Warum der freien Wirtschaft ein "Spieß" fehlt - Die Mutter der Kompanie als vermisstes Führungsprinzip
Inspiriert durch Wolf Gregis pointierte Beobachtungen und meine eigenen Erfahrungen mit Oberstabsfeldwebeln wie Rölli und Spinrath wird eines deutlich: Der deutschen Wirtschaft fehlt eine zentrale Führungsfigur, die beim Militär selbstverständlich ist – der Spieß, die "Mutter der Kompanie".
## Was macht einen echten Spieß aus?
Der Kompaniefeldwebel – im Soldatenjargon liebevoll oder gefürchtet "Spieß" genannt – ist weit mehr als eine Hierarchiestufe. Er ist:
**Der Kümmerer im System**: Während Offiziere strategisch denken und befehlen, sorgt der Spieß dafür, dass der Laden *tatsächlich* läuft. Er kennt jeden seiner Leute persönlich, weiß wer gerade Probleme zu Hause hat, wer überlastet ist, und wer noch Potenzial hat.
**Die Brücke zwischen oben und unten**: Der Spieß übersetzt die abstrakten Befehle der Führung in machbare Realität und kommuniziert gleichzeitig die Realität der Mannschaft nach oben – ungefiltert und direkt.
**Der Praktiker mit Rückgrat**: Er hat jahrelange Erfahrung, kennt alle Tricks und Kniffe, und traut sich auch mal, einem Leutnant zu sagen, dass dessen Idee in der Praxis nicht funktionieren wird.
**Der Fels in der Brandung**: In Krisensituationen ist der Spieß derjenige, der Ruhe bewahrt, weil er schon alles gesehen hat. Seine Präsenz allein vermittelt Sicherheit.
## Was fehlt der Wirtschaft?
In modernen Unternehmen gibt es diese Rolle praktisch nicht:
**Die Lücke zwischen Management und Mitarbeitern**: Team Leads sind oft selbst noch operativ eingespannt oder frisch beförderte Fachkräfte ohne Führungserfahrung. Mittleres Management ist mit KPIs, Reportings und Stakeholder-Management beschäftigt. Wer kümmert sich um die *Menschen*?
**Fehlende Erfahrungsträger**: Während der Spieß 15-20 Jahre Erfahrung hat, bevor er diese Position erreicht, werden in der Wirtschaft oft Talente schnell hochgezogen – mit viel Theorie, aber wenig gelebter Praxis.
**Keine ehrliche Rückkopplung**: Wer sagt dem Management ungeschminkt, dass die neue Strategie am echten Arbeitsleben vorbeigeht? Wer vertritt die Interessen der Mitarbeiter mit der nötigen Autorität? HR? Oft zu weit weg. Betriebsräte? Wichtig, aber strukturell anders positioniert.
**Verlust der Fürsorgepflicht**: Der Spieß *muss* sich kümmern – das ist Teil seiner Rolle und seiner Ehre. In der Wirtschaft wird "Mitarbeiterfürsorge" oft zu einem HR-Prozess degradiert, statt gelebte Führungsverantwortung zu sein.
## Was würde ein "Wirtschafts-Spieß" bringen?
Stellen Sie sich vor, es gäbe in jedem Unternehmen Führungskräfte, die:
- Jeden Mitarbeiter persönlich kennen und dessen Situation verstehen
- Die Autorität und den Respekt haben, auch nach oben kritisch zu sprechen
- Jahrzehnte Praxiserfahrung mitbringen und Bullshit sofort erkennen
- Dafür sorgen, dass die Truppe funktioniert – nicht nur auf dem Papier
- Als Kummerkasten, Mentor und manchmal auch als strenge Instanz fungieren
Die Produktivität würde steigen. Die Fluktuation sinken. Die Umsetzung würde besser. Die Mitarbeiterzufriedenheit wäre höher.
## Warum gibt es diese Rolle nicht?
Vielleicht weil:
- Moderne Management-Theorien zu sehr auf "flache Hierarchien" und "agile Strukturen" setzen
- Die persönliche, fürsorgliche Führung als "altmodisch" gilt
- Unternehmen nicht bereit sind, in langjährige Erfahrungsträger zu investieren
- Die Rolle unbequem wäre – ein echter Spieß sagt auch mal Nein
## Fazit
Wolf Gregi hat recht: Es braucht jemanden, der sich *wirklich* kümmert. Jemanden mit Erfahrung, Autorität und Herz. Die Oberstabsfeldwebel Rölli und Spinrath haben gezeigt, was das bedeutet: Sie waren gefürchtet und respektiert, aber ihre Kompanie lief – und ihre Leute wussten, dass jemand auf sie aufpasst.
Vielleicht sollte die freie Wirtschaft nicht alle militärischen Strukturen über Bord werfen. Manchmal fehlt einfach die Mutter der Kompanie.
*Haben Sie in Ihrem beruflichen Umfeld jemanden, der diese Rolle ausfüllt? Oder fehlt auch Ihnen ein "Spieß"?*
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