Nachglühen – Deutschlands Vulkangebiete, Teil 1 Der Vulkan, der keiner ist: Der Vogelsberg

 


Auf Ortsschildern, Wanderkarten und in jeder zweiten Tourismusbroschüre heißt er „Vulkan Vogelsberg“. Das klingt nach Kegel, Krater und Rauchfahne. Wer hinfährt, findet sanft gewölbte Hügel, Wald, Weiden und Steinbrüche. Einen Krater sucht man vergeblich. Und das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie schreibt in seinem Geotopführer einen Satz, den man von einer Behörde in dieser Klarheit selten liest: Die Vulkangesteine bilden zwar eine schildartige Form, ein Schildvulkan ist der Vogelsberg allerdings nicht.

Aufmerksam geworden bin ich darauf durch einen Film des YouTube-Kanals „Tiefer Grund“, der genau diesen Widerspruch zum Thema macht. Für mich ist das der passende Auftakt zu einer neuen kleinen Reihe. In „Schläfer unter Europa“ ging es um die Gebiete, die nur schlafen, darunter die Eifel und das Egerbecken. Diesmal geht es um die übrigen Vulkangebiete Deutschlands, angelehnt an die Studie von Alexander Bartels und Kollegen, über die ich im März geschrieben habe: Wo war Feuer, und wo könnte es in ferner Zukunft wieder welches geben?

Viele Schlote statt eines Berges

Rund 2.500 Quadratkilometer bedecken die Vulkangesteine des Vogelsbergs, das ist fast genau die Fläche des Saarlands. Damit ist er das größte zusammenhängende Vulkangebiet Mitteleuropas. Diese Formulierung ist wichtig, und sie ist präzise: Vulkangebiet, nicht Vulkan.

Nach heutigem Kenntnisstand gab es nie den einen großen Berg mit einem zentralen Schlot. Es gab viele einzelne Eruptionszentren, manche davon weit draußen, etwa an der Münzenburg oder am Burgberg von Friedberg in der Wetterau. Aus Kratern und Spalten flossen Laven kilometerweit über die Landschaft, Lage um Lage, bis das heutige Gewölbe entstand. Die Geologen Ehrenberg und Hickethier haben in den 1980er Jahren die Basis der Vulkangesteine rekonstruiert. Caldera-artige Einbrüche fanden sie nicht, und große Magmenkammern unter dem Vogelsberg schlossen sie aus. Ein Schildvulkan wie auf Hawaii sieht anders aus.

Auch der Charakter der Ausbrüche war eher ruhig: Lavafontänen, Aschen- und Bombenregen in Kraternähe, gelegentlich kurze, heftige Explosionen, wenn Magma auf Grundwasser traf. Hinweise auf große plinianische Ausbrüche mit kilometerhohen Aschesäulen fehlen. Der Vogelsberg war über weite Strecken ein Lavaproduzent, kein Sprengmeister.

Der schiefe Gipfel

Das Vulkangebiet ist fast kreisrund, rund 60 Kilometer im Durchmesser, und sein geometrisches Zentrum liegt bei Laubach. Der höchste Punkt aber, der 773 Meter hohe Taufstein, liegt 15 Kilometer weiter östlich. Wer bei einem Vulkan den Gipfel in der Mitte erwartet, wird hier also gleich zweimal enttäuscht.

Die Erklärung liegt nicht oben, sondern unten. Die Basis der Basalte liegt am Ostrand auf rund 400 Metern über dem Meeresspiegel, im Westen reicht sie bis auf 150 Meter hinunter. Der Untergrund ist ein Mosaik aus Schollen, die schon vor dem Vulkanismus unterschiedlich tief abgesunken waren. Die Laven haben dieses Relief überdeckt, aber nicht ausgeglichen. Der Gipfel steht dort, wo der Sockel am höchsten ist. Das ist keine Vulkanform, das ist Bruchtektonik mit Basaltdecke.

656 Meter und noch immer kein Boden

Wie dick das Ganze ist, weiß man aus Bohrungen. Bereits 1973 wurden im Hohen Vogelsberg zwei Forschungsbohrungen niedergebracht, an der Flösser-Schneise und bei Hasselborn. Keine erreichte das Liegende der Vulkangesteine, die größte erbohrte Mächtigkeit lag damals bei gut 490 Metern.

Die wichtigste Bohrung folgte in den 1990er Jahren bei Ulrichstein. Sie wurde auf rund 670 Metern Höhe angesetzt und endete bei 656,5 Metern Tiefe, immer noch im Vulkangestein. Daraus folgt, dass zumindest der zentrale Vogelsberg bis etwa auf Meereshöhe aus vulkanischem Material besteht. Kleine Pointe am Rande: Das Jahr dieser Bohrung ist nicht einmal im selben Dokument des Landesamts einheitlich. Im Text und im Titel der offiziellen Veröffentlichung heißt sie „Forschungsbohrung Vogelsberg 1996“, die Abbildung desselben Bohrprofils ist mit 1995 beschriftet. Vermutlich stimmt beides, wenn man Beginn und Abschluss der Arbeiten unterscheidet. Erklärt wird es nirgends.

Zwei Familien aus einem Erdmantel

Spannend wird der Vogelsberg, wenn man in die Chemie schaut. Früher nannte man fast alles dort pauschal Basalt. Tatsächlich stecken im Vogelsberg zwei unterschiedliche Magmenfamilien.

Die erste ist die alkalische Familie, allen voran die Basanite. Sie sind arm an Kieselsäure, reich an Magnesium, Chrom und Nickel und enthalten oft grüne Olivinknollen, Bruchstücke des Erdmantels, die das Magma unterwegs mitgerissen hat. Ihre Spurenelemente verraten, dass sie in großer Tiefe entstanden sind, dort, wo Granatperidotit stabil ist. Ein Modell von Jung und Masberg verortet den Beginn der Schmelzbildung an der Basis der Lithosphäre in 75 bis 90 Kilometern Tiefe. Nur zwei bis drei Prozent des Gesteins schmolzen dabei auf, und die Schmelzen stiegen schnell und weitgehend unverändert auf.

Die zweite Familie sind die Tholeiite, der „Trapp“ der älteren Geologen. Sie entstanden flacher, oberhalb der Granatstabilität, mit fünf bis sieben Prozent Aufschmelzung. Sie blieben auf dem Weg nach oben in Magmenkammern an der Grenze zwischen Kruste und Mantel stecken, kühlten ab, veränderten sich und nahmen Krustenmaterial auf. Das zeigt sich in ihren Isotopen.

Und hier liegt die eigentliche Besonderheit: Fast alle tertiären und quartären Vulkangebiete Mitteleuropas sind alkalibetont. Der Vogelsberg mit seinem großen Anteil tholeiitischer Laven nimmt eine Ausnahmestellung ein. Die zeitliche Abfolge im Bohrprofil, erst alkalisch, dann tholeiitisch, zum Schluss wieder alkalisch mit den Basaniten auf den Berggipfeln, erinnert die Fachleute ausgerechnet an Hawaii. Ein Schildvulkan ist er trotzdem nicht. Die Chemie ist ähnlich, der Bauplan nicht.

Die Pausen im Gestein

Laut radiometrischen Datierungen war der Vogelsberg vor etwa 19 bis 15 Millionen Jahren aktiv, die Hauptphase lag nach neueren Daten zwischen 18,2 und 16,3 Millionen Jahren. Das sind rund zwei Millionen Jahre, unterbrochen von längeren Ruhephasen. Eine Pressemitteilung desselben Landesamts aus dem Jahr 2007 spricht dagegen von 14 bis 17 Millionen Jahren. Wer also beim Nachlesen auf unterschiedliche Zahlen stößt, hat nicht falsch gelesen. Die Darstellungen gehen auseinander.

Die Ruhephasen kann man sogar sehen. Damals herrschte subtropisches bis tropisches Klima, und zwischen zwei Lavaergüssen verwitterte das Gestein zu Böden. Davon zeugen heute die Laterit- und Bauxitvorkommen, der Basalteisenstein und die Braunkohlelager. Jede solche Bodenlage zwischen zwei Lavadecken ist ein Zeitstempel für eine Pause, in der lange genug nichts geschah, dass sich ein Boden bilden konnte. Dazu kommen die Tuffe: An der Oberfläche findet man sie kaum, weil sie viel schneller abgetragen werden als feste Lava. In den Bohrungen aber machen sie 20 bis 50 Prozent der Abfolge aus. Der Vogelsberg war also deutlich explosiver und vielgestaltiger, als es die heutige Oberfläche vermuten lässt.

Wie groß ist groß?

Hier wird es ehrlich, und das gefällt mir an der Sache. Wie viel vulkanisches Material insgesamt gefördert wurde, weiß niemand. Das Landesamt leitet aus Bohrungen ab, dass das heute noch vorhandene Volumen wenigstens 500 Kubikkilometer beträgt. Wie viel seit dem Miozän abgetragen wurde, ist offen. Die isolierten Basaltvorkommen bei Frankfurt, früher als Maintrapp bezeichnet, deuten auf eine einst deutlich größere Verbreitung nach Südwesten hin.

Ein Kommentator unter dem erwähnten Video hat das schön konkretisiert: Die Lavaströme sollen bis über den Main bei Mühlheim-Dietesheim und Hanau-Steinheim gereicht haben, und der Basalt dort sei völlig blasenfrei, was auf große Entfernung zum Förderort hindeute. Das ist plausibel, denn Gas entweicht, je weiter eine Lava fließt. Ich nehme es als Hinweis mit, nicht als geprüfte Tatsache.

Zwei Zahlen sollte man dagegen aus dem Gedächtnis streichen. Die gelegentlich zu lesenden „2.500 Kubikkilometer“ sind ein Einheitenfehler, gemeint ist die Fläche. Und der beliebte Titel „größter Vulkan Europas“ lässt sich mit behördlichen Quellen nicht belegen. Er ist auch in sich schief, denn ein Gebiet aus Dutzenden Schloten ist kein einzelner Vulkan. Wer will, kann gegen den Ätna antreten lassen, was er mag. Es bleibt ein Vergleich von Äpfeln mit einem Obstgarten.

Kasten: Was die Erdbebenwellen verraten

Wie schaut man in den Erdmantel, wenn keine Bohrung tief genug reicht? Mit seismischer Tomographie. Erdbebenwellen aus aller Welt laufen durch den Untergrund, und wo das Gestein heißer ist, werden sie ein wenig langsamer. Aus vielen tausend Laufzeiten entsteht ein dreidimensionales Bild, ähnlich wie bei einer Computertomographie im Krankenhaus.

Im DFG-geförderten Eifel-Plume-Projekt fand man so unter der Westeifel eine Zone langsamerer Wellen, die von über 600 Kilometern Tiefe bis knapp unter die Kruste reicht. Schon ein Prozent Verlangsamung entspricht grob 100 Grad mehr Temperatur. Für unser Thema besonders interessant: Ein zweiter, nach oben zeigender Ast heißen Materials liegt genau unter dem Vogelsberg und ist bis in 200 Kilometer Tiefe nachweisbar. Möglicherweise ist das der Rest jenes Mantelaufstiegs, der im Miozän den Vulkanismus auslöste.

Und was ist mit der Zukunft?

Ob ein Hot Spot oder schlicht die Dehnung der Erdkruste den Vogelsberg angeheizt hat, ist bis heute umstritten. Der Geotopführer hält das Krustenmodell für Mitteleuropa insgesamt für überzeugender: Die Kruste wird gedehnt und ausgedünnt, heißes Material aus der Asthenosphäre steigt nach und schmilzt durch Druckentlastung. Die tektonischen Spuren im Vogelsberg passen zum heutigen Spannungsfeld zwischen Alpen und Mittelatlantischem Rücken. Das bedeutet: Die Kräfte von damals sind nicht verschwunden.

Die Studie von Bartels und Kollegen hat genau solche Faktoren zu einem Vulkanismus-Index kombiniert, mit dem Hintergrund der Endlagersuche und einem Betrachtungszeitraum von einer Million Jahren. Die Eifel liegt dort klar vorn, der Vogelsberg gehört zu den bekannten Kandidaten mit erhöhten Werten. Das ist keine Prognose eines Ausbruchs, sondern eine Aussage über die Voraussetzungen im Untergrund. Anders als beim Egerbecken, wo ich einen Ausbruch in ferner Zukunft für unausweichlich halte, sehe ich beim Vogelsberg einen Patienten, der seit 15 Millionen Jahren friedlich schläft und dessen Mantel immer noch etwas wärmer ist als die Umgebung. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.

Das Ortsschild darf bleiben

Ist der „Vulkan Vogelsberg“ also Etikettenschwindel? Ich finde nicht. Man muss das Etikett nur richtig lesen. Er ist kein Vulkan im Sinne eines Berges, sondern ein Vulkangebiet, das größte zusammenhängende in Mitteleuropa. Die schildartige Form ist echt, der Schildvulkan nicht. Der höchste Punkt steht schief, weil der Keller schief ist. Und das Spannendste an ihm ist nicht der Krater, den es nie gab, sondern das, was zwischen den Lavadecken liegt: die Böden, die Pausen, die zwei Familien aus dem Erdmantel.

Im nächsten Teil geht es über den Landrücken hinüber in die Rhön, die geologisch eng mit dem Vogelsberg verwandt ist und mich mit dem Öchsen schon einmal beschäftigt hat.



Quellen

Reischmann, T. & Schraft, A.: Der Vogelsberg – Geotope im größten Vulkangebiet Mitteleuropas, Teil I: Geologischer Überblick. HLNUG, Wiesbaden.

HLNUG: Geotope im Vogelsberg (Faltblatt).

Hoppe, A. & Schulz, R. (Hrsg.) (2001): Die Forschungsbohrung Vogelsberg 1996 – Einblicke in einen miozänen Vulkankomplex. Geol. Abh. Hessen, 107.

Ehrenberg, K.-H. et al. (1981): Forschungsbohrungen im Hohen Vogelsberg (Hessen). Geol. Abh. Hessen, 81.

HLUG: Pressemitteilung „Auf den Spuren der feurigen Vergangenheit des Vogelsbergs“, 18. Juli 2007.

Geologisches Jahrbuch Hessen 139 (2018), u.a. Nesbor, H.-D.: Das Vulkangebiet Vogelsberg.

Nationaler Geopark Vulkanregion Vogelsberg: Geotouristische Karte (2021).

Bartels, A. et al. (2026): USGS Professional Paper 1890; Einordnung nach Jens Skapski, erdbebennews.de.

Anstoß: YouTube-Kanal „Tiefer Grund“, Film zum Vogelsberg, und Kommentare darunter.

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