Kupferdraht statt Kalaschnikow: Die Umspannwerk-Sabotage und das Versagen dahinter
Ein Einzeltäter mit Feuerwerksraketen legt Teile des deutschen Stromnetzes lahm, halb Berlin zeigt reflexhaft nach Moskau, und am Ende bleibt vor allem eine Erkenntnis: Unsere kritische Infrastruktur hält nicht mal Amateuren stand.
Ich hatte gerade erst über Berlin geschrieben, über ein Landesnetz, das sich von einer kriminellen Erpresserbande vorführen ließ, weil niemand an Netzsegmentierung gedacht hatte. Kaum ist die Tinte trocken, liefert die Bundesrepublik den nächsten Fall dafür, wie wenig Ernst man den Schutz kritischer Infrastruktur hierzulande offenbar nimmt – diesmal nicht digital, sondern mit Kupferdraht, Silvesterraketen und einem 48-jährigen Mediziner aus Gevelsberg.
Chronologie
1. September 2026, früh morgens: Am Umspannwerk Turnow-Preilack im Landkreis Spree-Neiße, das den Strom des Kraftwerks Jänschwalde ins Netz einspeist, werden selbstgebaute Abschussvorrichtungen für Raketen gefunden. Von rund zwanzig Stück hat es offenbar nur eine tatsächlich bis zu den Leiterseilen geschafft – die reichte aber, um per Generatorschutzauslösung einen Kraftwerksblock mit 500 Megawatt vom Netz zu nehmen.
1./2. September 2026, Nacht: Am Umspannwerk Bergheim-Rheidt im Rhein-Erft-Kreis (NRW) derselbe Trick – leitfähiges Material über die Leitungen, Kurzschluss, rund 3.000 Megawatt RWE-Leistung gehen vom Netz. Sechs weitere Abschussvorrichtungen werden in einem angrenzenden Feld gefunden.
Kurz danach: Ein verdächtiger Gegenstand an einem Umspannwerk in Dormagen wird von einem Spaziergänger entdeckt – möglicherweise eine weitere Abschussvorrichtung.
In den Tagen danach: Ein Bekennerschreiben taucht auf, in dem sich der Verfasser ausdrücklich als Einzeltäter bezeichnet. Als Motiv nennt er das Leid durch fossile Energieerzeugung sowie die Absicht, die deutsche Rüstungsindustrie zu treffen, solange Deutschland aus seiner Sicht Israels Vorgehen in Gaza unterstützt.
Tatverdächtiger: Daniel V., 48 Jahre, studierter Mediziner, gemeldet in Gevelsberg, Praktikum in einem Krankenhaus. In seiner Wohnung werden nach Angaben von NRW-Innenminister Herbert Reul eindeutige Sprengstofffunde gemacht.
Terroristischer Dilettantismus
Wer in Deutschland politisch motivierte Gewalt gegen Infrastruktur historisch einordnen will, kommt an der RAF nicht vorbei. Man kann von der Rote Armee Fraktion halten, was man will – und ich halte von ihr nichts, außer Verachtung – aber sie war eine disziplinierte, ideologisch in sich einigermaßen geschlossene Organisation mit klaren Strukturen, professioneller Logistik und gezielten Anschlägen auf ausgewählte Personen und Symbole des Staates. Was hier in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen passiert ist, trägt dagegen alle Züge eines Bastelprojekts: selbstgebaute Abschussrampen, die eher an Silvesterböller erinnern als an militärisches Gerät, eine Erfolgsquote von einer funktionierenden Rakete unter zwanzig in Brandenburg, ein Bekennerschreiben mit einer Motivmischung aus Klimaschuld, Nahost-Konflikt und einer Prise Verschwörungsdenken über Rüstungsindustrie und Genozid-Vorwurf, die sich ideologisch kaum zu einer kohärenten Position zusammenfügt.
Der entscheidende Punkt dabei: Genau diese Amateurhaftigkeit ist das eigentlich Beunruhigende. Wenn ein einzelner Mensch mit Baumarktmaterial und Feuerwerkstechnik ausreicht, um Kraftwerksblöcke mit mehreren tausend Megawatt vom Netz zu nehmen, sagt das weniger über die Gefährlichkeit des Täters aus als über den erbärmlichen Zustand des Schutzes, den unsere Energieinfrastruktur genießt. Man muss keine RAF-Zelle mehr sein, um ein Umspannwerk zu treffen. Ein Wochenende Youtube-Tutorials und ein Feld mit freier Sicht reichen offenbar aus.
„Wer da rangeht, greift unser Land an“
NRW-Innenminister Herbert Reul fand fürs Protokoll die richtigen Worte: „Wer da ran geht, greift unser Land an“, sagte er nach dem Vorfall in Bergheim, und stellte klar, dass es sich nicht um einen technischen Defekt, sondern um eine vorsätzliche Straftat handelte. Brandenburgs Innenminister Jan Redmann kommentierte den Jänschwalde-Vorfall nüchterner: man habe „verdammtes Glück gehabt“, dass von zwanzig Raketen nur eine ihr Ziel traf. NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur lobte anschließend die schnelle Reaktion von Amprion und RWE und erklärte, die Energieversorgung sei nicht gefährdet gewesen – was stimmt, aber eben auch reines Glück war und keine Folge durchdachter Schutzkonzepte.
Diese drei Aussagen zusammen ergeben ein bemerkenswert ehrliches Bild: Ein Innenminister, der zu Recht von einem Angriff auf das Land spricht. Ein zweiter, der offen zugibt, dass Zufall und keine Sicherheitsarchitektur den Unterschied zwischen einer Meldung und einem regionalen Blackout gemacht hat. Und eine Ministerin, die den Netzbetreibern für ihre Reaktion dankt, während die eigentliche Frage – warum ein Feld neben einem Umspannwerk überhaupt frei zugänglich ist – unbeantwortet bleibt.
Was das LEAG gekostet hat
Für den Kraftwerksbetreiber LEAG war der Ausfall in Jänschwalde kein abstraktes Sicherheitsproblem, sondern eine sehr konkrete Rechnung: Der Strom des ausgefallenen Blocks war bereits am Markt verkauft und musste kurzfristig über die Börse anderweitig beschafft werden – zu Preisen, die sich niemand aussucht, wenn der Ausfall ohne Vorwarnung kommt. Das ist die stille Rechnung hinter jeder Meldung über einen abgeschalteten Kraftwerksblock: Es zahlt am Ende nicht der Täter, sondern der Betreiber, und mittelbar die Kunden.
Das reflexhafte Zucken Richtung Russland
Bevor irgendjemand von einem Einzeltäter aus Gevelsberg wusste, war die öffentliche Debatte schon zwei, drei Tage lang mit einer anderen Erzählung beschäftigt: Kaum war der zweite Anschlag binnen weniger Stunden bekannt, tauchten Schlagzeilen wie „Ist das schon Putins Rache?“ auf, und Brandenburgs Innenminister Redmann schloss öffentlich nicht aus, dass „fremde Mächte“ dahinterstecken könnten. Der Kontext war günstig für diese Lesart: Nur wenige Wochen zuvor hatte die Bundesregierung Russland für einen Sprengstoffdrohnen-Anschlagsversuch am Flughafen Leipzig/Halle verantwortlich gemacht, und die Parallele zur russischen Taktik gegen ukrainische Umspannwerke – leitfähiges Material per Drohne oder Rakete in Hochspannungsleitungen einbringen – wurde in mehreren Artikeln explizit gezogen.
Am Ende war es, nach allem was bislang bekannt ist, ein Mediziner mit einer diffusen Mischung aus Klimaschuld-Ideologie und Nahost-Bezug, der in seinem Bekennerschreiben ausdrücklich betont, allein gehandelt zu haben – offenbar genau aus Sorge, seine Tat könnte sonst der „linken Szene“ oder eben einem Staat zugeschrieben werden. Das ist keine neue Erfahrung. Schon beim Brandanschlag in Berlin-Lichterfelde im Januar 2026 hatte ein Bundestagsabgeordneter öffentlich behauptet, das damalige Bekennerschreiben der sogenannten Vulkangruppe sei aus dem Russischen übersetzt worden – eine These, die die Berliner Polizei einen Tag später ausdrücklich als „Fake News“ zurückwies. Das Muster wiederholt sich zuverlässiger als die Täter selbst: Ein Anschlag auf Infrastruktur passiert, und noch bevor die Ermittler auch nur das erste Protokoll geschrieben haben, steht für Teile der öffentlichen Debatte fest, wer politisch am meisten davon profitiert, wenn Moskau schuld ist.
Was mich an diesem Lichterfelde-Fall im Nachhinein fast noch mehr umtreibt als die Russland-Spekulation: Rund 45.000 Haushalte und 2.200 Gewerbekunden waren tagelang ohne Strom, die vollständige Wiederherstellung dauerte nach Angaben aus dem Januar rund 100 Stunden – der längste flächendeckende Stromausfall in Berlin seit 1945. Das ist keine Randnotiz, das ist eine Bankrotterklärung der Redundanz. Eine europäische Hauptstadt, die einen Kabelbrand an einer einzigen Stelle nicht innerhalb weniger Stunden kompensieren kann, sondern dafür mehr als vier Tage braucht, hat ein strukturelles Problem, das mit der Frage „Russland oder nicht“ überhaupt nichts zu tun hat. Zum Vergleich: Bei den aktuellen Angriffen auf Jänschwalde und Bergheim blieb die Versorgung stabil, weil dort andere Netzkapazitäten einspringen konnten. In Lichterfelde offenbar nicht. Wer diesen Unterschied nicht als eigenständigen Skandal behandelt, hat die eigentliche Lehre aus dem Vorfall nicht verstanden.
Zum Zustand der kritischen Infrastruktur
Zieht man beide Fälle zusammen – den Datenabfluss aus dem Berliner Landesnetz und die Sabotage an gleich drei Umspannwerken binnen weniger Tage, dazu die rund 100 Stunden Stromausfall nach Lichterfelde – ergibt sich ein Bild, das ich nur als beschämend bezeichnen kann. Auf der einen Seite eine Verwaltung, die zwei Senatsverwaltungen an einem einzigen, unzureichend segmentierten Netz hängen lässt. Auf der anderen Seite Umspannwerke, die offenbar so ungesichert in der Landschaft stehen, dass ein Einzeltäter mit Feuerwerkstechnik aus sicherer Entfernung Kraftwerksblöcke abschalten kann, ohne dass ihn vorher jemand bemerkt – und ein Stromnetz, das im Ernstfall offenbar auch noch tagelang braucht, um sich davon zu erholen. Beides sind keine Cyberkrieg- oder Hybridkriegsszenarien, für die man Milliarden in neue Abwehrzentren stecken müsste. Beides sind Grundlagenfehler: fehlende Netzsegmentierung hier, fehlende physische Absicherung und fehlende Redundanz dort. Wenn nach jedem Vorfall reflexhaft über Russland und hybride Kriegsführung diskutiert wird, aber niemand die naheliegende Frage stellt, warum ein Feld neben einem Umspannwerk keinen Zaun, keine Kamera und keine Bewegungsmelder hat – und warum ein Ausfall vier Tage statt vier Stunden zur Behebung braucht – dann verwechselt man Symptombekämpfung mit Ursachenbehebung.
Meine persönliche Haltung
Damit hier keine Zweifel aufkommen: Meine Verachtung gilt in erster Linie den Tätern selbst, egal ob organisiert wie die sogenannte Vulkangruppe oder als Einzeltäter unterwegs wie mutmaßlich in diesem Fall. Wer glaubt, seine politischen oder ideologischen Ziele durch Anschläge auf Energieversorgung, Krankenhäuser und Pflegeheime durchsetzen zu müssen, hat jede Legitimität verspielt, egal wie edel das vorgeschobene Motiv klingt. Das gilt genauso für all jene, die solche Taten im Nachhinein verharmlosen, rechtfertigen oder gar bejubeln – sei es in einschlägigen Foren, auf linksradikalen Portalen oder in Kommentarspalten. Wer applaudiert, wenn Krankenhausbetten ohne Strom dastehen, hat sich moralisch disqualifiziert, und daran ändert auch die beste Klimarhetorik nichts.
Fazit
Der Unterschied zwischen der RAF und dem, was hier gerade passiert, ist nicht die Bosheit der Absicht, sondern das professionelle Niveau der Ausführung – und genau das sollte niemanden beruhigen. Es zeigt, dass die Schwelle für erfolgreiche Angriffe auf kritische Infrastruktur in Deutschland inzwischen so niedrig liegt, dass ein Einzeltäter mit Baumarktmaterial ausreicht. Statt dieser Erkenntnis nachzugehen, verliert sich die öffentliche Debatte reflexhaft in Russland-Spekulationen, die sich am Ende regelmäßig als falsch herausstellen. Und wer sich, wie ich, anschließend noch einmal die 100 Stunden bis zur vollständigen Stromversorgung in Berlin vor Augen führt, kann kaum glauben, dass eine Bundeshauptstadt dafür tatsächlich vier Tage gebraucht hat. Bis diese Erkenntnisse ernst genommen werden, bleibt der eigentliche Schutzauftrag unerfüllt – und das nächste Umspannwerk steht vermutlich immer noch ungeschützt in einem offenen Feld.
Quellen: taz.de, Tagesspiegel, ZDFheute, 20 Minuten, EIKE (eike-klima-energie.eu), NewsFlix.at, tichyseinblick.de, Wikipedia (Sabotageakte gegen Umspannwerke in Deutschland 2026; Anschlag auf das Berliner Stromnetz; 2026 arson attack on the Berlin power grid), Werra-Rundschau, security-network.com.
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