Nachglühen – Deutschlands Vulkangebiete, Teil 4 Rhein-Main und Niederrhein: Vulkanverdacht ohne Vulkan


Bisher ging es in dieser Reihe um Gegenden, in denen man den Vulkanismus noch sehen kann: Lavadecken im Vogelsberg, Schlotpfropfen in der Rhön, Basaltkegel und ein junges Maar in der Oberpfalz. Dieser Teil handelt von zwei Regionen, bei denen das niemand erwarten würde. Wer in Frankfurt im Stau steht oder in Mönchengladbach Rad fährt, denkt an vieles, aber nicht an Magma. Und doch tauchen das Rhein-Main-Gebiet und der Niederrhein in den aktuellen Bewertungen zum zukünftigen Vulkanismus auf.

Unter dem Video zum Vogelsberg, mit dem diese Reihe begann, hat jemand genau danach gefragt: Was ist mit den Stellen in Deutschland, wo eigentlich keiner mit Ausbrüchen rechnen würde? Hier ist der Versuch einer Antwort.

Erst einmal eine Korrektur in eigener Sache

Im März habe ich über die Studie von Bartels und Kollegen geschrieben und dabei behauptet, das Rhein-Main-Gebiet falle nicht wegen direkter vulkanischer Vergangenheit auf, sondern allein wegen ungewöhnlicher Strukturen im Erdmantel. Das war zu glatt formuliert. Das Rhein-Main-Gebiet hat sehr wohl eine vulkanische Vergangenheit, sie ist nur alt und gut versteckt. Dazu gleich mehr. Wer schon einmal in der Grube Messel war, wird an dieser Stelle schmunzeln.

Zwei Studien, eine Frage

Inzwischen gibt es zwei Arbeiten, die die Frage nach dem Vulkanismus der nächsten Million Jahre in Deutschland systematisch angehen. Beide stehen im Zusammenhang mit der Endlagersuche, denn das Standortauswahlgesetz von 2017 schließt Gebiete aus, in denen in diesem Zeitraum vulkanische Aktivität zu erwarten ist.

Die erste ist die Studie von Bartels, Rummel und May, erschienen als Kapitel C im USGS Professional Paper 1890. Sie kombiniert 15 Indikatoren über 20 Parameter zu einem Index, darunter seismische Anomalien im Erdmantel und Heliumsignaturen im Grundwasser. Jeder Quadratkilometer wird bewertet, das theoretische Maximum liegt bei 7. Die Osteifel erreicht laut Medienberichten Werte über 6,5. Das Rhein-Main-Tiefland gehört zu den Regionen mit deutlich geringeren, aber erhöhten Werten, zusammen mit Siebengebirge, Taunus, nordöstlichem Hunsrück, Hessischer Senke, Vogelsberg und Oberpfalz. Die Rhön, Bad Urach und das südliche Vogtland liegen noch einmal darunter, gering, aber nicht null. Und der Satz, den man sich merken sollte: Ein vollständiger Ausschluss vulkanischer Aktivität ist wahrscheinlich nirgendwo in Deutschland möglich.

Die zweite ist ein Preprint von Ulrich Schreiber und Gerhard Jentzsch vom August 2025, erschienen in der Zeitschrift Safety of Nuclear Waste Disposal. Die beiden gehen anders vor. Sie ziehen Grenzen um Zonen hoher und niedriger Wahrscheinlichkeit, gestützt vor allem auf die Form der heißen Anomalie im Erdmantel unter der Eifel, auf Heliumisotope aus Mofetten, auf Hebungsraten und auf Eruptionsalter. Und dabei kommt der Niederrhein ins Spiel.

Das versteckte Vulkanerbe von Rhein-Main

Fangen wir bei Rhein-Main an, denn hier ist die Vergangenheit greifbarer, als man denkt. Die Grube Messel bei Darmstadt, UNESCO-Welterbe und berühmt für ihre Urpferdchen, ist ein Maar. Vor rund 48 Millionen Jahren explodierte dort Magma beim Kontakt mit Grundwasser, im Krater entstand ein See, und in dessen Schlamm blieben die Fossilien erhalten, für die Messel heute weltbekannt ist. Eine Forschungsbohrung im Jahr 2001 hat den vulkanischen Ursprung bestätigt. Das berühmteste Fossilienarchiv Deutschlands ist also ein Vulkan.

Messel ist kein Einzelfall. Der Sprendlinger Horst südlich von Frankfurt ist mit weiteren Maaren und Diatremen aus dieser Zeit durchsetzt. Und dann sind da die Basalte bei Frankfurt, der sogenannte Maintrapp, den ich im Vogelsberg-Teil schon erwähnt habe. Das Hessische Landesamt deutet ihn als Zeugen einer einst viel größeren Ausdehnung der Vogelsberg-Laven nach Südwesten.

Dazu kommt die Lage. Das Rhein-Main-Gebiet sitzt genau dort, wo der Oberrheingraben nach Norden ausläuft und sich die Hessische Senke anschließt. Schon in den 1970er Jahren schlugen die Geologen Burke und Dewey vor, hier eine sogenannte Triple Junction anzunehmen, die „Frankfurt Junction“, an der drei Grabenäste zusammenlaufen: Oberrheingraben, Hessische Senke und Kölner Bucht. Das Modell gilt heute als überholt, weil die zeitliche Verteilung der Vulkane nicht dazu passt. Aber die geometrische Beobachtung dahinter bleibt richtig: Frankfurt liegt an einem Knotenpunkt der großen Bruchsysteme Mitteleuropas. Und Bruchsysteme sind die Wege, auf denen Magma nach oben kommt.

Unter dem Oberrheingraben zeigen tomographische Studien zudem schwache Anomalien im Erdmantel, möglicherweise mit einer schmalen Verbindung zur großen Anomalie unter der Eifel. Schwach heißt hier wirklich schwach. Die Heliumwerte aus dem Raum Stuttgart etwa sind krustal und zeigen keinen nennenswerten Mantelanteil.

Der Niederrhein und der Schatten der Eifel

Am Niederrhein ist es anders. Dort gibt es keinen eigenen Vulkanismus, keine Maare, keine Basaltkuppen. Die Niederrheinische Bucht ist ein Senkungsgebiet, gefüllt mit Sanden, Tonen und der Braunkohle, die das Rheinische Revier prägt. Dass sie trotzdem in den Bewertungen auftaucht, verdankt sie ihrem Nachbarn.

Schreiber und Jentzsch legen ihren Zonen ein Modell der Eifel-Anomalie nach Walker und Kollegen aus dem Jahr 2005 zugrunde. In diesem Modell reicht das heiße Material im Mantel nicht nur unter die Eifel, sondern erstreckt sich nach Nordwesten und Norden bis unter die Niederrheinische Bucht. Ostwärts zieht es über den südwestlichen Westerwald bis in den Taunus, nach Süden in den Hunsrück. Wer die Grenze der Hochwahrscheinlichkeitszone an der Ausdehnung dieses Körpers festmacht, bekommt den Niederrhein automatisch mit hinein. Nicht weil dort etwas brodelt, sondern weil man nicht ausschließen kann, dass Magma über so lange Zeiträume auch an den Rändern des Plumes einen Weg nach oben findet.

Dass der Untergrund dort nicht ruhig ist, weiß man ohnehin. Die Niederrheinische Bucht ist tektonisch aktiv, ihre Randstörungen bewegen sich bis heute. Das stärkste Beben der jüngeren Zeit in der Region war das von Roermond 1992 mit einer Magnitude um 5,9, das auch auf deutscher Seite, bis in den Raum Köln und Bonn, Schäden anrichtete. Mit Vulkanismus hatte das nichts zu tun, es zeigt aber, dass die Kruste dort gedehnt wird und in Bewegung ist.

Kasten: Wenn der Vulkan woanders steht

Schreiber und Jentzsch beschreiben noch eine dritte Art, wie eine Region ohne eigenen Vulkan betroffen sein kann. Der Ausbruch des Laacher-See-Vulkans vor rund 13.000 Jahren hat den Rhein zeitweise aufgestaut. Ein künftiger Ausbruch in der Osteifel könnte das wieder tun. Im ungünstigsten Fall rechnen die Autoren mit einem Damm bis auf 180 Meter über dem Meeresspiegel.

Was oberhalb eines solchen Damms liegt, würde überflutet: das Neuwieder Becken, aber auch Teile des Mainzer Beckens, des Oberrheingrabens und der Nebenflüsse. Für eine Endlagerplanung bedeutet das, dass man auch dort genauer hinschauen muss, wo nie ein Vulkan stand. Der Vulkanismus kommt dann eben nicht von unten, sondern als Hochwasser von flussabwärts.

Wie ernst muss man das nehmen?

Ehrlich gesagt: im Alltag gar nicht. Weder unter Frankfurt noch unter Krefeld steigt nach heutigem Wissen Magma auf. Die erhöhten Werte bedeuten nicht, dass dort ein Ausbruch bevorsteht. Sie bedeuten, dass mehrere Voraussetzungen, die anderswo mit Vulkanismus zusammenhingen, hier teilweise erfüllt sind, und dass man das über eine Million Jahre nicht mit Sicherheit wegdiskutieren kann.

Interessant finde ich etwas anderes. Die beiden Studien kommen mit unterschiedlichen Methoden zu teilweise unterschiedlichen Karten. Bartels und Kollegen gewichten viele Faktoren und rechnen sie zusammen. Schreiber und Jentzsch ziehen konservative Grenzen um den Mantelkörper und fügen Sicherheitsabstände hinzu: zehn Kilometer gesetzlich, 15 Kilometer für Streuung und Fluidwege, 25 Kilometer jenseits der Plumegrenze. Je nachdem, wie vorsichtig man sein will, wandert eine Region hinein oder heraus. Das ist keine Schwäche der Wissenschaft, sondern ihre ehrliche Seite. Bei einer Million Jahren gibt es keine Gewissheit, nur begründete Abwägungen.

Wer allerdings in einer Gemeinde wohnt, die bei der Endlagersuche ungern auf der Karte auftauchen möchte, wird solche Studien mit großem Interesse lesen. Ich wage die Prognose, dass das Wort Vulkan in den kommenden Jahren in mancher Bürgerversammlung am Niederrhein häufiger fallen wird, als es die Geologie rechtfertigt.

Was bleibt

Rhein-Main hat eine echte, aber alte Vulkangeschichte, von Messel bis zum Maintrapp, und liegt am Kreuzungspunkt der großen Gräben. Der Niederrhein hat keine eigene, liegt aber möglicherweise über dem Rand des heißen Körpers, der die Eifel antreibt. Beide sind keine Vulkangebiete im Wartestand. Sie sind Beispiele dafür, dass man Vulkanismus über geologische Zeiträume nicht an der Oberfläche ablesen kann, sondern im Untergrund suchen muss.

Im letzten Teil wird es endgültig: Es geht nach Sachsen, zu den Resten eines Vulkanismus, der vor rund 300 Millionen Jahren tobte und mit Sicherheit nicht wiederkommt. Dort will ich auch klären, was an den Geschichten über den Tharandter Wald als ehemaligen Riesenvulkan dran ist.



Quellen

Bartels, A., Rummel, L. & May, F. (2026): Forecasting igneous activity in Germany – A multi-criteria approach. USGS Professional Paper 1890, Chapter C.

Schreiber, U. & Jentzsch, G. (2025): Assessment of possible volcanic hazards in Germany with regard to repository site selection. Safety of Nuclear Waste Disposal, Preprint sand-2025-2.

echo24.de: Vulkanausbruch in Deutschland möglich – Studie nennt konkrete Risikogebiete.

Reischmann, T. & Schraft, A.: Der Vogelsberg – Geotope im größten Vulkangebiet Mitteleuropas, Teil I (u.a. zu Maintrapp und Frankfurt Junction). HLNUG.

Eigener Beitrag auf svensagt.de zur Bartels-Studie, März 2026.

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