerika, eine gedämpfte Hurrikansaison im Atlantik durch stärkere Höhenwinde. Das ist gut belegt und ziemlich verlässlich.

Für Mitteleuropa sieht die Sache anders aus. Statistisch sind El-Niño-Winter im Nordwesten Europas etwas häufiger mild und nass. Der Zusammenhang ist aber indirekt und schwankt von Ereignis zu Ereignis erheblich. Wir liegen schlicht zu weit weg. Zwischen dem Pazifik und Cadolzburg stehen die Nordatlantische Oszillation, der Zustand des Polarwirbels, die Temperatur des Atlantiks und das ganz normale Chaos der Westwinddrift. Jeder dieser Faktoren hat über unseren Winter mehr zu sagen als das Christkind vor Peru.

Der Blick in die Vergangenheit bestätigt das. Auf den Rekord-El-Niño 2015/16 folgte bei uns ein extrem milder Dezember, das passt ins Bild. Andere starke Ereignisse brachten keinen klaren Ausreißer. Und der eisige, schneereiche Dezember 2010 fiel zwar in eine La-Niña-Phase, aber wer daraus eine Regel ableitet, kann genauso gut aus dem Kaffeesatz lesen. Ein schwaches Signal bleibt ein schwaches Signal, auch wenn man es fett druckt.

Radio Eriwan meldet sich

Frage an Radio Eriwan: Stimmt es, dass der starke El Niño uns einen milden Winter beschert? Antwort: Im Prinzip ja. Nur nicht unbedingt mild, nicht unbedingt uns und nicht unbedingt diesen Winter. Ansonsten ist die Meldung vollkommen richtig.

Das ist im Kern alles, was man seriös sagen kann. Die Wahrscheinlichkeiten verschieben sich ein klein wenig. Mehr nicht. Wer heute, Mitte Oktober, weiß, ob an Weihnachten in Franken Schnee liegt, der weiß auch die Lottozahlen vom nächsten Samstag.

Warum die Märchenjungen trotzdem jedes Jahr gewinnen

Man könnte sich fragen, warum diese Art Schlagzeile nicht ausstirbt, obwohl sie sich Jahr für Jahr als falsch oder wenigstens nichtssagend herausstellt. Die Antwort ist simpel: Niemand prüft nach. Im Februar erinnert sich keiner mehr an die Jahrhundertwinter-Warnung vom Oktober, und falls doch einmal eine Kaltphase kommt, war es natürlich angekündigt. Die Prognose hat immer recht, solange sie unscharf genug formuliert ist.

Dass es anders geht, zeigt nicht nur Kachelmannwetter, sondern auch der Deutsche Wetterdienst mit seinen Jahreszeitenvorhersagen, die konsequent in Wahrscheinlichkeiten sprechen statt in Gewissheiten. Das klingt unspektakulär, ist aber die einzige ehrliche Art, über mehrere Monate in die Zukunft zu schauen. Eine Saisonprognose ist eine Wettquote, kein Wetterbericht.

Die eigentlich spannende Nachricht

Ganz ohne Gewicht ist dieser El Niño für uns trotzdem nicht. Nur liegt die Bedeutung woanders, als die Schlagzeilen vermuten lassen.

Ein starker El Niño gibt dem Ozean Wärme an die Atmosphäre ab, und zwar global. Das schlägt sich mit einigen Monaten Verzögerung in der weltweiten Mitteltemperatur nieder. 2016 war deshalb ein Rekordjahr, 2024 nach dem El Niño 2023/24 ebenfalls. Kommt jetzt ein Ereignis in historischer Stärke auf einen Planeten, der ohnehin wärmer ist als je zuvor seit Beginn der Messungen, dann ist 2027 ein sehr heißer Kandidat für das nächste globale Rekordjahr.

Das ist die Nachricht, über die man reden sollte. Nicht, ob in Fürth der Schlitten im Keller bleibt, sondern dass eine natürliche Schwankung gerade auf einen menschengemachten Trend obendrauf kommt. Das braucht keine violetten Karten und keine Fragezeichen. Es reicht, die Zahlen zu nennen.

Mein Fazit

Der Pazifik liefert in diesem Herbst eines der stärksten El-Niño-Ereignisse seit Beginn der Aufzeichnungen. Das ist bemerkenswert, global folgenreich und wird uns über den Umweg der Weltmitteltemperatur noch eine Weile beschäftigen. Ob der Winter in Franken mild, kalt, nass oder trocken wird, entscheidet es nicht. Das entscheidet, wie jedes Jahr, das Wetter. Und das schaut man sich am besten dann an, wenn es da ist.

Bis dahin halte ich es wie die Fischer in Peru: Ich beobachte das Wasser. Und lasse die Märchenjungen erzählen.

Quellen: NOAA Climate Prediction Center, ENSO Diagnostic Discussions April, August und September 2026; Infoplaza, „Is the Pacific Ocean Heading Towards a New El Niño in 2026?“

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