Der Twister-Effekt: Wie ein Hollywood-Film eine Wissenschaft neu erfand – und mich gleich mit
Sommer 1996. Ich sitze im Kino, und auf der Leinwand fliegt eine Kuh durchs Bild. Zweimal, muss man der Ehrlichkeit halber sagen – die Regie fand den Gag beim ersten Mal offenbar so gut, dass sie ihn wiederholt hat. „Twister“ lief an, und mit ihm begann bei mir ein Interesse, das bis heute nicht verschwunden ist: Wetter, genauer gesagt die Frage, warum die Atmosphäre manchmal beschließt, sich in einen sich drehenden Trichter aus Zerstörung zu verwandeln. Dass dieses Interesse nicht folgenlos blieb, sieht man an diesem Blog: Von Vulkanausbrüchen über Erdbebenschwärme bis zu El Niño war hier in den letzten Monaten einiges dabei, das sich mit gutem Willen auf einen Kinobesuch vor bald dreißig Jahren zurückführen lässt.
Befeuert wurde das Ganze im deutschen Fernsehen übrigens von einer Figur, die damals noch niemand kannte, aber schon auffiel: ein gewisser Jörg Kachelmann, der zur gleichen Zeit anfing, das deutsche Wetter mit einer Ernsthaftigkeit und Detailfreude zu moderieren, die man von der Tagesschau-Wetterkarte nicht gewohnt war. Zwischen einem Hollywood-Blockbuster und einem jungen, sichtlich vom Fach begeisterten Fernsehmeteorologen ist bei mir offenbar genau die Mischung entstanden, die aus einem Kindheitsinteresse ein dauerhaftes wird. Kachelmann ist heute, unter anderem hier im Blog schon erwähnt, weiterhin unterwegs – inzwischen weniger als Wettermann vor der Kamera, sondern als einer der zurecht lautesten Kritiker deutscher Technologiefeindlichkeit, mit einem, das muss man neidlos anerkennen, mittlerweile phantastischen Team bei Kachelmannwetter.
Der „Twister-Effekt“: Was der Film mit den Sturmjägern gemacht hat
Vor 1996 war Storm Chasing eine überschaubare Angelegenheit: ein paar Wissenschaftler, ein paar Hartgesottene, viel leerer Highway. Der Film hat daraus über Nacht eine Massenbewegung gemacht. Was seither als „Chaser Convergence“ bekannt ist – verstopfte Landstraßen in der Tornado Alley, sobald sich eine Superzelle bildet –, ist direkte Folgeerscheinung dieses einen Sommers. Rettungskräfte und ernsthafte Forscher müssen sich seitdem regelmäßig durch selbst ernannte Amateur-Expeditionen kämpfen, die auch mal einfach nur ein Erlebnis wie im Kino wollten.
Interessant ist der technologische Bruch, der genau in diese Zeit fällt: Im Film hängen die Protagonisten noch an Telefonzellen und lesen Papierkarten, während die Generation, die der Film erst auf die Straße brachte, ihre Fahrzeuge kurz darauf mit GPS, mobilem Internet und Live-Radar ausstattete. „Twister“ ist damit ein Film, der genau auf der Schwelle zwischen zwei technologischen Zeitaltern spielt – und dessen eigene Fangemeinde diese Schwelle in Rekordzeit überschritten hat. Als Hauptdarsteller Bill Paxton 2017 starb, ordneten Hunderte Sturmjäger ihre GPS-Punkte auf Radarkarten so an, dass daraus seine Initialen „BP“ wurden. Das ist kein Marketing-Gag, das ist eine Fangemeinde, die sich selbst ernst nimmt.
Der Effekt auf die Wissenschaft selbst
Was ich als Kind nicht wusste: „Twister“ war keine reine Erfindung, sondern lehnte sich eng an reale Forschung des NOAA National Severe Storms Laboratory an. Die Wirkung auf die Wissenschaft war entsprechend real. Zwischen 1994 und 2004 stieg die Zahl der Bachelor-Abschlüsse in Meteorologie in den USA um rund 47 Prozent – eine Zahl, die man normalerweise eher mit einem neuen Studiengang oder einem Arbeitsmarktboom verbindet, nicht mit einem Sommerblockbuster. Viele der heute führenden Meteorologen weltweit nennen den Film bis heute als auslösenden Moment ihrer Berufswahl. Das gestiegene öffentliche Interesse half zudem, Forschungsgelder für die Untersuchung von Superzellen und Tornados leichter zu rechtfertigen – ein Mechanismus, den man aus der Raumfahrt kennt, wo populäre Bilder regelmäßig mehr für die Finanzierung tun als jedes Fachgutachten.
Besonders schön ist die Geschichte von „Dorothy“, dem im Film gezeigten Messgerät – einer Tonne voller Sensoren, die in den Tornado hochgesaugt werden soll. Vorbild war ein reales, zum Drehzeitpunkt bereits ausgemustertes Gerät namens TOTO, das „Totable Tornado Observatory“. Der Erfolg des Films gab der Idee neuen Schub: Nachfolgeprojekte wie mobile Bodensensoren (die sogenannten „Turtles“) und mobile Radarsysteme, die heute tatsächlich im Feld eingesetzt werden, verdanken der Kinoversion zumindest einen Teil ihrer Renaissance.
Eine eigene Theorie: Steckt Josh Wurman in einer der Figuren?
Beim Sichten der ganzen Dokumentarfilme rund um das Thema ist mir eine Idee gekommen, die ich so in keiner Quelle bestätigt gefunden habe, die aber zeitlich verblüffend gut passt: Könnte Josh Wurman Vorbild für eine der Figuren in „Twister“ gewesen sein? Wurman ist der Erfinder des mobilen Doppler-Radars „Doppler on Wheels“ (DOW) – und er baute das erste Gerät 1995, also exakt in dem Jahr, in dem „Twister“ gedreht wurde. Im Film gibt es bekanntlich zwei rivalisierende Teams: Jo Hardings eher improvisiert wirkende Forschungstruppe und die von Jonas Miller angeführte, deutlich besser finanzierte Konkurrenz mit ihrem Gerät „D.O.T. 3“ – ein Name, der klanglich nicht zufällig an „DOW“ erinnert. Die Grundidee dieser Rivalität, mobile Technik so nah wie möglich an einen Tornado zu bringen, deckt sich frappänt mit dem, was Wurman zur gleichen Zeit real umsetzte.
Belegen lässt sich das nicht: Die Drehbuchautoren Michael Crichton und Anne-Marie Martin sowie die NOAA-Berater vom National Severe Storms Laboratory, die für die wissenschaftliche Plausibilität sorgten, haben – soweit öffentlich dokumentiert – nie Wurman namentlich als Vorbild für eine bestimmte Figur genannt. Die eigentliche Inspiration für die Handlung war offenbar eine Nova-Dokumentation von 1985, in der unter anderem spätere Größen wie Tim Samaras und eben auch Wurman selbst zu sehen waren. Insofern ist meine Vermutung genau das: eine Vermutung, keine bestätigte Tatsache. Aber angesichts der zeitlichen Nähe zwischen dem Bau des ersten DOW und dem Dreh des Films fände ich es überraschend, wäre davon rein gar nichts ins Drehbuch eingeflossen.
Die Sache mit dem Flugzeugtriebwerk
Eine Erinnerung, die sich bei mir über die Jahre gehalten hat: Die Tornados im Film seien mit dem Triebwerk einer Boeing 707 erzeugt worden. Das stimmt – nur nicht ganz so, wie ich es in Erinnerung hatte. Am Set wurde tatsächlich ein 707-Flugzeugtriebwerk zusammen mit kleineren Ventilatoren eingesetzt, um durchgehend Wind zu erzeugen – für Haare, Staub, umherfliegende Requisiten, kurz: für alles, was man vor der Kamera physisch bewegen wollte. Die Tornado-Trichter selbst, also das, was wie ein echter Wirbelsturm aussieht, stammten dagegen komplett aus dem Rechner: Industrial Light & Magic entwickelte sie mit einer Software namens Dynamation. Für den Sound wiederum griff Regisseur Jan de Bont auf eine Mischung aus Löwengebrüll, Tigerknurren, Kamelstöhnen und eben auch Jet-Triebwerk-Geräuschen zurück. Das Flugzeugtriebwerk hat also gleich zweimal seinen Auftritt – einmal als Windmaschine, einmal als Tonquelle –, nur eben nirgendwo als Erzeuger des Trichters selbst.
Eine hübsche Pointe am Rande: Die durch den Tornado geschleuderte Kuh war ursprünglich eine CGI-Zebra aus „Jumanji“ (1995) und wurde für „Twister“ lediglich umlackiert. Recycling gab es im Kino also schon vor der Nachhaltigkeitsdebatte.
Fazit
Dass ein B-Movie-artiger Katastrophenfilm mit dünner Handlung – zwei sich scheidende Sturmjäger, eine Tonne mit Sensoren, viel Wind – messbar die Zahl der Meteorologie-Absolventen in den USA erhöht, eine ganze Amateurbewegung samt eigener Verkehrsprobleme erschaffen und nebenbei einem 18-Jährigen in Franken, gerade frisch mit der Schule fertig, ein Interesse fürs Leben mitgegeben hat, ist eine der bemerkenswerteren Fußnoten der Kulturgeschichte. Nicht jeder Hollywood-Film hinterlässt eine wissenschaftliche Förderlinie. „Twister“ schon. Und wenn ich heute über Anak Krakatau, Erdbebenschwärme im Egerbecken oder El Niño schreibe, dann steckt da, ganz ehrlich, immer noch ein Stück von diesem Kinosaal von 1996 drin – und ein Fernsehmeteorologe, der zur gleichen Zeit anfing, das Wetter so zu erklären, als wäre es das Spannendste der Welt. Was es ja, siehe oben, auch ist.
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