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Hertie: Aufstieg, Glanz und das stille Ende einer Legende

Kennen Sie noch diesen ganz speziellen Geruch im Eingangsbereich? Eine Mischung aus Parfümabteilung, Lederwaren und – wenn man tief einatmete – dem fernen Duft von Pommes aus dem Restaurant im Obergeschoss? Für viele Generationen in Deutschland war Hertie mehr als nur ein Geschäft. Es war der Ort, an dem man die erste Schallplatte kaufte, den ersten Schulranzen aussuchte und wo es einfach alles gab. Doch hinter der bunten Warenwelt verbirgt sich eine dramatische Geschichte von Pioniergeist, tragischer Enteignung und dem Wandel des Einzelhandels. Tauchen wir ein in die Geschichte eines Giganten. 1. Die Anfänge: Eine Revolution aus Gera (1882) Alles begann im Jahr 1882 in Gera. Der Kaufmann Hermann Tietz finanzierte seinem Neffen Oscar Tietz die Eröffnung eines kleinen Weißwarengeschäfts. Die beiden hatten eine für damalige Verhältnisse revolutionäre Idee:  * Feste Preise: Kein Feilschen mehr.  * Barzahlung: Sofortiges Geld statt Anschreiben.  * Große Auswahl: Alles unter e...

Der Berliner Ring: Eine Käseglocke mit eigener Verkehrspolitik

Wie eine Wirtschaftsministerin sich selbst widerlegt, während der Rest des Landes tankt Ich schreibe diesen Text mit einer gewissen Genugtuung, die ich vermutlich verbergen sollte, aber nicht will. Katherina Reiche, seines Zeichens Bundeswirtschaftsministerin, hat vorgeschlagen, die Mehrwertsteuer auf Benzin und Diesel von neunzehn auf sieben Prozent zu senken. Das ist an sich keine schlechte Idee. Bemerkenswert ist nur, dass genau dieselbe Ministerin noch vor wenigen Wochen jede Form staatlichen Eingreifens bei den Spritpreisen als überflüssig, teuer und wirkungsschwach abqualifiziert hat, gerichtet an den Koalitionspartner, der ähnliche Vorschläge gemacht hatte. Man nennt so etwas landläufig Meinungswandel. Ich nenne es die deutsche Variante von Sankt Florian: Verschon mein Ressort, entlaste die anderen. Zur Erinnerung, falls es notwendig ist: Im Frühsommer gab es schon einmal eine befristete Energiesteuersenkung, den sogenannten Tankrabatt. Reiche stand dem damals kritisch gegenüber...

Zurück in die Höhle: Ursulas große Rede zur Lage der Union

Kanada als Trostpflaster, Kinder als Kollateralschaden, KI als Feindbild – eine Bilanz Ursula von der Leyen hat gestern in Straßburg wieder eine „Rede zur Lage der Union“ gehalten, und wie jedes Jahr bin ich danach nicht klüger, sondern nur müder. Drei Punkte sind hängengeblieben: Kanada soll „assoziiertes Mitglied“ der EU werden, Kinder unter dreizehn sollen von sozialen Medien ferngehalten werden, und die Kommissionspräsidentin sorgt sich plötzlich sehr öffentlich um die Risiken von Künstlicher Intelligenz. Drei Themen, ein roter Faden: Diese Frau moderiert lieber Symptome, als sich mit Ursachen zu beschäftigen. Das kennt man von ihr. Eine Bilanz, die man nicht vergessen sollte Bevor wir über Straßburg reden, ein kurzer Blick zurück nach Berlin. Von 2013 bis 2019 war von der Leyen Bundesverteidigungsministerin, und diese Jahre sind aktenkundig: Berateraffäre mit externen Beratungsfirmen, ein Segelschulschiff, dessen Sanierung sich verzehnfacht hat, Hubschrauber und Transportflugzeuge...

Kaufhof: Von Leonhard Tietz zur Galeria – Eine deutsche Achterbahnfahrt

Wenn man über Hertie spricht, darf man den Kaufhof nicht verschweigen. Jahrzehntelang teilten sie sich die Fußgängerzonen: grün gegen blau, Kaufhof gegen Karstadt und Hertie. Doch der Kaufhof war oft das „etwas andere“ Warenhaus – innovativer, später oft moderner, und mit einem Flaggschiff in Köln, das bis heute Architekturgeschichte schreibt. Doch genau wie bei Hertie beginnt die Geschichte nicht mit dem Namen, den wir kennen, sondern mit einem visionären jüdischen Kaufmann. 1. Der andere Tietz (1879) Die Geschichte beginnt 1879 in Stralsund (kurz vor Hertie). Der Gründer hieß Leonhard Tietz. Es ist wichtig zu wissen: Leonhard Tietz (Kaufhof) und Hermann Tietz (Hertie) waren Verwandte, führten aber streng getrennte Unternehmen. Sie teilten den Markt unter sich auf – Hermann nahm den Norden und Osten (Berlin), Leonhard den Westen. Der Aufstieg am Rhein: 1891 verlegte Leonhard Tietz den Hauptsitz nach Köln. Das war der entscheidende Schritt. In Köln entstand das gewaltige Stammhaus an d...

Länger arbeiten, während die Arbeit verschwindet

  Warum die Rentendebatte und die KI-Debatte in Deutschland getrennte Welten sind – und warum das ein Problem ist Thorsten Frei findet fünf Jahre zu lang. Die SPD findet fünf Jahre gerade richtig. Es geht um die Übergangsfrist für die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren, umgangssprachlich weiter „Rente mit 63“ genannt, obwohl der frühestmögliche Zugang inzwischen bei 64 Jahren und acht Monaten liegt. Die Rentenkommission hat die Abschaffung empfohlen, die Koalition hält trotz einer Insa-Umfrage mit 68 Prozent Ablehnung daran fest, und jetzt wird über die Modalitäten gestritten: Wie viel Vertrauensschutz, wie lange, für wen. Das ist eine legitime Debatte. Nur führt sie an der eigentlich interessanten Frage komplett vorbei. Zwei Reformen, ein blinder Fleck Während in Berlin über Beitragsjahre und Stichtage verhandelt wird, verändert sich parallel etwas, das mit keiner Zeile in diese Debatte einfließt: der Einsatz von Künstlicher Intelligenz verändert de...

Karstadt: Der kühle Riese aus dem Norden

Wenn wir über Hertie und Kaufhof gesprochen haben, fehlt noch das letzte Puzzlestück. Der Name, der am längsten an den Fassaden hing. Der Riese, der Hertie schluckte und sich am Ende mit Kaufhof vereinen musste: Karstadt. Anders als bei den Tietz-Familien (Hertie/Kaufhof) begann diese Geschichte nicht mit Luxus und Prunk, sondern mit norddeutscher Nüchternheit und einem radikalen Spar-Prinzip. 1. Das Prinzip „Wismar“ (1881) Am 14. Mai 1881 eröffnete Rudolph Karstadt in Wismar sein erstes „Tuch-, Manufaktur- und Konfektionsgeschäft“. Rudolph hatte wenig Startkapital, aber er hatte eine Idee, die den Handel erschütterte. Damals war es üblich, beim Einkaufen zu handeln („Feilschen“) und anschreiben zu lassen (Kredit). Das machte Waren teuer, weil Händler das Risiko von Zahlungsausfällen einkalkulieren mussten. Rudolph Karstadt drehte den Spieß um:  * Nur Barzahlung: Sofortiges Geld.  * Festpreise: Kein Feilschen.  * Niedrige Preise: Er kalkulierte mit minimalem Gewinn pro St...

Satellit statt Spaten: Kann Starlink die Glasfaser ersetzen?

Ein Blick auf Bandbreite, Physik und Förderlogik – jenseits der Marketingfolie Irgendwann kommt sie, die Frage. Manchmal vom Bürgermeister, manchmal aus dem Bauamt, das gerade die Kosten einer Tiefbaumaßnahme kalkuliert, manchmal von einem Stadtrat, der beim Wort „Wirtschaftlichkeitslücke“ aufgehorcht hat: Muss das wirklich sein, das ganze Aufgraben? Reicht nicht auch Funk? Ich beschäftige mich seit 2013 mit dem Glasfaserausbau, und diese Frage hat mich in der Zeit in mindestens drei Verkleidungen besucht. Erst hieß sie LTE, dann 5G, und seit ein paar Jahren trägt sie einen Firmennamen und kreist als Satellitenschwarm über unseren Köpfen: Starlink. Zeit, sie technisch sauber zu beantworten, statt gefühlt. Geteiltes Medium gegen dediziertes Medium Der Unterschied beginnt nicht bei der Geschwindigkeit, sondern beim Prinzip. Eine Glasfaser vom OLT-Port im Keller des Netzbetreibers bis zur Dose beim Kunden ist eine dedizierte Leitung, physisch oder zumindest logisch dem Anschlus...