Wackler im Inntal: Warum es bei Innsbruck so gerne bebt
Ein Vorbeben, ein Hauptbeben, ein Nachbeben – und eine Bruchzone, die seit Jahrhunderten Buch führt
Samstagvormittag, 9.56 Uhr, sechs Kilometer südöstlich von Innsbruck: Die Erde macht, was sie dort seit Jahrhunderten regelmäßig macht, nur diesmal etwas nachdrücklicher. Magnitude 3,8, Herdtiefe rund fünf Kilometer, von der Bevölkerung als deutliche, ruckartige Bewegung wahrgenommen, begleitet vom obligatorischen unterirdischen Grollen. Der Österreichische Erdbebendienst GeoSphere Austria hält bei dieser Stärke vereinzelte leichte Schäden für möglich. Wer aufmerksam war, hatte bereits um 6.36 Uhr eine Ahnung: ein schwächeres Beben der Magnitude 1,6 in derselben Gegend, im Nachhinein als mögliches Vorbeben eingeordnet. Am Nachmittag, 13.36 Uhr, dann die Zugabe: ein Nachbeben der Stärke 2,1 südlich der Stadt. Vorbeben, Hauptbeben, Nachbeben – ein Lehrbuch-Ablauf an einem einzigen Samstag.
In Innsbruck selbst dürfte das niemanden sonderlich überrascht haben. Die Region ist, was seismische Aktivität angeht, so etwas wie der Dauerkunde unter den österreichischen Landeshauptstädten. Wer sich fragt, warum ausgerechnet hier so zuverlässig gewackelt wird, landet zwangsläufig bei einer Störungszone, die geologisch weit interessanter ist als das Beben selbst.
Die Inntalstörung: eine Naht zwischen zwei Alpenwelten
Das Inntal ist keine beliebige Flussniederung, sondern verläuft entlang einer der bedeutendsten Störungszonen der Ostalpen. Im Tiroler Unterinntal östlich von Innsbruck handelt es sich um eine steil stehende, nach Nordosten streichende Seitenverschiebung mit einem linkslateralen (sinistralen) Versatz von etwa 22 Kilometern – die Gesteinspakete auf den beiden Seiten der Störung haben sich also, geologisch gesehen erst kürzlich, umeinander herum verschoben. Die Inntalstörung markiert dabei zugleich die tektonische Grenze zwischen den Nördlichen Kalkalpen und den Zentralalpen, zwei Gebirgseinheiten mit unterschiedlicher Entstehungsgeschichte, die hier aneinanderstoßen. Sie steht zudem in unmittelbarer kinematischer Verbindung zur Brenner-Abschiebung, einer flach nach Westen einfallenden Mylonitzone, die während der alpinen Gebirgsbildung für die Heraushebung des westlichen Tauernfensters verantwortlich war.
Kurz gesagt: Zwei sehr unterschiedliche Gesteinsstockwerke reiben aneinander, und diese Reibung äußert sich, seit es Aufzeichnungen gibt, in kontinuierlicher Kleinbeben-Tätigkeit mit gelegentlichen, deutlich spürbareren Ausreißern nach oben.
Ein Blick ins Erdbebenarchiv
Die historische Bilanz für den Raum Innsbruck/Hall liest sich wie ein Abonnement. Katalogisierte Ereignisse mit spürbaren bis kräftigen Erschütterungen reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück: 1571 und 1572 in Innsbruck, 1595 in Hall, 1689 erneut in Innsbruck, 1706 gleich zweimal (Innsbruck und Hall), 1727, 1794, 1814 – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Den traurigen Höhepunkt markiert das Beben vom 17. Juli 1670 in Hall in Tirol mit einer Epizentralintensität von 8: Neun Menschen starben, Gebäude wurden schwer beschädigt, und die Erschütterungen waren bis in die Schweiz und nach Italien zu spüren. Es bleibt bis heute das schwerste bekannte Erdbeben der Region.
Dass diese Häufung kein Zufall ist, hat die Universität Innsbruck erst kürzlich noch einmal eindrucksvoll unterlegt. Im Untergrund des Achensees stießen Geologen per Zufall auf eine bislang unbekannte, tektonisch aktive Bruchzone – die erste ihrer Art, die innerhalb der Alpen für prähistorische Starkbeben verantwortlich gemacht werden konnte. Aus bis zu elf Meter langen Sedimentbohrkernen ließen sich insgesamt drei Starkbeben mit einer Moment-Magnitude von etwa 6 bis 6,5 rekonstruieren, das jüngste vor rund 8.300 Jahren. Solche Ereignisse, so die Forscher, treten in der Region nur alle 1.000 bis 2.000 Jahre auf – was einerseits beruhigend klingt, andererseits genau die Art von Unsicherheit erzeugt, mit der Erdbebenprognostik in dicht besiedelten Alpentälern zu kämpfen hat.
Noch weiter zurück reicht ein zweiter Befund derselben Innsbrucker Forschungsgruppe: Sedimentanalysen aus dem Piburgersee und dem Plansee belegen zehn prähistorische Starkbeben mit Magnituden zwischen 5,5 und 6,5, die für die gewaltigen Bergstürze am Fernpass und am Tschirgant verantwortlich waren. Wenn ein Berg in Tirol vor ein paar tausend Jahren beschlossen hat, sich neu zu sortieren, steckte mit einiger Wahrscheinlichkeit dieselbe Verwandtschaft an Störungszonen dahinter, die am Samstag für die Sonntagsruhe-Störung bei Innsbruck sorgte – nur eben mit erheblich mehr Nachdruck.
Einordnung statt Alarmismus
Ein Beben der Stärke 3,8 mit Vorbeben und Nachbeben ist, gemessen an dieser Chronik, ziemlich genau das Normalprogramm einer Region, die tektonisch nie richtig zur Ruhe gekommen ist – und meilenweit entfernt von den Dimensionen, die 1670 oder in der Bronze- und Steinzeit für Todesopfer und Bergstürze gesorgt haben. Leichte Schäden sind bei dieser Magnitude möglich, ein Grund zur Sorge ist sie nicht. Bemerkenswert bleibt eher, wie viel Geologie sich hinter einem Samstagvormittags-Rütteln verbirgt, sobald man nachschaut, statt sich nur zu wundern.
Quellen: GeoSphere Austria; dolomitenstadt.at; Universität Innsbruck / Institut für Geologie (Achensee-Bruchzone, Piburgersee/Plansee-Studien); Geologische Bundesanstalt, Arbeitstagung 2003 (Blatt 148 Brenner).
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