Posts

Der Aktendeckel als Nationalheiligtum: Eine Liebeserklärung an die deutsche Bürokratie

Das Ifo-Institut hat gefragt, was deutschen Unternehmen am meisten wehtut, und die Antwort war eindeutig: die Bürokratie, mit 50 Prozent klar vor den Energiepreisen (27 Prozent) und den Arbeitskosten (22 Prozent). Man könnte meinen, das sei ein Alarmsignal. Ich sehe darin eher ein Missverständnis. Die deutsche Bürokratie ist kein Fehler im System. Sie ist das System, und sie hat es verdient, endlich als das gewürdigt zu werden, was sie ist: unser erfolgreichstes Exportprodukt der letzten dreißig Jahre, nur leider mit Zielrichtung nach innen. Stellen wir uns kurz vor, es wäre anders. Ein Land, in dem eine Genehmigung in zwei Wochen erteilt wird statt in acht Monaten. In dem ein Formular einmal ausgefüllt und nicht fünfmal in leicht variierter Fassung bei fünf verschiedenen Stellen eingereicht werden muss, die sich gegenseitig nicht kennen. Klingt nach Anarchie. Klingt nach einem Land, das seine Werte verraten hat. Wir sind besser als das. Wir sind ein Land, das seit Jahrzehnten National...

Die Geschichte der Rewe Extra Supermärkte

Die Extra-Supermärkte sind vielen Menschen in Deutschland ein Begriff – doch ihre Geschichte ist eng mit der Entwicklung des deutschen Einzelhandels und der Rewe Group verknüpft. ## Die Anfänge Die Extra-Märkte entstanden als Teil der Rewe Group, einem der größten Handels- und Touristikkonzerne Deutschlands. Rewe selbst wurde 1927 als Genossenschaft gegründet, und im Laufe der Jahrzehnte entwickelte das Unternehmen verschiedene Vertriebslinien, um unterschiedliche Kundensegmente zu bedienen. ## Das Konzept Extra-Supermärkte positionierten sich als preisaggressive Discount-Märkte, die eine Alternative zu den klassischen Rewe-Supermärkten darstellten. Das Konzept war klar: niedrigere Preise durch ein schlankeres Sortiment und eine reduzierte Ladenausstattung. Damit wollte Rewe im hart umkämpften Discount-Segment gegen etablierte Ketten wie Aldi und Lidl antreten. Die Märkte führten sowohl Markenprodukte als auch günstige Eigenmarken und richteten sich vor allem an preisbewusste Kunden. D...

Warum 50 gegen 60 Hertz kein Kabel nach Kanada verhindert – und was trotzdem dagegen spricht

  Sobald irgendwo von einem Stromkabel durch den Atlantik die Rede ist, meldet sich zuverlässig ein Einwand, den ich seit Jahren in ähnlicher Form aus der Glasfaserwelt kenne: Das geht doch technisch gar nicht, die haben da drüben ein anderes System. Bei uns heißt das VDSL versus Glasfaser, bei der Stromleitung Kanada–Deutschland heißt es 60 Hertz gegen 50 Hertz. Und wie so oft, wenn ein Einwand sich schlüssig anhört, ist er im Kern falsch. Nur ist damit noch kein einziges echtes Problem des Projekts gelöst – im Gegenteil, die Frequenzfrage lenkt eher davon ab, wo die eigentlichen Bruchstellen liegen. Kein 50-Hertz-Strom über den Ozean Die technische Seite ist tatsächlich schnell erklärt. Kanada liefert 60-Hertz-Wechselstrom, eine Konverterstation wandelt ihn in Gleichstrom um, das Seekabel transportiert diesen Gleichstrom ohne jede Netzfrequenz durch den Atlantik, und auf der europäischen Seite erzeugt eine zweite Konverterstation daraus wieder 50-Hertz-Wechselstrom. Das Kabel...

Wer nicht für uns ist: Die Psychologie hinter dem Freund-Feind-Denken in Krisen

  Eine Vorbemerkung, weil das Thema es verlangt: Es geht in diesem Beitrag um einen psychologischen Mechanismus, nicht um einen historischen Vergleich der Konsequenzen. Wenn ich im Folgenden 1933 erwähne, dann nicht, um Corona-Maßnahmen oder die Frühphase des Ukrainekriegs mit dem Nationalsozialismus gleichzusetzen. Diese Zeit war organisierte Machtergreifung, Propagandaapparat und später physische Vernichtung Andersdenkender, eine völlig andere Größenordnung als alles, was ich hier beschreibe. Was ich vergleiche, ist ausschließlich die Mechanik, mit der Gruppen unter Druck auf Abweichler reagieren. Diese Mechanik ist erstaunlich stabil, egal in welcher historischen Verpackung sie auftritt. Eine wiederkehrende Beobachtung Mir ist aufgefallen, dass sich ein bestimmtes Muster immer wieder zeigt, wenn eine Gesellschaft sich bedroht fühlt: Entweder du bist für uns, oder du bist unser Feind. Ich habe das zu Beginn der Coronakrise erlebt und in der Frühphase des Ukrainekriegs erneut....

„In die Nazi-Ecke gestellt“: Warum in der Merkel-Zeit die wahren Extremisten woanders saßen

Ausgangspunkt: Dieser Beitrag bezieht sich auf das vielbeachtete Essay von Matthew Syed in der Sunday Times: „Angela Merkel was the true extremist of our age“. Es gibt Formulierungen, die brennen sich ein, weil sie einen Nerv treffen. Wenn man heute über die politische Kultur der Jahre 2015 und 2016 spricht, fällt oft ein Satz, der für viele damals wie eine reale Bedrohung wirkte: „Jegliche Diskussion wurde sofort in die Nazi-Ecke gestellt.“ ​Wer diesen Satz pauschal als bloße Übertreibung abtut, macht es sich zu einfach. Denn wer damals – mitten im sogenannten Sommer der Flucht – den Mut hatte, Fragen zu stellen, die nicht in das offizielle moralische Narrativ passten, erlebte eine Debattenkultur, die mit sachlicher Auseinandersetzung nicht mehr zu tun hatte. ​Der britische Publizist Matthew Syed hat in einem Aufsehen erregenden Essay in der Sunday Times eine These formuliert, die diesen Nerv genau trifft: Angela Merkel war die wahre Extremistin unserer Zeit. ​Wenn man Extremismus näm...

Die Geschichte der Tengelmann-Märkte: Von der Barmer Butterhandlung zum Handelsriesen

Die Geschichte der Tengelmann-Gruppe ist eine der beeindruckendsten Erfolgsgeschichten des deutschen Einzelhandels. Über 150 Jahre prägte das Familienunternehmen die deutsche Handelslandschaft und entwickelte sich von einem kleinen Kolonialwarenladen zu einem internationalen Handelskonzern. ## Die Anfänge im 19. Jahrhundert Alles begann im Jahr 1867, als Wilhelm Schmitz-Scholl in Mülheim an der Ruhr ein kleines Lebensmittelgeschäft eröffnete. Die eigentliche Erfolgsgeschichte nahm jedoch 1873 ihren Lauf, als sein Sohn Emil Tengelmann das Geschäft übernahm und nach Wuppertal-Barmen verlegte. Dort gründete er die "Tengelmann'sche Butterhandlung", die schnell expandierte. Emil Tengelmann erkannte früh die Bedeutung von Qualität und fairen Preisen. Mit innovativen Konzepten für die damalige Zeit legte er den Grundstein für das spätere Firmenimperium. Die Idee war revolutionär: Durch den direkten Einkauf und den Verzicht auf Zwischenhändler konnten günstigere Preise angeboten ...

Fünf Minuten zum Packen: Wie man aus der Bibertstadt eine Weltmarke an die Wand fährt

  Es gibt Sätze, die man als Zirndorfer nie hören wollte. "Playmobil wird nur noch in Tschechien und Malta produziert" ist so einer. Ich bin in Zirndorf aufgewachsen. Wer hier groß wird, wächst mit dieser Marke auf, ob er will oder nicht. Playmobil war keine Firma, Playmobil war eine Instanz. Ein Wort, das man nicht erklären musste, wenn man irgendwo in Deutschland sagte, wo man herkommt. Man sagte Zirndorf, und das Gegenüber sagte Playmobil, und damit war die geografische Einordnung abgeschlossen. Diese Zeit ist vorbei, und zwar nicht mit einem Knall, sondern mit einer Pressemitteilung. Der Palast zwischen Leichendorf und Lind Wer wissen will, wie groß diese Sache einmal war, muss nur zwischen Leichendorf und Lind fahren. Dort steht er, der Firmensitz, den Playmobil Anfang der Neunziger auf die grüne Wiese gesetzt hat. Ein Verwaltungsbau, der in seiner Dimension und seiner Selbstsicherheit aus einer anderen Republik zu stammen scheint. Das waren, wie man so sagt, noch ...