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Wackler an der Grenze, Teil 6: Ein Freitag im Zentralmassiv

  Vier kleine Beben, drei Herde, eine Bruchkante: Was die Auvergne am 23. Oktober 2026 über ihren Untergrund verraten hat Manche Tage melden sich leise. Am Freitag, dem 23. Oktober 2026, liefen bei mir im Laufe des Nachmittags vier Erdbebenmeldungen aus Frankreich ein, alle aus dem Zentralmassiv, alle im Bereich dessen, was man als Mensch an der Oberfläche bestenfalls als Klirren im Küchenschrank bemerkt. Um 04:11 Uhr eine Magnitude 2,3 rund 47 Kilometer südöstlich von Clermont-Ferrand, drei Minuten später an praktisch derselben Stelle eine 1,2. Um 11:35 Uhr eine 2,1 gut sechs Kilometer südlich von Vichy. Und um 11:55 Uhr eine 2,4 knapp acht Kilometer südöstlich von Ussel in der Corrèze. Eine kleine Korrektur vorweg, weil sie in den automatischen Meldungen gern durcheinandergeht: Allier und Puy-de-Dôme gehören zur Region Auvergne-Rhône-Alpes, nicht zu Rhône-Alpes. Die gibt es als eigenständige Region seit 2016 nicht mehr. Ussel liegt in der Corrèze und damit in der Nouvelle-Aqui...

Sündenbock auf vier Achsen: Die Vectron und die müden Gleise

  Manchmal liest man einen Zeitungsartikel, legt das Handy weg und zuckt mit den Schultern. Nicht weil das Thema langweilig wäre, sondern weil der Text etwas behauptet, das beim zweiten Hinsehen nicht zusammenpasst. So ging es mir mit einem Beitrag der Abendzeitung München vom 23. Oktober 2026. Die Überschrift kündigt die Sanierung einer wichtigen Bahnstrecke in Bayern an und einen Streit um eine Lok. Wer bis zum Ende liest, stellt fest: Die Lok fährt auf der Strecke gar nicht. Worum es geht Markus Hecht, Professor für Schienenfahrzeugtechnik in Berlin, wirft Siemens Mobility vor, die Vectron belaste die Gleise übermäßig. Sein Hauptargument ist die ungefederte Masse. Je mehr Gewicht ohne Federung direkt auf der Schiene hämmert, desto stärker der Verschleiß, vor allem bei hohem Tempo. Hecht spricht von rund vier Tonnen pro Achse, Siemens bestreitet das, nennt aber keine eigene Zahl. Die Lok habe einen teilabgefederten Antrieb mit elastisch aufgehängtem Fahrmotor, erfülle alle Vor...

Wackler an der Grenze, Teil 5: Der Knall von Weißensulz

Warum ein Beben der Stärke 3,3 im Oberpfälzer Wald mehr Fragen aufwirft als ein ganzer Schwarm im Egerbecken Es war 0:34 Uhr in der Nacht auf Freitag, den 23. Oktober 2026, als die Meldung bei EMSC aufpoppte: Magnitude 3,3, Tiefe 10 Kilometer, Region Nová Ves pod Přimdou. Wer die Gegend nicht kennt, zuckt mit den Schultern. Wer sie kennt, stutzt. Denn Beben dieser Größe sind in Westböhmen eigentlich das Revier des Egerbeckens, rund 50 bis 70 Kilometer weiter nördlich. Hier unten, im Grenzwald zwischen Přimda und Eslarn, ist es normalerweise ruhig. Normalerweise. Diese Reihe hat inzwischen eine gewisse Tradition: Worms und der Oberrheingraben, die Schwarmbeben im Egerbecken und der regengetriebene Hochstaufen, das Erdbeben-Trio bei Innsbruck und zuletzt das leiseste Beben Böhmens bei Strakonice. Das Beben von dieser Nacht passt in keine dieser Schubladen sauber hinein. Genau das macht es interessant. Was passiert ist Das Epizentrum lag nach den bisherigen Lokalisierungen bei Bělá nad Ra...

DDR-AlltagKetchup, Kaffee& Krise

  Wie zwei Würzmittel zum Spiegel eines Systems wurden — und warum der Gaumen manchmal politischer ist als jede Rede. In der DDR war Mangel keine Ausnahme — er war Normalität. Doch während Brot und Milch zuverlässig auf dem Tisch standen, wurden zwei scheinbar banale Produkte zu Ikonen des kollektiven Frusts: Ketchup und Kaffee. Beide waren importabhängig, beide wurden nach der Ölkrise 1973 rationiert, beide verschwanden aus den Regalen — und beide erzählen auf ihre Weise die Geschichte eines Systems, das am Gaumen seiner Bürger scheiterte. Der Ketchupmangel — chronischer Alltagsfrust Ketchup war in der DDR kein Luxus im westlichen Sinne — aber er war rar genug, um begehrenswert zu sein. Der Grund lag in der Logik der Planwirtschaft: Tomatenmark und Gewürze wie Nelken oder Paprika mussten mit Devisen importiert werden. Devisen, die nach der Ölkrise 1973 bitter fehlten. Der Autarkie-Versuch Anstatt die Produktion einfach zu drosseln, versuchte die DDR-Lebensmittelindustrie, den Ketc...

Wackler an der Grenze, Teil 4: Das leiseste Beben Böhmens

  Warum ein Mikrobeben bei Strakonice mehr erzählt, als seine Magnitude hergibt Ich gebe zu, mit dieser Meldung hatte ich nicht gerechnet. Wer die bisherigen Teile dieser kleinen Reihe gelesen hat, weiß, wo es in unserer Ecke Europas normalerweise wackelt: am Oberrheingraben, im Egerbecken, am Hochstaufen, im Inntal. Südböhmen stand auf dieser Liste nicht. Südböhmen ist das Land der Karpfenteiche, der Zwiebeltürme und der langen, ruhigen Hügel, die irgendwann in den Böhmerwald übergehen. Und genau dort, rund 50 Kilometer Luftlinie von der Grenze zum Bayerischen Wald entfernt, hat die Erde am 22. Oktober 2026 kurz gezuckt. Die Eckdaten Gemeldet wurde das Ereignis vom seismologischen Dienst der Masaryk-Universität in Brünn (MUNI): Magnitude 0,9, Herdtiefe 10,6 Kilometer, Zeitpunkt 12:35:09 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit, Epizentrum in der Gegend von Strakonice. Gespürt hat das niemand. Bei einer Magnitude unter eins ist das auch nicht zu erwarten. Man könnte die Sache also mit...

Vierzehn Jahre im Fundament: Was hinter PHP2Shell steckt

  Warum eine Sicherheitslücke so alt sein kann wie das Smartphone-Zeitalter und trotzdem erst jetzt gefährlich wird Seit gestern ist das Wort überall: PHP2Shell. Das BSI hat die Warnstufe 3 ausgerufen, Orange, also außerordentlich hohes Risiko. Das Klinikum Braunschweig hat seine Webseite vorsorglich vom Netz genommen, und in fast jedem Bericht taucht eine Zahl auf, die zum Nachdenken einlädt: Die Lücke soll 14 Jahre alt sein. Mein erster Gedanke war, dass solche Zahlen gern etwas großzügig gerundet werden. Also habe ich nachgerechnet. Ergebnis vorweg: Die 14 Jahre stimmen. Aber sie bedeuten etwas anderes, als die Schlagzeile nahelegt. Was eigentlich passiert ist Hinter PHP2Shell stecken zwei Schwachstellen im Kern von PHP, geführt als CVE-2026-109618 und CVE-2026-109619. Beide sind mit 9,2 von 10 Punkten bewertet. Ein Angreifer braucht weder ein Passwort noch die Mithilfe eines Nutzers. Ein paar präparierte Anfragen an den Webserver genügen, um dort eigenen Code auszuführen. ...

​Folge 6: Pangäa Proxima – Die Rückkehr der Giganten

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Willkommen zum großen Finale! ​In den letzten Folgen haben wir gesehen, wie die Kontinente auseinanderdrifteten, kollidierten und Ozeane schufen. Aber die Erde ist ein gigantischer Kreislauf. Was heute weit entfernt ist, wird sich eines Tages wieder begegnen. Wir reisen heute 250 Millionen Jahre in die Zukunft. ​Geologie: Der Kontinental-Loop ​Wissenschaftler nennen dieses Phänomen den Superkontinent-Zyklus. Etwa alle 500 bis 600 Millionen Jahre finden sich alle Landmassen zu einem einzigen Riesenklumpen zusammen. ​Australien rammt Japan: In etwa 50 Millionen Jahren wird Australien (unser "Raser" aus der letzten Folge) den Äquator überquert haben und mit Indonesien und Südostasien kollidieren. Ein neues Gebirge, so hoch wie der Himalaya, wird dort entstehen. ​Das Ende des Atlantiks: Irgendwann wird die Ausdehnung des Atlantiks stoppen. Die Kruste am Rand des Ozeans wird schwer und sinkt in den Erdmantel ab (Subduktion). Der Atlantik schließt sich wieder – Amerika und Afrika w...