Kaufhof: Von Leonhard Tietz zur Galeria – Eine deutsche Achterbahnfahrt
Wenn man über Hertie spricht, darf man den Kaufhof nicht verschweigen. Jahrzehntelang teilten sie sich die Fußgängerzonen: grün gegen blau, Kaufhof gegen Karstadt und Hertie. Doch der Kaufhof war oft das „etwas andere“ Warenhaus – innovativer, später oft moderner, und mit einem Flaggschiff in Köln, das bis heute Architekturgeschichte schreibt.
Doch genau wie bei Hertie beginnt die Geschichte nicht mit dem Namen, den wir kennen, sondern mit einem visionären jüdischen Kaufmann.
1. Der andere Tietz (1879)
Die Geschichte beginnt 1879 in Stralsund (kurz vor Hertie). Der Gründer hieß Leonhard Tietz.
Es ist wichtig zu wissen: Leonhard Tietz (Kaufhof) und Hermann Tietz (Hertie) waren Verwandte, führten aber streng getrennte Unternehmen. Sie teilten den Markt unter sich auf – Hermann nahm den Norden und Osten (Berlin), Leonhard den Westen.
Der Aufstieg am Rhein:
1891 verlegte Leonhard Tietz den Hauptsitz nach Köln. Das war der entscheidende Schritt. In Köln entstand das gewaltige Stammhaus an der Hohe Straße. Tietz brachte den modernen Handel ins Rheinland:
* Er führte eigene Produktionsstätten.
* Er setzte auf gewaltige Architektur als Statussymbol.
* Das Prinzip: Luxus für alle, aber zu Festpreisen.
2. 1933: Der Raub des Namens
Die Parallele zu Hertie ist erschreckend und tragisch. Die Leonhard Tietz AG war im Westen eine Macht. Doch mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurde das Unternehmen ins Visier genommen.
Um das Unternehmen vor der Zerschlagung durch Boykotte zu „retten“, wurde die Familie Tietz aus dem Vorstand gedrängt und enteignet. Alfred Tietz (Leonhards Sohn) musste fliehen.
Die Umbenennung:
Die Nazis wollten den Namen „Tietz“ aus dem Stadtbild tilgen. Im Juli 1933 wurde die Leonhard Tietz AG in Westdeutsche Kaufhof AG umbenannt. Der Name „Kaufhof“ war geboren – als direktes Resultat der „Arisierung“.
> Historische Note: Viele Kölner nannten den Kaufhof noch jahrzehntelang trotzig „de Tietz“, im Bewusstsein seiner wahren Wurzeln.
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3. Das Wirtschaftswunder und das „Galeria“-Konzept
Nach dem Krieg (das Stammhaus in Köln war schwer zerstört, aber schnell wieder aufgebaut) wurde der Kaufhof zum Motor des westdeutschen Konsums. In den 50ern und 60ern expandierte man massiv.
Aber in den 1990ern, als Hertie bereits schwächelte, gelang Kaufhof ein genialer Schachzug, der das Unternehmen länger am Leben hielt als viele Konkurrenten: Das Galeria-Konzept.
Man verabschiedete sich vom reinen „Wühltisch-Image“ und setzte auf Erlebnis:
* Hochwertige Süßwaren- und Feinkostabteilungen.
* Markenshops (Shop-in-Shop-System).
* Bessere Beleuchtung und Präsentation.
Der Name änderte sich schrittweise zu Galeria Kaufhof. Man wollte „Weltstadthaus“ sein, nicht nur Kaufhaus.
4. Die Elefantenhochzeit und der Kampf ums Überleben
Was lange undenkbar war, passierte im 21. Jahrhundert: Die Erzrivalen mussten kuscheln.
Der stationäre Handel litt unter Amazon und Co.
* 2015: Der kanadische Konzern HBC (Hudson’s Bay Company) kaufte Kaufhof.
* 2018/2019: Es kam zum Zusammenschluss mit Karstadt. Aus Rot und Grün wurde ein Riese auf tönernen Füßen: Die Galeria Karstadt Kaufhof.
Was folgte, war ein schmerzhafter Schrumpfungsprozess. Unter dem Eigner Signa (René Benko) schlitterte der Konzern in mehrere Insolvenzen. Filialen wurden geschlossen, Mitarbeiter entlassen. Der Name „Kaufhof“ verschwindet heute zunehmend und weicht dem einheitlichen „Galeria“.
Was bleibt?
Die Geschichte des Kaufhofs ist die Geschichte des deutschen Einzelhandels in der Nussschale: Vom mutigen Pioniergeist der Gründerzeit über das Unrecht der NS-Zeit und den Glanz des Wirtschaftswunders bis hin zum brutalen Überlebenskampf im digitalen Zeitalter.
Wenn Sie heute durch eine der verbliebenen „Galeria“-Filialen gehen, achten Sie vielleicht auf die Architektur. Besonders in den alten Gebäuden spürt man noch den Geist von Leonhard Tietz, der einst sagte, seine Warenhäuser sollten „Kathedralen des Kommerzes“ sein.
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