Der Speicher, der nicht durfte


Wie Bayernwerk in Franken zeigt, dass die Energiewende an der Steckdose scheitert


Es gibt diesen speziellen deutschen Moment, in dem ein Projekt an allem gescheitert ist, außer an der Physik. Die Sonne scheint, der Strom ist da, das Grundstück liegt buchstäblich neben dem Umspannwerk – und trotzdem sagt am Ende jemand mit Dienstsiegel: nein. Genau das ist Landrat Christian Meißner in Lichtenfels passiert, und die Geschichte lohnt einen zweiten Blick, weil sie kein Einzelfall ist, sondern ein Muster.


Zur Erinnerung, für alle, die den Sommer verschlafen haben: Bayern hat dieses Jahr einen Rekord bei der Solarstromerzeugung aufgestellt. Mittags produziert der Freistaat mehr Strom, als er braucht, nachts fehlt er. Die Lösung dafür ist nicht neu, sie steht in jedem Energiewende-Papier seit einer Dekade: Speicher. Große Batteriespeicher, die tagsüber laden und abends liefern. Im Landkreis Lichtenfels sollte genau so ein Speicher entstehen, nahe der Gemeinden Marktzeuln und Rednitz/Rodach, direkt neben einem bestehenden Umspannwerk. Kürzere Anbindungswege gibt es kaum. Das Regionalwerk Obermain bot dem Netzbetreiber sogar an, Flächen für einen Umbau bereitzustellen oder den Speicher gleich mitmanagen zu lassen. Erste Rückmeldung: positiv. Zweite Rückmeldung, von Bayernwerk, der Netztochter von Eon: Absage.


Wer im Infrastrukturgeschäft arbeitet, kennt dieses Muster aus dem eigenen Sektor. Ich beschäftige mich seit über einem Jahrzehnt mit Glasfaserausbau, und der deutsche Netzanschluss-Föderalismus – jede Kommune ihr eigenes Verfahren, jeder Netzbetreiber seine eigene Auslegung der Regeln – hat mit Batteriespeichern nur den Energieträger nicht gemeinsam. Sonst ist es dieselbe Choreografie: Ein privates oder kommunales Unternehmen will etwas bauen, das politisch gewollt und förderfähig ist, und muss sich dafür durch das Nadelöhr eines Netzbetreibers fädeln, der gleichzeitig Torwächter und Wettbewerber im selben Markt ist. Beim Breitband heißt das Überbau-Diskussion, bei Speichern heißt es Punkteverfahren.


Und das Punkteverfahren ist tatsächlich der Kern der Sache. Bayernwerk hat im August 2026 ein neues, kriterienbasiertes Zuteilungsverfahren für Großspeicher und Bezugskunden oberhalb bestimmter Leistungsschwellen eingeführt. Projektreife, Ortsgebundenheit, Frühzeitigkeit – klingt nach fairer Bürokratie, ist in der Praxis aber ein Verfahren, das Anschlusskapazität knapp verwaltet, ohne dass draußen jemand nachvollziehen kann, warum ein Projekt mit Umspannwerk-Nachbarschaft am Ende hinter anderen zurückstehen muss. Die Bundesnetzagentur bestätigt das Grundproblem ganz nüchtern: Speicher sind technisch beides, Verbraucher und Einspeiser, und brauchen deshalb Anschlusskapazität in beide Richtungen. Das macht sie im Zuteilungsverfahren komplizierter als eine reine Solaranlage – und offenbar auch leichter abzulehnen.


Was die Sache in Lichtenfels über das Übliche hinaushebt, ist der Kontext. Direkt nebenan baut die Firma Moll eine Natrium-Ionen-Batterieproduktion auf, gefördert mit über 20 Millionen Euro Staatsgeld, eines der wenigen ernsthaften Versuche, bei Batteriezellen ein Stück Unabhängigkeit von China zurückzugewinnen. Der geplante Großspeicher sollte als Referenzprojekt genau diese Batterien im Feldeinsatz zeigen. Man hat also ein Industriepolitik-Ziel, ein Fördergeld-Ziel und ein Netzwende-Ziel, die alle an derselben Anschlussleitung hängen – und ausgerechnet dort blockiert der Netzbetreiber, dessen Mutterkonzern selbst ein Drittel des deutschen Verteilnetzes betreibt und an einem geordneten, für ihn steuerbaren Ausbau naturgemäß kein geringeres Interesse hat als an einem schnellen.


Ob das böser Wille ist, glaube ich nicht, jedenfalls nicht im Sinne einer Verschwörung. Es ist etwas Deutscheres: strukturelle Trägheit mit eingebauter Interessenkollision. Ein Netzbetreiber, der gleichzeitig Gatekeeper für fremde Speicherprojekte und potenzieller eigener Speicherbetreiber ist, wird im Zweifel die Variante bevorzugen, die er selbst kontrolliert. Das ist keine Bosheit, das ist Organisationslogik. Nur hilft diese Logik der Energiewende ungefähr so viel wie ein Kompensationsdenkmal einem, der auf den Bus wartet.
Am Ende bleibt das, was am Ende bei solchen Geschichten immer bleibt: ein Landrat, der Klartext redet, weil er nichts zu verlieren hat, ein Regionalwerk, das freiwillig Grundstücke anbietet und trotzdem nicht durchkommt, und ein Speicher, der auf dem Papier längst hätte laden können. Die Sonne hat ihren Teil geliefert. Am Netz hängt es jetzt nicht mehr technisch, sondern an einem Formular.


Die Überschlagungen ereignen sich – nur eben nicht im Umspannwerk Zettlitz.



Quelle: Großspeicher: Warum der Ausbau für die Energiewende in Bayern verzögert wird – https://share.google/9i0m51WFfzQCjbbtL

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