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Von der Metallwarenfabrik zur Kultmarke: Die bewegte Geschichte von KETTLER

*Ein Unternehmen, das Generationen geprägt hat – und trotz dreier Insolvenzen nicht sterben will.* --- Ich erinnere mich noch genau daran: Ein Kettcar. Rot, stabil, unverwüstlich. Wie so viele Kinder, die in den späten 70er und frühen 80er Jahren aufgewachsen sind, war dieses vierrädrige Tretgefährt ein fester Bestandteil meiner Kindheit. Stundenlang kurvenreiche Rennen auf dem Gehweg, quietschende Reifen auf dem Parkettboden, schimpfende Eltern – das Kettcar war Freiheit auf vier Rädern. Heute weiß ich: Ich war damit in bester Gesellschaft. Millionen Kinder in aller Welt teilten genau dieses Erlebnis, und hinter all dem steckte ein kleines Unternehmen aus dem Sauerland, das die Welt des Spielzeugs und der Freizeit für immer verändert hat. --- Wer in Deutschland aufgewachsen ist, kennt den Namen KETTLER. Das rote Tretauto, das Alu-Fahrrad, die Tischtennisplatte im Garten – kaum eine andere Marke hat das Freizeitleben bundesdeutscher Familien so nachhaltig geprägt wie das Unternehmen au...

Die Nürnberger Ringbahn – Geschichte einer vergessenen GüterumgehungEin Streifzug durch 125 Jahre Eisenbahngeschichte rund um die Noris

Wer heute durch Nürnberg fährt, überquert sie oft, ohne es zu bemerken: Auf fast jeder Ausfallstraße aus der Stadt findet sich irgendwo eine alte Eisenbahnbrücke, ein überwucherter Damm oder ein vergitterter Tunnel. Sie alle sind stumme Zeugen einer der ehrgeizigsten Infrastrukturprojekte, die das frühe 20. Jahrhundert in Franken hervorgebracht hat – der Nürnberger Güter-Ringbahn. Der Anfang: Eine Stadt wächst über sich hinaus Im ausgehenden 19. Jahrhundert war Nürnberg ein boomender Industriestandort. Maschinen, Spielzeug, Bleistifte und Metallwaren verließen die Stadt in alle Himmelsrichtungen – und damit auch Güterzüge in wachsender Zahl. Der Hauptbahnhof, damals noch als Kopfbahnhof angelegt, wurde mehr und mehr zur Engstelle. Züge aus unterschiedlichen Richtungen mussten ihn kreuzen, rangieren und wieder verlassen. Eine Lösung musste her. Die Antwort der Königlich Bayerischen Staatseisenbahnen war die Güter-Ringbahn: eine kreisförmige Umgehungsstrecke, die sich in drei bis vier Ki...

Wackler an der Grenze, Nachtrag zu Teil 3: Innsbruck flüstert weiter

Zwei Mikrobeben der Stärke 0,6 in der Nacht auf Freitag und was sie über eine Serie verraten, die seit August nicht aufhört Es gibt Erdbebenmeldungen, die man liest, und es gibt Erdbebenmeldungen, die man fast überliest. Die beiden aus der Nacht von Donnerstag auf Freitag gehören klar in die zweite Kategorie. Stärke 0,6, beide Male, beide mit dem Zusatz „unbestätigt“. Das eine Beben 7,7 Kilometer südöstlich von Innsbruck um 21:52 Uhr Weltzeit, das andere 36 Kilometer östlich der Stadt um 22:09 Uhr Weltzeit. Nach unserer Uhr also kurz vor Mitternacht und kurz danach, sauber über den Datumswechsel verteilt, als hätte der Untergrund noch schnell etwas loswerden wollen, bevor der 23. Oktober anfängt. Gespürt hat das niemand. Geschrieben hat darüber auch niemand, zumindest keine Zeitung. Und trotzdem sind mir diese beiden Einträge einen Nachtrag wert, denn sie liegen genau dort, wo ich vor knapp vier Wochen in Teil 3 dieser Reihe angefangen habe. Wo die beiden Beben liegen 7,7 Kilometer süd...

Wackler an der Grenze, Teil 6: Ein Freitag im Zentralmassiv

  Vier kleine Beben, drei Herde, eine Bruchkante: Was die Auvergne am 23. Oktober 2026 über ihren Untergrund verraten hat Manche Tage melden sich leise. Am Freitag, dem 23. Oktober 2026, liefen bei mir im Laufe des Nachmittags vier Erdbebenmeldungen aus Frankreich ein, alle aus dem Zentralmassiv, alle im Bereich dessen, was man als Mensch an der Oberfläche bestenfalls als Klirren im Küchenschrank bemerkt. Um 04:11 Uhr eine Magnitude 2,3 rund 47 Kilometer südöstlich von Clermont-Ferrand, drei Minuten später an praktisch derselben Stelle eine 1,2. Um 11:35 Uhr eine 2,1 gut sechs Kilometer südlich von Vichy. Und um 11:55 Uhr eine 2,4 knapp acht Kilometer südöstlich von Ussel in der Corrèze. Eine kleine Korrektur vorweg, weil sie in den automatischen Meldungen gern durcheinandergeht: Allier und Puy-de-Dôme gehören zur Region Auvergne-Rhône-Alpes, nicht zu Rhône-Alpes. Die gibt es als eigenständige Region seit 2016 nicht mehr. Ussel liegt in der Corrèze und damit in der Nouvelle-Aqui...

Sündenbock auf vier Achsen: Die Vectron und die müden Gleise

  Manchmal liest man einen Zeitungsartikel, legt das Handy weg und zuckt mit den Schultern. Nicht weil das Thema langweilig wäre, sondern weil der Text etwas behauptet, das beim zweiten Hinsehen nicht zusammenpasst. So ging es mir mit einem Beitrag der Abendzeitung München vom 23. Oktober 2026. Die Überschrift kündigt die Sanierung einer wichtigen Bahnstrecke in Bayern an und einen Streit um eine Lok. Wer bis zum Ende liest, stellt fest: Die Lok fährt auf der Strecke gar nicht. Worum es geht Markus Hecht, Professor für Schienenfahrzeugtechnik in Berlin, wirft Siemens Mobility vor, die Vectron belaste die Gleise übermäßig. Sein Hauptargument ist die ungefederte Masse. Je mehr Gewicht ohne Federung direkt auf der Schiene hämmert, desto stärker der Verschleiß, vor allem bei hohem Tempo. Hecht spricht von rund vier Tonnen pro Achse, Siemens bestreitet das, nennt aber keine eigene Zahl. Die Lok habe einen teilabgefederten Antrieb mit elastisch aufgehängtem Fahrmotor, erfülle alle Vor...

Wackler an der Grenze, Teil 5: Der Knall von Weißensulz

Warum ein Beben der Stärke 3,3 im Oberpfälzer Wald mehr Fragen aufwirft als ein ganzer Schwarm im Egerbecken Es war 0:34 Uhr in der Nacht auf Freitag, den 23. Oktober 2026, als die Meldung bei EMSC aufpoppte: Magnitude 3,3, Tiefe 10 Kilometer, Region Nová Ves pod Přimdou. Wer die Gegend nicht kennt, zuckt mit den Schultern. Wer sie kennt, stutzt. Denn Beben dieser Größe sind in Westböhmen eigentlich das Revier des Egerbeckens, rund 50 bis 70 Kilometer weiter nördlich. Hier unten, im Grenzwald zwischen Přimda und Eslarn, ist es normalerweise ruhig. Normalerweise. Diese Reihe hat inzwischen eine gewisse Tradition: Worms und der Oberrheingraben, die Schwarmbeben im Egerbecken und der regengetriebene Hochstaufen, das Erdbeben-Trio bei Innsbruck und zuletzt das leiseste Beben Böhmens bei Strakonice. Das Beben von dieser Nacht passt in keine dieser Schubladen sauber hinein. Genau das macht es interessant. Was passiert ist Das Epizentrum lag nach den bisherigen Lokalisierungen bei Bělá nad Ra...

DDR-AlltagKetchup, Kaffee& Krise

  Wie zwei Würzmittel zum Spiegel eines Systems wurden — und warum der Gaumen manchmal politischer ist als jede Rede. In der DDR war Mangel keine Ausnahme — er war Normalität. Doch während Brot und Milch zuverlässig auf dem Tisch standen, wurden zwei scheinbar banale Produkte zu Ikonen des kollektiven Frusts: Ketchup und Kaffee. Beide waren importabhängig, beide wurden nach der Ölkrise 1973 rationiert, beide verschwanden aus den Regalen — und beide erzählen auf ihre Weise die Geschichte eines Systems, das am Gaumen seiner Bürger scheiterte. Der Ketchupmangel — chronischer Alltagsfrust Ketchup war in der DDR kein Luxus im westlichen Sinne — aber er war rar genug, um begehrenswert zu sein. Der Grund lag in der Logik der Planwirtschaft: Tomatenmark und Gewürze wie Nelken oder Paprika mussten mit Devisen importiert werden. Devisen, die nach der Ölkrise 1973 bitter fehlten. Der Autarkie-Versuch Anstatt die Produktion einfach zu drosseln, versuchte die DDR-Lebensmittelindustrie, den Ketc...