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Wackler an der Grenze, Teil 5: Der Knall von Weißensulz

Warum ein Beben der Stärke 3,3 im Oberpfälzer Wald mehr Fragen aufwirft als ein ganzer Schwarm im Egerbecken Es war 0:34 Uhr in der Nacht auf Freitag, den 23. Oktober 2026, als die Meldung bei EMSC aufpoppte: Magnitude 3,3, Tiefe 10 Kilometer, Region Nová Ves pod Přimdou. Wer die Gegend nicht kennt, zuckt mit den Schultern. Wer sie kennt, stutzt. Denn Beben dieser Größe sind in Westböhmen eigentlich das Revier des Egerbeckens, rund 50 bis 70 Kilometer weiter nördlich. Hier unten, im Grenzwald zwischen Přimda und Eslarn, ist es normalerweise ruhig. Normalerweise. Diese Reihe hat inzwischen eine gewisse Tradition: Worms und der Oberrheingraben, die Schwarmbeben im Egerbecken und der regengetriebene Hochstaufen, das Erdbeben-Trio bei Innsbruck und zuletzt das leiseste Beben Böhmens bei Strakonice. Das Beben von dieser Nacht passt in keine dieser Schubladen sauber hinein. Genau das macht es interessant. Was passiert ist Das Epizentrum lag nach den bisherigen Lokalisierungen bei Bělá nad Ra...

DDR-AlltagKetchup, Kaffee& Krise

  Wie zwei Würzmittel zum Spiegel eines Systems wurden — und warum der Gaumen manchmal politischer ist als jede Rede. In der DDR war Mangel keine Ausnahme — er war Normalität. Doch während Brot und Milch zuverlässig auf dem Tisch standen, wurden zwei scheinbar banale Produkte zu Ikonen des kollektiven Frusts: Ketchup und Kaffee. Beide waren importabhängig, beide wurden nach der Ölkrise 1973 rationiert, beide verschwanden aus den Regalen — und beide erzählen auf ihre Weise die Geschichte eines Systems, das am Gaumen seiner Bürger scheiterte. Der Ketchupmangel — chronischer Alltagsfrust Ketchup war in der DDR kein Luxus im westlichen Sinne — aber er war rar genug, um begehrenswert zu sein. Der Grund lag in der Logik der Planwirtschaft: Tomatenmark und Gewürze wie Nelken oder Paprika mussten mit Devisen importiert werden. Devisen, die nach der Ölkrise 1973 bitter fehlten. Der Autarkie-Versuch Anstatt die Produktion einfach zu drosseln, versuchte die DDR-Lebensmittelindustrie, den Ketc...

Wackler an der Grenze, Teil 4: Das leiseste Beben Böhmens

  Warum ein Mikrobeben bei Strakonice mehr erzählt, als seine Magnitude hergibt Ich gebe zu, mit dieser Meldung hatte ich nicht gerechnet. Wer die bisherigen Teile dieser kleinen Reihe gelesen hat, weiß, wo es in unserer Ecke Europas normalerweise wackelt: am Oberrheingraben, im Egerbecken, am Hochstaufen, im Inntal. Südböhmen stand auf dieser Liste nicht. Südböhmen ist das Land der Karpfenteiche, der Zwiebeltürme und der langen, ruhigen Hügel, die irgendwann in den Böhmerwald übergehen. Und genau dort, rund 50 Kilometer Luftlinie von der Grenze zum Bayerischen Wald entfernt, hat die Erde am 22. Oktober 2026 kurz gezuckt. Die Eckdaten Gemeldet wurde das Ereignis vom seismologischen Dienst der Masaryk-Universität in Brünn (MUNI): Magnitude 0,9, Herdtiefe 10,6 Kilometer, Zeitpunkt 12:35:09 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit, Epizentrum in der Gegend von Strakonice. Gespürt hat das niemand. Bei einer Magnitude unter eins ist das auch nicht zu erwarten. Man könnte die Sache also mit...

Vierzehn Jahre im Fundament: Was hinter PHP2Shell steckt

  Warum eine Sicherheitslücke so alt sein kann wie das Smartphone-Zeitalter und trotzdem erst jetzt gefährlich wird Seit gestern ist das Wort überall: PHP2Shell. Das BSI hat die Warnstufe 3 ausgerufen, Orange, also außerordentlich hohes Risiko. Das Klinikum Braunschweig hat seine Webseite vorsorglich vom Netz genommen, und in fast jedem Bericht taucht eine Zahl auf, die zum Nachdenken einlädt: Die Lücke soll 14 Jahre alt sein. Mein erster Gedanke war, dass solche Zahlen gern etwas großzügig gerundet werden. Also habe ich nachgerechnet. Ergebnis vorweg: Die 14 Jahre stimmen. Aber sie bedeuten etwas anderes, als die Schlagzeile nahelegt. Was eigentlich passiert ist Hinter PHP2Shell stecken zwei Schwachstellen im Kern von PHP, geführt als CVE-2026-109618 und CVE-2026-109619. Beide sind mit 9,2 von 10 Punkten bewertet. Ein Angreifer braucht weder ein Passwort noch die Mithilfe eines Nutzers. Ein paar präparierte Anfragen an den Webserver genügen, um dort eigenen Code auszuführen. ...

​Folge 6: Pangäa Proxima – Die Rückkehr der Giganten

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Willkommen zum großen Finale! ​In den letzten Folgen haben wir gesehen, wie die Kontinente auseinanderdrifteten, kollidierten und Ozeane schufen. Aber die Erde ist ein gigantischer Kreislauf. Was heute weit entfernt ist, wird sich eines Tages wieder begegnen. Wir reisen heute 250 Millionen Jahre in die Zukunft. ​Geologie: Der Kontinental-Loop ​Wissenschaftler nennen dieses Phänomen den Superkontinent-Zyklus. Etwa alle 500 bis 600 Millionen Jahre finden sich alle Landmassen zu einem einzigen Riesenklumpen zusammen. ​Australien rammt Japan: In etwa 50 Millionen Jahren wird Australien (unser "Raser" aus der letzten Folge) den Äquator überquert haben und mit Indonesien und Südostasien kollidieren. Ein neues Gebirge, so hoch wie der Himalaya, wird dort entstehen. ​Das Ende des Atlantiks: Irgendwann wird die Ausdehnung des Atlantiks stoppen. Die Kruste am Rand des Ozeans wird schwer und sinkt in den Erdmantel ab (Subduktion). Der Atlantik schließt sich wieder – Amerika und Afrika w...

Bananenrepublik, aber ohne Bananen

Wie ein Tabaksteuergesetz durch Kabinett und Bundestag marschierte, ohne dass jemand nachsah, ab wann es gilt Man stellt sich eine Bananenrepublik ja immer recht farbenfroh vor. Palmen, ein Präsidentenpalast mit abblätterndem Putz, ein General mit Sonnenbrille und mehr Orden, als die Uniform tragen kann, und irgendwo im Hintergrund das Meer. Gesetze gelten dort, wie es dem Palast gerade passt, und was auf dem Papier steht, ist eher eine unverbindliche Anregung. Inzwischen habe ich den Verdacht, dass wir uns das Klischee nur zu exotisch ausgemalt haben. Man braucht gar keine Karibik. Ein Ministerium in Berlin, ein Gesetzentwurf und ein Bundestag, der ihn durchwinkt, reichen völlig. Die Phantasieuniformen kann man sich sparen. Die Phantasie steckt neuerdings im Gesetzestext. Was passiert ist Die Tabaksteuer soll steigen, und zwar kräftig. Eine Packung mit 20 Zigaretten soll Anfang 2027 im Schnitt 8,77 Euro kosten, 2028 dann 9,56 Euro, 2029 10,42 Euro und 2030 schließlich 11,36 Euro....

Vier auf einen Streich: Der Dienstag, an dem Deutschland viermal wackelte Wackler an der Grenze, Teil 4

Es gibt Tage, an denen in Deutschland seismisch gar nichts passiert, zumindest nichts, was ein Mensch merkt. Das ist der Normalfall. Und dann gibt es Tage wie den Dienstag, 13. Oktober 2026. Innerhalb von rund zwölf Stunden registrierten die Messnetze vier Erdbeben über Magnitude 2, verteilt auf vier Orte, die geologisch nichts miteinander zu tun haben. Jens Skapski hat es auf „Erdbeben in Deutschland“ und Erdbebennews trocken zusammengefasst: Ein vergleichbarer Tag mit vier klar getrennten Bebenorten findet sich im Katalog zuletzt am 7. Januar 2002, davor am 14. April 1992. Wer beim zweiten Datum stutzt: Das ist der Tag nach Roermond. Am 13. April 1992 bebte die Niederrheinische Bucht mit Magnitude 5,9, eines der stärksten Beben, die in Mitteleuropa je instrumentell gemessen wurden. Die Nachbeben und getriggerten Ereignisse danach waren alles andere als ein Zufall. Der 13. Oktober 2026 dagegen schon. Und genau das macht ihn interessant. 01:07 Uhr: Die Altmark meldet sich zu Wort ...