Bruchstücke – Wie Mitteldeutschlands Landschaft entstand, Teil 4 Elbsandstein und Zittauer Gebirge: Ein Meeresboden, in Stücke gebrochen
In den ersten drei Teilen dieser Reihe ging es um Gebirge aus uraltem Grundgebirge: Schiefer, Gneis, Granit, Vulkanite. Harz, Thüringer Wald und Erzgebirge sind gehobene Rümpfe eines Gebirges, das es vor 300 Millionen Jahren gab. Das Elbsandsteingebirge und das Zittauer Gebirge sind etwas völlig anderes. Sie bestehen aus Sand, der am Grund eines Meeres lag. Und dass man heute zwischen Tafelbergen, Felstürmen und Schluchten wandern kann, liegt daran, dass dieser Meeresboden gehoben, zerbrochen und von einem Fluss zerschnitten wurde.
Den Namen Sächsische Schweiz verdankt die Gegend übrigens zwei Schweizer Malern, Adrian Zingg und Anton Graff, die im 18. Jahrhundert an der Dresdner Kunstakademie lehrten und sich von der Landschaft an ihre Heimat erinnert fühlten. Mit der Geologie hat das nichts zu tun. Mit der Schweiz eigentlich auch nicht.
Der Sand der Kreidezeit
In der Kreidezeit lag das Gebiet unter einem flachen Meer, einer Meeresstraße zwischen den Landmassen im Norden und dem Böhmischen Massiv im Süden. Flüsse trugen Sand hinein, der sich am Meeresboden absetzte und durch Mineralien zwischen den Körnern verkittet wurde. Über Millionen Jahre wuchs so ein Sandsteinpaket von rund 500 Metern Mächtigkeit heran. Dazwischen lagerten sich immer wieder dünne Tonlagen ab, die man heute in den Felswänden als feine waagerechte Linien erkennt.
Gegen Ende der Kreidezeit zog sich das Meer zurück, und die Sandsteinschichten lagen als zusammenhängende Platte trocken. Wäre es dabei geblieben, hätten wir heute eine flache, langweilige Sandsteinebene. Es blieb aber nicht dabei.
Der Granit schiebt sich drüber
Vor etwa 70 Millionen Jahren, also zur selben Zeit, als Harz und Thüringer Wald herausgedrückt wurden, schob sich im Norden der Lausitzer Granitblock auf die Sandsteinplatte. Die Lausitzer Überschiebung ist die nordöstliche Grenze des Elbsandsteingebirges. Granit, ein Tiefengestein des alten Grundgebirges, liegt dort auf dem viel jüngeren Sandstein, eine verkehrte Welt, die man nur durch eine Überschiebung erklären kann. Bei Hohnstein wurden dabei sogar Jurakalke mit nach oben geschleppt, die man sonst in der Region gar nicht findet.
Für die Landschaft war die Folge entscheidend: Die Sandsteinplatte zerbrach. Ein System aus senkrechten Klüften und Spalten durchzog das Gestein, und dieses Kluftnetz ist bis heute das Grundmuster der Sächsischen Schweiz. Jeder Felsturm, jede Schlucht, jede Gasse folgt diesen Rissen.
Das Erzgebirge kippt, die Elbe schneidet
Den zweiten Anstoß lieferte, was ich im letzten Teil beschrieben habe: die Hebung und Kippung des Erzgebirges im Tertiär. Vor rund 30 Millionen Jahren stieg der Erzgebirgsblock im Süden um bis zu 1.000 Meter auf und neigte sich. Das Gefälle der Elbe nahm zu, der Fluss wurde schneller und schnitt sich tief in die Sandsteinplatte ein. Seitenbäche taten es ihm nach, und überall, wo Wasser an Klüften entlang in das Gestein sickerte, löste es die Bindung zwischen den Körnern, spülte weichere Lagen aus und ließ härtere stehen.
Das Ergebnis ist die Formenvielfalt, für die die Region berühmt ist. Die Tafelberge wie Lilienstein, Königstein oder Pfaffenstein sind Reste der ursprünglichen Sandsteinplatte, darum sind ihre Gipfel flach. Die Felsreviere wie die Schrammsteine oder die Bastei sind Bereiche, in denen das Kluftnetz besonders dicht war und die Erosion die Platte in einzelne Türme aufgelöst hat. Die sogenannten Gründe, die tief eingeschnittenen Täler, sind teils ehemalige Elbläufe. Und die Ebenheiten, die flachen Terrassen zwischen Fluss und Tafelbergen, sind alte Talböden, auf denen die Elbe einst floss, bevor sie sich tiefer einschnitt.
In den Kaltzeiten lagerte der Fluss Schotter, Sand und Geschiebelehm in den Tälern ab, die Schmelzwässer spülten vieles davon wieder aus, und die Elbe verlegte mehrfach ihren Lauf. Damit sind wir schon mitten im Thema des übernächsten Teils, der Flussgeschichte.
Das Zittauer Gebirge: derselbe Sand, aber mit Feuer
Gut 50 Kilometer weiter östlich, im äußersten Südosten Sachsens, liegt das Zittauer Gebirge. Geomorphologisch bildet es mit dem Elbsandsteingebirge eine Einheit, auch hier dominieren Sandsteine der Kreidezeit. Es ist mit gut 46 Quadratkilometern auf sächsischer Seite klein, aber steil: Auf kurzer Strecke steigt der Gebirgsrand von unter 300 auf fast 800 Meter an. Kein anderes Gebiet in Sachsen hat einen so hohen Anteil an Felsfluren.
Der große Unterschied ist der Vulkanismus. Im Tertiär drangen hier Phonolith- und Basaltschmelzen durch den Sandstein. Die höchsten Gipfel sind vulkanische Kuppen, die über die Sandsteinlandschaft hinausragen: die Lausche mit 791 Metern als höchster Punkt, der Hochwald mit 749 Metern, Jonsberg und Buchberg. Wieder das bekannte Prinzip aus der Rhön: Das harte Vulkangestein bleibt stehen, das weichere Umland verschwindet.
Noch interessanter finde ich, was das Magma mit dem Sandstein gemacht hat. Wo die heiße Schmelze den Sandstein berührte, wurde er gefrittet, also durch Hitze verändert, glasig-porös und besonders widerstandsfähig. Bei Jonsdorf hat diese Kontaktwirkung den Sandstein sogar zu säulenartigen Formen geprägt, die an Basaltsäulen erinnern, aber aus Sandstein bestehen. Und weil das veränderte Gestein so hart war, wurde es vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert in den Mühlsteinbrüchen südlich von Jonsdorf abgebaut. Ein Mühlstein aus vulkanisch gebackenem Meeressand: Geologie, die man wörtlich zu Mehl gemahlen hat.
Das Felsplateau von Oybin mit seiner Burg- und Klosterruine gehört zu den bekanntesten Bildern der Region. Auch hier gilt: Die Felsen verdanken ihre Form den Klüften und der Abtragung, die Burg verdankt ihre Lage den Felsen.
Kasten: Warum der Sandstein so verletzlich ist
Sandstein ist hart, aber nicht unverwüstlich. Seine Festigkeit hängt an der Bindung zwischen den Körnern, und die ist empfindlich. Wasser, Frost, Salze und Wurzeln lockern sie. Deshalb haben die sächsischen Kletterer schon früh eigene, sehr strenge Regeln entwickelt: kein Magnesia, keine Metallklemmkeile, nur Knotenschlingen, Abstand bei Nässe. Was nach Traditionspflege aussieht, ist angewandte Gesteinskunde.
Auch der Wald hängt am Sandstein. Die Böden sind nährstoffarm und trocknen schnell aus. Die Fichtenforste, die über Jahrhunderte die ursprünglichen Mischwälder ersetzt haben, kommen damit schlecht zurecht und sind anfällig für den Borkenkäfer. Die großen Waldbrände von 2022 in der Böhmischen und Sächsischen Schweiz haben gezeigt, wie verwundbar diese Landschaft in trockenen Sommern geworden ist.
Was bleibt
Das Elbsandsteingebirge ist im Grunde kein Gebirge, das gehoben wurde, sondern eine Platte, in die ein Fluss hineingeschnitten hat. Seine Berge sind Reste, keine Gipfel. Die Kreide hat den Sand geliefert, die Lausitzer Überschiebung hat ihn zerbrochen, das Erzgebirge hat der Elbe das Gefälle gegeben, und das Wasser hat den Rest erledigt. Im Zittauer Gebirge kam noch das Feuer dazu, das Sandstein zu Mühlsteinen gebacken hat.
Und so schließt sich ein Bogen in dieser Reihe: Was Harz, Thüringer Wald und Erzgebirge an jüngeren Schichten verloren haben, als sie gehoben und abgetragen wurden, ist hier, am Rand, noch erhalten. Die Sächsische Schweiz zeigt uns, wie die Decke aussah, die anderswo längst fehlt.
Im nächsten Teil folgen wir dem Wasser: Ilm, Saale und Elbe, ihre Terrassen und was sie über die Eiszeiten verraten.
Quellen
Bergwaldprojekt e.V.: Dossier Nationalpark Sächsische Schweiz.
Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie: Naturraum-Steckbrief 37 – Zittauer Gebirge.
dewiki: Erzgebirge (zur tertiären Hebung).
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