Warum 50 gegen 60 Hertz kein Kabel nach Kanada verhindert – und was trotzdem dagegen spricht
Sobald irgendwo von einem Stromkabel durch den Atlantik die Rede ist, meldet sich zuverlässig ein Einwand, den ich seit Jahren in ähnlicher Form aus der Glasfaserwelt kenne: Das geht doch technisch gar nicht, die haben da drüben ein anderes System. Bei uns heißt das VDSL versus Glasfaser, bei der Stromleitung Kanada–Deutschland heißt es 60 Hertz gegen 50 Hertz. Und wie so oft, wenn ein Einwand sich schlüssig anhört, ist er im Kern falsch. Nur ist damit noch kein einziges echtes Problem des Projekts gelöst – im Gegenteil, die Frequenzfrage lenkt eher davon ab, wo die eigentlichen Bruchstellen liegen.
Kein 50-Hertz-Strom über den Ozean
Die technische Seite ist tatsächlich schnell erklärt. Kanada liefert 60-Hertz-Wechselstrom, eine Konverterstation wandelt ihn in Gleichstrom um, das Seekabel transportiert diesen Gleichstrom ohne jede Netzfrequenz durch den Atlantik, und auf der europäischen Seite erzeugt eine zweite Konverterstation daraus wieder 50-Hertz-Wechselstrom. Das Kabel selbst weiß währenddessen weder von 50 noch von 60 Hertz irgendetwas – auf der Gleichstromseite gibt es schlicht keine periodische Frequenz, die man angleichen müsste. Eine direkte Wechselstromkopplung zwischen zwei unterschiedlichen Frequenzsystemen wäre unmöglich, HVDC umgeht das Problem, indem es beide Netze elektrisch voneinander trennt – ähnlich wie an Bahngrenzen mit unterschiedlicher Spurweite nicht die Gleise angeglichen werden, sondern Drehgestelle gewechselt werden. Insofern: Ja, die Physik gibt das her. Das war aber nie die eigentlich interessante Frage.
Was in solchen Projektvorstellungen gern verschwiegen wird
Wer ein 6-Gigawatt-Kabel über mehrere Tausend Kilometer Atlantik als machbar präsentiert, präsentiert damit noch lange kein wirtschaftliches oder politisch tragfähiges Projekt. Ein paar Punkte, die in der öffentlichen Debatte regelmäßig unter den Tisch fallen:
Kosten und Bauzeit: Die längsten existierenden HVDC-Seekabel liegen heute bei rund 700 bis 800 Kilometern (Nordlink, NordSea Link). Eine Atlantikquerung wäre ein Vielfaches davon, mit entsprechend längeren Bauzeiten, höherem Ausfallrisiko und Kosten, die sich kaum seriös vorab beziffern lassen – wer heute eine Zahl nennt, rät.
Verfügbare Reserve auf kanadischer Seite: Wasserkraft klingt nach unerschöpflicher, sauberer Reserve, ist es aber nicht – Speicherseen haben saisonale Grenzen, und Kanada hat selbst wachsenden Strombedarf, unter anderem durch Rechenzentren und Elektrifizierung. Was heute als Exportpotenzial verkauft wird, kann in zehn Jahren im eigenen Land gebraucht werden.
Verteilung in Europa: Selbst wenn die 6 Gigawatt sauber ankommen, müssen sie über zusätzliche 380-/400-kV-Leitungen quer durch Europa verteilt werden – und genau bei solchen Trassen dauert es in Deutschland traditionell nicht Jahre, sondern Jahrzehnte, wie SuedLink eindrucksvoll zeigt.
Politische Abhängigkeit: Eine Stromleitung dieser Größenordnung ist keine Handelsware wie LNG, die man notfalls woanders herbekommt. Sie ist eine feste, jahrzehntelange Infrastrukturbindung an einen einzigen Partner – mit allen geopolitischen Risiken, die eine solche Abhängigkeit mit sich bringt, wie die Debatten um russisches Gas gerade erst gezeigt haben.
Der Vorläufer, an den sich kaum noch jemand erinnert
Wer große interkontinentale Stromvisionen unkritisch feiert, sollte sich an Desertec erinnern. Ab 2009 sollte ein Konsortium europäischer Konzerne mit HVDC-Leitungen Solar- und Windstrom aus der nordafrikanischen Wüste nach Europa bringen – technisch plausibel, politisch groß angekündigt, medial als Jahrhundertprojekt gefeiert. Am Ende scheiterte es nicht an der Physik, sondern an genau den Punkten, die auch beim Kanada-Kabel im Kleingedruckten stehen: explodierende Kostenschätzungen, politische Instabilität in den Partnerländern nach dem Arabischen Frühling, fehlende verbindliche Abnahmezusagen und der schlichte Umstand, dass die europäischen Netze die Leistung an den geplanten Einspeisepunkten gar nicht hätten aufnehmen können. Die meisten Industriepartner zogen sich bis 2014 zurück. Das ist kein Beweis, dass ein Kanada-Kabel genauso scheitern muss – aber es ist ein Grund, jede Ankündigung dieser Größenordnung erst einmal mit derselben Nüchternheit zu lesen, mit der man auch einen Bauzeitplan aus der Glasfaserbranche liest: mit einem dicken Fragezeichen bei allem, was noch nicht vertraglich unterschrieben ist.
Was technisch trotzdem stimmt
Das ändert nichts daran, dass die Frequenzfrage selbst kein Killer-Argument ist. HVDC erlaubt ausdrücklich die Kopplung asynchroner Netze, ein Konverter kann sogar aktiv zur Frequenzstützung beitragen, indem er auf gemessene Frequenzabweichungen mit schneller Leistungsanpassung reagiert. Er ersetzt dabei aber nicht die physische Trägheit rotierender Synchrongeneratoren, sondern liefert nur eine synthetische Unterstützung, die auf beiden Seiten tatsächlich vorhandene Reserven voraussetzt. Und fällt eine ganze 6-Gigawatt-Station als unteilbarer Block aus, wäre das für das europäische Verbundnetz ein Ereignis, das nur mit entsprechend dimensionierter Reserve und idealerweise mehreren unabhängigen Teilblöcken beherrschbar bliebe.
Fazit
Die 50-Hertz-Frequenz Deutschlands ist kein grundsätzliches Hindernis für eine Stromverbindung nach Kanada – das ist gelöste Technik. Aber genau deshalb sollte man sich von diesem einen, leicht zu widerlegenden Einwand nicht dazu verführen lassen, das Projekt insgesamt für plausibel zu halten. Die Fragen, an denen es tatsächlich hängen würde – Kosten, Bauzeit, Reserven, Netzverteilung in Europa, politische Abhängigkeit von einem einzigen Partner – sind ungleich schwerer zu beantworten als die Frequenzfrage, und die Geschichte von Desertec zeigt, wie schnell ein technisch machbares Jahrhundertprojekt an genau diesen Punkten zerbröselt. Wer 50 gegen 60 Hertz als das entscheidende Argument gegen ein solches Kabel anführt, macht es sich zu leicht. Wer es als das entscheidende Argument dafür anführt, macht es sich genauso leicht.
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