Leib und Leben, aber bitte erst 2027

 


Es gibt Momente, in denen man sich fühlt wie Klaus Kinski vor laufender Kamera, kurz bevor er dem Regisseur erklärt, was er von dessen Drehbuch hält – nur dass mein Drehbuch diesmal von der Stadt Fürth und dem Baureferat Nürnberg geschrieben wurde, und die Antwort auf die Frage „ist das ein Scherz“ tatsächlich „nein“ lautet.

Fangen wir bei der Raiffeisenstraße an, jenem unscheinbaren Verbindungsstück zwischen Höfles und Buch, das seit dem 11. Mai für Kanalbauarbeiten gesperrt ist. Ursprünglich sollte die Sperrung bis 24. Juli dauern, dann bis Ende August, und jetzt – zum zweiten Mal – noch länger. Ich will niemandem unterstellen, dass man beim Öffnen eines Kanalgrabens tatsächlich überrascht sein kann, was darunter zum Vorschein kommt. Aber wenn man eine Frist zweimal reißt, ist das kein Pech mehr, das ist eine Systematik.

Und dann ist da die Zirndorfer Brücke, mit der wir uns hier ja schon ausführlich beschäftigt haben. Zur Erinnerung, für alle, die zwischenzeitlich andere Sorgen hatten: Im November 2025 wurde die Brücke von einem Tag auf den anderen für sämtlichen Verkehr gesperrt, mit der Begründung, sie könne „plötzlich und ohne neue Risse“ einstürzen. Man verwies ausdrücklich auf die Carolabrücke in Dresden und sprach vom „Schutz von Leib und Leben“, der „absolute Priorität“ habe. Das ist die Sprache der Feuerwehr, nicht die Sprache der Bauverwaltung, und genau so wurde sie auch verstanden: als akute Lebensgefahr, die sofortiges Handeln erfordert.

Nur dass „sofortiges Handeln“ in diesem Fall bedeutet: Der Abriss beginnt im Frühjahr 2027. Also fast eineinhalb Jahre nach der Vollsperrung, und – man höre und staune – nur unwesentlich früher als der Termin, der schon 2015 im Gespräch war, als von einer Restnutzungsdauer von acht bis zehn Jahren die Rede war. Die ganze dramatische Beschleunigungsrhetorik von November 2025, das Vorziehen „mit allen Kräften“, das erhoffte „möglicherweise schon Mitte 2027“ – am Ende landet man ziemlich genau dort, wo man ohnehin gelandet wäre, nur dass die Brücke zwischenzeitlich anderthalb Jahre lang komplett tot war, für Fußgänger und Radfahrer inklusive, bis man ihnen im März 2026 gnädig wieder die Überquerung erlaubte, befristet „mindestens bis zur Kärwa“.

Das ist die eigentliche Pointe: Wenn eine Behörde in der Lage ist, binnen 24 Stunden eine komplette Verkehrsachse stillzulegen, weil angeblich jede Minute zählt, dann sollte man erwarten dürfen, dass sie auch beim Wiederaufbau in einem vergleichbaren Tempo unterwegs ist. Stattdessen bekommen wir Dringlichkeit als Sperrungs-Turbo und Gemütlichkeit als Bau-Tempo, und beides wird uns mit derselben Pressemitteilungs-Beflissenheit verkauft. Man kann eine Brücke offenbar in einer Nacht für unsicher erklären, aber nicht in zwei Jahren neu bauen.

Und während in Fürth die große Symbolbrücke ihre eigene Behäbigkeit zelebriert, schafft es die Stadt Nürnberg nicht einmal, eine schnöde Wohnstraße nach Plan wieder freizugeben. Das ist insofern beruhigend, als es zeigt: Es liegt nicht an der Komplexität des Bauwerks. Es liegt am System. Kanalrohr oder Spannbetonträger, drei Wochen oder drei Jahre – die Fristüberschreitung ist die Konstante, die Ausrede die Variable.

Ich werde mir die Frühjahr-2027-Ansage jedenfalls notieren. Nicht, weil ich daran glaube. Sondern damit ich im Herbst 2027, wenn der Termin zum ersten Mal verschoben wird, zumindest sagen kann: Ich habe es kommen sehen.

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