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Wohlstandsverwahrlosung, in Echtzeit

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Guido Westerwelle hat den Begriff geprägt. Er meinte damit eine Gesellschaft, die sich so tief in ihren Komfort eingegraben hat, dass sie verlernt hat zu unterscheiden, was Leistung ist und was Anspruchshaltung. Er ist leider viel zu früh gestorben, um zu sehen, wie weit wir inzwischen gekommen sind. Wobei: Vielleicht hat er auch einfach Glück gehabt. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt — kurz DLR, gegründet um die Bundesrepublik in der Spitzenforschung zu verankern, zuständig für Raumfahrttechnologie, Aerodynamik, Antriebssysteme, also für Dinge, die irgendwo zwischen Naturgesetz und Ingenieurskunst angesiedelt sind — dieses Zentrum hat gerade eine Studie abgeschlossen. Vier Jahre. Über vierzig Unternehmen begleitet. Mehr als hunderttausend Kilometer ausgewertet. Die Forschungsfrage lautete: Lohnen sich Lastenräder für Unternehmen? Nein, das ist kein Tippfehler. Das Deutsche *Zentrum für Luft- und Raumfahrt* hat vier Jahre damit verbracht herauszufinden, ob ein Handwerksbetri...

Westpakete: Fenster zur anderen Welt - Wenn Nescafé und Nutella Politik wurden*Blogreihe "Nahrungsmittel in geteiltem Deutschland" - Teil 4*

"Tante Gerda schickt wieder ein Paket!" Dieser Satz löste in DDR-Haushalten eine Mischung aus Aufregung, Dankbarkeit und heimlicher Scham aus. Die braunen Kartons mit westdeutschen Absenderstempeln waren mehr als nur Sendungen - sie waren Botschaften aus einer anderen Welt, Überlebenshilfe und politisches Statement zugleich. Von 1949 bis 1989 verschickten Westdeutsche über 200 Millionen Pakete in die DDR. Ihr Inhalt veränderte nicht nur Speisepläne, sondern auch das Bewusstsein einer ganzen Gesellschaft. ## Die Anfänge: Von der Nothilfe zur Tradition (1949-1961) Die ersten Westpakete entstanden aus purer Not. Nach dem Krieg hungerten die Menschen in der sowjetischen Besatzungszone, während in den Westzonen die Versorgung durch den Marshall-Plan schneller anlief. ### Die Care-Pakete als Vorbild - **1946-1948:** Amerikanische Care-Pakete nach Deutschland - **Inhalt:** Konserven, Kaffee, Schokolade, Zigaretten - **Gewicht:** Standardisierte 22-Pfund-Pakete (10 kg) - **Wirkung:**...

Erdbeben auf Knopfdruck: Was es mit dem Projekt FEAR in der Schweiz auf sich hat

In den letzten Tagen ist in den Nachrichten viel von einem spektakulären Experiment in der Schweiz die Rede: Forschende wollen im Tessin **eine kontrollierte Erdbebenwelle auslösen** – und das Projekt heißt nicht etwa „Calmer“, sondern **FEAR**. Spontan klingt das beunruhigend, aber dahinter steckt ein hochprofessionelles Experiment der Geophysik, bei dem die Erde ganz bewusst zum Beben gebracht werden soll. ## FEAR: Kein Horrorfilm, sondern ein Forschungsprogramm FEAR steht für **Fault Activation and Earthquake Rupture** – also übersetzt: „Aktivierung von Störungen und Bruch von Erdbeben“.[1] Das Projekt läuft im **Bedretto-Felslabor** im Tessin, einem unterirdischen Forschungslabor der ETH Zürich, das tief im Gestein liegt und für Experimente mit Erdbeben und Geoenergie genutzt wird. Ziel ist es, zu verstehen, wie Störungen im Gestein theoretisch still liegen, aber unter bestimmten Bedingungen plötzlich wieder „aktiv“ werden – genau das, was bei einem Erdbeben passiert. Statt nur auf...

BlaBlaCar wirft das Fernbus-Handtuch – und Flixbus freut sich still

Am 21. April 2026 hat BlaBlaCar offiziell das Ende seines Fernbusbetriebs verkündet. Nicht spektakulär, nicht überraschend – aber ein weiterer Schritt in Richtung Monopol auf deutschen und europäischen Fernstraßen. Was das für Reisende aus Franken und Bayern bedeutet, und warum dieser Markt so aussieht, wie er eben aussieht. Was ist passiert BlaBlaCar, das französische Unternehmen, das vor allem als digitale Mitfahrzentrale bekannt ist, stellt sein gesamtes nationales und internationales Liniennetz ein. Die Begründung aus Paris ist nüchtern: strukturelle wirtschaftliche Probleme, anhaltende erhebliche Verluste, ein zu teurer Markt. Bis zum Abschluss der gesetzlich vorgeschriebenen Beratungen mit den Arbeitnehmervertretern läuft der Betrieb noch weiter – direkt betroffen sind 40 Beschäftigte in Verwaltung und Koordination. Den Partnerunternehmen, die die Busse und das Fahrpersonal gestellt haben, wird angeboten, die Linien künftig in eigener Regie weiterzuführen. Von Paris aus bediente ...

Die Neue Heimat lässt grüßen – oder: Wie die SPD ihre Fehler mit Nostalgie adelt

Es gibt Ideen, die sind so gut, dass man sie einfach zweimal machen muss. Vorzugsweise mit einem Abstand von etwa 40 Jahren, damit die Zeitzeugen des ersten Desasters entweder vergessen haben, was passiert ist, oder schlicht nicht mehr da sind, um laut zu protestieren. Lars Klingbeil, Bundesfinanzminister, Vizekanzler und sichtlich bemüht, nach den mageren Scholz-Jahren so etwas wie sozialdemokratische Tatkraft auszustrahlen, hat eine Idee. Eine große. Eine kühne. Eine, bei der Immobilienökonom Tobias Just sofort fragt, warum der Staat dann eigentlich nicht auch erschwingliche Chemieproduktion oder erschwingliche Kommunikationstechnik organisieren sollte — eine Frage, die Klingbeil vermutlich nicht gestellt haben möchte, die aber jeder stellen sollte, der noch alle Tassen im Schrank hat. Die Idee: eine **„Bundesgesellschaft für bezahlbaren Wohnraum"**. Der Bund als Mehrheitseigner, private Investoren dürfen mitmachen, und das Ganze soll laut Klingbeil explizit „keine Baufirma und ...

"Nimm ein Ei mehr!" - Wenn Ernährungsberatung der Verfügbarkeit folgt*Blogreihe "Nahrungsmittel in geteiltem Deutschland" - Teil 3*

"Das Ei - Quelle wertvoller Proteine und Vitamine. Nimm ein Ei mehr!" So warb die DDR in den frühen 1970er Jahren. Fünf Jahre später, als die Hühner weniger legten, hieß es plötzlich: "Zu viele Eier können den Cholesterinspiegel erhöhen. Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung!" Das Ei wurde zum perfekten Symbol dafür, wie in der Planwirtschaft die Wissenschaft der Verfügbarkeit folgte - und nicht umgekehrt. ## Das Wunder-Ei der frühen DDR In den 1960er und frühen 1970er Jahren erlebte die DDR einen Ei-Boom. Die LPGs (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften) hatten ihre Geflügelhaltung massiv ausgebaut: ### Die goldenen Ei-Jahre (1968-1974) - **Produktion 1970:** 3,8 Milliarden Eier (228 Eier pro Einwohner) - **Selbstversorgungsgrad:** 105% - die DDR exportierte sogar Eier - **Preis:** 1,20 Mark für 10 Eier (stabil seit 1958) - **Verfügbarkeit:** Überall und jederzeit Die Propaganda lief auf Hochtouren: ### "Das Ei - ein Alleskönner!" **Werbeslog...

Das schwarze Gold: Kaffee-Kultur in Ost und West*Blogreihe "Nahrungsmittel in geteiltem Deutschland" - Teil 2*

"Mischung macht's" warb der VEB Röstfein in den 1970er Jahren für seinen "Im Nu"-Kaffee. Was die Werbung verschwieg: Die "Mischung" bestand nur zu 51% aus echten Kaffeebohnen, der Rest waren geröstete Erbsen, Bohnen, Roggen und Malz. Gleichzeitig genossen Westdeutsche ihren Jacobs-Kaffee mit dem Slogan "Krönung - für den verwöhnten Geschmack". Zwei Welten, getrennt durch die Berliner Mauer und eine Tasse Kaffee. ## Das Devisenproblem: Warum echter Kaffee Luxus war Kaffee war für die DDR ein doppeltes Problem: Die Bohnen mussten mit harter Währung bezahlt werden, die chronisch knapp war, und sie kamen hauptsächlich aus "kapitalistischen" Ländern wie Brasilien, Kolumbien oder Äthiopien. ### Die harten Zahlen - **Kaffeekonsum DDR 1970:** 2,1 kg pro Person/Jahr - **Kaffeekonsum BRD 1970:** 5,8 kg pro Person/Jahr - **Anteil Bohnenkaffee in DDR-"Kaffee":** oft unter 50% - **Devisenkosten:** 200-300 Millionen Valuta-Mark jährlich...