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Der Oberrheingraben – eine Baustelle, die seit 35 Millionen Jahren läuft

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines Risses in Europa Wenn zwischen Basel und Frankfurt jemand behauptet, der Boden unter seinen Füßen sei etwas Fertiges, Abgeschlossenes, dann hat diese Person entweder noch nie einen Blick in die Geologie des Oberrheingrabens geworfen, oder sie hat ihn geworfen und ist trotzdem zu diesem beruhigenden, aber falschen Schluss gekommen. Der Graben ist keine Landschaft, die einmal entstanden ist und seither so bleibt, wie es der Fränkischen Alb oder dem Bayerischen Wald in ihrer beharrlichen Stufigkeit ganz gut zu Gesicht steht. Er ist ein offener Vorgang.  Nur eben einer, dessen Tempo für unsere Wahrnehmung viel zu langsam und dessen Fortsetzung dann wieder viel zu schnell ausfällt, um sich beruhigend anzufühlen. Vergangenheit: Ein Graben, der nicht vom Rhein gemacht wurde Die verbreitete Vorstellung, der Rhein habe sich sein Tal selbst gegraben, ist einer jener Irrtümer, die sich hartnäckiger halten als jede Erosion. Tatsächlich war es umgekehr...

Wenn ein Vulkan die Literaturgeschichte schreibt: Von Tambora zu Frankenstein

  Manchmal verlaufen die Fäden der Geschichte auf überraschende Weise. Ein Beispiel, das die verborgenen Verbindungen zwischen Naturkatastrophen, Klima und Kultur eindrucksvoll zeigt, ist die Entstehungsgeschichte von Mary Shelleys „Frankenstein". Denn ohne einen verheerenden Vulkanausbruch auf der anderen Seite der Welt hätte eines der berühmtesten Werke der Weltliteratur vielleicht nie das Licht der Welt erblickt. Der Ausbruch, der die Welt veränderte Im April 1815 explodierte der Mount Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa mit einer Gewalt, die selbst nach heutigen Maßstäben schwer vorstellbar ist. Es war der stärkste Vulkanausbruch in der aufgezeichneten Menschheitsgeschichte. Die Eruption schleuderte etwa 160 Kubikkilometer Material in die Atmosphäre und kostete unmittelbar mehr als 70.000 Menschen das Leben. Doch die Auswirkungen sollten weit über Indonesien hinausreichen. Gigantische Mengen an Schwefelpartikeln verteilten sich in der oberen Atmosphäre rund um den ...

Unruhige Nachbarn: Was die Juan-de-Fuca-Platte und das Egerbecken gerade treiben

Es gibt Menschen, die pflegen ihre Freundschaften mit Geburtstagskarten und gelegentlichen Anrufen. Ich pflege meine mit einem Blick auf Erdbebenkataloge. Zwei Bekanntschaften habe ich mir dabei über die Jahre besonders ans Herz gelegt, obwohl beide notorisch schlechte Gesprächspartner sind, weil sie grundsätzlich nur in Magnituden antworten: die Juan-de-Fuca-Platte vor der US-Nordwestküste und, deutlich näher an meiner Haustür, das Egerbecken samt Vogtland. Zeit für ein kleines Update, was die beiden gerade so treiben. Die Juan-de-Fuca-Platte: zerbröselt statt zerbrochen Wer glaubt, eine tektonische Platte verschwinde ordentlich und am Stück im Erdmantel, so wie man es sich beim Blick auf ein Schulbuch-Schaubild vorstellt, der irrt offenbar gewaltig. Neue seismische Bildgebung zeigt, dass die Juan-de-Fuca-Platte beim Abtauchen unter Nordamerika nicht sauber hinabgleitet, sondern in Teile zerreißt. Ein Forscherteam beschreibt das mit einem Bild, das ich mir gut auf ein Sitzungsprot...

Der Ciomadul: Erloschen oder nur schlafend?

  Mitten in den Ostkarpaten Rumäniens erhebt sich der Ciomadul, ein Vulkan, der auf den ersten Blick unscheinbar wirkt. Dicht bewaldete Hänge, idyllische Kraterseen und keine Spur von Rauch oder Lava. In deutschen Texten wird er oft als "erloschen" bezeichnet – doch die internationale Forschung sieht das zunehmend anders. Ein Vulkan mit Geschichte Der Ciomadul, auf Ungarisch Csomád genannt, ist mit seinen etwa 1.300 Metern Höhe kein imposanter Riese. Seine letzte Eruption liegt zwischen 32.600 und 27.500 Jahren zurück – eine Zeitspanne, die aus menschlicher Perspektive unvorstellbar lang erscheint. Doch in geologischen Maßstäben ist das ein Wimpernschlag. Was die Forschung unter der Oberfläche findet Seit etwa 2019 haben geophysikalische Untersuchungen ein überraschendes Bild gezeichnet. Unter dem vermeintlich erloschenen Vulkan schlummern zwischen 5 und 14 Kubikmeilen Magma. Der durchschnittliche Schmelzgrad liegt bei etwa 15 Prozent, in manchen Bereichen sogar bei bis ...

Das Calatrava-Vulkanfeld: Eine geologische Zeitreise durch Spaniens vulkanische Vergangenheit

Im Herzen der spanischen Region Castilla-La Mancha, zwischen den Provinzen Ciudad Real und Albacete, erstreckt sich eine der faszinierendsten vulkanischen Landschaften Europas: das Calatrava-Vulkanfeld. Diese Region, die heute durch sanfte Hügel, Olivenhaine und Weinberge geprägt ist, erzählt die Geschichte einer bewegten geologischen Vergangenheit, die Millionen Jahre zurückreicht. ## Die geologische Geschichte Das Calatrava-Vulkanfeld ist Teil der zentralspanischen Vulkanprovinz und entstand während mehrerer vulkanischer Episoden, die vor etwa 8,7 Millionen Jahren begannen. Die intensivste Phase der vulkanischen Aktivität ereignete sich jedoch in einem deutlich jüngeren Zeitraum, zwischen etwa 3,7 Millionen und 700.000 Jahren vor heute. Einige Untersuchungen deuten sogar darauf hin, dass die letzte vulkanische Aktivität erst vor etwa 10.000 Jahren stattgefunden haben könnte, was das Gebiet zu einem der jüngsten Vulkanfelder Europas macht. Die Region erstreckt sich über eine Fläche vo...

Träume auf vier Rädern: Die vergessenen Prototypen der DDR-Automobilgeschichte

Wenn heute vom DDR-Automobilbau die Rede ist, denken die meisten an Trabant und Wartburg – an jene Fahrzeuge, die tatsächlich produziert wurden und das Straßenbild prägten. Doch hinter den Werkstoren von Zwickau, Eisenach und in zahllosen improvisierten Werkstätten entstand noch etwas anderes: eine Welt von Prototypen, Konzeptfahrzeugen und technischen Visionen, die nie das Licht der Serienproduktion erblickten. Diese vergessenen Projekte erzählen eine Geschichte von Erfindergeist unter widrigsten Bedingungen – und von der Frage, was hätte sein können. ## Entwickeln unter Zwängen Automobilentwicklung in der DDR war ein permanenter Spagat. Materialmangel machte kreative Lösungen zur Notwendigkeit, politische Vorgaben engen Spielraum zur Pflicht, und dennoch gab es Ingenieure und Techniker, die nicht aufhörten zu denken, zu tüfteln und zu träumen. Ihre Projekte waren oft Meisterwerke der Improvisation – geboren aus dem Willen, trotz begrenzter Mittel technisch Anspruchsvolles zu schaffen...

Warum eine Fachkräftemangel-Welle auf den Kreis Pfaffenhofen zurollt Ein Kommentar

Überrascht bin ich nicht. Die Meldung, dass auf den Kreis Pfaffenhofen eine Fachkräftemangel-Welle zurollt, ist keine Nachricht – sie ist eine Bestandsaufnahme. Die IHK für München und Oberbayern rechnet vor, dass in Bayern bis 2035 mehr als 1,5 Millionen Arbeitskräfte fehlen werden. Allein 2024 gehen rund 285.000 Erwerbstätige in Rente, dem stehen nur etwa 120.000 Schulabgänger gegenüber. In der Region 10, zu der Pfaffenhofen zählt, fehlen bis 2030 rund 12.000 Fachkräfte, jede zwölfte Stelle bleibt unbesetzt. Das sind keine Prognosen, das ist Demografie, und Demografie lässt sich nicht wegdiskutieren. Was mich an solchen Artikeln regelmäßig stört, ist der Tonfall des Überraschtseins. Als wäre der Fachkräftemangel ein Wetterphänomen, das unangekündigt über uns hereinbricht. Ich bin seit 2013 in der Glasfaser-Infrastruktur unterwegs, als Projekt- und Bauleiter, und ich kann aus erster Hand berichten: Wer heute einen Tiefbauer, einen Spleißer oder einen Elektroniker sucht, sucht länger a...