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Hopfen und Malz, Gott erhalt's: Bier und Spirituosen in geteiltem Deutschland*Blogreihe "Nahrungsmittel in geteiltem Deutschland" - Teil 6*

"Ein Bier geht noch" - dieser Spruch galt in Ost wie West, aber was im Glas landete, unterschied sich erheblich. Während westdeutsche Brauereien um Marktanteile kämpften und ihre Biere mit millionenschweren Kampagnen bewarben, trank man in der DDR "Pilsener" aus dem VEB oder bekam den berüchtigten "Goldbrand" als Belohnung für sozialistische Arbeit. Bier und Schnaps spiegelten die Systeme wider: Im Westen Vielfalt und Konkurrenz, im Osten Standardisierung und Mangel - aber überall wurde getrunken. ## Das deutsche Erbe: Bier als Kulturgut Deutschland war schon vor der Teilung eine Biernation. Das Reinheitsgebot von 1516 machte deutsches Bier weltberühmt, regionale Brautraditionen prägten die Identität ganzer Landstriche. 1949 stand fest: Beide deutsche Staaten würden Biernationen bleiben - aber auf sehr unterschiedliche Weise. ### Die Ausgangslage 1949 **Westdeutschland:** - **400 Brauereien** überlebten den Krieg - **Traditionelle Strukturen:** Familienbra...

Broiler vs. Wienerwald: Die Schlacht um das deutsche Hähnchen*Blogreihe "Nahrungsmittel in geteiltem Deutschland" - Teil 5*

"Ein Broiler macht noch keinen Sommer" - dieser Kalauer war in den 1970er Jahren in beiden deutschen Staaten bekannt. Aber während Westdeutsche zum "Wienerwald" pilgerten, um sich ein "Hendl" zu gönnen, entwickelte die DDR mit dem "Broiler" eine der wenigen echten Erfolgsgeschichten ihrer Planwirtschaft. Zwei Systeme, zwei Wege zum Hähnchen - und am Ende gewann der Geschmack. ## Genesis einer Erfolgsgeschichte: Die DDR entdeckt das Huhn Bis in die 1960er Jahre war Geflügel in Deutschland Sonntagsbraten für besondere Anlässe. Dann kam die industrielle Revolution auf den Teller - ausgelöst durch amerikanische Produktionsmethoden und sowjetische Planungsambitionen. ### Der sowjetische Impuls (1964-1967) Die Idee kam von ganz oben: Nikita Chruschtschow hatte in den USA die industrielle Geflügelzucht gesehen und war begeistert. Sein Auftrag an die sozialistischen Bruderländer: "Geflügelfleisch für alle Werktätigen!" **Die DDR-Reaktion:** - *...

Wohlstandsverwahrlosung, in Echtzeit

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Guido Westerwelle hat den Begriff geprägt. Er meinte damit eine Gesellschaft, die sich so tief in ihren Komfort eingegraben hat, dass sie verlernt hat zu unterscheiden, was Leistung ist und was Anspruchshaltung. Er ist leider viel zu früh gestorben, um zu sehen, wie weit wir inzwischen gekommen sind. Wobei: Vielleicht hat er auch einfach Glück gehabt. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt — kurz DLR, gegründet um die Bundesrepublik in der Spitzenforschung zu verankern, zuständig für Raumfahrttechnologie, Aerodynamik, Antriebssysteme, also für Dinge, die irgendwo zwischen Naturgesetz und Ingenieurskunst angesiedelt sind — dieses Zentrum hat gerade eine Studie abgeschlossen. Vier Jahre. Über vierzig Unternehmen begleitet. Mehr als hunderttausend Kilometer ausgewertet. Die Forschungsfrage lautete: Lohnen sich Lastenräder für Unternehmen? Nein, das ist kein Tippfehler. Das Deutsche *Zentrum für Luft- und Raumfahrt* hat vier Jahre damit verbracht herauszufinden, ob ein Handwerksbetri...

Westpakete: Fenster zur anderen Welt - Wenn Nescafé und Nutella Politik wurden*Blogreihe "Nahrungsmittel in geteiltem Deutschland" - Teil 4*

"Tante Gerda schickt wieder ein Paket!" Dieser Satz löste in DDR-Haushalten eine Mischung aus Aufregung, Dankbarkeit und heimlicher Scham aus. Die braunen Kartons mit westdeutschen Absenderstempeln waren mehr als nur Sendungen - sie waren Botschaften aus einer anderen Welt, Überlebenshilfe und politisches Statement zugleich. Von 1949 bis 1989 verschickten Westdeutsche über 200 Millionen Pakete in die DDR. Ihr Inhalt veränderte nicht nur Speisepläne, sondern auch das Bewusstsein einer ganzen Gesellschaft. ## Die Anfänge: Von der Nothilfe zur Tradition (1949-1961) Die ersten Westpakete entstanden aus purer Not. Nach dem Krieg hungerten die Menschen in der sowjetischen Besatzungszone, während in den Westzonen die Versorgung durch den Marshall-Plan schneller anlief. ### Die Care-Pakete als Vorbild - **1946-1948:** Amerikanische Care-Pakete nach Deutschland - **Inhalt:** Konserven, Kaffee, Schokolade, Zigaretten - **Gewicht:** Standardisierte 22-Pfund-Pakete (10 kg) - **Wirkung:**...

Erdbeben auf Knopfdruck: Was es mit dem Projekt FEAR in der Schweiz auf sich hat

In den letzten Tagen ist in den Nachrichten viel von einem spektakulären Experiment in der Schweiz die Rede: Forschende wollen im Tessin **eine kontrollierte Erdbebenwelle auslösen** – und das Projekt heißt nicht etwa „Calmer“, sondern **FEAR**. Spontan klingt das beunruhigend, aber dahinter steckt ein hochprofessionelles Experiment der Geophysik, bei dem die Erde ganz bewusst zum Beben gebracht werden soll. ## FEAR: Kein Horrorfilm, sondern ein Forschungsprogramm FEAR steht für **Fault Activation and Earthquake Rupture** – also übersetzt: „Aktivierung von Störungen und Bruch von Erdbeben“.[1] Das Projekt läuft im **Bedretto-Felslabor** im Tessin, einem unterirdischen Forschungslabor der ETH Zürich, das tief im Gestein liegt und für Experimente mit Erdbeben und Geoenergie genutzt wird. Ziel ist es, zu verstehen, wie Störungen im Gestein theoretisch still liegen, aber unter bestimmten Bedingungen plötzlich wieder „aktiv“ werden – genau das, was bei einem Erdbeben passiert. Statt nur auf...

BlaBlaCar wirft das Fernbus-Handtuch – und Flixbus freut sich still

Am 21. April 2026 hat BlaBlaCar offiziell das Ende seines Fernbusbetriebs verkündet. Nicht spektakulär, nicht überraschend – aber ein weiterer Schritt in Richtung Monopol auf deutschen und europäischen Fernstraßen. Was das für Reisende aus Franken und Bayern bedeutet, und warum dieser Markt so aussieht, wie er eben aussieht. Was ist passiert BlaBlaCar, das französische Unternehmen, das vor allem als digitale Mitfahrzentrale bekannt ist, stellt sein gesamtes nationales und internationales Liniennetz ein. Die Begründung aus Paris ist nüchtern: strukturelle wirtschaftliche Probleme, anhaltende erhebliche Verluste, ein zu teurer Markt. Bis zum Abschluss der gesetzlich vorgeschriebenen Beratungen mit den Arbeitnehmervertretern läuft der Betrieb noch weiter – direkt betroffen sind 40 Beschäftigte in Verwaltung und Koordination. Den Partnerunternehmen, die die Busse und das Fahrpersonal gestellt haben, wird angeboten, die Linien künftig in eigener Regie weiterzuführen. Von Paris aus bediente ...

Die Neue Heimat lässt grüßen – oder: Wie die SPD ihre Fehler mit Nostalgie adelt

Es gibt Ideen, die sind so gut, dass man sie einfach zweimal machen muss. Vorzugsweise mit einem Abstand von etwa 40 Jahren, damit die Zeitzeugen des ersten Desasters entweder vergessen haben, was passiert ist, oder schlicht nicht mehr da sind, um laut zu protestieren. Lars Klingbeil, Bundesfinanzminister, Vizekanzler und sichtlich bemüht, nach den mageren Scholz-Jahren so etwas wie sozialdemokratische Tatkraft auszustrahlen, hat eine Idee. Eine große. Eine kühne. Eine, bei der Immobilienökonom Tobias Just sofort fragt, warum der Staat dann eigentlich nicht auch erschwingliche Chemieproduktion oder erschwingliche Kommunikationstechnik organisieren sollte — eine Frage, die Klingbeil vermutlich nicht gestellt haben möchte, die aber jeder stellen sollte, der noch alle Tassen im Schrank hat. Die Idee: eine **„Bundesgesellschaft für bezahlbaren Wohnraum"**. Der Bund als Mehrheitseigner, private Investoren dürfen mitmachen, und das Ganze soll laut Klingbeil explizit „keine Baufirma und ...