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Warum "Jeder muss studieren" der falsche Weg ist

  Es gibt einen Irrglauben in unserer Gesellschaft, der sich hartnäckig hält: Nur wer studiert hat, ist wirklich qualifiziert. Nur ein Hochschulabschluss öffnet die Türen zu einer erfolgreichen Karriere. Diese einseitige Sichtweise halte ich nicht nur für falsch, sondern auch für gefährlich – für junge Menschen und für unsere Wirtschaft gleichermaßen. Mein Weg: Ausbildung als Fundament In den 90er Jahren habe ich eine Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel absolviert. Später folgten Weiterbildungen zum Fachwirt, Betriebswirt und Techniker über Fachschulen. Dieser Weg war keineswegs ein Umweg oder eine Notlösung – er war eine bewusste Entscheidung, die sich ausgezahlt hat. Heute fühle ich mich mindestens genauso gut auf jegliche berufliche Herausforderungen vorbereitet wie Kolleginnen und Kollegen mit Hochschulabschluss. Die Stärke der dualen Ausbildung: Praxis von Tag eins Was macht eine Ausbildung – ob gewerblich oder kaufmännisch – so wertvoll? Es ist die Verbindun...

Wer Neandertaler sucht und ein Erdbeben findet

Manchmal gräbt man nach der Vergangenheit der Menschheit und stößt stattdessen auf die Launen der Erdkruste. Genau das ist 1993 bei einer archäologischen Rettungsgrabung in Beauvais passiert, rund 75 Kilometer nördlich von Paris, an einer Fundstelle namens „La Justice". Gesucht wurde nach Spuren des Paläolithikums. Gefunden wurden auf über 1.000 Quadratmetern Störungen in eiszeitlichen Sedimenten. Damals hat man das dokumentiert, archiviert und im Wesentlichen liegen lassen. Erst jetzt, mehr als 30 Jahre später, hat ein Team um Stéphane Baize die alten Grabungsunterlagen tektonisch neu ausgewertet und im Juni 2026 in den Comptes Rendus Géoscience der Académie des Sciences veröffentlicht. Das Ergebnis ist eine der spannenderen geologischen Randnotizen des Jahres: eine der seismisch ruhigsten Regionen Westeuropas hat offenbar vor rund 45.000 bis 60.000 Jahren ein kräftiges Erdbeben erlebt, und die Störung, die es verursacht hat, gilt seither eigentlich als tot. Der Befund im Det...

Der Pfahl, die Masse und eine Störung namens Rodl – Ostbayerns Untergrund im Porträt

Wer durch den Bayerischen Wald fährt, sieht Wald. Viel Wald. Und wenn man Glück hat, einen weiß schimmernden Felszügel, der aussieht, als hätte jemand mit dem Lineal eine Mauer durch die Landschaft gezogen und dann das Interesse daran verloren. Genau das ist im Grunde passiert – nur hat es 275 Millionen Jahre gedauert und niemand hat ein Lineal benutzt. Ich habe mir die drei Begriffe, die in Ostbayerns Untergrund für Ordnung sorgen (oder eben für das Gegenteil davon), noch einmal genauer angesehen: die Böhmische Masse, den Bayerischen Pfahl und die Rodl-Störung. Die Böhmische Masse – das Fundament, das keiner sieht Die Böhmische Masse ist das kristalline Grundgebirge, auf dem große Teile Ostbayerns buchstäblich stehen. Ihre älteste Bauzeit begann bereits im Proterozoikum, also vor beinahe einer Milliarde Jahren, als in einem tiefen Meeresbecken Sande, Tone und Mergel abgelagert wurden. Die sanken bis in 30 Kilometer Tiefe ab, wurden dort ordentlich durchgeknetet und tauchten irgend...

Wenn der Flügel fällt: Windkraft zwischen Havarie, Brandschutz und Entsorgungsnotstand Havarien, Brände, Partikel, Rückbau und Entsorgung von Windenergieanlagen — ein Blick auf die Fälle Waldhausen, Alfstedt und Weiden

  Drei Meldungen aus den letzten zwölf Monaten reichen, um zu verstehen, warum dieses Thema mehr verdient als die übliche Empörungsschleife aus Kommentarspalten. Am 5. Juli 2026 verliert eine neunzehn Jahre alte Anlage im Windpark Waldhausen bei Aalen ein komplettes Rotorblatt. Im niedersächsischen Alfstedt verteilen sich seit Jahren Glasfasersplitter über Äcker, weil ein abgebrochener Flügel monatelang am Turm hängen bleibt. Und in Weiden in der Oberpfalz sitzt seit August 2025 ein Entsorgungsunternehmer in Untersuchungshaft, weil er über Jahre Windradschrott illegal nach Tschechien und Polen verklappt haben soll. Drei völlig unterschiedliche Vorfälle, ein gemeinsamer Nenner: Was mit einem Rotorblatt passiert, wenn es bricht, brennt oder ausgedient hat, ist technisch und organisatorisch offenbar deutlich schwerer zu beherrschen als der Bau der Anlage selbst. Ich will hier keine Kampagne gegen Windkraft fahren, das überlasse ich anderen Blogs mit anderem Publikum. Aber die Frage,...

Ein Grollen im Dreiländereck Was ein Beben der Stärke 1,8 bei Volary über den Untergrund des Bayerischen Waldes erzählt

 Am 19. Juli 2026, kurz nach 13 Uhr, hat sich die Erde im Dreiländereck Deutschland – Tschechien – Österreich ein kleines Stück bewegt. Nicht dramatisch, nicht folgenreich, aber immerhin messbar: ein Erdbeben der Magnitude 1,8, Epizentrum knapp südlich der tschechischen Stadt Volary, etwa zehn Kilometer östlich von Haidmühle im Landkreis Freyung-Grafenau. Das Hypozentrum lag rund zehn Kilometer tief, also mitten in der oberen Erdkruste, dort, wo solche Ereignisse in dieser Region typischerweise entstehen. Für die allermeisten Menschen in Haidmühle, Bischofsreut oder auf der tschechischen Seite bei Volary dürfte der 19. Juli ein Tag wie jeder andere gewesen sein. Meldungen über eine spürbare Erschütterung liegen bislang nicht vor, und das überrascht wenig. Eine Magnitude von 1,8 bewegt sich am unteren Rand dessen, was seismologische Netze überhaupt noch zuverlässig registrieren. Trotzdem lohnt sich der zweite Blick, denn kleine Beben sind Boten größerer geologischer Zusammenhänge –...

LTE450: Das stille Rückgrat der Krisenkommunikation

Über Krisenfestigkeit wird derzeit viel geredet, meist von Leuten, die noch nie einen Funkmast von innen gesehen haben. Das 450-MHz-Netz, gerne LTE450 genannt, gehört dagegen zu den Dingen, die einfach funktionieren, ohne dass jemand drüber spricht – was in der Telekommunikation ungefähr so selten ist wie ein Bauprojekt ohne Bauzeitverlängerung. LTE450 ist kein Netz für Privatkunden. Es ist ein geschlossenes Spezialnetz für Kritische Infrastrukturen: Energieversorger, Wasserwerke, Verkehrsunternehmen – die Betriebe also, bei denen ein Ausfall nicht bedeutet, dass jemand kein Streaming mehr schauen kann, sondern dass im schlimmsten Fall die Lichter ausgehen. Der eigentliche Trick liegt in der Frequenz. 450 MHz ist im Mobilfunkvergleich nahezu Steinzeit, und genau das ist der Witz dabei: niedrige Frequenzen reisen weiter und kommen besser durch Wände, Keller und Stahlbeton als die hochfrequenten Bänder, mit denen sich der Privatkunde heute sein LTE oder 5G holt. Für Umspannwerke, Leitste...

Die Geschichte von BayWa und Raiffeisen: Zwei Säulen der genossenschaftlichen Tradition

Die Geschichten von BayWa und Raiffeisen sind tief in der europäischen Genossenschaftsbewegung verwurzelt. Beide Namen stehen für mehr als nur Unternehmen – sie repräsentieren eine Idee der gemeinschaftlichen Selbsthilfe, die vor über 150 Jahren entstand und bis heute nachwirkt. ## Die Raiffeisen-Idee: Der Ursprung Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818-1888) gilt als einer der Gründerväter des genossenschaftlichen Gedankens in Deutschland. Als Bürgermeister mehrerer Gemeinden im Westerwald erlebte er die Not der ländlichen Bevölkerung hautnah. Die Bauern waren oft verschuldet und den Wucherern hilflos ausgeliefert. 1864 gründete Raiffeisen in Heddesdorf die erste ländliche Darlehnskassengenossenschaft. Seine Vision war einfach und revolutionär zugleich: Durch Zusammenschluss sollten sich die Landwirte gegenseitig helfen, faire Kredite erhalten und gemeinsam wirtschaften können. Die Raiffeisen-Prinzipien – Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung – wurden zum Fundament einer B...