Der Erweckungsmoment: Wie die Fürther Nachrichten den Journalismus neu erfand
Es gibt Momente, in denen man als Leser fast andächtig wird. Man reibt sich die Augen, liest den Satz noch einmal, und tatsächlich: Da steht er, gedruckt, mit Fragezeichen versehen und in aller redaktionellen Demut – der Verdacht auf einen Interessenkonflikt bei zwei Kommunalpolitikern. Die Fürther Nachrichten, so scheint es, haben den Investigativjournalismus erfunden. Man könnte fast eine Kerze anzünden.
Zur Erinnerung, falls die Pointe noch nicht angekommen ist: Der neue erste und der neue dritte Bürgermeister von Zirndorf sind gemeinsam Geschäftsführer einer Bauträgerfirma und sitzen zugleich im Bauausschuss. Das ist, unabhängig von allem, was noch folgt, tatsächlich meldepflichtig und tatsächlich eine berechtigte Frage. Nur: Seit wann interessiert sich diese Redaktion für berechtigte Fragen zu Zirndorfer Kommunalpolitik?
Denn hier kommt der Teil, den die Fürther Nachrichten in ihrem Aufruf zur sachlichen Diskussion dezent unterschlagen: Es gab Jahrzehnte. Jahrzehnte, in denen ein SPD-Bürgermeister durchregierte, und in denen sich – man höre und staune – nie eine vergleichbare Rechercheleidenschaft entwickelte. Keine Schlagzeile mit Fragezeichen, keine Kontrollfunktion, kein „Der Stadtrat ist nun am Zug“. Nur, sagen wir es freundlich, eine gewisse publizistische Zurückhaltung, die man in weniger wohlwollenden Kreisen auch Hofberichterstattung nennt.
Und jetzt, ausgerechnet jetzt, wo mit dem neuen ersten Bürgermeister der erste Nicht-SPD-Amtsträger seit Generationen im Amt ist, entdeckt die Redaktion ihre Wächterfunktion. Was für ein Zufall. Ich bin sicher, das hat rein gar nichts mit der Parteifarbe zu tun, so wie es auch reiner Zufall ist, dass ich meinen Blog vor Jahren genau deshalb gegründet habe, weil ich mich von dieser Redaktion selektiv informiert fühlte.
Man kann das jetzt „sachliche Aufklärung im Sinne der vierten Gewalt“ nennen. Man kann es aber auch nennen, wie es ist: Der Zeitpunkt spricht lauter als jeder Konjunktiv im Artikel. Wenn eine Zeitung erst dann ihr journalistisches Rückgrat findet, wenn die politische Konstellation nicht mehr passt, dann ist das keine Wächterfunktion. Das ist Klientelpolitik mit Presseausweis.
Damit kein Missverständnis entsteht: Die Frage nach dem Interessenkonflikt ist berechtigt, unabhängig davon, wer sie stellt. Befangenheit im Bauausschuss ist kein Kavaliersdelikt, egal welche Partei betroffen ist. Nur sollte eine Redaktion, die sich selbst eine Kontrollfunktion attestiert, diese auch dann ausüben, wenn es unbequem ist – und nicht erst dann, wenn es politisch bequem wird.
Und weil wir gerade bei Dankbarkeit sind: Einen Dank an die Fürther Nachrichten möchte ich an dieser Stelle tatsächlich aussprechen, wenn auch nicht ganz in dem Sinne, den sich die Redaktion erhofft. Ich habe „Sven sagt“ 2008 gegründet, und der Anstoss dazu war ziemlich genau das, was ich hier gerade beschreibe: die verlässliche Abwesenheit von echtem Journalismus in dieser Zeitung. Man könnte sagen, ich habe eine Marktlücke sinnvoll genutzt, die mir freundlicherweise über Jahre offengehalten wurde. Insofern: Danke, liebe FN-Redaktion. Ohne eure konsequente Zurückhaltung bei unbequemen Themen gäbe es diesen Blog vielleicht gar nicht.
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