Nachglühen – Deutschlands Vulkangebiete, Teil 2 Die Rhön: Ein Vulkangebiet, das man erst wegnehmen musste
Wer vom Vogelsberg nach Osten fährt, überquert den Landrücken, und auf der anderen Seite beginnt die Rhön. Geologisch ist das kein Grenzübertritt, sondern ein Nachbarschaftsbesuch. Das Hessische Landesamt beschreibt den Landrücken ausdrücklich als Übergang zur Rhön, die ebenfalls aus vulkanischen Gesteinen aufgebaut ist.
Und doch sind die beiden grundverschieden. Der Vogelsberg ist ein Haufen übereinandergestapelter Lavadecken, die man noch weitgehend als Ganzes vor sich hat. Die Rhön dagegen ist das, was übrig bleibt, wenn die Erosion ein paar Millionen Jahre lang gründlich aufgeräumt hat. Man sieht dort weniger das, was die Vulkane aufgebaut haben, als das, was sie im Untergrund hinterlassen haben. Die Rhön ist, wenn man so will, ein Vulkangebiet mit abgenommenem Deckel.
Ein persönlicher Nachtrag vorweg: Als die BGR ihre Karte zum Potential für zukünftigen Vulkanismus in Deutschland vorstellte, fehlte mir in der Meldung ausgerechnet die Rhön. Grund genug, ihr hier einen eigenen Teil zu widmen.
Wie alt? Kommt darauf an, wen man fragt
Beim Vogelsberg gingen die Altersangaben schon zwischen zwei Texten derselben Behörde auseinander. In der Rhön wird es nicht besser, eher bunter. Die Geologie-Broschüre des Biosphärenreservats nennt einen Zeitraum von etwa 30 bis 10 Millionen Jahren. Das Hessische Landesamt spricht von rund 25 bis 11 Millionen Jahren. Das Bayerische Landesamt für Umwelt schreibt, die meisten Rhön-Vulkanite seien typischerweise um die 20 Millionen Jahre alt, und für die erloschenen Vulkane Nordbayerns insgesamt nennt es eine Spanne von etwa 45 bis 10 Millionen Jahren.
Widersprüchlich ist das nur auf den ersten Blick. Die Rhön war nicht einmal aktiv und dann still, sondern über einen sehr langen Zeitraum immer wieder, mit Schwerpunkt im Miozän. Je nachdem, welche Datierungen man einbezieht und wie man die Ränder zieht, verschiebt sich die Spanne. Als Faustregel taugt: Die Rhön ist ungefähr gleich alt wie der Vogelsberg, aber deutlich länger aktiv gewesen und mehr ein Flickenteppich aus Einzelereignissen. Datiert ist zum Beispiel der Basalt am Lindenstumpf mit etwa 22 Millionen Jahren.
Härtlinge: Was stehen bleibt, wenn alles andere geht
Die meisten markanten Kuppen der Rhön sind keine Vulkankegel im eigentlichen Sinn. Es sind die Füllungen ehemaliger Förderschlote, Gänge und Quellkuppen, die einst tief im Buntsandstein und Muschelkalk steckten. Diese Sedimentgesteine sind weich, der erstarrte Basalt ist hart. Die Erosion hat über Millionen Jahre das Umland abgetragen und die harten Pfropfen stehen lassen. Die Fachleute nennen solche Berge Härtlinge.
Kalte Buche, Lösershag, Pilsterstein: Das sind solche Schlotreste. Beim Pilsterstein hat man übrigens lange angenommen, er bestehe aus Phonolith, inzwischen ist er als Basanit eingeordnet. Selbst Berge können also ihre Identität wechseln, wenn man sie nur gründlich genug untersucht. Den Öchsen bei Vacha habe ich auf diesem Blog schon einmal ausführlich vorgestellt, er ist das Musterbeispiel: ein Vulkan, der es nicht bis nach oben geschafft hat und den erst die Abtragung sichtbar gemacht hat.
Daneben gibt es echte Reste von Lava- und Tuffdecken, vor allem in der Hohen Rhön. Hier liegt Basalt flächig über dem älteren Untergrund und bildet die Hochflächen, die den Charakter der Langen Rhön prägen. Darunter steckt die ganze Trias: Buntsandstein, Muschelkalk, Keuper, und noch tiefer der Zechstein mit seinen Salzen, die den Mineralquellen der Region ihren Gehalt geben.
Der Klingstein
Eine Besonderheit, die der Vogelsberg so nicht hat, ist der Phonolith. Der Name kommt aus dem Griechischen und heißt Klingstein, bis ins 18. Jahrhundert war das auch der deutsche Name. Das Gestein spaltet in dünne Platten, die beim Anschlagen hell klingen, und daraus hat man tatsächlich Steinxylophone gebaut.
Phonolith ist in Mitteleuropas Vulkangebieten relativ selten. Er ist reich an Natrium und Kalium, enthält nie Quarz, und sein Magma stammt nach Angaben des Bayerischen Landesamts aus mehr als 50 Kilometern Tiefe. Entscheidend für die Landschaft ist eine andere Eigenschaft: Das Magma war deutlich zäher als basaltisches. Es schaffte es deshalb oft gar nicht an die Oberfläche, sondern blieb als Gang, Schlotfüllung oder Staukuppe im Gestein stecken. Im Steinbruch Kesselskopf bei Rupsroth östlich von Fulda kann man eine solche Staukuppe sehen, die noch von älteren Buntsandsteinschichten überdeckt ist, und sogar die Fließrichtung der einstigen Schmelze erkennen.
In Hessen kommt Phonolith vor allem in der Kuppenrhön vor, mit einem Schwerpunkt um Kleinsassen. Der Gipfel der Milseburg besteht daraus, ebenso die säulige Steinwand bei Poppenhausen. Die hügelige Landschaft der Kuppenrhön ist im Grunde ein Feld freigelegter Phonolith- und Basaltpfropfen. 2014 war der Phonolith Gestein des Jahres, was ihm vermutlich ziemlich egal war.
Die Eiszeit hat das Werk vollendet
Was die Erosion nicht geschafft hat, erledigte das Eiszeitalter. Gletscher hatte die Rhön keine, sie lag aber im Dauerfrostgebiet vor dem Eis. Frost sprengte die Basaltsäulen, im Sommer tauten die oberen Schichten, und die Blöcke rutschten auf durchnässtem Ton hangabwärts. So entstanden die Blockmeere und Blockhalden, die heute zu den eindrucksvollsten Anblicken der Rhön gehören.
Die größte ist die Blockhalde am Schafstein, rund zweieinhalb Kilometer östlich der Wasserkuppe. Der dichteste Teil ist etwa 250 Meter lang und 80 Meter breit, und seismische Messungen haben gezeigt, dass der feste Fels stellenweise erst 30 Meter unter der Oberfläche liegt. Die Bewegung kam am Ende der letzten Kaltzeit vor rund 10.000 Jahren zum Stillstand. Eine neuere Deutung sieht darin einen fossilen Blockgletscher, in dessen Tiefe womöglich bis heute Resteis steckt. Dafür spricht, dass am Hangfuß kalte Luft austritt: An einem heißen Sommertag hat man dort minus 1,5 Grad gemessen. Ein Vulkangebiet mit eingebautem Kühlschrank, das hat auch nicht jeder.
Auch das Schwarze Moor ist ein Erbe dieser Geschichte. Es entstand nach der letzten Eiszeit in einer flachen Mulde, die von tonigen, teils aus verwittertem Basalt stammenden Ablagerungen abgedichtet wurde. Bei rund 1.000 Litern Niederschlag pro Quadratmeter im Jahr wuchs der Torf auf bis zu sieben Meter an. Der Basalt sorgt also nicht nur für die Kuppen, sondern auch dafür, dass oben das Wasser stehen bleibt.
Der Berg der Flieger
Und dann ist da noch die Wasserkuppe, mit 950 Metern der höchste Berg der Rhön und Hessens. Dass sie zur Wiege des Segelflugs wurde, hat ebenfalls mit Geologie zu tun. Die breite, kahle Basaltkuppe ragt frei über das Umland, der Wind kann ungehindert anströmen und am Hang aufsteigen. Für frühe Gleitflieger war das ideal. Ohne den Vulkanismus, der den harten Deckel geliefert hat, und ohne die Erosion, die ihn freigelegt hat, gäbe es diesen Hang nicht. Man kann es also so sagen: Die deutsche Segelfluggeschichte steht auf erstarrter Lava.
Kasten: Rhön und Vogelsberg im Vergleich
Vogelsberg: rund 2.500 Quadratkilometer zusammenhängende Vulkanite, Lavadecken weitgehend erhalten, viel Tholeiit, Hauptphase kurz und konzentriert im unteren Miozän.
Rhön: zerstreute Vorkommen in Kuppen-, Hoher und Vorderrhön, Decken nur noch in Resten, dafür zahlreiche freigelegte Schlote, Gänge und Staukuppen, viel Phonolith, Aktivität über einen deutlich längeren Zeitraum verteilt.
Gemeinsam: alkalibasaltische Magmen aus dem Erdmantel, Aufstieg an tiefreichenden Bruchsystemen, Untergrund aus Trias-Sedimenten, Abtragung als eigentlicher Bildhauer der heutigen Landschaft.
Und die Zukunft?
Die Studie von Bartels, Rummel und May, inzwischen als Kapitel C im USGS Professional Paper 1890 erschienen, kombiniert 15 geowissenschaftliche Indikatoren über 20 Parameter zu einem Index für die nächste Million Jahre. Hintergrund ist das Standortauswahlgesetz von 2017: Gebiete mit quartärem Vulkanismus oder mit zu erwartender Aktivität in diesem Zeitraum scheiden für ein Endlager aus.
Die Rhön zählt dabei zu den bekannten tertiären Vulkangebieten, die in die Bewertung eingehen, ohne in der Spitzengruppe zu stehen. Die führt unangefochten die Eifel an. Für die Rhön gilt das Gleiche wie für den Vogelsberg: Die Bruchsysteme, an denen das Magma einst aufstieg, existieren noch, aber jüngere Aktivität als im ausgehenden Miozän ist nicht bekannt. Seit rund zehn Millionen Jahren arbeitet hier nur noch die Abtragung. Ein Ausbruch steht nicht an, nicht in diesem Jahrtausend und nicht im nächsten.
Gefährlicher als jeder Vulkan in der Rhön ist im Moment ohnehin ein loser Basaltblock auf dem Wanderweg am Schafstein.
Was bleibt
Der Vogelsberg zeigt, was Vulkane aufbauen. Die Rhön zeigt, was von ihnen übrig bleibt, wenn man lange genug wartet. Die Kuppen sind die Pfropfen, nicht die Berge. Die Blockmeere sind das Werk des Frostes, nicht der Ausbrüche. Und die Wasserkuppe ist nur deshalb ein Fliegerberg, weil der Basalt härter ist als alles um ihn herum. In der Rhön ist der Vulkanismus längst vorbei, aber die Landschaft lebt bis heute von ihm.
Im nächsten Teil geht es nach Südosten, in die Oberpfalz, zu Parkstein und Rauhem Kulm, und damit schon in die Nachbarschaft des Egerbeckens.
Quellen
Biosphärenreservat Rhön: Geologie-Broschüre.
HLNUG: Jahreszeiten-Geotope, Frühling 2011 – Die Blockhalde am Schafstein in der Rhön.
HLNUG: Geo-Info Hessen – Phonolith.
Bayerisches Landesamt für Umwelt: Gestein des Jahres 2014 – Phonolith.
Bayerisches Landesamt für Umwelt: Geologie Bayerns – Vulkanismus.
Reischmann, T. & Schraft, A.: Der Vogelsberg – Geotope im größten Vulkangebiet Mitteleuropas, Teil I. HLNUG.
Bartels, A., Rummel, L. & May, F. (2026): Forecasting igneous activity in Germany – A multi-criteria approach. USGS Professional Paper 1890, Chapter C.
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