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Die Kiebitze: Was nach dem letzten Wenz übrig bleibt

  Vor ein paar Tagen habe ich hier über den Nachruf geschrieben, den Don Alphonso in der Welt auf Hubert Aiwanger verfasst hat. Über den Defiliermarsch, über das Bierzelt und über den Wenz, den der Hubsi politisch gespielt hat: allein gegen drei, mit dem Unter als einzigem Trumpf. Ich hatte damals einen Satz eher beiläufig eingebaut, nämlich dass es neben den Beileidsbekundungen auch die Häme derer gab, die selbst an so einem Tag die Finger nicht von der Tastatur lassen können. Inzwischen weiß ich, dass dieser Nebensatz eigentlich einen eigenen Beitrag verdient. Beim Schafkopfen gibt es noch eine vierte Rolle Wer Schafkopf kennt, kennt auch den Kiebitz. Das ist der, der nicht mitspielt, aber hinter dem Stuhl steht, in die Karten schaut und hinterher genau weiß, wie man es hätte besser machen können. Beim Wirt wird der Kiebitz geduldet, solange er den Mund hält. Fängt er an, das Spiel zu kommentieren, fliegt er raus. Das ist eine alte Wirtshausregel, und sie hat einen guten Gru...

Die unendliche Brücke: Asbest, Hotelnächte und das Nichts am Kanal

  Warum die Zirndorfer Brücke längst ihren eigenen Soundtrack hat Manchmal weiß ich bei Nachrichten aus der Heimat nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Bei der jüngsten Meldung zur Zirndorfer Brücke habe ich mich für beides entschieden, schön nacheinander. Im Hintergrund lief dabei ein Lied, das sich von selbst aufdrängt: Limahl, „Never Ending Story“, 1984, der Titelsong zu Wolfgang Petersens Verfilmung der „Unendlichen Geschichte“. Ich weiß. Aber manche Soundtracks sucht man sich nicht aus, die suchen einen. Wer hier regelmäßig mitliest, kennt die Vorgeschichte. Im Beitrag „Leib und Leben, aber bitte erst 2027“ ging es schon um die Vollsperrung im November 2025, um die Notfallrhetorik mit dem Verweis auf die Dresdner Carolabrücke und um die Frage, warum am Ende trotzdem alles beim ohnehin geplanten Termin landet. Jetzt gibt es ein neues Kapitel. Und wie es sich für eine unendliche Geschichte gehört, schließt es nichts ab, sondern verweist auf das nächste. Kapitel eins: Der ...

Seite 501 ist umgezogen

  Vom schleichenden Ende des Videotextes – von einer echten Innovation zum leisen Abgesang Es gibt Technologien, die sterben mit einem Knall. Und es gibt Technologien, die sterben so, wie man aus einer Kneipe verschwindet, in der man vierzig Jahre Stammgast war: Erst bleibt der Stuhl öfter leer, dann wird die Karte kleiner, und irgendwann merkt man, dass das Licht schon länger aus ist. Der Videotext gehört zur zweiten Sorte. Er wird nicht abgeschafft. Er wird ausgedünnt, zusammengelegt, verschlankt und am Ende mit einer einzigen Zeile auf Seite 100 verabschiedet. Die bisher deutlichste dieser Zeilen steht derzeit bei ProSieben und Sat.1: „Dieses Teletext-Angebot wird Anfang 2027 eingestellt.“ Das ist kein Paukenschlag, das ist ein Aushang am Schwarzen Brett. Und genau das passt zu der Art, wie dieses Medium seit ein paar Jahren aus unserem Alltag verschwindet. Eine Erfindung aus der Lücke Man muss sich kurz vergegenwärtigen, wie clever die Idee eigentlich war. Britische Fernseh...

Die unendliche Brücke: Asbest, Hotelnächte und das Nichts am Kanal

Warum die Zirndorfer Brücke längst ihren eigenen Soundtrack hat Manchmal weiß ich bei Nachrichten aus der Heimat nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Bei der jüngsten Meldung zur Zirndorfer Brücke habe ich mich für beides entschieden, schön nacheinander. Im Hintergrund lief dabei ein Lied, das sich von selbst aufdrängt: Limahl, „Never Ending Story“, 1984, der Titelsong zu Wolfgang Petersens Verfilmung der „Unendlichen Geschichte“. Ich weiß. Aber manche Soundtracks sucht man sich nicht aus, die suchen einen. Wer hier regelmäßig mitliest, kennt die Vorgeschichte. Im Beitrag „Leib und Leben, aber bitte erst 2027“ ging es schon um die Vollsperrung im November 2025, um die Notfallrhetorik mit dem Verweis auf die Dresdner Carolabrücke und um die Frage, warum am Ende trotzdem alles beim ohnehin geplanten Termin landet. Jetzt gibt es ein neues Kapitel. Und wie es sich für eine unendliche Geschichte gehört, schließt es nichts ab, sondern verweist auf das nächste. Kapitel eins: Der Fund im Bet...

Derselbe Boden, andere Feinde – Europa und seine hundert Jahre

  Es gibt Momente, in denen die Geschichte einen fast höhnisch anlächelt. Wer im Juni 1815 auf den Feldern bei Waterloo stand und überlebte, hätte sich kaum vorstellen können, dass sein Enkel oder Urenkel auf nahezu demselben Boden wieder kämpfen würde. Und doch geschah genau das. Hundert Jahre nach Napoleon, im Sommer 1914, rollte der Erste Weltkrieg über Belgien hinweg – über dieselben Straßen, dieselben Dörfer, dieselbe flache, schutzlose Landschaft. Die europäische Geschichte ist faszinierend und furchtbar zugleich. Dieser schlichte Satz, den ein anonymer Kommentator unter einem Artikel über Waterloo hinterließ, trifft etwas Wesentliches. Er braucht keine langen Erklärungen. Er sitzt. ## Verbündete werden Feinde, Feinde werden Verbündete 1815 kämpften Briten, Preußen, Niederländer und Hannoveraner Seite an Seite gegen Napoleon. Sie hielten die Kreuzung von Quatre Bras, sie stoppten die Grande Armée bei Waterloo. Es war ein gemeinsamer Sieg, gefeiert als Triumph für die Ordnung ...

Die Rhodopen: Ein geologisches Märchen aus Stein und Zeit

Wer die Rhodopen im Süden Bulgariens und Norden Griechenlands betritt, spürt sofort: Dieses Gebirge atmet Geschichte. Es sind nicht die schroffen, aggressiven Gipfel der Alpen, die einen hier erwarten, sondern sanfte, grüne Wellen, tiefe Schluchten und Phänomene, die fast wie von Geisterhand erschaffen wirken. Doch was steckt hinter dieser mystischen Fassade? 1. Ein geologisches Urgestein Die Rhodopen gehören zum Rhodopen-Massiv, einem der ältesten Bruchstücke der Erdkruste in Europa. Während viele andere Gebirge „jung“ und ungestüm sind, haben die Rhodopen eine bewegte, Milliarden Jahre alte Biografie.  * Metamorphe Schätze: Das Gebirge besteht hauptsächlich aus kristallinen Gesteinen wie Gneis und Marmor. Diese entstanden tief unter der Erde unter enormem Druck und Hitze.  * Vulkanische Vergangenheit: Im Osten der Rhodopen zeugen bizarre Felsformationen von gewaltiger vulkanischer Aktivität vor Millionen von Jahren. Erstarrte Lava und Asche formten hier Gebilde, die heute Na...

Der letzte Wenz: Ein Nachruf auf den Hubsi und auf den besten Nachruf über ihn

Es gibt Tage, an denen man viele Nachrufe liest und hinterher das Gefühl hat, sie stammen alle aus derselben Textbausteinkiste. Der 5. November 2026 war so ein Tag. Hubert Aiwanger ist tot, für viele von uns einfach der Hubsi. Er wurde am 4. November in seinem Hotel in Berlin-Mitte gefunden, 55 Jahre alt. Am selben Tag wurde das Hauptstadtbüro der Freien Wähler eröffnet, er blieb fern, weil es ihm nicht gut ging. Die Obduktion hat nach bisherigem Stand keine Hinweise auf eine Straftat ergeben. Was danach kam, war erwartbar. Beileidsbekundungen zwischen Ausnahmepolitiker und absoluter Tragödie, dazwischen die Häme derer, die selbst an so einem Tag die Finger nicht von der Tastatur lassen können. Und mittendrin ein Text, bei dem ich nach dem dritten Absatz wusste: Der hat ihn verstanden. Ein Nachruf, der nicht kondoliert, sondern erzählt Don Alphonso hat in der Welt einen Nachruf geschrieben, überschrieben mit „Oana von unsare Leid“. Wer ihn kennt, weiß, dass das kein Beileidstelegra...