Der Knall von Lovelock: Ein Erdbeben, das keines war, und ein Vulkan, den keiner kennt

 


In der Nacht auf Dienstag meldete mir die Erdbeben-App ein „sehr schwaches Beben“ der Stärke 1,8, 33 Kilometer östlich von Lovelock, Pershing County, Nevada. Montag, 5. Oktober 2026, 16:31 Uhr Ortszeit. Normalerweise wische ich so etwas weg. Nevada gilt nach Kalifornien und Alaska als der seismisch aktivste Bundesstaat der USA, ein 1,8er ist dort ungefähr so berichtenswert wie ein umgefallener Leitkegel auf der A6.

Hängen geblieben bin ich trotzdem, weil mir einfiel, dass in dieser Ecke ein Vulkan liegt, von dem selbst in Nevada kaum jemand weiß. Also habe ich nachgesehen. Herausgekommen sind zwei Geschichten: eine über ein Erdbeben, das mit hoher Wahrscheinlichkeit gar keines war, und eine über einen Vulkan, der deutlich interessanter ist als die Meldung, die mich zu ihm geführt hat.

Das Beben mit Feierabendgefühl

Wer sich die Kataloge des Nevada Seismological Laboratory in Reno ansieht, findet an genau dieser Stelle ein Muster. Am 13. März 2026 um 16:54 Uhr Ortszeit: Stärke 1,7, 30 Kilometer ostnordöstlich von Lovelock. Am 18. August 2026 um 16:06 Uhr: Stärke 1,6, 34 Kilometer östlich von Lovelock. Beide Ereignisse wurden von einem Seismologen geprüft und anschließend nicht als Erdbeben, sondern als Explosion eingestuft.

Und jetzt also wieder ein Ereignis derselben Größenordnung, am selben Ort, wieder am späten Nachmittag. Tektonik hält sich selten an Schichtpläne. In der Humboldt Range östlich von Lovelock liegt die Rochester-Mine von Coeur Mining, ein Silber- und Goldtagebau, der seit 1986 läuft, nach Angaben des Bureau of Land Management rund 26 Meilen nordöstlich der Stadt liegt und bis 2033 genehmigt ist. Abgebaut wird klassisch: bohren, sprengen, verladen.

Der Ehrlichkeit halber: Die Zuordnung zur Mine ist mein Schluss, kein amtlicher Befund, und das Ereignis vom Montag war zum Zeitpunkt des Schreibens noch nicht geprüft. Aber die Indizienlage ist ungefähr so offen wie die Frage, ob eine Baustelle länger dauert als angekündigt.

Ein hübsches Detail am Rande: Für die beiden früheren Sprengungen weist der Katalog Herdtiefen von 9 und 14 Kilometern aus. Eine Tagebausprengung in 14 Kilometern Tiefe wäre bergbautechnisch eine Sensation. Tatsächlich zeigt die Zahl nur, wie wenig eine automatische Tiefenbestimmung wert ist, wenn die nächste Messstation rund 50 Kilometer entfernt steht. Die Apps übernehmen solche Rohdaten ungefiltert, die Korrektur kommt Tage später und interessiert dann niemanden mehr.

Hundert Kilometer weiter: zwei Löcher in der Wüste

Der Vulkan, an den ich gedacht hatte, liegt rund 100 Kilometer südsüdwestlich des Sprengortes, nordwestlich der Kleinstadt Fallon am Rand der Carson Sink. Er heißt Soda Lakes und sieht nicht aus wie ein Vulkan. Kein Kegel, kein Gipfel, nur zwei wassergefüllte Krater im flachen Wüstenboden: Big Soda Lake, laut USGS etwa 1,1 mal 1,5 Kilometer groß und von Nordost nach Südwest gestreckt, und 250 Meter südlich davon der rund 300 Meter breite Little Soda Lake.

Es sind Maare, und wer die Vulkaneifel kennt, kennt das Prinzip. Aufsteigendes basaltisches Magma trifft auf Grundwasser, das Wasser verdampft schlagartig, und die Explosion sprengt einen Trichter in die Landschaft. Der Auswurf legt sich als flacher Wall um das Loch. Der Geologe Israel Russell, der die Gegend 1885 für seine Arbeit über den eiszeitlichen Lake Lahontan untersuchte, hat das trocken vermessen: Der Kraterrand lag an der höchsten Stelle gut 24 Meter über der Wüste, aber 50 Meter über dem Seespiegel, und der See war weitere 45 Meter tief. Außen ein kaum merklicher Hügel, innen ein Abgrund.

Wie alt ist „jung“?

Die Maare haben die Sedimente des Lake Lahontan durchschlagen, sind also jünger als der See. Daraus leitet der USGS ein Alter von weniger als 6.000 Jahren ab. Das Global Volcanism Program hält sogar weniger als 1.500 Jahre für möglich. Absolut datiert ist der Ausbruch bis heute nicht.

An der jüngeren Zahl habe ich meine Zweifel. Eine Sedimentkernstudie aus dem Big Soda Lake rekonstruiert Veränderungen im Wasserhaushalt des Sees, die mehr als 5.600 Jahre zurückreichen. Ein See, der vor 5.600 Jahren schon Ablagerungen gesammelt hat, kann schlecht in einem Krater liegen, der erst 1.500 Jahre alt ist. Das ist meine Lesart, keine Aussage der Autoren, aber sie spricht eher für das obere Ende der Spanne.

Für die Behörden reicht „Holozän“ ohnehin. Seit der Neubewertung von 2018 steht Soda Lakes auf der nationalen Vulkangefahrenliste des USGS, als einziger Vulkan in ganz Nevada, eingestuft als moderate Bedrohung, Rang 78 von 161. Zuständig ist das California Volcano Observatory, das Nevada kurzerhand mitbetreut. Fallon hat damit einen eigenen aktiven Vulkan, ob die Stadt das im Tourismusprospekt haben wollte oder nicht.

Ein See, den ein Bewässerungsprojekt umgebaut hat

Die eigentliche Pointe liefert aber der Mensch. Ab 1875 wurde am Big Soda Lake kommerziell Soda gewonnen, zwei Werke am Ufer versorgten die Bergbauindustrie Nevadas. Dann kam Anfang des 20. Jahrhunderts das Newlands-Bewässerungsprojekt, das Wasser aus Carson und Truckee River in die Wüste leitete. Die Kanäle waren undicht, der Grundwasserspiegel stieg, und mit ihm der See: um rund 18 Meter, auf heute 63 Meter Tiefe. Die Sodawerke standen am Ende gut 11 Meter unter Wasser. Man hat aus Versehen die eigene Industrie ersäuft, und zwar von unten.

Das einströmende Süßwasser legte sich über das alte, schwere Salzwasser, und seither mischt sich der See nicht mehr. Big Soda Lake ist meromiktisch, unterhalb der Sprungschicht bei etwa 35 Metern ist das Wasser sauerstofffrei. Wer meinen Beitrag über limnische Eruptionen gelesen hat, wird bei dem Wort hellhörig. Deshalb gleich dazu: Geschichtet heißt nicht geladen. Für ein Szenario wie am Nyos-See bräuchte es große Mengen gelöstes CO2 im Tiefenwasser, und darauf habe ich keinen Hinweis gefunden.

Als Nebenprodukt wachsen im See Kalktuff-Säulen, dort, wo Grundwasser ins Seewasser sickert. Sie sind über drei Meter hoch und nachweislich jünger als hundert Jahre, weil ihr Standort vorher trocken lag. Für Geologen, die sonst in Jahrtausenden rechnen, war dieses Tempo eine Überraschung.

Warm ist es da unten immer noch

An der Nordostflanke stehen zwei Geothermiekraftwerke, in Betrieb seit 1987 und 1991. Bis Ende des 19. Jahrhunderts sollen dort noch heiße Quellen ausgetreten sein. In der Nachbarschaft liegen ältere Geschwister: der Basaltkegel Upsal Hogback gut elf Kilometer nordöstlich und Rattlesnake Hill mitten in Fallon. Soda Lakes ist also kein Einzelstück, sondern das jüngste Glied eines kleinen Vulkanfeldes.

Und damit bin ich wieder bei meinem Lieblingsthema. Solche Felder funktionieren anders als ein Ätna. Jeder Schlot bricht in der Regel einmal aus und dann nie wieder, der nächste Ausbruch sucht sich ein paar Kilometer weiter eine neue Stelle. Dazwischen liegen Jahrtausende oder Jahrhunderttausende Ruhe, in denen niemand mehr von einem Vulkan spricht. Genau dieses Muster zeigt das Egerbecken mit Kammerbühl, Eisenbühl und dem Maar von Mýtina an der bayerisch-böhmischen Grenze. Ich bleibe bei meiner Überzeugung, dass dort irgendwann in ferner Zukunft wieder etwas kommt. Nicht weil es Anzeichen für morgen gäbe, sondern weil Felder dieser Art so arbeiten.

Was bleibt

Eine App meldet eine Tagebausprengung als Erdbeben, weltweit, in Echtzeit, mit Kartenausschnitt. Hundert Kilometer weiter liegt ein Vulkan, der vor geologisch kurzer Zeit zwei Krater in die Wüste gesprengt hat, und er taucht in keiner Meldung auf, weil er gerade nichts tut. Das Laute ist selten das Wichtige. Das gilt in der Seismologie, und nach meiner Erfahrung auch auf jeder Baustelle.

Quellen

  • Nevada Seismological Laboratory, University of Nevada, Reno: Ereignisberichte nn00912577 (13.03.2026) und nn00923466 (18.08.2026)

  • USGS California Volcano Observatory: Soda Lakes, usgs.gov/volcanoes/soda-lakes

  • Ewert, Diefenbach, Ramsey (2018): 2018 Update to the U.S. Geological Survey National Volcanic Threat Assessment

  • Smithsonian Global Volcanism Program: Soda Lakes (Vulkan Nr. 326010)

  • Russell, I. C. (1885): Geological History of Lake Lahontan, USGS Monograph 11

  • Rosen, Arehart, Lico (2004): Exceptionally fast growth rate of <100-yr-old tufa, Big Soda Lake, Nevada. Geology 32 (5)

  • Studie „Middle Holocene Hydrologic Changes Catalyzed by River Avulsion in Big Soda Lake, Nevada, USA“

  • Bureau of Land Management: Pressemitteilungen zur Erweiterung der Coeur Rochester and Packard Mine

  • Nevada Appeal (2011): Nevada Traveler: More to Soda Lake's story

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Ist UGreen das neue Anker? Ein ehrlicher Vergleich zweier Tech-Giganten

Der Held der Steine: Mehr als nur dänische Klemmbausteine

Ein Abschied und neue Horizonte: Wenn die Reise-Vlogs verstummen