Der Deutsche Radiopreis, oder: Wie man sich selbst eine Trophäe für Tapferkeit im Dienst am eigenen Sender überreicht
Es ist wieder soweit. Am Donnerstagabend haben sich rund tausend Menschen im Hamburger Stage Theater an der Elbe versammelt, um sich gegenseitig dafür zu applaudieren, dass sie ein Mikrofon bedienen können. Der Deutsche Radiopreis, mittlerweile zum siebzehnten Mal verliehen, ist damit wieder erwachsen genug, um selbst ein Führerschein zu machen – handwerklich hat er sich seit der Jugend allerdings nicht wesentlich weiterentwickelt.
Für alle, die es verpasst haben: Aus über 400 Einreichungen hat eine unabhängige Jury des Grimme-Instituts die Besten der Branche gekürt. Unabhängig ist hier ein interessantes Wort für ein Gremium, das Programme bewertet, die von genau den Sendern eingereicht wurden, die anschließend Pressemitteilungen über ihre eigene Grandiosität verschicken. Das ist, als würde man den Elternabend die Hausaufgaben benoten lassen, die die eigenen Kinder eingereicht haben, und sich anschließend wundern, dass alle eine Eins bekommen.
Rotes Sofa für eine Branche, die man nicht sieht
Das Radio ist bekanntlich das Medium, das man hört und nicht sieht. Trotzdem braucht es einen Abend mit Gala, Laudatoren wie Susanne Daubner, Pinar Atalay, Guido Maria Kretschmer und Lutz van der Horst, dazu Live-Musik von Peter Maffay, Johannes Oerding und Rea Garvey, damit sich eine Hörfunkbranche selbst feiert, die den ganzen Rest des Jahres behauptet, das Fernsehen sei das eitle, oberflächliche Medium. Moderiert hat Katrin Bauerfeind, übertragen wurde per RTL+, was insofern konsequent ist, als dass man für eine akustische Kunstform am Ende doch lieber ein Bild braucht – am liebsten das eigene, in Groda-Auflösung, auf einem roten Teppich.
Zehn reguläre Preise wurden vergeben, schön symmetrisch aufgeteilt: fünf an öffentlich-rechtliche, fünf an private Sender. Man möchte fast meinen, die Quote sei mit dem Lineal gezogen worden, damit hinterher niemand behaupten kann, der GEZ-finanzierte Teil der Branche habe sich selbst bevorzugt behandelt. Wobei: der WDR hat trotzdem gleich zweimal abgeräumt, einmal für die Morgensendung „1LIVE Pegel & Blaase“ und einmal für „Take-Over – Bully & Rick übernehmen die Mike-Thiel-Show“. Die Symmetrie hat also auch ihre Grenzen, sobald ein bekannter Name wie Michael Bully Herbig im Spiel ist.
Der ehrliche Moment, verpackt zwischen zwei Selbstbeweihräucherungen
Der einzige Programmpunkt des Abends, der diesen Namen tatsächlich verdient hat, war die posthume Ehrung von Rick DeLisle für sein Lebenswerk. Das war, nach allem was man liest, ein würdiger und berührender Moment – und genau deshalb wirkt er wie ein Fremdkörper in einer Veranstaltung, deren übrige neun Zehntel aus Selbstbestätigung einer Branche bestehen, die ihren Geltungsdrang lieber in Kategorien wie „Bestes Musikformat“ und „Bester Newcomer“ auslebt, wofür gleich ein knappes Dutzend Kandidaten aufgeboten wird, damit möglichst viele Lokalsender am Ende einen Nominierungs-Sticker für die eigene Website haben.
Man könnte sagen: irgendwo zwischen Bratwurstbudenwerbejingle und Kulthit-Cover-Sendung ist echte, harte journalistische Arbeit ausgezeichnet worden – etwa eine Recherche zu Cum-Ex-Steuerbetrug oder ein Beitrag über Gewalt im Amateurfußball. Diese Beiträge verdienen die Anerkennung ehrlich. Nur gehen sie in einer Gala unter, die ihren Schwerpunkt eindeutig auf Glitzer, Promidichte und Wiedererkennungswert legt, nicht auf die Frage, was Radio journalistisch eigentlich leisten könnte.
Der eigentliche Gewinn: sich selbst
Am Ende bleibt der Eindruck, den man von diesem Preis seit Jahren hat: eine Branche, die sich selbst organisiert, selbst einreicht, selbst bewertet, selbst prämiert und selbst bejubelt – und die dafür einmal im Jahr ein Theater an der Elbe mietet, damit die eigene Nabelschau wenigstens eine ansehnliche Kulisse hat. Wer das für überzogen hält, dem sei gesagt: bei über 400 Einreichungen und gerade einmal zehn Kategorien landet am Ende praktisch jeder relevante Sender irgendwo auf der Bühne. Verlieren kann bei dieser Ausschreibungsquote fast niemand – außer vielleicht der Zuschauer, der sich fragt, warum ein Hörmedium eine Fernsehshow braucht, um sich selbst zu beweisen, dass es gut ist.
Aber vielleicht ist genau das der eigentliche Trick: Wer sich den Applaus nicht von den Hörern abholen kann, weil die längst zu Spotify und Podcasts abgewandert sind, muss ihn sich eben selbst organisieren. Frenetisch, mit Kronleuchtern, und mit der Gewissheit, dass es nächstes Jahr wieder etwas zu verteilen gibt – an sich selbst.
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