Der Öchsen: Ein Vulkan, der es nicht bis nach oben schaffte
Geologische Streifzüge durch die Rhön
Drei Kilometer südlich von Vacha, dort wo Thüringen ins Werratal abfällt, steht ein Berg, an dem man sich die gesamte Rhön im Kleinen erklären kann: der Öchsen. Er ist der nördlichste Ausläufer eines Gebirges, das seinen Ursprung nicht in aufgefalteten Gesteinsschichten hat, sondern in geschmolzenem Gestein, das vor vielen Millionen Jahren von unten kam und es, wie sich zeigen wird, nicht immer bis ganz nach oben schaffte. Genau das macht den Öchsen zu einem lohnenden Studienobjekt, und nebenbei auch zu einer der besseren Adressen im mittleren Deutschland, wenn man verstehen will, wie ein Vulkan aussieht, der eigentlich gar keiner im landläufigen Sinn war.
Ein Nachbeben der Alpen
Um den Öchsen zu verstehen, muss man weit ausholen, geografisch wie zeitlich. Vor rund 70 Millionen Jahren, zu Beginn des Tertiärs, kollidierte die afrikanische mit der eurasischen Platte. Das Mittelmeerbecken brach ein, die Alpen falteten sich auf. In Mitteldeutschland, weit weg vom eigentlichen Geschehen, reichte der nach Norden weitergegebene Druck nicht mehr aus, um Gebirge aufzufalten, wohl aber, um die alte Gesteinsscholle der heutigen Rhön anzustauchen und mit tiefreichenden Rissen zu durchziehen. Diese Risse wurden zu Förderkanälen. Als vor rund 25 Millionen Jahren, im Oligozän, der Vulkanismus einsetzte, hatte die Erde in der Rhön also längst die Leitungen dafür verlegt. Die eigentliche vulkanische Aktivität zog sich mit Unterbrechungen bis ins mittlere Miozän hin, vor etwa elf Millionen Jahren, mit einem Schwerpunkt vor 22 bis 18 Millionen Jahren. Der Öchsen fällt in dieses Fenster.
Bemerkenswert ist, wovon man sich dabei verabschieden muss: von der Vorstellung feuerspeiender Kegel, die ihre Lava explosionsartig in die Landschaft schleudern. Nach heutigem Kenntnisstand gab es in der Rhön allenfalls gelegentliche Ascheausbrüche. Glutflüssige Lava hat die Oberfläche nur in Ausnahmefällen erreicht, für die bayerische Rhön ist dafür bislang kein Beleg bekannt. Der Rhönvulkanismus war, mit anderen Worten, eine eher zurückhaltende Angelegenheit.
Ein Schlot, kein Deckenguss
Damit sind wir beim eigentlichen Witz des Öchsen. Während die Lange Rhön mit ihren fünf großen Kuppen ihre Form vor allem einer Lavadecke verdankt, die sich einst flächig über das damalige Land ergossen hat, ist der Öchsen etwas anderes: der Rest eines erloschenen Schichtvulkans, dessen Magma auf dem Weg nach oben durch die älteren Zechstein- und Buntsandsteinschichten der Trias drang, dort aber im Schlot steckenblieb. Die Sedimentdecke hielt den Basalt auf, bevor er die Oberfläche erreichte. So entstand kein flacher Erguss, sondern eine glockenförmige, in der Tiefe erstarrte Basaltmasse, die zunächst unter Sedimenten verborgen blieb.
Dieser Umstand erklärt nebenbei, warum der Öchsen und ähnliche Rhöner Berge ihre charakteristischen Basaltsäulen ausbilden konnten. Die typische sechseckige Säulenform entsteht durch langsames, gleichmäßiges Abkühlen der Lava. An der freien Oberfläche, wo Magma rasch mit der Luft in Kontakt kommt, ist das kaum möglich. Im geschützten Schlot, unter einer Decke aus Sedimentgestein, hatte die Schmelze dagegen alle Zeit der Welt. Von den rund 500 gezählten vertikalen Schloten dieser Art in der Rhön ist der Öchsen einer der markanteren.
Wenn das Weiche verschwindet und das Harte übrig bleibt
Die eigentliche Form, die wir heute sehen, ist damit noch gar nicht erklärt, denn der erstarrte Basaltpfropfen lag zunächst noch unter Sediment begraben. Erst der Zahn der Zeit hat aus dem verborgenen Schlot einen sichtbaren Berg gemacht: Über Jahrmillionen wurde das weichere Deckgestein abgetragen und in die Täler geschwemmt, während eine weitere Hebungsphase im Jungtertiär die gesamte Region um rund 100 Meter anhob. Der harte Basalt leistete der Verwitterung mehr Widerstand als sein Umfeld und blieb als sogenannter Härtling stehen, während ringsum alles nach und nach verschwand. Was einst der am tiefsten liegende, geschützteste Teil der Landschaft war, der gefüllte Förderschlot, ragt heute als Gipfel über sie hinaus. Das ist die Art von Ironie, die einem die Geologie gelegentlich anbietet, ohne dass man sie sich ausdenken müsste.
An Nord- und Ostflanke des Öchsen haben sich durch fortschreitende Verwitterung große Blockschutthalden gebildet, im nördlichen Bereich zusätzlich überprägt durch neuzeitlichen Basaltabbau, der einen Teil dieser Halden abgetragen hat. Wo nicht abgebaut wurde, im Süden des Bergs, ist bis heute ein ganz anderes Kapitel der Öchsen-Geschichte sichtbar: das Tor und die Wälle eines keltischen Oppidums, mit der Paulinenquelle als einziger Quelle der Anlage. In der Latènezeit galt die Befestigung als Brückenkopf am Werraübergang der Altstraße Antsanvia zwischen Rhein-Main-Gebiet und Thüringer Becken, neben der Steinsburg bei Römhild eine der größeren Anlagen der Region. Auch das gehört zur Geschichte des Bergs: Menschen haben sich dort niedergelassen, wo die Geologie einen wehrhaften, wasserreichen Hügel bereitgestellt hatte, lange bevor jemand wusste, dass er einmal ein Vulkanschlot gewesen war.
Ein Berg unter vielen
Der Öchsen steht damit nicht allein. Er ist Teil einer ganzen Familie tertiärer Vulkanfelder in Mitteldeutschland, zu der auch Vogelsberg, Westerwald und Habichtswald gehören, alle Kinder derselben fernwirkenden alpinen Kollision, alle mit demselben Grundmuster aus Rissen, Schloten und Basalthärtlingen. Wer das einmal verstanden hat, sieht die Rhön mit anderen Augen: nicht als zufällig gewellte Mittelgebirgslandschaft, sondern als eine Ansammlung erstarrter, freigelegter Narben eines Vulkanismus, der nie wirklich spektakulär war und gerade deshalb bis heute so viel von seiner Entstehung preisgibt. Der Öchsen ist dabei eine der lesbarsten Seiten in diesem Buch, man muss nur bereit sein, einen Berg als das zu sehen, was er tatsächlich ist: ein Vulkan, der es nicht ganz bis nach oben geschafft hat, und trotzdem als Berg vollauf genügt.
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