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Eine unterschätzte Perle: "Word of Mouth" von Mike + The Mechanics

Manchmal begegnet man Alben, die in der Musikgeschichte etwas unterrepräsentiert sind, obwohl sie durchaus ihre Berechtigung haben. "Word of Mouth" von Mike + The Mechanics aus dem Jahr 1991 ist genau so ein Album – eine handwerklich solide und emotional ansprechende Sammlung von Songs, die zeigt, was passiert, wenn erfahrene Musiker ihr Können in den Dienst eingängiger Popmusik stellen. ## Musikalische Reife trifft auf Zugänglichkeit Mike Rutherford bewies mit diesem dritten Studioalbum seiner Band erneut, dass er weit mehr ist als nur "der andere Gitarrist von Genesis". Die Arrangements auf "Word of Mouth" zeugen von einer musikalischen Reife, die nur durch jahrelange Erfahrung entstehen kann. Die Songs bewegen sich geschickt zwischen Rockanthem und Ballade, zwischen komplexeren Strukturen und radiotauglicher Eingängigkeit. Besonders bemerkenswert ist, wie die Band es schafft, trotz der damals modernen Produktionstechniken eine warme, organische Atmosphä...

Die Geschichte der vier Versuche, Leipzig mit der Saale zu verbinden

Seit Jahrhunderten träumen Menschen davon, Leipzig an das deutsche Wasserstraßennetz anzuschließen. Diese Vision einer schiffbaren Verbindung zur Saale und damit zu Elbe und Nordsee hat die Stadt immer wieder beschäftigt. Vier große Anläufe wurden unternommen – von der historischen Flößerei bis zu modernen Kanalprojekten – doch keiner davon führte zu einer dauerhaften schiffbaren Verbindung. ## Der historische Vorläufer: Der Elsterfloßgraben (16.-19. Jahrhundert) Bereits im 16. Jahrhundert entstand mit dem Elsterfloßgraben das erste bedeutende Wassertransportsystem zwischen der Weißen Elster und dem Gebiet um Weißenfels, Merseburg und Leipzig. Der Elsterfloßgraben ist ein im 16. Jahrhundert zum Holztransport angelegter Kanal von der Weißen Elster in das Gebiet östlich von Weißenfels und Merseburg sowie nach Leipzig. ### Zweck und Funktionsweise Der Hauptgrund der Anlage des Kanals war der Wunsch des Kurfürstentums Sachsen nach einer eigenen Salzproduktion. Diese geschah in Salinen durc...

Die Geschichte der Standard Elektrik Lorenz AG: Ein Stück deutscher Industriegeschichte

Die Namen von Unternehmen wie Siemens oder AEG sind den meisten Menschen ein Begriff. Doch wer kennt heute noch die Standard Elektrik Lorenz AG, kurz SEL? Dieses Unternehmen spielte über Jahrzehnte eine wichtige Rolle in der deutschen Elektroindustrie und prägte mit seinen Innovationen die Entwicklung von Kommunikationstechnik, Rundfunk und Fernsehen. Ihre Geschichte ist eine faszinierende Reise durch das 20. Jahrhundert und spiegelt die Höhen und Tiefen der deutschen Wirtschaftsgeschichte wider. Die Anfänge: Lorenz und die Telegrafie Die Wurzeln der SEL reichen bis ins Jahr 1880 zurück. Damals gründete der Ingenieur Carl Lorenz in Berlin die C. Lorenz Telegraphenbauanstalt. Das Unternehmen spezialisierte sich auf die Herstellung von Telegrafiegeräten und war von Anfang an im Bereich der Nachrichtenübertragung tätig. Lorenz wuchs schnell und etablierte sich als wichtiger Lieferant für Post- und Militärbehörden. In den folgenden Jahrzehnten expandierte das Unternehmen und widmete sich n...

Von Franken in die Welt: Die bewegte Geschichte der Grundig AG

## Ein Radiohändler schreibt Geschichte Die Geschichte von Grundig beginnt 1930 in der fränkischen Stadt Fürth, als der 22-jährige Max Grundig gemeinsam mit einem Kollegen ein Radiogeschäft unter dem Namen "Radio-Vertrieb Fürth, Grundig & Wurzer" (RVF) eröffnete. Was als kleines Unternehmen zur Reparatur und zum Verkauf von Radios begann, sollte sich zu einem der bekanntesten deutschen Elektronikkonzerne entwickeln und zum Symbol des westdeutschen Wirtschaftswunders werden. Max Grundig stammte aus einfachen Verhältnissen. Geboren 1908 in Nürnberg, verlor er bereits im Alter von zwölf Jahren seinen Vater. Seine Mutter musste fünf Kinder allein mit einem Fabrikarbeiterlohn durchbringen. Der junge Max begann zunächst eine Lehre als Installateur, bevor er sich der aufkommenden Radiotechnik zuwandte – eine Entscheidung, die sein Leben und die deutsche Industriegeschichte prägen sollte. ## Der geniale Coup: Der "Heinzelmann" Nach dem Zweiten Weltkrieg stand Max Grundi...

Das Knoblauchsland versiegeln und gleichzeitig Pflastersteine raushörn

  Nürnbergs Stadtplanung erklärt – ein Lehrstück über das Denken in Schubladen Es gibt Städte, die lernen aus Fehlern. Und es gibt Nürnberg. Das soll keine Beleidigung sein, nur eine nüchterne Bestandsaufnahme nach Jahren der Beobachtung – nach Röthenbach, nach Lichtenreuth, und jetzt nach Wetzendorf. Die Stadt Nürnberg hat ein Talent, das man ihr lassen muss: Sie schafft es immer wieder, mit der linken Hand zu zögern, was die rechte Hand längst zur Seite geschäufelt hat. Oder anders gesagt: Während man in der Innenstadt mit großem Presseaufwand einzelne Pflastersteine herausnimmt und Bäumchen pflanzt, werden draussen im Nordwesten 22,5 Hektar bisher landwirtschaftlich genutzter Fläche zu Baugebiet erklärt. Freifläche, die Generationen als Knoblauchsland gekämmt und bestellt haben, wird planiert. Willkommen im Baugebiet Wetzendorf. Oder, wie ich es nennen möchte: dem jüngsten Kapitel im Kompendium Nürnberger Stadtplanungsfantasien. Das Knoblauchsland – kein ödes Niemandsland ...

Lichtenreuth — zwei Systeme, null Gleise

  Wir reden über Lichtenreuth. Über Straßenbahnen, die noch keine Gleise haben. Über U-Bahn-Stationen, die noch keine Baugenehmigung haben. Und über die Frage, was das über Nürnberger Stadtplanung aussagt. Die Antwort ist nicht schmeichelhaft. Was ist Lichtenreuth? Wer in Nürnberg aufgewachsen ist, kennt das Areal südlich der Innenstadt als das, was es jahrzehntelang war: eine große, weitgehend brachliegende Fläche rund um den ehemaligen Südbahnhof und das Bundesbahnausbesserungswerk an der Brunecker Straße. Der Güterverkehr, der dort einmal abgewickelt wurde, ist längst Geschichte. Die Reichsbahn, dann die Bundesbahn, dann die DB — sie alle haben das Gelände irgendwann aufgegeben oder umstrukturiert. Was blieb, war Fläche. Viel Fläche. Mitten in einer wachsenden Stadt. Seit einigen Jahren hat Nürnberg beschlossen, das zu ändern. Lichtenreuth soll eines der größten Stadtentwicklungsprojekte werden, die Nürnberg je angegangen ist: Wohnen, Gewerbe, Universität. Die Technisc...

Richard Karl Lämmerzahl: Der fränkische Möbelunternehmer zwischen Ost und West

In der Geschichte des deutsch-deutschen Handels vor und nach der Wiedervereinigung gibt es viele bemerkenswerte Unternehmergeschichten. Eine davon ist die von Richard Karl Lämmerzahl, einem fränkischen Möbelhändler, der eine Brücke zwischen der DDR-Möbelproduktion und dem westdeutschen Markt schlug und dabei ein beeindruckendes Wirtschaftsimperium aufbaute. ## Ein Unternehmer mit Vision in Neunkirchen am Sand Richard Karl Lämmerzahl etablierte sich als bedeutender Zwischenhändler im Möbelgeschäft mit Sitz in Neunkirchen am Sand, einer fränkischen Gemeinde in der Nähe von Nürnberg. Seine Geschäftstätigkeit war geprägt von einer besonderen geopolitischen Konstellation: Er importierte Möbel aus der DDR und verkaufte sie an große westdeutsche Möbeldiscounter und Versandhäuser. ## Das Geschäftsmodell: DDR-Möbel für den Westen Zu DDR-Zeiten wurden in Triebes und Zeulenroda Möbel hergestellt. Um für die marode DDR-Devisen zu beschaffen, wurden diese Waren zu billigen Einkaufspreisen in die da...