Wer nicht für uns ist: Die Psychologie hinter dem Freund-Feind-Denken in Krisen

 


Eine Vorbemerkung, weil das Thema es verlangt: Es geht in diesem Beitrag um einen psychologischen Mechanismus, nicht um einen historischen Vergleich der Konsequenzen. Wenn ich im Folgenden 1933 erwähne, dann nicht, um Corona-Maßnahmen oder die Frühphase des Ukrainekriegs mit dem Nationalsozialismus gleichzusetzen. Diese Zeit war organisierte Machtergreifung, Propagandaapparat und später physische Vernichtung Andersdenkender, eine völlig andere Größenordnung als alles, was ich hier beschreibe. Was ich vergleiche, ist ausschließlich die Mechanik, mit der Gruppen unter Druck auf Abweichler reagieren. Diese Mechanik ist erstaunlich stabil, egal in welcher historischen Verpackung sie auftritt.

Eine wiederkehrende Beobachtung

Mir ist aufgefallen, dass sich ein bestimmtes Muster immer wieder zeigt, wenn eine Gesellschaft sich bedroht fühlt: Entweder du bist für uns, oder du bist unser Feind. Ich habe das zu Beginn der Coronakrise erlebt und in der Frühphase des Ukrainekriegs erneut. Selbst eine sachlich abwägende, teils kritische Haltung wie meine eigene wurde in beiden Fällen schnell nicht als andere Meinung gewertet, sondern als feindlich. Nicht als Beitrag zur Debatte, sondern als Verrat an der Gruppe.

Was in solchen Momenten im Kopf passiert

Der israelische Sozialpsychologe Henri Tajfel hat gezeigt, dass schon minimale, künstlich erzeugte Gruppenzugehörigkeiten reichen, um Loyalität einzufordern. Unter realer oder gefühlter Bedrohung verstärkt sich dieser Effekt erheblich. Die Gruppe zieht sich enger zusammen, und die Toleranz für interne Differenzierung sinkt rapide.

Solomon Asch hat in seinen berühmten Konformitätsexperimenten der 1950er-Jahre gezeigt, dass Menschen offensichtlich falsche Aussagen bestätigen, nur weil eine Gruppe um sie herum es ebenfalls tut. Nicht aus Überzeugung, sondern weil Abweichung sozial gefährlich wirkt. Unter echtem Druck, wie in einer Pandemie oder zu Kriegsbeginn, verstärkt sich dieser Effekt: Wer nicht mitzieht, gilt nicht mehr als Person mit anderer Meinung, sondern als Risiko für das Kollektiv.

Der Sozialpsychologe Jonathan Haidt beschreibt einen weiteren Baustein, den moralischen Tribalismus. Sobald ein Thema zur Identitätsfrage der Gruppe wird, verwandelt sich eine sachliche Meinungsverschiedenheit in einen moralischen Vorwurf. Kritik an der gemeinsamen Linie ist dann kein Sachargument mehr, sondern gleichbedeutend mit Verrat.

Und schließlich sinkt unter Unsicherheit schlicht die kognitive Kapazität für Ambiguität. Die Terror-Management-Theorie beschreibt, wie Menschen unter Bedrohung eher zu starren, vereinfachenden Weltbildern greifen, weil eine klare Freund-Feind-Einteilung leichter zu verarbeiten ist als eine abwägende Position mit vielen Wenn und Aber.

Dasselbe Muster, unterschiedliches Ausmaß

Dass differenzierte oder kritische Positionen sowohl zu Beginn der Coronakrise als auch in der Frühphase des Ukrainekriegs schnell als illoyal gebrandmarkt wurden, ist unabhängig voneinander von Menschen mit sehr unterschiedlichem politischem Hintergrund beschrieben worden. Genau das macht die Sache interessant: Der Mechanismus ist nicht an eine politische Richtung gebunden, er ist an die Situation gebunden. Sobald eine Gruppe sich existenziell bedroht fühlt, taucht dasselbe Verhaltensmuster auf, unabhängig davon, ob die Bedrohung ein Virus, ein Krieg oder, historisch gesehen, eine politische Bewegung wie 1933 war.

Der entscheidende Unterschied liegt in den Konsequenzen. 1933 bedeutete Abweichung im schlimmsten Fall Verfolgung, Lager, Tod. Wer während Corona eine kritische Haltung vertrat, riskierte in den allermeisten Fällen Anfeindung in Kommentarspalten oder gesellschaftliche Ächtung im Bekanntenkreis. Das ist ernstzunehmend, aber es bewegt sich in einer völlig anderen Dimension. Manche Historiker warnen zu Recht davor, dass ein unbedachter 1933-Vergleich genau diesen Unterschied einebnet.

Warum es trotzdem wichtig ist, hinzuschauen

Ich halte den Mechanismus trotzdem für erwähnenswert, gerade weil er unabhängig vom Ausmaß der Konsequenzen ist. Wer früh erkennt, wie eine Gruppe unter Druck beginnt, Nuance als Bedrohung statt als Beitrag zur Wahrheitsfindung zu behandeln, kann selbst dagegenhalten, bevor daraus etwas Ernsteres wird. Das ist keine Anklage gegen irgendeine Seite. Es ist eine Beobachtung über uns Menschen im Allgemeinen, mich eingeschlossen, denn auch ich habe in beiden Krisen gemerkt, wie verlockend es gewesen wäre, einfach mitzuziehen, anstatt eine eigene, abwägende Position zu riskieren.

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