Posts

Das Mittelmeer, die Flut, die nicht kam — Ein Beitrag über wissenschaftliche Konsensmodelle, geologische Geduld und die Kunst, an der falschen Stelle zu suchen

Am 6. Oktober 1970 kehrte das Tiefseebohrschiff Glomar Challenger in den Hafen von Lissabon zurück. In seinen Bohrkernbehältern steckte das, was die Geologie des Mittelmeers für die nächsten fünfzig Jahre definieren sollte: Gips, Halit, Muschelreste aus hochkonzentrierter Salzlake. Das Mittelmeer, so lautete die Schlussfolgerung, war vor etwa sechs Millionen Jahren ausgetrocknet. Eine riesige, salzgefüllte Senke, bis zu zwei Kilometer tief unter dem globalen Meeresspiegel. Und dann, eine halbe Million Jahre später, soll der Atlantik durch die heutige Straße von Gibraltar eingebrochen sein — in einem Wasserfall, der nach Angaben der Entdecker hundertmal größer gewesen wäre als die Victoriafälle. Klingt nach großem Kino. David Attenborough drehte eine Dokumentation darüber. Gibraltar gab eine Briefmarke heraus. Der Konsens war geboren. Und jetzt, im Mai 2026, erscheint in Spektrum der Wissenschaft ein Artikel mit dem Titel: „Die Sintflut, die nicht stattfand.“ Was die neue Forschung...

Warum Harald Schmidt im deutschen Fernsehen wirklich fehlt

Es ist schon paradox: Da entdecke ich durch Zufall den "About Schmidt Show" Podcast mit Manuel Andrack und Mike Neu – zwei Namen, die mich sofort in eine Zeit zurückversetzen, als deutsches Fernsehen noch überraschen konnte – und mir wird schmerzlich bewusst, was der deutschen TV-Landschaft seit Jahren fehlt: Harald Schmidt. ## Eine Ära geht zu Ende Wer die Harald Schmidt Show zwischen 1995 und 2014 verfolgt hat, weiß: Das war mehr als nur Late-Night-Entertainment. Das war eine Institution. Eine scharfzüngige, intelligente, manchmal auch gemeine Institution, die sich erlaubte, was heute kaum noch denkbar scheint: unvorhersehbar zu sein. Schmidt war nie der nette Onkel, der alle gleichermaßen umarmte. Er war der brillante Beobachter, der mit chirurgischer Präzision die Schwächen der Gesellschaft sezierte – und dabei so unterhaltsam war, dass man ihm auch die bösesten Spitzen verzieh. Oder gerade deshalb zuhörte. ## Was Manuel Andrack und der Podcast wieder wecken Der "Abo...

Washington damals und heute — Scharlau, von Lojewski und das, was verloren gegangen ist

Wer sich alte Tagesschau-Ausgaben auf YouTube ansieht, stößt irgendwann auf einen Ton, der heute selten geworden ist. Sachlich, ruhig, ohne Selbstinszenierung. Zwei Namen fallen dabei auf: Winfried Scharlau und Wolf von Lojewski, beide für eine Weile Gesicht der ARD-Auslandsberichterstattung aus Washington. Dabei ist zunächst eine Präzisierung angebracht: Die beiden waren nicht über Jahre hinweg gemeinsam Studioleiter. Von Lojewski leitete das ARD-Studio in Washington von 1987 bis 1992. [Reportagen Wiki](https://reportagen.fandom.com/de/wiki/Wolf_von_Lojewski) [WHO'S WHO](https://whoswho.de/bio/wolf-von-lojewski.html) Scharlau wurde 1991 ARD-Korrespondent und Studioleiter in Washington, wo er etwa ein Jahr lang mit von Lojewski zusammenarbeitete. [Wikipedia](https://de.wikipedia.org/wiki/Winfried_Scharlau_(Journalist)) Die Überschneidung dauerte also ungefähr ein Jahr, bevor von Lojewski im Frühjahr 1992 zum ZDF wechselte und dort das „heute-journal" übernahm. Die Wirkung, die...

Ode an die Köf 3 - Die stillen Helden der Gleise

Ihr kleinen Giganten aus Stahl und Kraft, mit eurem markanten, gedrungenen Bau, habt ihr jahrzehntelang treu geschafft im Schatten der großen Züge, ganz genau. Köf 3, ihr treuen Rangierdamen, mit euren zwei Achsen fest am Gleis, von Gmeinder, Jung und Orenstein & Koppel kamen die einen, von Windhoff andere - zu dienen mit Fleiß. Kein Pfiff der großen Fernverkehrszüge, kein Glamour der schnellen Intercitys - doch ihr wart es, die jeden Zug mit Geduld und Präzision zum Ziel schiebt. Auf Rangierbahnhöfen, Tag und Nacht, habt ihr Waggon für Waggon bewegt, habt Ordnung in das Chaos gebracht, wo Güter sich zu Zügen gefügt. Eure Dieselmotoren brummten leise, kein Spektakel, nur ehrliche Arbeit, auf der endlos scheinenden Gleisweise wart ihr Meister der Beharrlichkeit. Zweiachsig und wendig, kompakt gebaut, für die schweren Rangierarbeiten gemacht, habt ihr euch durch Bahnhöfe vertraut geschoben, geschleppt durch Tag und Nacht. Aus verschiedenen Werkstätten geboren, doch alle der gleichen ...

Das Recht der anderen

Es gibt einen Satz, der sitzt. Genilson André Kezomae, Vorstand der Paresi-Indigenen aus dem brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso, hat ihn gesagt: „Die Welt will uns nicht entwickeln sehen. Wenn es nach Greenpeace oder WWF ginge, sollen wir so leben wie vor 300 Jahren.“ Man muss das kurz sacken lassen. Die Paresi sind kein Klischee aus dem Anthropologieseminar. Sie bauen Soja an. Legal, mit allen Umweltauflagen, Steuern gezahlt. Moderne Landwirtschaft hat ihnen in zwei Jahrzehnten herausgeholt, was Jahrhunderte indigener Geschichte nicht konnten: Wohlstand, Gesundheit, Zukunft für die Jugend. Unter den rund 1,7 Millionen Indigenen Brasiliens sind sie eine seltene Ausnahme — der Rest lebt in großer Armut, mit Unterernährung und hoher Kindersterblichkeit. Und trotzdem kommen sie nicht in den Exportmarkt. Das Soja-Moratorium hängt über ihnen wie ein Damoklesschwert. Die großen Handelsgiganten kaufen ihnen das Zeug nicht ab — zu groß die Angst, Absatzmärkte zu verlieren. Zu giftig das L...

Data Becker: Die Geschichte eines deutschen Software-Pioniers

## Die Anfänge (1981-1985) Data Becker wurde 1981 von Heinz Bernhard in Düsseldorf gegründet und entwickelte sich schnell zu einem der bekanntesten deutschen Software- und Computerbuchverlage. In einer Zeit, als Personal Computer noch in den Kinderschuhen steckten, erkannte Bernhard das Potenzial des aufkommenden Heimcomputer-Marktes. Die ersten Jahre waren geprägt von der Veröffentlichung von Programmierbüchern und einfachen Software-Tools für die damals populären 8-Bit-Computer wie den Commodore 64, Atari und Amstrad CPC. Data Becker füllte eine wichtige Lücke: Deutsche Computeranwender erhielten endlich Literatur und Software in ihrer Muttersprache. ## Der Aufstieg in den 1980ern Bereits Mitte der 1980er Jahre hatte sich Data Becker als einer der führenden deutschen Anbieter für Computerliteratur etabliert. Das Unternehmen spezialisierte sich auf: - **Programmierbücher**: Anleitungen für BASIC, Pascal und später C++ - **Anwendersoftware**: Einfache Tools für Textverarbeitung und Gra...

re:publica — Das Klassentreffen der Selbsterleuchteten

Berlin lädt jedes Jahr zur größten Selbstbeweihräucherungsveranstaltung des deutschen Digitalbetriebs. Eintrittspreis: Haltung zeigen. Erkenntnisgewinn: fakultativ. Es gibt Veranstaltungen, die existieren, um Probleme zu lösen. Die BAUMA zeigt Maschinen, die wirklich graben. Die IFA zeigt Geräte, die wirklich funktionieren könnten. Und dann gibt es die re:publica in Berlin — eine Veranstaltung, die seit Jahren konsequent demonstriert, dass man für sehr viel Geld sehr wenig sagen und dabei sehr laut klatschen kann. Man könnte es so formulieren: Die re:publica ist die FIBO ohne Muskeln und die Fashion Week ohne Stil. Ein Ort, an dem nicht Ideen, sondern Selbstbilder ausgestellt werden. Wer hingeht, möchte nicht lernen. Wer hingeht, möchte gesehen werden. Am besten von Leuten, die genauso hingefahren sind, um gesehen zu werden. Ein Kreiswichsverein mit Presseakkreditierung ist immer noch ein Kreiswichsverein. Das Publikum ist gut beschreibbar. Es ist der Haufen linker Texter, Berater, Akt...