Posts

Von der Glühbirne zur Weltmarke: Die Geschichte der AEG

Kaum ein Unternehmen hat die deutsche Industriegeschichte so geprägt wie die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft – besser bekannt als AEG. Gegründet im Zeitalter der ersten Elektrifizierung, wuchs sie zu einem der bedeutendsten Technologiekonzerne Europas heran, bevor sie in den 1990er Jahren in einer der spektakulärsten Insolvenzen der deutschen Wirtschaftsgeschichte scheiterte. Heute lebt der Name als Lizenzmarke weiter – ein Symbol für Aufstieg, Glanz und Niedergang eines Industriegiganten. Die Gründungsjahre: Emil Rathenau und die Kraft der Elektrizität (1883–1900) Die Geschichte der AEG beginnt mit einem Mann und einer Idee. Emil Rathenau, ein Berliner Unternehmer mit technischem Gespür, besuchte 1881 die Pariser Weltausstellung und war von Thomas Edisons Glühlampen schlicht begeistert. Er erkannte sofort das ungeheure wirtschaftliche Potential dieser Erfindung – und handelte. 1882 erwarb Rathenau die deutschen Patentrechte an Edisons Erfindungen und gründete 1883 die Deutsche E...

Passierschein A38 — Hier ist Radio Eriwan 🎙️

Hier ist Radio Eriwan. Ein Hörer fragt: „Stimmt es, dass man in Deutschland innerhalb einer Woche ein Gewerbe anmelden kann?" Radio Eriwan antwortet: Im Prinzip ja. Aber zunächst benötigen Sie das Formular GewA 1, das Sie beim Gewerbeamt einreichen — das allerdings nur zu folgenden Öffnungszeiten persönlich erreichbar ist: Dienstags von 9 bis 11 Uhr und donnerstags nach vorheriger Terminbuchung, frühestens in drei Wochen. Online geht es auch. Im Prinzip. Ein weiterer Hörer fragt: „Stimmt es, dass der deutsche Staat der größte Arbeitgeber des Landes ist?" Radio Eriwan antwortet: Im Prinzip ja. Und zwar der einzige, der wirklich immer einstellt — in der Krise, im Boom, in der Rezession, bei Inflation, bei Deflation und bei allem dazwischen. 5,4 Millionen Menschen arbeiten heute im öffentlichen Dienst. Das sind fast eine Million mehr als beim letzten Tiefpunkt 2008. Zwischen 2012 und 2022 kamen 584.000 neue Stellen hinzu — ein Plus von 14 Prozent. Inklusive Sozialversicherungen ...

Von der Metallwarenfabrik zur Kultmarke: Die bewegte Geschichte von KETTLER

*Ein Unternehmen, das Generationen geprägt hat – und trotz dreier Insolvenzen nicht sterben will.* --- Ich erinnere mich noch genau daran: Ein Kettcar. Rot, stabil, unverwüstlich. Wie so viele Kinder, die in den späten 70er und frühen 80er Jahren aufgewachsen sind, war dieses vierrädrige Tretgefährt ein fester Bestandteil meiner Kindheit. Stundenlang kurvenreiche Rennen auf dem Gehweg, quietschende Reifen auf dem Parkettboden, schimpfende Eltern – das Kettcar war Freiheit auf vier Rädern. Heute weiß ich: Ich war damit in bester Gesellschaft. Millionen Kinder in aller Welt teilten genau dieses Erlebnis, und hinter all dem steckte ein kleines Unternehmen aus dem Sauerland, das die Welt des Spielzeugs und der Freizeit für immer verändert hat. --- Wer in Deutschland aufgewachsen ist, kennt den Namen KETTLER. Das rote Tretauto, das Alu-Fahrrad, die Tischtennisplatte im Garten – kaum eine andere Marke hat das Freizeitleben bundesdeutscher Familien so nachhaltig geprägt wie das Unternehmen au...

Die Nürnberger Ringbahn – Geschichte einer vergessenen GüterumgehungEin Streifzug durch 125 Jahre Eisenbahngeschichte rund um die Noris

Wer heute durch Nürnberg fährt, überquert sie oft, ohne es zu bemerken: Auf fast jeder Ausfallstraße aus der Stadt findet sich irgendwo eine alte Eisenbahnbrücke, ein überwucherter Damm oder ein vergitterter Tunnel. Sie alle sind stumme Zeugen einer der ehrgeizigsten Infrastrukturprojekte, die das frühe 20. Jahrhundert in Franken hervorgebracht hat – der Nürnberger Güter-Ringbahn. Der Anfang: Eine Stadt wächst über sich hinaus Im ausgehenden 19. Jahrhundert war Nürnberg ein boomender Industriestandort. Maschinen, Spielzeug, Bleistifte und Metallwaren verließen die Stadt in alle Himmelsrichtungen – und damit auch Güterzüge in wachsender Zahl. Der Hauptbahnhof, damals noch als Kopfbahnhof angelegt, wurde mehr und mehr zur Engstelle. Züge aus unterschiedlichen Richtungen mussten ihn kreuzen, rangieren und wieder verlassen. Eine Lösung musste her. Die Antwort der Königlich Bayerischen Staatseisenbahnen war die Güter-Ringbahn: eine kreisförmige Umgehungsstrecke, die sich in drei bis vier Ki...

Wackler an der Grenze, Nachtrag zu Teil 3: Innsbruck flüstert weiter

Zwei Mikrobeben der Stärke 0,6 in der Nacht auf Freitag und was sie über eine Serie verraten, die seit August nicht aufhört Es gibt Erdbebenmeldungen, die man liest, und es gibt Erdbebenmeldungen, die man fast überliest. Die beiden aus der Nacht von Donnerstag auf Freitag gehören klar in die zweite Kategorie. Stärke 0,6, beide Male, beide mit dem Zusatz „unbestätigt“. Das eine Beben 7,7 Kilometer südöstlich von Innsbruck um 21:52 Uhr Weltzeit, das andere 36 Kilometer östlich der Stadt um 22:09 Uhr Weltzeit. Nach unserer Uhr also kurz vor Mitternacht und kurz danach, sauber über den Datumswechsel verteilt, als hätte der Untergrund noch schnell etwas loswerden wollen, bevor der 23. Oktober anfängt. Gespürt hat das niemand. Geschrieben hat darüber auch niemand, zumindest keine Zeitung. Und trotzdem sind mir diese beiden Einträge einen Nachtrag wert, denn sie liegen genau dort, wo ich vor knapp vier Wochen in Teil 3 dieser Reihe angefangen habe. Wo die beiden Beben liegen 7,7 Kilometer süd...

Wackler an der Grenze, Teil 6: Ein Freitag im Zentralmassiv

  Vier kleine Beben, drei Herde, eine Bruchkante: Was die Auvergne am 23. Oktober 2026 über ihren Untergrund verraten hat Manche Tage melden sich leise. Am Freitag, dem 23. Oktober 2026, liefen bei mir im Laufe des Nachmittags vier Erdbebenmeldungen aus Frankreich ein, alle aus dem Zentralmassiv, alle im Bereich dessen, was man als Mensch an der Oberfläche bestenfalls als Klirren im Küchenschrank bemerkt. Um 04:11 Uhr eine Magnitude 2,3 rund 47 Kilometer südöstlich von Clermont-Ferrand, drei Minuten später an praktisch derselben Stelle eine 1,2. Um 11:35 Uhr eine 2,1 gut sechs Kilometer südlich von Vichy. Und um 11:55 Uhr eine 2,4 knapp acht Kilometer südöstlich von Ussel in der Corrèze. Eine kleine Korrektur vorweg, weil sie in den automatischen Meldungen gern durcheinandergeht: Allier und Puy-de-Dôme gehören zur Region Auvergne-Rhône-Alpes, nicht zu Rhône-Alpes. Die gibt es als eigenständige Region seit 2016 nicht mehr. Ussel liegt in der Corrèze und damit in der Nouvelle-Aqui...

Sündenbock auf vier Achsen: Die Vectron und die müden Gleise

  Manchmal liest man einen Zeitungsartikel, legt das Handy weg und zuckt mit den Schultern. Nicht weil das Thema langweilig wäre, sondern weil der Text etwas behauptet, das beim zweiten Hinsehen nicht zusammenpasst. So ging es mir mit einem Beitrag der Abendzeitung München vom 23. Oktober 2026. Die Überschrift kündigt die Sanierung einer wichtigen Bahnstrecke in Bayern an und einen Streit um eine Lok. Wer bis zum Ende liest, stellt fest: Die Lok fährt auf der Strecke gar nicht. Worum es geht Markus Hecht, Professor für Schienenfahrzeugtechnik in Berlin, wirft Siemens Mobility vor, die Vectron belaste die Gleise übermäßig. Sein Hauptargument ist die ungefederte Masse. Je mehr Gewicht ohne Federung direkt auf der Schiene hämmert, desto stärker der Verschleiß, vor allem bei hohem Tempo. Hecht spricht von rund vier Tonnen pro Achse, Siemens bestreitet das, nennt aber keine eigene Zahl. Die Lok habe einen teilabgefederten Antrieb mit elastisch aufgehängtem Fahrmotor, erfülle alle Vor...