Kupfer stirbt nicht von allein
Warum die Glasfaserbranche jetzt nach einem DSL-Verkaufsstopp ruft – und was das über 27 Prozent Buchungsquote aussagt
Thorsten Neuhetzki hat vor ein paar Tagen auf LinkedIn eine Frage in den Raum gestellt, die auf den ersten Blick nach Provokation klingt und beim zweiten Hinsehen einfach nur ehrlich ist: Muss man DSL verbieten, damit Glasfaser endlich zum Erfolg wird? Ich habe seinen Beitrag gelesen, dann seinen Artikel bei inside digital dazu, und danach die zugrunde liegende BREKO-Marktanalyse 2026. Und ich muss sagen: Die Frage ist berechtigt. Sie trifft nur nicht ganz den Kern.
Der Reihe nach. Der Bundesverband Breitbandkommunikation hat unter seinen Mitgliedsunternehmen gefragt, was den Glasfaserausbau beschleunigen würde. 72,7 Prozent der 128 befragten Netzbetreiber nannten eine sogenannte Stop-Sell-Regelung für DSL. Übersetzt: Sobald in einem Gebiet rund 85 Prozent der Adressen mit Glasfaser erschlossen sind – Homes Passed, also Faser liegt in der Straße, nicht zwingend im Keller – soll dort schlicht kein neuer Kupferanschluss mehr verkauft werden dürfen. Wer dann noch DSL will, hat Pech. Nach mindestens drei weiteren Jahren, in denen parallel gebaut und informiert wird, soll das Kupfernetz in diesem Bereich abgeschaltet werden. Deutschlandweit beträfe das laut BREKO-Geschäftsführer Stephan Albers rund 330.000 solcher Anschlussbereiche entlang der grauen Kabelverzweiger.
Bislang ist das ein Wunsch an die Politik, kein Gesetz. Der Hebel läge in der Novelle des Telekommunikationsgesetzes und im Digital Networks Act der EU. Aktuell darf ganz allein die Telekom entscheiden, wann sie ihr eigenes Kupfernetz abschaltet, die Bundesnetzagentur hat dazu eigene Vorschläge gemacht, und alles befindet sich in der Abstimmung. Realistisch, auch mit Blick auf Übergangsfristen und laufende Verfahren, wird vor 2030 nichts passieren.
Warum drängt die Branche trotzdem? Ein Blick in die Zahlen der Marktanalyse erklärt es besser als jede Pressemitteilung. 28,7 Millionen Adressen sind in Deutschland mit Glasfaser erschlossen. Angeschlossen, also physisch bis in den Keller verlegt, sind davon 13,8 Millionen. Tatsächlich gebucht haben einen Glasfasertarif nur 7,9 Millionen Haushalte. Das ist eine Take-Rate von 27 Prozent, vor drei Jahren waren es 25 Prozent. Die Netze wachsen deutlich schneller als die Nachfrage. Und das ist teuer: Im Mittel kostet der Ausbau bis vor das Grundstück 1.498 Euro, der Hausanschluss von der Grundstücksgrenze bis in den Keller weitere 1.950 Euro – der teuerste Einzelposten überhaupt. Wer auf Vorrat baut, ohne dass jemand bucht, vergräbt sein Geld im Wortsinn im Boden.
BREKO-Präsident Norbert Westfal, im Hauptberuf Chef der EWE TEL in Oldenburg, hat den eigentlichen Grund für die laue Nachfrage in der Pressekonferenz offen benannt: Das Kupfernetz ist, Stand heute, für viele Anwendungen noch gut genug. Wer in der Stadt wohnt und Streaming, Homeoffice-Videocall und WLAN für drei Geräte betreiben will, merkt den Unterschied oft schlicht nicht. Es fehlt der Schmerzpunkt. Genau deshalb hilft auch keine noch so gute Werbekampagne – wenn ein Produkt keinen spürbaren Vorteil bringt, wechselt niemand freiwillig, nur weil das neue Kabel aus Glas statt aus Kupfer ist.
Wie ungleich das Land dabei unterwegs ist, zeigt der Ländervergleich. Schleswig-Holstein liegt bei 94 Prozent Versorgung, Hamburg bei 92,5, Bremen bei 88,9, Sachsen-Anhalt bei 75,7, Niedersachsen bei 73,4, Brandenburg bei 69,6 Prozent. Am anderen Ende: das Saarland mit 42,8 und Baden-Württemberg mit 45,4 Prozent. Bayern, wo ich sitze und seit 2013 in genau dieser Branche unterwegs bin, steht bei 53,3 Prozent – deutlich unter dem Bundesschnitt von 62 Prozent. Wer in Kiel wohnt, wird also vermutlich früher vor die Wahl gestellt als wer in München oder Nürnberg wohnt.
Was ich von der Idee halte? Als Branchenkenner erinnert mich der Vorschlag stark an etwas, das in derselben Branche schon einmal passiert ist, nur ohne große politische Debatte: die Abschaltung von ISDN zugunsten von All-IP zwischen 2016 und 2018. Auch damals hat die Telekom Millionen Anschlüsse in einem festen Zeitfenster migriert, mit Ankündigungsfristen, aber ohne Wahlmöglichkeit am Ende. Es gab Ärger, es gab Übergangsprobleme bei Alarmanlagen und alten Faxgeräten, aber es hat funktioniert, und heute redet kaum noch jemand darüber. Der Unterschied ist nur: Damals hat ein einzelnes Unternehmen über sein eigenes Netz entschieden. Jetzt soll der Gesetzgeber einer ganzen Branche, in der Dutzende private Unternehmen um dieselben Kunden konkurrieren, dasselbe Recht einräumen. Das ist ein anderes Kaliber, weil es unmittelbar in die Vertragsfreiheit der Kunden eingreift, die formal ja weiterhin einen funktionierenden Anschluss haben.
Die ehrliche Antwort auf Thorstens Frage lautet also: Nein, man muss DSL nicht verbieten, damit Glasfaser Erfolg hat. Aber ohne einen verbindlichen Fahrplan wird der Umstieg noch Jahrzehnte dauern, weil das Kupfernetz für die Mehrheit einfach ausreicht und niemand freiwillig für etwas bezahlt, das er nicht spürbar braucht. Die Branche weiß das, deshalb kommt der Vorschlag nicht aus Marktbegeisterung, sondern aus Verzweiflung über die eigene Bilanz – bei 1.498 Euro plus 1.950 Euro pro Anschluss und einer Take-Rate von 27 Prozent rechnet sich vieles einfach nicht. Ob die Politik einer ganzen Branche dabei hilft, ihre Kunden zum Wechsel zu zwingen, ist am Ende eine politische und keine technische Frage.
Quellen: LinkedIn-Beitrag von Thorsten Neuhetzki
Glasfaser-Anbieter wollen Verkaufsstopp für DSL – inside digital
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