Vom Verfluchen zum Aufhängen: Kinderfotos und ihre Halbwertszeit

 


Es gibt Dinge, die man als Kind mit einer Inbrunst hasst, die man später selbst kaum noch nachvollziehen kann. Bei mir waren das die Kinderfotos. Bei Oma an der Wand, bei Tanten und Onkeln auf der Kommode, gerne auch im goldenen Rahmen und mit einer Beleuchtung versehen, die jedes noch so poséenhafte Babyfoto in den Rang eines Museumsstücks hob. Meine, die meiner beiden Brüder, die der Cousinen und Cousins. Ich fand es fürchterlich. Nicht ein bisschen unangenehm, sondern regelrecht fürchterlich. Wahrscheinlich, weil man mit zwölf oder vierzehn Jahren jede Erinnerung an die eigene Wehrlosigkeit als persönlichen Angriff wertet.

Heute hängen bei mir Kinderfotos. Die meiner Patenkinder, meiner Nichten und Neffen. Ich bin also genau der geworden, den ich damals am liebsten aus jeder Wohnung verbannt hätte. Das ist eine dieser Volten, die das Leben ganz beiläufig hinlegt, ohne Ankündigung und ohne die Höflichkeit, einem vorher Bescheid zu geben.

Ich will an dieser Stelle nicht ins Sentimentale abdriften, das liegt mir ohnehin nicht und würde diesem Blog auch schlecht stehen. Aber ein Punkt lässt sich nüchtern feststellen: Diese Fotos zeigen Momente, die nicht wiederkommen, aber die es gegeben hat. Das erste unsichere Stehen, ein Kindergeburtstag, ein Urlaubsfoto mit viel zu großer Sonnenbrille. Diese Phasen sind endgültig vorbei, sobald sie vorbei sind, und genau darin liegt wohl der Unterschied zur eigenen Kindheit, die man ja noch mittendrin erlebt und deshalb nicht als abgeschlossen begreifen kann. Aus der Distanz sieht man das anders.

Eine meiner Tanten hat dazu einmal einen Satz gesagt, an den ich mich bis heute halte, auch wenn ich nicht mehr mit letzter Sicherheit sagen kann, ob sie ihn selbst erfunden oder irgendwo aufgeschnappt hat: Jede Zeit mit Kindern hat ihre Phasen, die vergehen, und diese zu dokumentieren ist keine Schande. Als Kind hätte ich ihr widersprochen. Heute hänge ich die Beweise an die Wand.

Und damit schließt sich der Kreis vermutlich schneller, als mir lieb ist. Ich glaube nämlich, mittlerweile erkannt zu haben, dass meine Patenkinder, Nichten und Neffen genau das heute genauso peinlich finden, wie ich es damals fand. Man wird also nicht klüger, man wechselt nur die Seite. Die Tante von damals wäre vermutlich die Erste, die darüber gelacht hätte.

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