Posts

Exotik aus dem Süden: Orangen, Bananen und die Sehnsucht nach Ferne*Blogreihe "Nahrungsmittel in geteiltem Deutschland" - Teil 8 (Finale)*

"Apfelsinen zu Weihnachten!" - Dieser Ruf hallte durch DDR-Haushalte, wenn im Dezember kubanische Orangen in den Läden auftauchten. Gleichzeitig stapelten sich in westdeutschen Supermärkten ganzjährig Berge von Chiquita-Bananen und spanischen Orangen. Südfrüchte wurden zum Symbol der deutschen Teilung: Im Westen selbstverständlich verfügbar, im Osten seltene Kostbarkeiten, die Träume von fernen Ländern und besseren Zeiten nährten. Die Geschichte von Orangen und Bananen in geteiltem Deutschland ist eine Geschichte von Handel und Ideologie, von Planwirtschaft und Weltmarkt, von Mangel und Überfluss. ## Die Ausgangslage: Deutschland entdeckt die Exotik Südfrüchte waren schon vor dem Krieg keine Unbekannten in Deutschland. Wohlhabende Familien kannten italienische Zitronen und südamerikanische Bananen. Aber für die Masse der Bevölkerung blieben sie Luxus - bis das "Wirtschaftswunder" und die sozialistische Planwirtschaft zwei völlig unterschiedliche Wege zu den Früchten...

Radschnellweg Leichendorf: Der Geist der Bibertbahn kehrt wieder

  Ich habe auf diesem Blog vor Kurzem einen längeren Beitrag über die Bibertbahn geschrieben. Die Geschichte einer Regionalbahn, die man totgespart hat, deren Reaktivierung die Lokalpolitik torpediert hat, und deren Trasse am Ende zum Radweg umgewidmet wurde – während dieselben Politiker, die das zu verantworten hatten, bei der Eröffnung fröhlich vor den Kameras standen. Den Link findet ihr in den Shownotes. Ich erwähne das, weil die Geschichte offenbar noch nicht zu Ende ist. Der neue Radschnellweg von Nürnberg-Gebersdorf in den Landkreis Fürth muss bei Leichendorf die Schwabacher Straße queren. Dafür wurden drei Optionen vorgestellt. Und weil das hier Franken ist und Franken kompliziert, läuft es gerade so: Eine der Varianten hätte massive Folgen für den Zirndorfer Ortsteil. Die Leichendorfer wollen von der Rothenburger Straße nicht abgehängt werden – verständlich, die Rothenburger Straße ist die einzige relevante Anbindung des Ortsteils nach Nürnberg. Das Ergebnis: An der...

Die Bibertbahn: Ein Trauerspiel in vier Akten

  Wie eine Regionalbahn totgespart, ihr Comeback von der Lokalpolitik torpediert und die Trasse am Ende zum Radweg degradiert wurde – und wie Politiker sich dafür auch noch feiern ließen. Stellen Sie sich vor: Eine stark befahrene Bundesstraße, täglich rund 30.000 Pkw, Stau an der Tagesordnung, Abgase, Lärm. Und daneben, fast schon höhnisch, eine verlassene Bahntrasse, auf der einst Züge fuhren. Genau das ist die Realität westlich von Nürnberg – auf der Rothenburger Straße und entlang der ehemaligen Bibertbahn. Was einmal als "Bibertbärbel" liebevoll bekannt war, endete als Radweg. Und die Menschen, die dieses Ende zu verantworten haben, standen lächelnd bei der Eröffnung vor den Kameras. Das verdient eine ehrliche Aufarbeitung. Akt I: Eine Bahn wird geboren (1908–1960) Am Anfang stand ein Pfarrer. Ohne den hartnäckigen Einsatz des Großhabersdorfer Pfarrers Gruber – von der Bevölkerung liebevoll "Eisenbahnpfarrer" genannt – hätte es die Bibertbahn wohl nie geg...

Kollektivierung vs. Strukturwandel: Die Landwirtschaft in geteiltem Deutschland*Blogreihe "Nahrungsmittel in geteiltem Deutschland" - Teil 7*

"Die Erde gehört dem, der sie bearbeitet" - mit diesem sozialistischen Slogan rechtfertigte die DDR 1952 die Zwangskollektivierung ihrer Landwirtschaft. Gleichzeitig warb die junge BRD mit dem Motto "Bauer bleib bei deinem Leisten" um das Vertrauen ihrer Landwirte. Zwei Systeme, zwei Philosophien, aber am Ende dasselbe Ergebnis: Aus kleinen Familienbetrieben wurden Großstrukturen - im Osten durch politischen Zwang, im Westen durch wirtschaftlichen Druck. Die Geschichte der deutschen Landwirtschaft nach 1949 ist eine Parabel über Ideologie, Fortschritt und den Preis der Modernisierung. ## Die Ausgangslage 1949: Bauernland in Trümmern Deutschland war traditionell ein Land kleiner und mittlerer Bauernhöfe. Der Krieg hatte diese Struktur schwer beschädigt, aber nicht zerstört. ### Westdeutschland: Erbe und Neuanfang **Strukturdaten 1949:** - **1,6 Millionen landwirtschaftliche Betriebe** - **Durchschnittsgröße:** 8,1 Hektar - **Eigentumsformen:** 85% Familienbetriebe, 1...

Hopfen und Malz, Gott erhalt's: Bier und Spirituosen in geteiltem Deutschland*Blogreihe "Nahrungsmittel in geteiltem Deutschland" - Teil 6*

"Ein Bier geht noch" - dieser Spruch galt in Ost wie West, aber was im Glas landete, unterschied sich erheblich. Während westdeutsche Brauereien um Marktanteile kämpften und ihre Biere mit millionenschweren Kampagnen bewarben, trank man in der DDR "Pilsener" aus dem VEB oder bekam den berüchtigten "Goldbrand" als Belohnung für sozialistische Arbeit. Bier und Schnaps spiegelten die Systeme wider: Im Westen Vielfalt und Konkurrenz, im Osten Standardisierung und Mangel - aber überall wurde getrunken. ## Das deutsche Erbe: Bier als Kulturgut Deutschland war schon vor der Teilung eine Biernation. Das Reinheitsgebot von 1516 machte deutsches Bier weltberühmt, regionale Brautraditionen prägten die Identität ganzer Landstriche. 1949 stand fest: Beide deutsche Staaten würden Biernationen bleiben - aber auf sehr unterschiedliche Weise. ### Die Ausgangslage 1949 **Westdeutschland:** - **400 Brauereien** überlebten den Krieg - **Traditionelle Strukturen:** Familienbra...

Broiler vs. Wienerwald: Die Schlacht um das deutsche Hähnchen*Blogreihe "Nahrungsmittel in geteiltem Deutschland" - Teil 5*

"Ein Broiler macht noch keinen Sommer" - dieser Kalauer war in den 1970er Jahren in beiden deutschen Staaten bekannt. Aber während Westdeutsche zum "Wienerwald" pilgerten, um sich ein "Hendl" zu gönnen, entwickelte die DDR mit dem "Broiler" eine der wenigen echten Erfolgsgeschichten ihrer Planwirtschaft. Zwei Systeme, zwei Wege zum Hähnchen - und am Ende gewann der Geschmack. ## Genesis einer Erfolgsgeschichte: Die DDR entdeckt das Huhn Bis in die 1960er Jahre war Geflügel in Deutschland Sonntagsbraten für besondere Anlässe. Dann kam die industrielle Revolution auf den Teller - ausgelöst durch amerikanische Produktionsmethoden und sowjetische Planungsambitionen. ### Der sowjetische Impuls (1964-1967) Die Idee kam von ganz oben: Nikita Chruschtschow hatte in den USA die industrielle Geflügelzucht gesehen und war begeistert. Sein Auftrag an die sozialistischen Bruderländer: "Geflügelfleisch für alle Werktätigen!" **Die DDR-Reaktion:** - *...

Wohlstandsverwahrlosung, in Echtzeit

Bild
Guido Westerwelle hat den Begriff geprägt. Er meinte damit eine Gesellschaft, die sich so tief in ihren Komfort eingegraben hat, dass sie verlernt hat zu unterscheiden, was Leistung ist und was Anspruchshaltung. Er ist leider viel zu früh gestorben, um zu sehen, wie weit wir inzwischen gekommen sind. Wobei: Vielleicht hat er auch einfach Glück gehabt. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt — kurz DLR, gegründet um die Bundesrepublik in der Spitzenforschung zu verankern, zuständig für Raumfahrttechnologie, Aerodynamik, Antriebssysteme, also für Dinge, die irgendwo zwischen Naturgesetz und Ingenieurskunst angesiedelt sind — dieses Zentrum hat gerade eine Studie abgeschlossen. Vier Jahre. Über vierzig Unternehmen begleitet. Mehr als hunderttausend Kilometer ausgewertet. Die Forschungsfrage lautete: Lohnen sich Lastenräder für Unternehmen? Nein, das ist kein Tippfehler. Das Deutsche *Zentrum für Luft- und Raumfahrt* hat vier Jahre damit verbracht herauszufinden, ob ein Handwerksbetri...