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Von Franken in die Welt: Die bewegte Geschichte der Grundig AG

## Ein Radiohändler schreibt Geschichte Die Geschichte von Grundig beginnt 1930 in der fränkischen Stadt Fürth, als der 22-jährige Max Grundig gemeinsam mit einem Kollegen ein Radiogeschäft unter dem Namen "Radio-Vertrieb Fürth, Grundig & Wurzer" (RVF) eröffnete. Was als kleines Unternehmen zur Reparatur und zum Verkauf von Radios begann, sollte sich zu einem der bekanntesten deutschen Elektronikkonzerne entwickeln und zum Symbol des westdeutschen Wirtschaftswunders werden. Max Grundig stammte aus einfachen Verhältnissen. Geboren 1908 in Nürnberg, verlor er bereits im Alter von zwölf Jahren seinen Vater. Seine Mutter musste fünf Kinder allein mit einem Fabrikarbeiterlohn durchbringen. Der junge Max begann zunächst eine Lehre als Installateur, bevor er sich der aufkommenden Radiotechnik zuwandte – eine Entscheidung, die sein Leben und die deutsche Industriegeschichte prägen sollte. ## Der geniale Coup: Der "Heinzelmann" Nach dem Zweiten Weltkrieg stand Max Grundi...

Das Knoblauchsland versiegeln und gleichzeitig Pflastersteine raushörn

  Nürnbergs Stadtplanung erklärt – ein Lehrstück über das Denken in Schubladen Es gibt Städte, die lernen aus Fehlern. Und es gibt Nürnberg. Das soll keine Beleidigung sein, nur eine nüchterne Bestandsaufnahme nach Jahren der Beobachtung – nach Röthenbach, nach Lichtenreuth, und jetzt nach Wetzendorf. Die Stadt Nürnberg hat ein Talent, das man ihr lassen muss: Sie schafft es immer wieder, mit der linken Hand zu zögern, was die rechte Hand längst zur Seite geschäufelt hat. Oder anders gesagt: Während man in der Innenstadt mit großem Presseaufwand einzelne Pflastersteine herausnimmt und Bäumchen pflanzt, werden draussen im Nordwesten 22,5 Hektar bisher landwirtschaftlich genutzter Fläche zu Baugebiet erklärt. Freifläche, die Generationen als Knoblauchsland gekämmt und bestellt haben, wird planiert. Willkommen im Baugebiet Wetzendorf. Oder, wie ich es nennen möchte: dem jüngsten Kapitel im Kompendium Nürnberger Stadtplanungsfantasien. Das Knoblauchsland – kein ödes Niemandsland ...

Lichtenreuth — zwei Systeme, null Gleise

  Wir reden über Lichtenreuth. Über Straßenbahnen, die noch keine Gleise haben. Über U-Bahn-Stationen, die noch keine Baugenehmigung haben. Und über die Frage, was das über Nürnberger Stadtplanung aussagt. Die Antwort ist nicht schmeichelhaft. Was ist Lichtenreuth? Wer in Nürnberg aufgewachsen ist, kennt das Areal südlich der Innenstadt als das, was es jahrzehntelang war: eine große, weitgehend brachliegende Fläche rund um den ehemaligen Südbahnhof und das Bundesbahnausbesserungswerk an der Brunecker Straße. Der Güterverkehr, der dort einmal abgewickelt wurde, ist längst Geschichte. Die Reichsbahn, dann die Bundesbahn, dann die DB — sie alle haben das Gelände irgendwann aufgegeben oder umstrukturiert. Was blieb, war Fläche. Viel Fläche. Mitten in einer wachsenden Stadt. Seit einigen Jahren hat Nürnberg beschlossen, das zu ändern. Lichtenreuth soll eines der größten Stadtentwicklungsprojekte werden, die Nürnberg je angegangen ist: Wohnen, Gewerbe, Universität. Die Technisc...

Richard Karl Lämmerzahl: Der fränkische Möbelunternehmer zwischen Ost und West

In der Geschichte des deutsch-deutschen Handels vor und nach der Wiedervereinigung gibt es viele bemerkenswerte Unternehmergeschichten. Eine davon ist die von Richard Karl Lämmerzahl, einem fränkischen Möbelhändler, der eine Brücke zwischen der DDR-Möbelproduktion und dem westdeutschen Markt schlug und dabei ein beeindruckendes Wirtschaftsimperium aufbaute. ## Ein Unternehmer mit Vision in Neunkirchen am Sand Richard Karl Lämmerzahl etablierte sich als bedeutender Zwischenhändler im Möbelgeschäft mit Sitz in Neunkirchen am Sand, einer fränkischen Gemeinde in der Nähe von Nürnberg. Seine Geschäftstätigkeit war geprägt von einer besonderen geopolitischen Konstellation: Er importierte Möbel aus der DDR und verkaufte sie an große westdeutsche Möbeldiscounter und Versandhäuser. ## Das Geschäftsmodell: DDR-Möbel für den Westen Zu DDR-Zeiten wurden in Triebes und Zeulenroda Möbel hergestellt. Um für die marode DDR-Devisen zu beschaffen, wurden diese Waren zu billigen Einkaufspreisen in die da...

Exotik aus dem Süden: Orangen, Bananen und die Sehnsucht nach Ferne*Blogreihe "Nahrungsmittel in geteiltem Deutschland" - Teil 8 (Finale)*

"Apfelsinen zu Weihnachten!" - Dieser Ruf hallte durch DDR-Haushalte, wenn im Dezember kubanische Orangen in den Läden auftauchten. Gleichzeitig stapelten sich in westdeutschen Supermärkten ganzjährig Berge von Chiquita-Bananen und spanischen Orangen. Südfrüchte wurden zum Symbol der deutschen Teilung: Im Westen selbstverständlich verfügbar, im Osten seltene Kostbarkeiten, die Träume von fernen Ländern und besseren Zeiten nährten. Die Geschichte von Orangen und Bananen in geteiltem Deutschland ist eine Geschichte von Handel und Ideologie, von Planwirtschaft und Weltmarkt, von Mangel und Überfluss. ## Die Ausgangslage: Deutschland entdeckt die Exotik Südfrüchte waren schon vor dem Krieg keine Unbekannten in Deutschland. Wohlhabende Familien kannten italienische Zitronen und südamerikanische Bananen. Aber für die Masse der Bevölkerung blieben sie Luxus - bis das "Wirtschaftswunder" und die sozialistische Planwirtschaft zwei völlig unterschiedliche Wege zu den Früchten...

Radschnellweg Leichendorf: Der Geist der Bibertbahn kehrt wieder

  Ich habe auf diesem Blog vor Kurzem einen längeren Beitrag über die Bibertbahn geschrieben. Die Geschichte einer Regionalbahn, die man totgespart hat, deren Reaktivierung die Lokalpolitik torpediert hat, und deren Trasse am Ende zum Radweg umgewidmet wurde – während dieselben Politiker, die das zu verantworten hatten, bei der Eröffnung fröhlich vor den Kameras standen. Den Link findet ihr in den Shownotes. Ich erwähne das, weil die Geschichte offenbar noch nicht zu Ende ist. Der neue Radschnellweg von Nürnberg-Gebersdorf in den Landkreis Fürth muss bei Leichendorf die Schwabacher Straße queren. Dafür wurden drei Optionen vorgestellt. Und weil das hier Franken ist und Franken kompliziert, läuft es gerade so: Eine der Varianten hätte massive Folgen für den Zirndorfer Ortsteil. Die Leichendorfer wollen von der Rothenburger Straße nicht abgehängt werden – verständlich, die Rothenburger Straße ist die einzige relevante Anbindung des Ortsteils nach Nürnberg. Das Ergebnis: An der...

Die Bibertbahn: Ein Trauerspiel in vier Akten

  Wie eine Regionalbahn totgespart, ihr Comeback von der Lokalpolitik torpediert und die Trasse am Ende zum Radweg degradiert wurde – und wie Politiker sich dafür auch noch feiern ließen. Stellen Sie sich vor: Eine stark befahrene Bundesstraße, täglich rund 30.000 Pkw, Stau an der Tagesordnung, Abgase, Lärm. Und daneben, fast schon höhnisch, eine verlassene Bahntrasse, auf der einst Züge fuhren. Genau das ist die Realität westlich von Nürnberg – auf der Rothenburger Straße und entlang der ehemaligen Bibertbahn. Was einmal als "Bibertbärbel" liebevoll bekannt war, endete als Radweg. Und die Menschen, die dieses Ende zu verantworten haben, standen lächelnd bei der Eröffnung vor den Kameras. Das verdient eine ehrliche Aufarbeitung. Akt I: Eine Bahn wird geboren (1908–1960) Am Anfang stand ein Pfarrer. Ohne den hartnäckigen Einsatz des Großhabersdorfer Pfarrers Gruber – von der Bevölkerung liebevoll "Eisenbahnpfarrer" genannt – hätte es die Bibertbahn wohl nie geg...