Das Bundesamt für Antennenreinheit Wie Europa seine Netzausrüster verlor und jetzt die Reste nach Herkunft sortiert

 

Vorab: Ein Dienstag am Mast

Die folgende Szene ist erfunden. Leider nur die Szene.

Der Prüfer kam an einem Dienstag. Er stellte sich als Oberamtsrat Strunz vom Bundesamt für Antennenreinheit vor, trug eine Warnweste, ein Klemmbrett und den festen Blick eines Mannes, der noch nie einen Mast von unten gesehen hatte. Der Mast stand irgendwo zwischen zwei fränkischen Dörfern, auf einer Wiese, die der Landwirt seit Jahren lieber verpachtet als mäht.

„Ist das Teil chinesisch?“, fragte Strunz und zeigte auf eine graue Kiste. Der Techniker nickte. „Dann muss es weg.“ „Und was kommt hin?“ „Etwas Europäisches.“ „Da gibt es noch zwei. Die haben gerade Lieferzeiten, weil sie nebenbei taktisches 5G für das amerikanische Militär schrauben.“ Strunz notierte etwas. „Ist das dann europäisch?“ „Auf dem Typenschild schon.“

Strunz fragte noch nach einer alten Baugruppe im Technikraum, auf der ein vergilbter Siemens-Aufkleber klebte. Man erklärte ihm, dass dieser Hersteller das Netzgeschäft vor bald zwanzig Jahren abgegeben habe. Er nahm die Mütze ab. Es war ein kurzer, würdiger Moment.

Am Ende des Tages füllte Strunz sein Formular aus. Komponente entfernt: ja. Netz sicher: ja. Empfang: nicht Bestandteil des Prüfauftrags. Das Funkloch, das an diesem Abend über zwei Dörfern lag, wurde im Folgemonat als besonders vertrauenswürdig zertifiziert. Es enthält nachweislich keine chinesischen Bauteile. Es enthält überhaupt nichts.

Und jetzt im Ernst

Aufhänger ist eine Kolumne von Frank Sieren in der Berliner Zeitung vom 17. Oktober 2026. Es geht um den Plan der Bundesregierung, Huawei und ZTE aus dem deutschen 5G-Netz zu drängen. Eine Kolumne ist Meinung und darf zuspitzen. Die Zahlen und Fakten darin sind aber interessant genug, um sie einmal mit dem abzugleichen, was man aus der Praxis kennt. Ich arbeite seit 2013 im Glasfaser- und Mobilfunkausbau, und mich regt dieses Thema auf, allerdings aus einem anderen Grund, als man vielleicht denkt.

Mich ärgert nicht in erster Linie, dass die Politik über chinesische Technik redet. Mich ärgert, dass sie es jetzt tut, nachdem sie jahrzehntelang zugesehen hat, wie Europa seine eigene Netzausrüstung verloren hat.

Die Ahnengalerie

Wer in den Neunzigern einen Technikraum betreten hat, fand dort Namen, die heute wie Grabinschriften klingen. Siemens war einer der großen Ausrüster der Welt. Alcatel aus Frankreich ebenso. Dazu Marconi aus Großbritannien, Nortel aus Kanada, Lucent aus den USA, Motorola mit seiner Netzsparte. Europa und Nordamerika haben diesen Markt unter sich aufgeteilt.

Dann begann die Konsolidierung in Raten. Alcatel fusionierte 2006 mit Lucent. Ericsson übernahm im selben Jahr das Kerngeschäft von Marconi. Siemens legte sein Netzgeschäft 2007 mit Nokia zu Nokia Siemens Networks zusammen und stieg später ganz aus. Nortel ging 2009 in die Insolvenz, Teile landeten bei Ericsson. Die Netzsparte von Motorola kaufte 2011 Nokia Siemens Networks, und 2016 schluckte Nokia schließlich auch Alcatel-Lucent.

Übrig sind zwei: Nokia und Ericsson. Die Amerikaner, die heute am lautesten fordern, wer in Europas Netz darf und wer nicht, haben selbst keinen eigenen großen Funknetzausrüster mehr. Das ist ungefähr so, als würde jemand ohne Führerschein die Fahrprüfung abnehmen.

Warum China gewann

Huawei und ZTE kamen nicht über Nacht. Sie kamen über den Preis, über Tempo und über eine Finanzierung, bei der der chinesische Staat sehr großzügig im Hintergrund stand. Für europäische Netzbetreiber war das bequem. Billigere Technik bedeutete schnelleren Ausbau, und schnellerer Ausbau bedeutete bessere Zahlen für die Hauptversammlung.

Die Politik hat das damals als ganz normalen Wettbewerb laufen lassen. Netzausrüstung war ein Industriethema, kein Sicherheitsthema, und schon gar keines, für das man in Berlin oder Brüssel Geld oder Aufmerksamkeit ausgeben wollte. Wer damals gefragt hätte, ob Europa seine letzten Ausrüster nicht strategisch stützen sollte, wäre vermutlich an den Wirtschaftsminister verwiesen worden und dort in einer Warteschleife verstorben.

Die Kehrtwende

Jetzt geht es plötzlich schnell. Laut Sieren hat Innenminister Alexander Dobrindt nach einem Protestbrief der Netzbetreiber noch nachgelegt: Erstmals gilt das gesamte Antennenzugangsnetz als kritische Infrastruktur, also Masten und Sendeanlagen. Damit kann der Bund einem Betreiber den Einsatz kritischer Komponenten eines bestimmten Herstellers untersagen.

Bundeskanzler Friedrich Merz begründet die Linie unter anderem damit, dass europäische Ausrüster in China praktisch keinen Marktzugang hätten. Sieren hält dagegen, dass Ericsson und Nokia dort immerhin rund drei Prozent Marktanteil bei 5G-Ausrüstung haben, sogar im Kernnetz arbeiten dürfen und in China forschen und produzieren. Drei Prozent sind wenig, das stimmt. Aber es ist eben nicht null, und auch die beiden Europäer haben damit ihr eigenes China-Risiko.

Der Haken: Tausch statt Unabhängigkeit

Spannend wird es bei der Frage, wohin man sich eigentlich bewegt. Nokia arbeitet mit seinem Investor Nvidia an einer kommerziellen KI-Plattform für das Funkzugangsnetz, hat den US-Optikspezialisten Infinera gekauft. Ericsson hat sich mit Vonage einen US-Cloud-Kommunikationsanbieter einverleibt. Beide sind über eigene US-Tochtergesellschaften im Rüstungsbereich unterwegs und wurden laut Sieren als Auftragnehmer für den Shield-Rahmenvertrag der US Missile Defense Agency zugelassen, ein Topf von 151 Milliarden Dollar.

Das heißt nicht, dass Nokia und Ericsson schlechte Partner wären. Es heißt nur, dass man mit dem Huawei-Verbot nicht unabhängig wird. Man tauscht eine Abhängigkeit gegen eine andere, nur mit freundlicherem Lächeln. Und man reduziert die Zahl der ernsthaften Anbieter von drei auf zwei, was beim Einkauf noch nie jemandem einen besseren Preis beschert hat.

Genau deshalb haben 17 europäische Netzbetreiber in einem offenen Brief an Brüssel dafür geworben, ihr Risiko auf mehrere Lieferanten zu verteilen. Auch Telekom-Chef Tim Höttges teilt diese Sicht, obwohl das US-Geschäft der größte Gewinntreiber seines Konzerns ist.

Die Rechnung

Die Betreiber beziffern den Rückbau chinesischer Technik in Europa auf bis zu 40 Milliarden Euro. Ihr Kernargument: Dieses Geld fehlt genau dort, wo es eigentlich hin sollte, nämlich im Glasfaserausbau, bei 5G und später bei 6G.

Wer selbst im Ausbau unterwegs ist, versteht, was das praktisch bedeutet. Jeder Euro, der in den Tausch einer funktionierenden Antenne gegen eine andere funktionierende Antenne fließt, ist ein Euro, der keinen weißen Fleck schließt. Jedes Technikerteam, das am bestehenden Standort umbaut, steht an keinem neuen. Die Kapazitäten im Tiefbau, in der Planung und an den Masten sind ohnehin knapp. Ein Austauschprogramm erzeugt keine einzige zusätzliche Verbindung. Es erzeugt Termine.

Bezeichnend auch die Zahlen, die Sieren zitiert: Nur 13 Prozent der Deutschen sind mit ihrem Mobilfunknetz zufrieden, und 84 Prozent halten gute Mobilfunkinfrastruktur sogar für nützlicher als Straßen und Energienetze. Die Kunden wollen ein dichtes, schnelles und bezahlbares Netz. Ob da eine graue Kiste aus Shenzhen oder aus Oulu hängt, steht in ihrer Prioritätenliste weiter hinten.

Was man fairerweise sagen muss

Die Gegenseite hat ein Argument, das man nicht einfach wegwischen sollte. Ein Hersteller, der im Ernstfall chinesischem Recht unterliegt, stellt in einem Netz, über das ein ganzes Land kommuniziert, ein grundsätzlich anderes Risiko dar als ein Lieferant aus einem Bündnis. Dabei geht es weniger um nachgewiesene Spionage als um die Frage, wer im Krisenfall Updates, Ersatzteile und Fernwartung kontrolliert. Länder wie Großbritannien und Schweden haben aus genau dieser Abwägung heraus ähnliche Entscheidungen getroffen.

Man kann diese Sorge teilen und trotzdem die Umsetzung für schlecht gemacht halten. Das eine schließt das andere nicht aus.

Was eine echte Antwort wäre

Souveränität entsteht nicht durch Verbote, sondern durch Alternativen. Wer chinesische Technik nicht im Netz haben will, müsste dafür sorgen, dass es mehr als zwei westliche Lieferanten gibt. Ansätze dafür gibt es, etwa offene Schnittstellen im Funkzugangsnetz, bekannt als Open RAN, bei denen Hardware und Software verschiedener Hersteller kombiniert werden können. Das ist kein Selbstläufer, wie die Startschwierigkeiten bei 1&1 gezeigt haben, aber es wäre ein Feld, auf dem europäische Förderung tatsächlich etwas bewirken könnte.

Dazu gehören realistische Übergangsfristen, die sich an den normalen Erneuerungszyklen der Technik orientieren, statt funktionierende Anlagen vorzeitig abzureißen. Und eine ehrliche Antwort auf die Frage, wer die Rechnung bezahlt. Wenn es am Ende die Kunden über höhere Preise oder die Bürger über ein langsameres Netz sind, sollte man das auch so sagen.

Zum Schluss

Was mich an der ganzen Debatte am meisten stört, ist das Timing. Siemens, Alcatel, Marconi, Nortel: Sie alle sind nicht an einem Huawei-Verbot gestorben, sondern an zwanzig Jahren politischem Desinteresse. Damals wollte niemand wissen, wer unsere Netze baut. Heute will man es sehr genau wissen, nachdem fast keiner mehr übrig ist, der sie bauen kann.

Oberamtsrat Strunz würde dazu sagen: Das steht nicht in meinem Prüfauftrag. Und das ist vermutlich die ehrlichste Antwort, die man aus Berlin zu diesem Thema bekommen kann.

Quelle: Frank Sieren, „Weg von China, hin zu den USA: Der Streit ums deutsche Handynetz“, Berliner Zeitung, 17.10.2026. https://www.berliner-zeitung.de/article/5g-huawei-verbot-merz-trump-telekom-netzbetreiber-mobilfunk-kosten-10479080

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